Die spurlose Vatermetapher. Vaterschicksale nach Mitscherlich und Lacan

Informationen

Das Freud-Jahr liegt hinter uns, und wir können ernüchtert zur Tagesordnung übergehen. Oder vielleicht doch nicht? Die Schriftstellerin Gertrude Stein meinte, die Psychoanalyse werde im 21. Jahrhundert keine Rolle mehr spielen, wenn «man nicht mehr daran denkt, ein Vater zu sein oder einen zu haben.» Bevor es soweit ist, blieb es einstweilen Lacan, für den es «die Frage des Vaters» war, «welche Freuds gesamte Forschung zentriert hat.» Von Mitscherlich stammt die bedenkenswerte Empfehlung, eine historisch absehbare Sozialpathologie zu verstehen, «in der Vater und Mutter als Grundmarkierungen des Lebens unter Menschen verschwinden.» Der Vortrag stellt einige ungewohnte Affinitäten zwischen Lacans Fortschreibung von Freuds Frage nach dem Vater und Mitscherlichs Klage über den Schwund ödipaler Vaterbilder in Gesellschaft und Kultur her. In der nachfreudschen Psychoanalyse verkörpern die beiden herausragende und miteinander verflochtene Initiativen, der Imago des Vaters im Zeitalter ihres Niedergangs eine Funktion, ein Symbol, einen Signifikanten zuzuweisen, die für das psychische Leben entwicklungsnotwendig und für den analytischen Prozess unausweichlich bleiben. Lacans und Mitscherlichs Vaterkonzepte neigen freilich dazu, Geschichte zu werden. Mit dem unaufhaltsamen Fortschritt der Biowissenschaften werden Vater, Mutter und Elternschaft neu dekliniert, und das Menetekel einer demographischen Katastrophe beschwört das Ende der Generativität.  Robert Heim, Prof. Dr. phil., bis 1996 als Psychoanalytiker in Zürich, dann in Frankfurt am Main tätig. Seit 1988 Hochschullehrer für Psychoanalyse und psychoanalytische Sozial¬psychologie an der Universität Hannover. Lehr- und Forschungstätigkeiten am Sigmund-Freud-Institut sowie an der Universität Frankfurt. Publikationen zum Thema: Utopie und Melancholie der vaterlosen Gesellschaft (1999); … pater semper incertus. Die namenlose Angst des Kindes und das Nein des Vaters (2004).