«Traurigkeit ward mir zum Lose»

Informationen

Urs Fässler, Musikwissenschaftler, Luzern
«Traurigkeit ward mir zum Lose»Auf den Spuren zweier trauernder Frauengestalten in Mozarts Opern. Seelische Abgründe in Töne gefasst.
Als Mozart 1781 den Kreis seiner Meisteropern eröffnet, stehen ihm alle Schattierungen klingender Klage zu Verfügung. Er hat sie in den Werken seiner Vorgänger und Zeitgenossen studiert, zur eigenen Klangrede umgeformt und bereits vielseitig angewandt. Neu sind seine Affektfiguren selten. In einer Beziehung aber wächst Mozarts Kunst über alles bisher Dagewesene hinaus: Seine Theaterfiguren entwickeln sich. Leben heisst werden. Damit erschliesst er den musikalischen Beginn des modernen Menschenverständnisses. Das Prinzip ist für ihn so zentral, dass seine Musik selbst gegen die Intentionen des Operntextes dynamische Wege geht: «… bei einer Oper muss schlechterdings die Poesie (das Libretto) der Musik gehorsame Tochter sein.» (Mozart in einem Brief an den Vater). Drei Mozartische Trauerszenen sollen näher betrachtet werden. In der «Entführung aus dem Serail» vernehmen wir die in die Türkei entführte und zur Sklavin erniedrigte Konstanze. Wider Erwarten hat sie in ihrem türkischen Herrn einen verständnisvollen Menschen gefunden. Doch die Trauer über den Verlust ihres Verlobten Belmonte vermag er nicht zu stillen.  Die beiden andern Szenen stammen aus «Le nozze di Figaro». Wir begegnen der trauernden Gräfin Rosina, welche nach einer kurzen Zeit des Liebesglücks vom Grafen fallen gelassen worden ist und von ihm nur noch als Objekt eifersüchtiger Kontrolle wahrgenommen wird. In ihrer ersten Szene verharrt sie in einem Zustand von Trostlosigkeit und Leere, sucht Hilfe in einer fruchtlosen Beschwörung Amors. In der zweiten Szene aber bündelt sie ihre Kräfte, findet Vertrauen zu ihrer Rivalin und schafft einen exemplarischen Durchbruch, wie man ihn aus dem Librettotext nie vermuten würde. 

Urs Fässler war bis 2007 Professor für Musikgeschichte an der Hochschule für Musik in Luzern. Neben seiner Lehrtätigkeit wandte er sich an das Opern- und Konzertpublikum mit dem Bestreben, das aktive Hören anspruchsvoller Musik durch Kurse, Vorträge und Radiosendungen zu fördern. Heute ist dies sein zentrales musikalisches Anliegen. 2004 erschien sein Buch «Das klingende Welttheater des Eros» über Mozarts «Le nozze di Figaro».