«Ich persönlich werde wohl die ‚klassischen’ Analysen weitermachen…»

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(Sigmund Freud, Rundbrief des ‚Geheimen Komitées’ vom 15. Februar 1924)

Der Abend beginnt mit einem kurzen Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm «Faustrecht» (CH-2007) über zwei gewalttätige Jugendliche. Gezeigt wird eine psychotherapeutische Intervention.Nachdem Breuer in seiner Behandlung der Anna O. 1880–82 das Handtuch geworfen hatte, modifizierte Freud 1889 bei Emmy v. N. erstmals das Breuersche resp. Bernheimsche Verfahren. Statt suggestivem Ausreden krankmachender Vorstellungen und Einreden von Gegenvorstellungen «wie in der hypnotischen Psychotherapie gebräuchlich» («Studien über Hysterie»), erkundigte sich Freud bei Emmy v. N. «zufällig einmal in der Hypnose nach dem Ursprung [des Symptoms]» und die Erinnerungen kamen wie von selbst. Während der Massage vor der Hypnose ergab sich jeweils eine absichtslose «anscheinend ungezwungene und vom Zufalle geleitete Konversation», welche pathogene Erinnerungen zu Tage brachte, «die die Patientin unaufgefordert abspricht». Freud stellte am Ende der 60-seitigen Krankengeschichte fest, dass das kathartische Verfahren bei Emmy v. N. wirkungslos blieb, Symptombeseitigung brachte nur die 'psychische Analyse'.Mit dieser methodischen Orientierung Freuds an der Rede der Patientin (ohne Hypnose und Suggestion) begann sich die Psychoanalyse aus der Psychotherapie herauszulösen. Heute sieht es so aus, als löse sich die Psychoanalyse in umgekehrter Richtung wieder in der Psychotherapie auf resp. Psychotherapie etabliere sich neben der Psychoanalyse erfolgreich als eigenständige Disziplin.Nach einer Befragung aller IPA-Mitglieder zum Stand ihrer Praxis wurde deutlich, dass weltweit und in zunehmendem Masse «die Patientenbehandlung ausserhalb der klassischen Kur» – d.h. analytische Psychotherapie – den Hauptanteil der Tätigkeit von Psychoanalytikern ausmacht, ausgenommen sind Lehranalytiker. Die Patienten von Psychoanalytikern gleichen immer mehr den nicht-neurotischen Fällen einer öffentlichen Beratungsstelle, ihr Leiden muss «dem Bereich der Gesundheitsversorgung psychisch Kranker» zugerechnet werden (D. Wildlöcher 2003 als Präsident der IPA). In dieser neuen Situation sehen sich die befragten Analytiker (auch ökonomisch) herausgefordert und bedroht von den zahlreichen Psychotherapeuten, welche nicht Analytiker sind. «Das Hauptproblem, um das sich all die Antworten drehten, betraf die Notwendigkeit, Kriterien für die Unterscheidung zwischen Psychoanalyse und Psychotherapie zu definieren.» (Internationale Psychoanalyse 1999, Heft 1)Diese aus der Existenzangst geborene Forderung scheint mir ein wenig naiv. Wohl nicht umsonst ist trotz Publikationen und Kongressen zu diesem Thema die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Psychoanalyse und analytischer Therapie immer wieder Stückwerk geblieben. Jede mögliche Entscheidung (hier ist Psychoanalyse, da Therapie) reisst die Psychoanalyse entzwei, wie die Geschichte des 'Geheimen Komitees' gezeigt hat (siehe dazu Freuds Titel-Satz «Ich persönlich...»). 'Zufällig einmal' hat Freud der hypnotisierten Emmy v. N. die richtige Frage gestellt – die nach der Entstehung des Symptoms. Vielleicht gelingt es uns, die wir hypnotisiert sind vom Schwinden des psychoanalytischen Renommees und dem Kampf um Krankenkassengelder, an die Psychoanalyse heute eine öffnende Frage zu richten, und vielleicht ist es sogar die gleiche wie damals.