Depressionen als Psychosomatosen: Der Beitrag der Psychoanalyse zu einem «Multiple Factor Approach»

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Die Hemmungsphänomene in der schweren Depression werden als Grenzprobleme einer geschlossenen psychoanalytischen Depressionstheorie erörtert. Die psychogenetischen, psychodynamischen und psychopathologischen Besonderheiten der schweren Depressionen erfordern eine – gegenüber der klassischen Standardmethode der Psychoanalyse – modifizierte Technik im Rahmen eines mehrdimensionalen Behandlungskonzeptes. Wesentliches Ziel der Behandlung ist es, die defensiven Strategien Depressiver, die intrapsychischen, interpersonellen und psychosomatischen Teufelskreise aufzulösen. Dieses setzt auch eine übergreifende Theorie der Depression voraus, die die Zirkularität der somato-psychischen, kognitiven und interpersonalen Faktoren berücksichtigt (vgl. Mentzos 1991, 1995, 2000; Böker 1999, 2002). Gerade auch im Rahmen der Depressionsbehandlung leistet die psychoanalytische Psychotherapie einen wesentlichen Beitrag zur Selbstintegration, Selbstkonsolidierung und Entwicklung günstigerer Bewältigungsmechanismen und Beziehungskonfigurationen. In einer psychoanalytischen Psychotherapie depressiv Erkrankter entfaltet sich seelisches Erleben im Sinne einer Resymbolisierung von der Teilhabe an einem körperlich geschehenden sensomotorischen Affekt durch transmodale Veränderung zu einem erlebbaren Gefühl („semiotische Progression“, vgl. Böhme-Bloem 1999), in dem der andere in seiner Andersartigkeit entdeckt wird und die Trennung betrauert werden kann: «Nur was betrauert werden kann, kann symbolisiert werden» (Segal 1956).Heinz Böker: Klinik für Affektive Erkrankungen und Allgemeinpsychiatrie Zürich OstZentrum für Depressions- und AngstbehandlungPsychiatrische Universitätsklinik Zürich