Paranoide Abwehr-Kampf-Haltung

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Zur Psychoanalyse von Fremdenfeindlichkeit und Gewaltbereitschaft bei männlichen Jugendlichen
In fremdenfeindlicher und rechtsextremistischer Gewalt männlicher Jugendlicher verdichtet sich ein Zusammenhang von Angst, Hass und objektgerichteter Zerstörungslust, der zugleich Ausdruck und Lösungsversuch adoleszenztypischer Krisen der männlichen Geschlechtsidentität darstellt. Viele Jugendliche neigen dazu, reifungsbedingte eigene Integrations¬probleme stellvertretend an denjenigen zu verfolgen, deren gesellschaftliche Integration zum Problem geworden ist. Im Mittelpunkt dieser Gewaltbereitschaft steht eine paranoid getönte Abwehr – Kampf-Haltung, die als Notwehrhandeln gegenüber den am Fremden festgemachten Quellen äusserer Bedrohungen erscheint und legitimiert wird. Dabei gehen projektive Feindbildungen insbesondere unter den Bedingungen homosozialer Gruppenzwänge Hand in Hand mit der Bereitschaft zur Verfolgung und gegebenenfalls der Vernichtung dieser konstruierten Feindobjekte. Ihre paranoide Färbung erhält diese militante Kampfhaltung durch die regressive Mobilisierung archaischer Abwehrmechanismen wie Spaltungen, Introjektionen und Projektionen. Allerdings lässt sich der Sprung zum Ausbruch destruktiver Gewalt mit dem klassischen Projektionsmechanismus allein nicht hinreichend erklären. Der von Melanie Klein beschriebene Mechanismus der «projektiven Identifizierung» kann als Prototyp einer aggressiven Objektbeziehung diese Lücke psychoanalytischer Erklärungs¬ansätze zumindest ein Stück weit schliessen. Danach werden nicht-integrierte und angstauslösende eigene Persönlichkeitsanteile isoliert, abgespalten, externalisiert und schliesslich in das Innere geeignet erscheinender bzw. gemachter Personen gleichsam eingepflanzt. Der konstruierte äussere Verfolger wird somit zum Träger der eigenen zerstörerischen Hassregungen. Aber erst die unbewusste Identifizierung des in das Objekt der Projektionen hineingezwungenen Materials mit den verpönten eigenen Regungen ermöglicht, ja erzwingt geradezu die Kontrolle, Verfolgung und schliesslich das zerstörerische Eindringen in die nun als absolut feindlich empfundenen Objekte. Gewalt dient grundsätzlich dem Selbstschutz, denn gerade weil sich der Projizierende mit dem Objekt seiner Projektionen identifiziert, muss er dessen unerbittliche Rache fürchten. Nach Kernberg entstehen durch diesen Mechanismus gefährliche und vergeltungssüchtige Objekte, gegen die jede Gegenwehr erlaubt ist. Ein männlicher Jugendlicher, der diesem Mechanismus unterliegt, «muss das Objekt beherrschen und eher selbst angreifen, bevor er (wie er fürchtet) vom Objekt überwältigt und zerstört wird.» Erst diese projektive Identifizierung gibt die prospektiven Opfer der Vernichtung preis.Rolf Pohl ist Professor für Sozialpsychologie an der Leibniz Universität Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der psychoanalytischen Geschlechterforschung (Männlichkeit, sexuelle Gewalt, männliche Jugendgewalt) und in der Politischen Psychologie (Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, NS-Täterpsychologie)