Das Fehlen von Trauer in der Ätiologie der Verwahrlosung

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Kinder und Jugendliche, die nach heutigem Verständnis als dissozial gelten, hat August Aichhorn «verwahrlost» genannt. Verwahrlosung meint dabei nicht das äussere Agieren, sondern die Dynamik psychischer Kräfte, denen der Verwahr­loste ausgesetzt ist. Das antisoziale Verhalten wie Stehlen, hartnäckiges Weglaufen/Verweigern, massive Aggressionen u.a. sind die Symptome, in denen die Verwahrlosung sich äussert. Einen Ausgangspunkt für das Verständnis der Verwahrlosung hat August Aichhorn in Sigmund Freuds Arbeit «Trauer und Melancholie», d.h. in der Bestimmung der Bedingungen, die beim Erwachsenen in die Melancholie führen, gesehen. Diesem Ansatz, den Aichhorn selbst nicht weiter ausgearbeitet hat, soll nachgegangen werden. Dabei werden wichtige Dimensionen der Verwahrlosung wie die narzisstische Komponente, die Über-Ich-Problematik sowie die Ambivalenz in der Besetzung der äusseren Objektwelt (großer «Lusthunger» einerseits und Abwehr bedrohlicher Liebeswünsche andererseits) in ihrer Genese und Dynamik und anhand von Fallgeschichten dargestellt. Die Folgerungen, die daraus für die Arbeit mit dissozial-aggressiven Kindern und Jugendlichen zu ziehen sind, betreffen nicht allein die Therapie, sondern auch die Pädagogik (Nacherziehung). Eine der grossen Schwierigkeiten liegt darin, dass verwahrloste Kinder und Jugendliche selbst kaum Hilfe wollen und eine Tendenz haben, sich immer wieder zu entziehen.

Hilde Kipp, Prof. Dr. phil., hat eine vielseitige psychoanalytische Ausbildung mit Stationen bei Sjef Teuns, Kursen bei Anna Freud in London, bei Peter Neubauer und Sylvia Brody in New York, im Child Study Center in New Haven und bei Maud Mannoni in Paris.
1972–2005 hatte sie einen Lehrstuhl an der Universität Kassel, im Fachbereich Sozialwesen lehrte sie Frühkindliche Entwicklung, Subjekttheorie und Psychoanaly­tische Pädagogik. Seit 2005 wäre sie im Ruhestand, erfüllt aber weiterhin Lehrauf­träge.
1982–1990 Mitglied und Leitung des Wissenschaftlichen Zentrums für Psychoanalyse der Universität Kassel; 1979–2010 Veranstaltung von Tagungen zur Kinderpsycho­analyse in Kassel;  1982–2010  zusammen mit Chr. Buhmann, Achim Perner und Sjef Teuns Herausgabe der Zeitschrift Arbeitshefte Kinderpsychoanalyse; Psychoanaly­tische Praxis mit Kindern und Jugendlichen, Elternberatung, Supervision; Publikationen zur Theorie der Verwahrlosung, Kinderpsychoanalyse und Magersucht.

Klinisches Seminar am Samstag 8. Juni 2013, 09.30 – ca. 13.00 Uhr
Ausschreibung
Anmeldung zum Seminar am Samstag bis 25. Mai unter vortraege@psychoanalyse-zuerich.ch