Der grosse Andere und der kleine Unterschied - Wozu eine Linguistik des Kalauers?

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Zyklusvortrag von Manfred Riepe, Frankfurt/M.
Die in Frankreich zum Abiturwissen zählende Lesart, das Unbewusste sei sprachlich strukturiert, schuf einen Anreiz, Freuds Psychoanalyse (neu) zu entdecken. Dennoch blieb die linguistische Ergründung der wesentlichen Paradigmen Freuds bislang Stückwerk. Eine Lektüre seiner frühen Fallgeschichten verdeutlicht, dass nicht erst in der Traumdeutung, sondern schon in den Studien über Hysterie dieses klinische Sprachkonzept ebenso wurzelt wie eine Auffassung weiblicher Sexualität. Die Rekonstruktion dieses Sprachdenkens, das Freud in seinem Konzept der «hysterischen Konversion» implizit anwendet (ohne es zu explizieren), führt unabhängig vom anatomischen Geschlechtsunterschied zu einer Auffassung von «Weiblichkeit» und «Männlichkeit» als stilistische Differenzen. Einen Schlüssel zu diesem Sprachdenken – das Perversionen und Psychosen als Formen des Scheiterns der sexuellen Identität auffasst – bietet die hier anknüpfende Lektüre Ferdinand de Saussures – sofern man diesen von gängigen Rezeptionsklischees befreit: Wenn mit Lacan das Symptom – und die symbolische Kastration ebenso – eine Metapher ist, dann findet sich bei dem Genfer Linguisten die Antwort auf die Frage, wie Sprache überhaupt strukturiert sein muss, damit die Metapher nicht nur das Symptom, sondern jeden Sprechakt determiniert. Wenn also das, was Freud als Versprecher und Fehlleistungen skizzierte, der Normalzustand ist, dann kommt Sprache nur im Zuge jenes fortwährenden Zerfalls zu sich «selbst». Mit Saussure wird erst verständlich, warum dem so genannten grossen Anderen – also der Sprache – ein Mangel innewohnen muss. Daher gibt es keine so genannte «Metasprache» – und deshalb kann auch der hier angekündigte Vortrag nichts «über» Sprache sagen. Anknüpfend an einen Ausdruck aus Freuds Witzbuch kann man nur von «einem Vorstellungskreis in einen anderen» springen. Die Linguistik des Kalauers ist daher keine Theorie, sondern der Versuch, Sprechen und Hören in der Psychoanalyse als fröhliche Wissenschaft neu zu bewerten: Wo Es war, soll Witz werden.
Manfred Riepe, frei assoziierender Autor aus Franfurt/Main. Monografien über David Cronenberg und Pedro Almodóvar. Gastherausgeber des RISS Themenbandes Saussure/Sprache. Der grosse Andere und der kleine Unterschied. Psychoanalyse und Sprache (in Vorbereitung).