Janine Chassguet Smirgels psychoanalytischer Kosmos – eine Hinterfragung

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In den siebziger Jahren wurde Chasseguet-Smirgel mit dem von ihr herausgegebenen Sammelband zur «Psychoanalyse der weiblichen Sexualität» international bekannt. Ihr darin enthaltener eigener Beitrag zu den weiblichen Schuldgefühlen fand nicht nur unter Feministinnen grossen Anklang. Chasseguet-Smirgel erhob auch ihrerseits den Anspruch, eine feministische Position zu vertreten. Zehn Jahre später mehrten sich die skeptischen Stimmen gegen eine die Geschlechter und Elternbilder eher klassisch-patriarchal konzeptualisierende Theorie, die sich jedoch gern auf archaisch-unbewusste Bedürfnisse des Kindes berief, deren Nichtbestätigung durch die Eltern notwendig zu einer «perversen» Entgleisung in der kindlichen Entwicklung führe. Aber auch soziale, ästhetische und politische Phänomene wurden von Chasseguet-Smirgel nun – international unüberhörbar – zunehmend mit analytisch legitimierten Werturteilen überzogen. In Frankreich war dagegen die bei Chasseguet-Smirgel und ihrem Mann Béla Grunberger bestehende Tendenz zur Diffamierung und Pathologisierung ihnen als revolutionär erscheinender Bewegungen bereits seit dem Mai 68 bekannt.Im Zentrum der Kritik von Angela Moré steht jedoch nicht der politische und ästhetische Konservatismus Chasseguet-Smirgels, sondern die Funktionalisierung psychoanalytischer Theorie als einem Instrument der (unbewussten) Angstabwehr und Kontrollausübung, deren Preis der Verlust der spielerischen Phantasie in der Psychoanalyse und die Pathologisierung aller Formen von Dissenz ist. Für die Aufdeckung der dahinter verborgenen Motive begibt sich die Referentin auf eine Spurensuche durch das Werk von Chasseguet-Smirgel.