Ohne Leitbild? Zur Funktion von Idealen und Vorbildern in der spätmodernen «Vaterlosen Gesellschaft»

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Ausgehend von Adornos Kritik des Begriffs «Leitbild» als Ausdruck einer Zeit, der substantielle Normen fehlen, hinterfrage ich in meinem Vortrag Alexander Mitscherlichs Vorstellung, der Vater müsse in der Gesellschaft als Idealnorm und Vorbild für eine Rollenidentifikation dienen. Dabei soll vor allem das Modell der Rollenidentifikation als Übernahme quasi verdinglichter, gesellschaftlicher Normen kritisiert und durch einen Normbegriff ersetzt werden, der Sigmund Freuds Vorstellung aufgreift, dass Triebe einen Arbeitsauftrag ans Seelenleben formulieren und dass Ideale ihre bindende Kraft dementsprechend aus dem narzisstischen Stolz über eine geglückte Leistung beziehen. Auf dem Hintergrund der Theorien von Melanie Klein und Donald W. Winnicott möchte ich versuchen, ein alternatives Verständnis der innerpsychischen wie auch der gesellschaftlichen Funktion von Idealen und Vorbildern zu entwickeln, das an der Eigenaktivität und kreativen Kraft des Psychischen orien¬tiert ist. Dass der Wunsch nach einer idealen Brust Omnipotenzvorstellungen fordert und fördert kann sich einerseits konstruktiv, andererseits jedoch auch destruktiv auswirken. Meine Arbeit mit straffällig gewordenen Menschen hat mich zu der Auffassung geführt, dass innerhalb einer Gesellschaft, die sich immer weiter von ihren Mitgliedern abkoppelt, nicht nur positive sondern auch negative Ideale allgemeine Zustimmung finden. Diese negativen Ideale erheben die Eigenschaften eines toten Objekts zur Norm und halten damit der spätmodernen Gesellschaft einen Spiegel vor.Angelika Ebrecht-Laermann, Priv. Doz., Dr. phil., Dipl. Psych., Studium der Germanistik, Politischen Wissenschaft und Psychologie, Promotion in Psychologie, Habilitation in Politikwissenschaft. 1983–1988 Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Psychologischen Institut der FU Berlin, 1991–1997 Wissenschaftliche Assistentin für Politische Psychologie am FB Politische Wissenschaft der FU Berlin; seither Psychologische Psychotherapeutin und Gutachterin (Prognosegutachten zur vorzeitigen Entlassung aus der Strafhaft und zur Neuerteilung der Fahrerlaubnis), seit März 1999 in Psychoanalytischer Ausbildung am Karl-Abraham-Institut Berlin und seit September 2005 Psychotherapeutin im Rahmen der Vermittlungsstelle für externe Psychotherapie des Berliner Strafvollzugs. Arbeitsschwerpunkte: Psychoanalyse, Politischen Psychologie, Feministischen Theorie, Kulturelle Anthropologie, Theoriegeschichte und Literaturtheorie. Beirätin und Mitherausgeberin von Querelles. Jahrbuch für Frauenforschung, Stuttgart: Metzler. Verfasserin von z.B.: Ebrecht, Angelika: Die Seele und die Normen. Zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik. Gießen: Psychosozial-Verlag, 2003. Ebrecht, Angelika: Auf der Suche nach dem verlorenen Objekt – Die Funktion der Stimmung im depressiven Lebensgefühl der Moderne. In: Hau, S. / Busch, H.-J. / Deserno, H.: Zwi-schen Lebensgefühl und Krankheit – Depression heute. Göttingen: Vandenhoek und Ruprecht, 2005, S. 228–252.