Die Freud'sche Psychoanalyse - eine révélation, eine Erfüllung

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Vom Krieg und den goldenen 50er Jahren zum Zürcher Seminar
Am 5. Mai 1921 telegraphierte Sigmund Freud an die Schweizer Freudianer: «Ich möchte es noch gern erleben, dass die Schweizer Gruppe die grosse Bedeutung in der psychoanalyti­schen Bewegung wiedergewinnt, die sie zu Anfang derselben hatte.» Fünf Jahre vor seinem Tod ging sein Wunsch unter tragischen Umständen in Erfüllung: Die Internationale Psychoana­lytische Vereinigung (IPV) versammelte sich 1934 in Luzern, um die Emigration der KollegInnen aus Deutschland zu organisieren – und die Probleme der deutschen AnalytikerInnen in den Im­migrationsländern. Nach der Annexion Österreichs im März 1938 konstatierte der Unterrichts­ausschuss der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse (SGP, später SGPsa) im Fe­bruar 1939: «Da in deutschen Landen nirgends mehr eine Gelegenheit zur Ausbildung von PsA vorhanden, müssen wir diese schaffen, indem wir auch die theoretische Aus­bildung besorgen.»
1949 fiel Zürich die grosse Ehre zu, den ersten IPV-Kongress nach dem zweiten Weltkrieg zu organisieren. Danach entwickelte sich in Zürich ein regelrechter Psychoanalyse-Boom: Das Burghölzli öffnete sich der Psychoanalyse erneut, den jun­gen Assistenten war sie in den Worten Hans H. Walsers eine «révélation, eine Erfül­lung». Zwischen den verschiedenen tiefenpsychologischen Schulen entwickelte sich ein Rennen um die Gunst des Publikums. Zürich wurde mit London ein Mekka der Freudianer, beide Gruppen spielten eine bedeutende Rolle beim Wiederaufbau der Freud'schen Psychoanalyse im Nachkriegsdeutschland.
Im Vortrag werden die Entwicklungslinien nachgezeichnet, die zum Psychoanalyti­schen Seminar Zürich geführt haben. Dabei scheint auf, wie sehr es den Traditionen der alten Schweizer Freudianer verbunden ist.
Tho­mas Kurz, Freudscher Psychoanalytiker und Fachpsychologe für Psychotherapie, praktiziert seit 1978 in Zürich. Seit 1987 Publikationen zur Geschichte der Freud'schen Psychoanalyse in der Schweiz:
Kurz, Thomas (1993): Aufstieg und Abfall des Psychoanalytischen Seminars Zürich von der Schweizerischen Gesellschaft für Psychoanalyse. Luzifer-Amor, Band 12, S. 7–54
Kurz, Thomas (2007): Die Psychologie der Schweizer. Journal für Psychoanalyse, 48, S. 97–109