Vier Jahre als Analytikerin in Belfast, in einem vom Krieg heimgesuchten Land.

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Mehr als vier Jahre, vom September 2005 bis Ende 2009, arbeitete ich die halbe Woche in Belfast, Nordirland, in einer von Prof. Paul William, vorher London, zusammen mit dem Psychiater und Psychoanalytiker Lord Alderdice geleiteten psychotherapeutischen Poliklinik. Sie befand sich in einem Klinikbau innerhalb von einem grösseren Klinikkomplex ausserhalb der Stadt. Landschaftlich war es idyllisch, doch der Beginn fiel in eine Zeit, in der wir uns bei Sirenenalarm sofort aus dem Haus begeben mussten und in der die Stadt mit etwa der Grösse von Zürich nach 19 Uhr menschenleer und gespenstisch war, weil die Bewohner aus Angst vor kriegerischen Auseinandersetzungen die Strasse mieden. Dies änderte sich im Laufe der Jahre zum Besseren.
Meine Kollegen waren teils irischer, teils englischer Herkunft, meine Patienten ebenfalls; die einen wie die anderen sprachen ein Englisch, das ich nicht verstand, ausser sie bemühten sich in gemässigtem Tempo für mich. In den für mich wertvollen Supervisionsgruppen und wissenschaftlichen Sitzungen hatte ich es leichter, da sie in englischer Sprache meist von Paul Williams geleitet wurden und jeder sich bemühte, von allen verstanden zu werden.
Die Patienten, unterschiedlicher Herkunft und Religion wie unterschiedlicher Betroffenheit durch die Geschehnisse des «Trouble», der Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten, d.h. der Iren und Engländer, erhielten vom National Health-Trust bezahlte einstündige Therapien. Mit diesen musste ich mich, an mehrstündige Psychoanalysen gewöhnt, erst vertraut machen.
 
In den letzten zwei Jahren begann im gleichen Haus eine Ausbildung mit einem Masterkurs für Psychotherapie, ein anderer für Kunsttherapeuten. Die Studenten, Ärzte und Psychologen, hatten für zwei Jahre einen vollgepackten Studientag mit Lektoren aus London und, über Video, aus USA wie Los Angelos und Texas. Die theoretischen Vorlesungen sind nun beendet; es bleibt ihnen, in den nächsten zwei Jahren eine Dissertation zu schreiben.
Ich werde etwas über die Geschichte des «Trouble» in Nordirland berichten, meine Vorstellungen vom Land, bevor ich hinkam und den sich verändernden, nachdem ich dort war, vor allem aber über einige Erfahrungen mit Patienten und später mit den Studenten und ihren Lehrplänen.
 
Rosemarie Petruschkat ist Psychoanalytikerin in Zürich. Nach abgeschlossenem Psychologiestudium in Deutschland, mehrjähriger Tätigkeit, psychodiagnostisch und psychotherapeutisch, an verschie­denen psychiatrischen Kliniken der Schweiz und nach psychoanalytischer Ausbildung, in Zürich Eröffnung einer eigenen psychoanalytischen Praxis. Von Zürich aus Ergänzung der psycho­analytischen Ausbildung mit Psychoanalyse und Supervisionen in London. Von 2004 bis 2009 Mitarbeit an der psychotherapeutischen Poliklinik und einem Masterkurs für Psychotherapeuten in Belfast bei Professor Dr. Paul Williams.