Die Trauer um das nie Gehabte

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Achim Perner, Psychoanalytiker, BerlinDie Trauer um das nie GehabteZur Psychoanalyse der frühen Entbehrung
Die Trauer um das verlorene Objekt ist im Anschluss an die einschlägigen Arbeiten von Karl Abraham und Sigmund Freud wiederholt beschrieben worden. Melanie Klein und Jacques Lacan haben mit der Konzeptualisierung der depressiven Position und des Objekts (a) den frühen Verlust des Objekts bzw. den konstitutiven Objektmangel in das dynamische Zentrum der frühkindlichen Entwicklung gerückt; Françoise Dolto hat auf diesen aufbauend das Konzept der symboligenen Kastration ausgearbeitet, das auf die Notwendigkeit der Symbolisierung jener einschneidenden Verlusterfahrungen hinweist, die keinem Kind erspart bleiben. Verlust und Trauer sind demnach als wesentliche Momente der condition humaine anzusehen; die Unfähigkeit zu trauern, die einer manischen Verleugnung des Verlusts gleichkommt, zieht gravierende psychische Störungen nach sich, auf der individuellen wie auf der gesellschaftlichen Ebene. Wie steht es dann bei Menschen, die sich an ihre frühen Objekte klammern oder die keine hinreichend guten Objekte hatten und somit keinen Verlust zu betrauern haben? Welche Aufgabe hat die Psychoanalyse in solchen Fällen und in welche Position kommt der Psychoanalytiker dabei in der Übertragung? Diesen Fragen wird dieser Vortrag nachgehen, im Anschluss an die Arbeiten von August Aichhorn und Donald Winnicott, die die Disozialität als eine Folge der Unfähigkeit zu trauern beschrieben haben und an Jacques Lacan, der Kleins Konzept der Objektbeziehung unter dem Rückgriff auf Freud durch die Einführung des grossen Anderen und das Objekt (a) präzisiert hat.Achim Perner, Dipl. Sozialarbeiter und -pädagoge, Erziehungswissenschaftler und Philosoph (M.A.), Psychoanalytiker. Mitglied des August-Aichhorn-Instituts für psychoanalytische Sozialarbeit und der Freud-Lacan-Gesellschaft, Mitherausgeber der Arbeitshefte Kinderpsychoanalyse. Arbeitet in Berlin in der Beratungsstelle Kind im Zentrum als Sozialtherapeut mit sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen sowie mit Sexualstraftätern, im August-Aichhorn-Institut mit dissozialen Jugendlichen und als Supervisor und Berater für Jugendhilfeeinrichtungen und Schulen in eigener Praxis. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie und Praxis der Psychoanalyse, insbesondere zur psychoanalytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die an lebensgeschichtlich früh aufgetretenen Störungen leiden.
Grafiken aus dem Vortrag