HORROR VACUI.

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Warum es in der Philosophie und Wissenschaftsgeschichte keine Leere geben durfte und warum sie dennoch ist.

Hartmut Böhme, Berlin

Die mentale und technische Bewältigung des Vakuums ist eine revolutionäre Leistung ersten Ranges, die langfristig das Gesicht der technischen Zivilisation und der Kosmologie prägt. Hinsichtlich des Vakuums gab es eine Art Rubikon, den man zu überschreiten hatte: dieser Rubikon bestand darin, frei zu werden für die ungeheure Idee, dass etwas, das nichts enthält, dennoch ist; und dass dieses Vakuum ebenso überall ist wie das Seiende selbst. Man musste also einen Raum denken können, der nicht nur durch materielle Raumerfüllung gebildet wird, sondern durch Leere. Und man musste, gegenüber der mächtigen Phalanx der Plenisten, die Existenz des Vakuums experimentell demonstrieren und ferner das 'Verhalten' des Vakuums, also seine Physik studieren. Vor dem Hintergrund des seit der Antike anhaltenden Streits über das Vakuum soll die Psychodynamik der Leere entwickelt werden, die aus vielen Gründen eine (meta¬physische) Angst auslöste. Was ist dies für eine Angst? Wie wird mit ihr umgegangen, wie wird sie abgewehrt, verarbeitet, bewältigt? Welche neuen Affekte entstehen, als das Vakuum zweifelsfrei nachgewiesen wurde? Welche mentalen Konstruktionen wurden entwickelt, um mit der Leere im Universum und in uns selbst fertig zu werden? Schon in der frühen Neuzeit wurden – etwa bei Pascal und Guericke einerseits, bei Descartes und Hobbes andererseits – Reaktionstypen entwickelt, an denen deutlich wird, dass die philosophischen Begriffe des Leeren, des Nichts bzw. des Vollen und der Fülle in starker Weise von Affekten formiert werden. Von daher erfolgen kleine Ausblicke auf den Nihilismus und auf postheroische Selbstbehauptungsmechanismen.Hartmut Böhme ist Professor für Kulturtheorie an der Humboldt-Universität Berlin. Er hat vor kurzem den Dr. Meyer-Struckmann-Preis erhalten. Sein neuestes Buch Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne untersucht unter anderem, wie die verschwundenen und vergessenen Dinge im Alltagsbewusstsein und in der Konsumkultur als Fetische wiederkehren.