Narzissmus und neue Religiosität

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Freuds Interpretation der Religion als Illusion und als kollektive Zwangsneurose hat die psychoanalytische Religionstheorie lange beherrscht. Sein eigener Agnostizismus wurde für seine Nachfolger Pflicht. Theoretisch galt das Thema Religion als erledigt und die Religionstheorie verblieb im ödipalen Paradigma. Inzwischen hat die Religion ein unerwartetes come back gefeiert, aber sie kommt anders daher als früher – weniger schuldbeladen, weniger ewige Verdammnis und Höllenfeuer, mehr Frohbotschaft und mehr seelisches Wohlbefinden: Gott hat Dich ganz lieb, und er ist auch günstig zu haben. Inzwischen hat sich auch die Psychoanalyse verändert und ihren theoretischen Horizont erweitert, genauso wie die Klienten in unseren Praxen andere sind, als sie früher in der Berggasse 19 ein und ausgingen. Die neueren Narzissmus- und Objektbeziehungstheorien versuchen diesen von uns beobachteten Wandel zu begreifen. Zu der auffälligen Häufigkeit narzisstischer Persönlichkeitsstrukturen und  -störungen passt die Transformation der neuen Religiosität. Mein Vortrag versucht, die neueren Ansätze zum Verständnis von Religiosität, die sich in den Theorien Winnicotts, Eriksons, Kohuts und neuerer Narzissmustheoretiker finden lassen, im Hinblick auf eine neue psychoanalytische Theorie der Religion zu sichten.