Kinoanalyse – Mediale Ansichten einer Wissensgeschichte des Irrationalen um 1900

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Vortrag von Veronika Rall, Zürich
Eine grundsätzliche Affinität zwischen Psychoanalyse und Kino, Kino und Psychoanalyse scheint unbestritten – schon in den 1910er Jahren bekennen sich PsychoanalytikerInnen wie Lou Andreas-Salomé, Otto Rank oder Victor Tausk offen zum Kinobesuch; umgekehrt beginnt der Film bereits um 1900, das Psychische, das Irrationale und Wahn-Sinnige ins Bild zu setzen. Entsprechend setzten sich methodisch Filmlektüren durch, die die Psychoanalyse als Hermeneutik, den Film bzw. das Kino als Material nutzten.

Anstatt Filme auf die Couch zu legen, möchte die Kinoanalyse einen neuen Zugang vor­schlagen, der beide, die Psychoanalyse und das Kino, als innovative Wissenssysteme versteht, die sich um die letzte Jahrhundertwende durchsetzten. Eine Kinoanalyse geht davon aus, dass beide Kulturtechniken, Kulturpraktiken und Kulturtheorien insofern über eine Objektivierung von Wissen hinausgehen, als sie das Subjekt und sein Selbstverhältnis in der Moderne diskursi­vieren. Das Kino und die Psychoanalyse, so die These, stellen den Menschen aus und bieten ihm eine Möglichkeit, sich selbst zu Schau zu stellen. In den Fokus beider Episteme gerät dabei insbesondere das Subjekt, das seiner selbst nicht sicher sein kann, das unbewusste, hallu­zinierte oder dezentrierte Subjekt.
Dieser Modus, Wissen zu produzieren, unterscheidet sich grundsätzlich von dem einer positivi­stischen Wissenschaft: Anstatt ein Bild des Wahnsinns festzulegen (wie etwa die Psychiatrie um 1900), produziert der Spielfilm selbst irrationale Bilder. Das lässt sich nicht zuletzt an Filmen über psychische Erkrankungen und psychische Phänomene ablesen wie Edwin S. Porters Dream of a Rarebit Fiend (USA 1906). Das Kino plädiert hier selbstreflexiv für eine Ver­schränkung von Gefühl und Vernunft, von Irrationalem und Rationalem – nicht zuletzt dadurch, dass es sein technisches Können ausstellt: Doppelbelichtungen, Trickmontagen, Split-Screen-Aufnahmen und Einstellungswechsel vermitteln ein epistemologisches Bild, das Erkenntnissen der Psychoanalyse nicht fremd ist.
 
Veronika Rall, Dr. phil., Studium der Literaturwissenschaft, der Philosophie und der Film­wissenschaft in Frankfurt a. M. und in Santa Cruz, CA, USA. Dozentin am Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich. Ab 1/2013 Postdoc im Forschungsprojekt ‹Schizo­phrenie›: Rezeption, Bedeutungswandel und Kritik eines Begriffes im 20. Jahrhundert. Ein interdisziplinäres Projekt der Psychiatrie, Geschichtswissenschaft, Linguistik und Filmwissen­schaft finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds.