Eine Haltung, die nicht zu halten ist.

Zur Wechselwirkung von Methode und Haltung in der Psychoanalyse.

Referenten

Elfriede Löchel, Berlin

Informationen

Der Vortrag fragt danach, wozu Psychoanalytiker ein Konzept wie «psychoanalytische Haltung» überhaupt brauchen. Er zeigt, dass dieses Konzept in der jüngeren Geschichte der Psychoanalyse als eine Antwort auf verschiedene durch die analytische Methode selbst hervorgebrachte Herausforderungen zu verstehen ist: Die spezifische Methode des analytischen Gesprächs (freie Assoziation, gleichschwebende Aufmerksamkeit) wirkt zersetzend, dissoziativ, dekonstruierend auf haltgebende Strukturen. Die spontane Reaktion darauf wäre beim Analysanden wie beim Analytiker die Flucht. Diesem Fluchtimpuls im eigenen Inneren entgegenzuhalten, standzuhalten ist das, was vom Analytiker immer wieder aufs Neue gefordert ist. Nur soweit es gelingt, seine eigenen Fluchtimpulse zu transformieren, ist er in der Lage, die Fluchtbewegungen des Analysanden halten und untersuchen zu können. Wie aber kommen wir dazu, uns dem, was eigentlich zum Davonlaufen ist, zuzuwenden, es nicht nur auszuhalten, sondern uns dafür zu interessieren?
Der Vortrag legt eine Auffassung von psychoanalytischer Haltung dar, die den Akzent auf ihre Gefährdung legt. Hervorgehoben wird die Fragilität und Verletzlichkeit dieser Haltung – nicht nur, weil Analysanden sie unvermeidlich angreifen und in Frage stellen, nicht nur, weil die umgebende Kultur sie möglicherweise geringschätzt, sondern aufgrund der unbewussten Konflikte des Analytikers selbst, die durch die analytische Methode aktualisiert werden. Die selbst-reflexive analytische Durcharbeitung der Konflikte des Analytikers wird als unentbehrlich betrachtet. Demzufolge wird die analytische Haltung nicht als ein jederzeit verfügbares, vorhandenes Instrument begriffen, sondern als etwas immer wieder neu zu Erringendes, dem Ergriffensein durch die Gegenübertragung (auf die Methode, auf den Analysanden) Abzuringendes. In diesem Zusammenhang werden die aktuelle Auffassung der Haltung als «gemeinsame Schöpfung» des analytischen Paars sowie der dekonstruktive Charakter der psychoanalytischen Methode diskutiert.

Elfriede Löchel, Prof. Dr. phil. habil., Dipl.-Psych. ist Psychoanalytikerin/Lehranalytikerin (DPV/IPV), niedergelassen in eigener Praxis in Bremerhaven. Sie ist Professorin für Theoretische Psychoanalyse und Subjekttheorie an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin und Herausgeberin des Jahrbuchs der Psychoanalyse. Arbeits¬schwerpunkte und Veröffentlichungen: Freud-(Re-)lektüren und psychoanalytische Kon¬zeptforschung, psychoanalytische Erkenntnismethoden, Symbolisierung, Neue Medien.

Aktuelle Publikationen:
Löchel, E. (2013): Ringen um psychoanalytische Haltung. In: Psyche – Z Psychoanal, 1167-1190.
Löchel, E. (2013): Lässt sich Differenz denken? Beitrag zur Frage der Repräsentation sexueller Differenz. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie und Psychosomatik (IZPP), 8. Jg., 2.
Löchel, E. (2012): Zur Hermeneutik der Fehlleistung. In: Storck, T. (Hrsg.): Zur Negation der psychoanalytischen Hermeneutik. Gießen (Psychosozial Verlag), S. 155-179.
Löchel, E. u. Menzner, H. (2011): Wunsch und Trieb. Versuch einer Differenzierung. In: Psyche, Z Psychoanal, 65. Jg., H. 12, S. 1179-1201
Löchel, E. (2011): Aufmerksamkeitstechnik Psychoanalyse. Kommentar zu Christoph Türckes „Konzentrierte Zerstreuung“. In: Jahrbuch der Psychoanalyse 62, S. 31-50.