Der Rückzug in Zeitlosigkeit

Informationen

Heinz Weiss, Psychoanalytiker, Stuttgart
Der Rückzug in Zeitlosigkeit – romantische Sehnsucht und allwissende Verzweiflung als Vermeidung von Konflikten der depressiven Position
Die Untersuchung seelischer Rückzugszustände bei Borderline-Organisationen zeigt, dass ihnen häufig Missrepräsentationen der Erfahrung von Raum und Zeit zugrunde liegen. Während sich Verzerrungen des Raumerlebens z.B. in agora-claustrophoben Ängsten widerspiegeln, scheint die Veränderungsresistenz dieser Zustände damit zusammenzuhängen, dass sie Inseln von Zeitlosigkeit entsprechen, die zum Schutz gegenüber den Konflikten der depressiven Position errichtet werden. Im Vortrag werden romantische Sehnsucht und allwissende Verzweiflung als Manifestationen von Zeitlosigkeit charakterisiert, in denen Trauer und Hoffnung als grundlegende Merkmale des therapeutischen Prozesses pervertiert und in einen Zustand von pathologischer Hoffnung bzw. pathologischer Trauer transformiert werden, der der Vermeidung von Veränderung dient. Die Deutungsarbeit kann sich dabei auf jene Prozesse konzentrieren, die der Aufrechterhaltung von Zeitlosigkeit dienen. Unter Bezugnahme auf einzelne Sitzungssequenzen und neuere Arbeiten vorwiegend kleiniani¬scher Autoren werden einige Prozesse, die zur Missrepräsentation von Deutungen und zur Herstellung von Zeitlosigkeit in der analytischen Situation führen, im Detail beschrieben. Abschliessend werden Überlegungen zum Verhältnis von lebensgeschichtlichem Erinnern und der Konstruktion des psychischen Raumes angestellt. Dabei ist es nach Auffassung des Autors nicht die Erinnerung, die Trauer ermöglicht, sondern die Fähigkeit zu trauern, die zu einem Erinnern mit Emotion und Bedeutung führt.  Heinz Weiß, Prof. Dr. med., Psychoanalytiker, Chefarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Robert-Bosch-Krankenhaus, Stuttgart. 1992/93 Visiting Scientist am Adult Department der Tavistock Clinic, London, Guest Member der British Psychoanalytical Society. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Theorie, Geschichte und Behandlungstechnik der Psychoanalyse, zur neurologischen Psychosomatik sowie zu pathologischen Persönlich¬keitsorganisationen. Letzte Buchveröffentlichung: «Das Labyrinth der Borderline-Kommuni¬kation. Klinische Zugänge zum Erleben von Raum und Zeit» (Klett-Cotta, Stuttgart 2009).*   *   *
Klinisches Seminar
Samstag, 19. Dezember 2009, 9.00 – ca. 12.00 Uhr im PSZ  (Kurs 18)
Im Anschluss an den Vortrag werden zwei klinische Fälle diskutiert. Die Teilnehmerzahl ist beschränkt auf 15 Personen.Anmeldung bis 20.11.09 an Marina Hohl               Kosten: Fr. 90.-
(siehe dazu auch Ausschreibung WS09/10, Kurs 18)