Die flexible Familie

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Alexander Mitscherlich gelang mit seinen Büchern «Die vaterlose Gesellschaft» (1963) und «Die Unfähigkeit zu trauern» (zusammen mit Margarete Mitscherlich 1967) eine eindringliche Diagnose der psychosozialen Befindlichkeit der Nachkriegsgesellschaft. Beide Schriften hat¬ten einen ganz aussergewöhnlich starken Einfluss auf die öffentliche Diskussion wie er nur wenigen psychologischen Fachbüchern vergönnt ist. Der Begriff von der notwendigen «Trauerarbeit» ist noch heute ein geflügeltes Wort in der öffentlichen Debatte um die NS-Zeit und die «Vaterlosigkeit» ist ein Terminus, auf den man noch immer Bezug nimmt, wenn man sozialpsychologische Entwicklungstendenzen in der modernen Gesellschaft analysieren will.Fachwissenschaftliche Kritik an der «Unfähigkeit zu trauern» regte sich erst 1992, als der Psychoanalytiker und Körpertherapeut Tilmann Moser dem Autoren-Paar vorwarf, ihr Buch zeichne sich durch einen moralisierenden und anklagenden Duktus aus. Die moralisierende Anklage sei uneinfühlsam und habe im Grunde eine Abwehr-Reaktion hervorrufen müssen. Bei dem Buch handele es sich um eine «psychoanalytische Busspredigt, Daueranklage und diffamierende Entlarvung der Deutschen» (Moser 1992).Interessanter Weise kann man an Mitscherlichs Konzept der Vaterlosigkeit eine ganz ähnlich gelagerte Kritik üben. Es ist schon ein erstaunliches Phänomen, dass Mitscherlich knapp zwei Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkrieges, der Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, Europa verwüstete, hunderttausende körperlich versehrte und seelisch traumatisierte Männer zurück liess, von denen die letzten erst in den 50er Jahren aus den sowjetischen Gefangenlagern zurückkehrten, ein Buch über Vaterlosigkeit schreibt, in dem die Stichworte Krieg, Nationalsozialismus und Judenvernichtung nicht vorkommen. Wie ist dieses Phänomen zu erklären? Welche Folgen hatten diese «Ausblendungen» für Mitscherlichs Theorien? Verlieren Mitscherlichs Thesen dadurch ihren Wert oder war seine Theorie der Vaterlosigkeit eine frühe Thematisierung sozialpsychologischer Entwicklungsprozesse, die von heutigen Theoretikern mit Begriffen wie Individualisierung, Flexibilisierung und Patchwork-Identität beschrieben werden?Hans-Jürgen Wirth, Prof. Dr. habil., Dipl.-Psych., Psychoanalytiker, Psychologischer Psychotherapeut, arbeitet als Psychoanalytiker und psychoanalytischer Paar-, Familien- und Sozialtherapeut in eigener Praxis in Giessen. Lehrt als Ausserplanmäßiger Professor an der Universität Bremen. Gründer und Verleger des Psychosozial-Verlages. Wichtigste Buch-Veröffentlichung: «Narzissmus und Macht. Zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik», Giessen 2002 (Psychosozial-Verlag). 2007 erscheint sein Buch «Das Rätsel der Sphinx. Sigmund Freuds Einfluss auf die Kultur», Giessen 2007 (Psychosozial-Verlag).