Die Psychoanalyse in der ‚Frankfurter Schule’

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Die Begründer der (später so genannten) «Frankfurter Schule» waren deutsch-jüdische Intellektuelle, die seit den dreissiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts versuchten, sich und ihren Zeitgenossen die Verdrängung der sozialistisch und internationalistisch orientierten Arbeiterbewegung durch «massenfeindliche Massenbewegungen» verständlich zu machen. Theoretisch orientierten sie sich dabei an zwei mit einander verwandten «Kritischen Theorien», nämlich der Marxschen «Kritik der politischen Ökonomie» und der Freudschen Psychoanalyse. Musste das von Marx entwickelte kritische Verfahren den Partei-Marxismen erst wieder abgerungen werden, so trat die Freudsche Kritik zunächst als «Naturwissenschaft» auf. Horkheimer, Marcuse, Adorno und (später) Habermas haben gegen dies «Selbstmissverständnis» Freuds und der meisten seiner Schüler argumentiert, weil sie darin den inner­theoretischen Ausgangspunkt für die spätere, konformistische Erosion der psycho­logischen Aufklärung sahen. Über sich selbst hätte die Psychoanalyse in der Frankfurter Schule lernen können, dass ihr «Gegenstand» nicht die «Natur», sondern gesellschaftliche Pseudonatur ist, dass es sich bei ihr um eine historisch-spezifische, nicht um eine allgemeine Theorie handelt, und dass das dialogisch-rekonstruktive Verfahren, dessen sie sich bedient, für jedwede Sozialwissenschaft, die es mit obsoleten Institutionen aufnimmt, kanonisch ist. Doch wie es scheint, hat die Psychoanalyse diese Schule geschwänzt.

Helmut Dahmer, Prof. Dr. studierte Soziologie, Philosophie und Literaturwissenschaft an den Universitäten Bonn, Göttingen und Frankfurt am Main. 1968–1992 redigierte er die psychoanalytische Monatszeitschrift Psyche. 1984 gehörte er dem Gründungs­beirat des «Hamburger Instituts für Sozialforschung» an. 1974–2002 lehrte er Soziologie an der Technischen Universität Darmstadt. Gegenwärtig lebt er als freier Publizist in Wien.

Veröffentlichungen:
Libido und Gesellschaft (1973, 1982, 2013); Pseudonatur und Kritik (1994); Soziologie nach einem barbarischen Jahrhundert (2001); Divergenzen (2009); Die unnatürliche Wissenschaft (2012); Interventionen (2012).