Psychosexuelle Entwicklung und Geschlechtsidentität unter intersexuellen Konditionen

Informationen

Überlegungen und Hypothesen aus psychoanalytischer Perspektive
Kommt ein Kind mit uneindeutigem biologischem Geschlecht auf die Welt, wird es in den allermeisten Fällen einer „chirurgischen Geschlechtszuweisung“ unterzogen: Ärzte und Eltern entscheiden sich, ob das Kind sich äusserlich eher zu einem Jungen oder eher zu einem Mädchen entwickeln wird und die Chirurgie formt dann das entsprechende Genitale. Sie tun dies in der Überzeugung, dass ein eindeutiges Genitale eine Voraussetzung für eine normale psychosexuelle Entwicklung und eine stabile Geschlechtsidentität ist. Die Betroffenen selber sind aber häufig sehr unglücklich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht und beginnen sich seit ca. 10 Jahren gegen die Praxis der frühkindlichen, irreversiblen Geschlechtszuweisung zu wehren.
 
Als wir beide vor einiger Zeit und unabhängig voneinander aufgefordert waren, uns aus psychoanalytischer Perspektive Gedanken zu machen über den Sinn oder Unsinn frühkindlicher Geschlechtszuweisungen, stellten wir fest, dass es kaum (überzeugende) psychoanalytische Konzepte gibt, die uns dabei behilflich sein könnten: Wir mussten sie also selber entwickeln und taten dies vor dem Hintergrund unserer eigenen, triebtheoretischen Position.
 
Daraus entstanden ist ein Ansatz zu einer triebtheoretisch begründeten Theorie der psychischen Entwicklung von Geschlechtsidentität[1]. Diesen Ansatz möchten wir vorstellen und vor allem diskutieren.
 
Monika Gsell, Dr.phil., Psychoanalytikerin PSZ in freier Praxis und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Gender Studies der Universität Zürich. Sie arbeitet an der Entwicklung einer psychoanalytischen Gender-Theorie und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang aktuell mit unterschiedlichen Formen von chirurgischen Eingriffen in den menschlichen Genitalbereich.
 
Ralf Binswanger, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH, Psychoanalytiker PSZ in freier Praxis. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt in der Interpretation und  eigenständigen Fortführung der wissenschaftlichen Hinterlassenschaft von Fritz Morgenthaler in den Bereichen Dialektik, Theorie der Technik, Traum und Sexualität.



[1] Gsell, Monika, Binswanger, Ralf  (2012): Psychosexuelle Entwicklung und Geschlechtsidentität unter  intersexuellen Konditionen, in: Schweizer, Katinka, Richter-Appelt, Hertha (Hg.): Intersex kontrovers: Fakten, Erfahrungen, Positionen, Giessen, Psychosozial-Verlag, im Druck.