Die Funktion des Mannes in der «Vaterlosen Gesellschaft»

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Vortrag verschoben auf Freitag, 12. Januar 2007Die Entwicklung, die Alexander Mitscherlich in den frühen 60er Jahren des letzten Jahrhunderts voraussah, ist heute weit fortgeschritten. Die Kernfamilie ist in Auflösung begriffen, und ihre Teilstücke – Vater, Mutter – befinden sich in einem Veränderungsprozess (Rollen¬wandel). Die Soziologen sprechen von Patchwork-Familien und von serieller Monogamie. 83% aller Menschen in der Bundesrepublik Deutschland wünschen sich zwar eine verbindliche, lebenslange Beziehung, die Paare trennen sich aber faktisch alle paar Jahre wieder, wobei die Frauen immer häufiger die Initiative ergreifen.Es stellt sich die Frage, ob und wie mit dem traditionellen Begriffssystem der Psychoanalyse die neuen Lebensverhältnisse noch zu erfassen sind. Was heisst zum Beispiel konkret «Triangulierung», wenn ein lesbisches Paar mit drei Kindern gerichtlich als ein Paar von zwei Müttern anerkannt wird? In den Nachfolgefamilien haben die Kinder verschiedene Väter, bzw. die Mütter verschiedene Männer, sodass der Begriff der Vaterschaft immer mehr ausgehöhlt wird (in der kommenden Zivilstandsreform sollen Frauen und Männer in der Paarbeziehung ihren angestammten Namen behalten und gemeinsam beschliessen, welchen Namen die Kinder tragen sollen – es wird also keinen «Namen des Vaters» mehr geben). Die «Blutbande» verschwimmen immer mehr gegenüber den sozialen Verhältnissen. Ich frage, ob es noch sinnvoll ist, von «Vätern» zu sprechen. Was hingegen bleiben wird – wie auch immer verändert – ist die Rolle des Mannes als lebendiges Vorbild für die Knaben und als Wunschobjekt für die Mädchen – oder auch umgekehrt.Ich schildere einige Fälle von Patienten zwischen 30 und 40 in meiner Praxis und versuche zu verstehen, warum Kinder aus Patchworkfamilien häufig nicht neurotischer erscheinen als solche, die noch in traditionellen Kleinfamilien aufgewachsen sind.Emilio Modena: Zu meiner Person und zu meinem Werk vgl. die Homepage der Stiftung für Psychotherapie und Psychoanalyse (www.psychoanalyse-stiftung.ch) und die Bücher, die ich zuletzt herausgegeben habe («Das Faschismus-Syndrom – Zur Psychoanalyse der Neuen Rechten in Europa», 2. Auflage 2001 und «Mit den Mitteln der Psychoanalyse...», 2002, beide im Psychosozial-Verlag Giessen.)