Destrukion der «Seele» bei Descartes

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Wir erleben seit längerem ein wissenschaftliches Bemühen, alles Psychische auf neurologische Funktionen und Strukturen reduzieren zu wollen. Dadurch wird die spezifisch psychische Eigenart in ihrer Bedeutung unterwandert und beiseite geschoben. Psychologie und einzelne Psychotherapien befassen sich heute vorherrschend mit naturwissenschaftlicher Begründung ihrer Phänomene. Diese Mode «experimenteller Psychologie» rollt über unsere Köpfe hinweg, reisst einige davon weg und verdreht ihnen den Sinn.
Prominenter Begründer solcher Tradition – einer bis heute zähen Tradition – ist zweifellos René DESCARTES (1596–1650). Indem Descartes nur «Körper» und «Geist» bzw. «res extensa» und res cogitans» als «Substanzen gelten lässt, nihilisiert er alles «dazwischen» (caetera omni), das weder purer Geist noch blosser Körper ist, d.h.: Gefühlsleben, Sinnlichkeit, Sensibilität usw. Alles, was einst unter dem Sinnbild «Herz» (etwa bei Pascal) zusammengefasst war, verliert seinen Ort. In Descartes’ Konzeption gibt es fürs spezifisch «Psychische» keine eigenen Entität mehr: ANIMA wird RATIO. Was von «anima» übrig bleibt, wird als substanzlose Täuschung denunziert, entstanden aus verworrner «Vermischung» von Körper & Geist, die «Seele» reduziert zu einem illusionären Produkt. War sie einst (z.B. bei Aristoteles) noch Lebensprinzip schlechthin, ist sie jetzt leerer Schein.
Wir beschäftigen uns in diesem Vortrat nicht mit Descartes überhaupt, jedoch mit seinem Konzept von «Seele», dargelegt in dessen Methodenschrift und vor allem in den MEDITATIONEN. Der Vortrag will etwas für uns Psychoanalytiker und -therapeuten Grundlegendes aufzeigen, Sie auch möglichst durch eigene Einsicht davon überzeugen, wie das bi sheute anhaltende cartesianische Denken es ist, welches seit der Neuzeit dem spezifisch Seelischen zunehmend den ihm eigenen Boden entzog. Die Psychoanalyse kann sich eben dem Diskurs um wissenschaftliche Verortung des Gesamt­psychischen, woran sie Teil hat, nicht entziehen, sondern hat mitzureden und einiges beizutragen.
 
Marius J. Köppel, Dr. phil. (*1944) hat an den Universitäten Löwen und Zürich Philosophie und Psychologie studiert, mit einer Arbeit über Phänomenologie abgeschlossen und sich seit 1980 dem Studium, ab 1986 auch praktizierend der Psychoanalyse zugewandt. Seit längerem widmet er sich kritisch Descartes’ Konzept sowie der Rolle von ZEIT im psychischen Leben & Leiden, arbeitet ferne an einer Gegenüberstellung von naturwissenschaftlicher zu humanwissenschaftlicher Grundlagen­methodik im Hinblick auf bewusstes wie unbewusstes Erleben.