Vom reinen Gold der ‚tendenzlosen’ Analyse und der Kupferlegierung der ‚suggestiven’ Therapie oder: mit welchen Rohstoffen operiert die Freudsche Analyse?

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Diese Formulierungen vom reinen Gold und der tendenzlosen  Analyse, die in der Massenanwendung «unserer» Therapie reichlich mit dem Kupfer der direkten Suggestion zu legieren sei, entstammen aus Freuds Schrift «Wege der psychoanalytischen Therapie» aus dem Jahre 1918. Zwei Jahre zuvor, am Ende seines ersten Vorlesungszyklus, hiess es allerdings im Zusammenhang mit den Kräften, die in der Analyse wirken, «...dass wir unsere Technik der Hypnose nur aufgegeben haben, um die Suggestion in der Gestalt der Übertragung wiederzuentdecken.» Dass Freud in seiner eigenen Arbeit in keiner Weise tendenzlos wirkte, zeigen seine Falldarstellungen, sein leidenschaftliches Forschen, seine Setzungen, so z.B. bei Dora oder beim Wolfsmann, ja diese Tendenz scheint geradezu zum Wesen seines Analysierens zu gehören.
Diese Spannung von Neutralität und Suggestion, die Freud an verschiedenen Stellen immer wieder berührt, wird in der Geschichte der Psychoanalyse zu einer konstitutionellen Aporie: hier die Standards, die Ideale und Dogmen, da eine Praxis, die entweder unter der Gewalt dieser Ideale steht, oder gänzlich andere Wege geht. Es scheint, als ob die Ungewissheit die ArbeiterInnen am Unbewussten dazu treiben würde, zum einen das Reine Gold mittels Eckpfeilern, Dogmen, Rahmenbedingungen, aber auch Idealbildern zu schützen oder zum anderen als PsychotherpeutInnen nach gesellschaftlich anerkannten Legierungen zu suchen.
Beide Wege erschweren meines Erachtens die Ausrichtung unserer Tätigkeit aufs Unbewusste und befreien uns auch nicht von der Last und Herausforderung unserer eigenen Subjektivität und unseres eigenen, analytischen Begehrens. Bekanntlich ist davon auszugehen, dass wir in einen unbewussten Prozess involviert sind, in den wir nicht einfach mit vorgefertigten Interventionen eingreifen können. Dieses eigenwillige Verhältnis zur Konvention einerseits und zum «Realen», Triebhaften anderseits prägt unser Verhältnis zur «sogenannten Realität» und in ihrem klinischen Zentrum steht die Angst, die Trennungs- und Kastrationsangst, so grossartig verschleiert in der posttechnologischen (oder wie auch immer benannten) Vielfalt und Nervosität. Und in diesem Feld gibt es viele Themen und Herausforderungen, von neuen kulturellen und diagnostischen Erscheinungen bis zu neuen wissenschaftlichen Erekenntnissen, die für uns bedeutsam wären, so es gelingt, eine analytische Position aufrechtzuerhalten, die, wie wir wissen, zur Zeit wenig gefragt ist.Rony Weissberg, lic. phil. Psychoanalytiker PSZ, Psychotherapeut  SPV, arbeitet in freier Praxis. Schwerpunktthemen: Psychoanalyse und Körper, Lacansche Psychoanalyse, Psychotherapie in Institutionen. Mehrere Publikationen zu diesen Themen im Journal für Psychoanalyse.