Sexuelle Differenz: feministische Rückfragen an eine merkwürdige Rezeptionsgeschichte

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Vortrag von Tove Soiland, Zürich


Die französischen Philosophin Luce Irigaray gilt als Urheberin des Theorems der sexuellen Differenz. Irigarays fand den Begriff der sexuellen Differenz in kritischer Auseinandersetzung mit dem Werk Jacques Lacans, genauer als Antwort auf seine Geschlechterkonzeption, die in ihren eigenen Worten eine in unserer Kultur tiefverankerte «sexuelle Indifferenz» zum Ausdruck bringt. Irigarays Werk wird heute weltweit rezipiert. Ansätze dieses feministischen Differenz­denkens wurden insbesondere im romanischen Sprachraum aber auch im Englischen weiter­entwickelt. Das Denken der sexuellen Differenz bildet damit einen wichtigen Strang innerhalb der gegenwärtigen feministischen Theorie.
Quer zu dieser feministischen Rezeption findet sich ausgehend von TheoretikerInnen aus dem Umfeld der Ljubljana School of Psychoanalysis seit Beginn der 1990er Jahre ein Begriff von sexueller Differenz, der diesen als Synonym für Lacans Geschlechterkonzeption verwendet. Dabei ist zu bemerken, dass Lacan selbst nicht von sexueller Differenz, sondern meist von rapport sexuel, vom – nicht-existierenden – «Geschlechtsverhältnis» spricht. Um so bemer­kens­werter ist, dass in dieser neueren Lacan-Rezeption, die sich des Begriffs der sexuellen Diffe­renz bedient, nicht nur die Urheberin des Begriffs selbst, Irigaray, sondern auch deren Kritik resp. der feministische Ursprung dieses Paradigmas und die sich daran anschliessende feministische Tradition vollständig fehlen.
Der Vortrag geht der Frage nach, was diese signifikante Auslassung bedeutet, indem er, wenigstens versuchsweise, die Divergenz-, möglicherweise aber auch Konvergenzpunkte dieser beiden unterschiedlichen Verständnisse des Begriffs der sexuellen Differenz heraus­arbeitet. Im Zentrum steht dabei eine kritische Befragung von Lacans Begriff des Realen, der aus der Perspektive Irigarays betrachtet eine psychoanalytische Blackboxs für eine kulturell gesehen ungelöste Bindung an die Mutter darstellt.
Hintergrund dieser Ausführungen bildet dabei die Frage sowohl nach den Potentialen wie nach den hypostasierenden Momenten in Lacans Geschlechterkonzeption. Was die Brisanz seines Denkens – auch und gerade für die unsrige Zeit – ausmacht: dass er an der Existenz von un­verfügbaren Grossstrukturen festhält, birgt gleichzeitig auch die Gefahr, deren historische Bedingtheit zu vergessen. Lacans Anliegen, die Geschlechterdifferenz nicht als Komplemen­tarität zu denken, beherbergt jedoch auch die Möglichkeit, das Ziel des Feminismus nicht in dem von Irigaray persiflierten Sinn: «Sie hätte keinen göttlicheren Horizont als den, Mann zu werden» aufzufassen. Lacan vergibt aber gleichzeitig, so Irigarays Antwort, sein eigentliches Potential.
Tove Soiland, Feministische Theoretikerin und Historikerin, unterrichtet als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und führt beim VPOD Zürich regelmässig Seminare für Frauen zu politischer Philosophie und feministischer Ökonomie durch. Sie arbeitet unter dem Projekttitel: ‚Lacan-Marxismus’ an einem Zusammengehen von Ansätzen des Marxismus und Lacanscher Psychoanalyse. Wichtige Publikationen: • Luce Irigarays Denken der sexuellen Differenz. Eine dritte Position im Streit zwischen Lacan und den Historisten. • Wörterbucheintrag: ‚Lacanismus’ im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Bd. 8/I.

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