«Den Traum alleine tragen» - Literatur und Schwermut

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Depressionen lähmen Geist und Seele. Es gibt jedoch eine melancholische Gemütsverfassung, die sich produktiv auswirkt. Das zeigt sich besonders deutlich im Schaffen des grossen deutschen Lyrikers, Essayisten und Erzählers Gottfried Benn (1886–1956). Er hat immer wieder betont, dass sein Schaffen sich aus einer existenziellen Einsamkeit und Unbehaustheit nähre. Mit dieser Auffassung ist er nicht allein. Von Pablo Picasso, der gemeinhin als heiterer, ja fast kindlicher Künstler gilt, stammt der Satz: «Nichts kann ohne Einsamkeit entstehen. Ich habe mir eine Einsamkeit geschaffen, die niemand ahnt.» Zahlreiche Philosophen haben geltend gemacht, dass alle Kreativität aus einem Defizit komme. Der Mensch sei ein Mängelwesen. Weil er sich seiner Unvollkommenheit bewusst sei, versuche er, etwas Vollkommenes zu schaffen.
Manfred Papst geht in seinem Vortrag dem komplexen Zusammenhang von Melancholie und Produktivität nach. Woher kommt der schöpferische Impuls? Und wie beschreiben kreative Menschen ihren Zustand vor, während und nach ihrer künstlerischen Arbeit? Geht es um das vollendete Werk? Oder ist der Weg das Ziel? Ins Zentrum seiner Ausführungen stellt der Referent Gottfried Benns Werke und Briefe. Es wird jedoch in kleinen Diskursen auch ausgeführt, wie Thomas Mann und Franz Kafka ihr Schaffen erlebt und definiert haben. Briefe und Tagebücher der Autoren geben darüber vielfältige, mitunter auch widersprüchliche Auskunft.
Am Ende stellt sich die Frage, ob Melancholie und Einsamkeit vom schöpferischen Menschen überhaupt überwunden werden können und sollen. Anders formuliert: Ist Kreativität nur um den Preis des Unglücklichseins zu haben? Kann ein mit sich und der Welt zufriedener Mensch künstlerisch etwas zustande bringen? Oder ist alle Kunst ein Pakt mit dem Teufel? 
Manfred Papst studierte Sinologie, Germanistik und Kunstwissenschaften. Im Zweitstudium Geschichte. Im Auftrag des Schweizerischen Nationalfonds amtet er als Mitherausgeber der gesammelten Werke und Briefe Friedrich Glausers.  Bis 2001 Programmleiter des Buchverlags der Neuen Zürcher Zeitung; verantwortlich für die Herausgabe von ca. 500 Sachbüchern aus den Bereichen Geschichte, Kultur, Politik und Wirtschaft; Nachschlagewerke und Gesamtausgaben. Daneben regelmässige Beiträge zu Literatur und Musik in der NZZ und im NZZ-FOLIO.
Seit 2002 Ressortleiter Kultur der NZZ am Sonntag. Dort verfasst er regelmässig auch eigene Artikel und schreibt die Kolumnen «Zugabe». Träger des Zürcher Journalistenpreises 2005