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Editorial

Mitten in den Korrekturen und der redaktionellen Arbeit an der vorliegenden Ausgabe des Journals für Psychoanalyse hat uns die Nachricht vom plötzlichen Tod unseres Autors Thomas Auchter erreicht, dessen Artikel für diese Journalausgabe mit dem Einverständnis seiner Frau posthum in seiner Erstversion veröffentlicht wird. Sein Beitrag, der sich auch mit der Endlichkeit des Lebens befasst, ist nicht nur vor dem Hintergrund seines Todes ein bewegender Text. Er schreibt:

Wir haben nur unsere begrenzte Lebenszeit, deren Gestaltung bleibt unsere Lebensaufgabe. Denken wir dabei an Luthers (beziehungsweise das ihm zugeschriebene) « Apfelbäumchen», das er pflanzen würde, auch wenn oder gerade wenn er wüsste, dass morgen die Welt unterginge. Es geht also um die Frage der Möglichkeit des Lebens im Angesicht des Todes – eine lebenslange Herausforderung.

Das 65. Journal für Psychoanalyse mit dem Thema « Beenden» bringt uns somit auch mit der Unabwägbarkeit und Vergänglichkeit des Lebens in Kontakt. Jede (Lebens-) Geschichte besteht schliesslich vereinfacht formuliert aus Beginn, Hauptteil und Ende, und so verhält es sich auch bei psychoanalytischen bzw. psychotherapeu- tischen Behandlungen. Schlussmachen, beenden, gehen und sich verabschieden ist aber, obgleich zum Menschsein gehörend, auch ausserhalb des Behandlungszimmers nie einfach. Die « Kraft», « Macht» oder «Gewalt» von Abschieden, die beim Loslassen entstehen kann, besang Madonna in ihrem 1998 veröffentlichten Popsong «The Power of Goodbye», dessen Titel wir uns für diese Ausgabe geliehen haben. Andererseits wohnt dem Ende, zumindest in den meisten Fällen, auch ein Aufbruch, ein Neubeginn, etwas Progressives inne.

In ihrem Praxisalltag beginnen Psychoanalytikerinnen1 Behandlungen und da­ mit potentiell immer auch intime und tiefe Beziehungen mit Patienten, wissend, dass sie eines Tages zu einem Ende kommen werden. Besonders in langjährigen Behandlungen begeben sich Analytiker wie Analysandin gleichermassen in einen intensiven, ungewissen, anstrengenden und transformativen Prozess. Die besondere Verbindung, die dabei eingegangen wird, ist für die analytische Arbeit notwendig und steckt voller Chancen und Hoffnungen, aber auch voller Risiken, unerwarteter Wendungen und intensiven affektiven Erfahrungen. Neben den Gewinnen einer Psychoanalyse werden zum Ende hin oft auch die Begrenzungen der gemeinsamen Arbeit schmerzlich spürbar. Analytikerinnen sind, so müsste man meinen, Experten in Sachen «loving and leaving», verfügen über eine grosse Toleranz für Abschiede, Verluste und Trauer oder haben diese im Laufe ihrer Berufstätigkeit zu lernen.

Diesem wichtigen Aspekt der Arbeit als Analytiker wollten wir Raum geben. Mit der aktuellen Ausgabe des Journals für Psychoanalyse hat die Redaktion zur Auseinandersetzung mit dem Thema der Beendigung in der Psychoanalyse eingeladen. Entstanden ist ein vielseitiges, eher klinisches, oft berührendes und in vielen Beiträgen auch persönliches Heft. Mit Thomas Auchters Text zum Phänomen Zeit beginnend, fol­ gen Beiträge, die sich in sehr unterschiedlicher Form mit dem Beenden von Psychoanalysen von Erwachsenen und in einem Fall auch mit den Besonderheiten der Beendigung von analytischen Psychotherapien mit Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Im Weiteren erhalten wir Einblicke in die Arbeit mit Beendigungen aus verhaltensthe- rapeutischer Sicht, in den Prozess des Abschieds aus dem Berufsleben sowie in das « Danach» von Psychoanalysen, der sogenannten postanalytischen Beziehung.

In dem Artikel Die Zeit zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit setzt sich Thomas Auchter aus unterschiedlichen Perspektiven mit Fragen der Zeit und des Zeiterlebens auseinander. Er befasst sich mit dem besonderen Verhältnis der Psychoanalyse zur Zeit und schreibt letzterer eine für den Menschen bedeutsame Orientierungs- und Ordnungsfunktion zu. Zudem zeichnet er die Entstehung und Veränderungen des Zeiterlebens im Laufe des Lebens sowie Phänomene pathologischer Entwicklungen nach, die in Verbindung mit (psychischen) Störungen des Zeiterlebens stehen. Er schliesst mit persönlichen Gedanken zu Zeit und Vergänglichkeit.

In ihrem Beitrag Ende in der Psychoanalyse widmet sich die Psychoanalytikerin Ursula Ostendorf den inneren Voraussetzungen und Bedingungen vorwiegend auf Patientenseite, um eine Analyse beenden zu können. Mit einem Überblick zu klassischer Literatur und Überlegungen zum Thema von Freud, Klein, Bion bis hin zu Segal führt uns die Autorin kaleidoskopisch durch die theoretischen Grundlagen zur Beendigung und beschreibt Chancen und Herausforderungen, die mit dem Ende einer Psychoanalyse verbunden sein können. In einer berührenden klinischen Vignette schildert sie die Behandlung einer Analysandin, die nach der Beendigung der Behandlung wieder zurückkam, sich erst dann «richtig» einlassen und schliesslich auch gehen konnte.

Auch Jürgen Grieser setzt sich in «The end is where we start from» – Die Endlichkeit (in) der Psychoanalyse mit den Voraussetzungen zur Beendigung einer Psychoanalyse oder Psychotherapie auseinander. Beide Seiten, Analytikerin und Analysand, benötigten in dieser Phase der Behandlung Akzeptanz und Toleranz für Unsicherheit, Nicht-Wissen, Trennung, Endlichkeit und Begrenztheit. Er diskutiert in seinem Beitrag die Dialektik von Festhalten vs. Veränderung und plädiert für einen progressiven Umgang mit dem Ende. Dafür stellt er drei Haltungen zur Verfügung, die Analytikern bei der Beendigung hilfreich sein können: eine Haltung der Abschiedlichkeit, der Offenheit für Neues und der Entschlossenheit.

In Die letzte Analyse-Stunde – und was dann? stellt Gerhard Hummel sein breites Wissen und langjährige Erfahrung als Psychoanalytiker, Supervisor und Dozent zum Thema Abschied in der Psychoanalyse dar. In seinem Überblicksartikel legt er dabei einen Schwerpunkt auf Themen rund um die letzte Stunde: über die Terminsetzung («wann») hin zur Abschiedsgestaltung («wie») und dem höchst individuellen Ablauf von Beendigungen, die in kurzen Fallvignetten illustriert und somit lebendig werden. Über das Ende hinaus widmet er sich zudem der Gestaltung von postanalytischem Kontakt und gibt Einblicke in die eigene Behandlungspraxis sowie praktische Anregungen, die in den oftmals turbulenten Beendigungsprozessen der Orientierung dienen können.

Norbert Wolff interviewt die Psychoanalytikerin und Buchautorin Anita Garstick- Straumann in Überlegungen zur Beendigung und zu Begrenzungen von ­ analytischen Psychotherapien mit Kindern und Jugendlichen. Im Gespräch beleuchten sie Fragen der Zeitlichkeit, Endlichkeit und des subjektiven Zeiterlebens in Kinder- und Jugendlichenanalysen und -psychotherapien sowie den Umgang mit Begrenzungen und (Grössen-)Phantasien. Eine besondere Rolle kommt dabei von Anfang bis Ende der Behandlung der Elternarbeit zu, sowie der Fähigkeit des Analytikers zu Flexibilität und innerer Beweglichkeit, was das Setting, die Frequenz und die Autonomie- und Ablösungswünsche bei Jugendlichen angeht.

Der Beitrag Assoziationen zur Beendigung von Psychotherapien aus einer verhaltenstherapeutischen Perspektive von Thomas Schnell ist auf unsere Einladung und aus der Annahme heraus entstanden, dass in der gut strukturierten Verhaltenstherapie mit ihren im Vergleich zu psychoanalytischen Therapien oft zeitlich begrenzteren Behandlungen ein elaboriertes Wissen zur Beendigung existieren würde. In seinem Beitrag moniert der Autor überraschenderweise jedoch den Mangel an Konzepten, Theorien und Forschung zum Ende in der Verhaltenstherapie. Für eine Therapieschule, zu deren Kernkompetenzen die Strukturierung und Manualisie­ rung von therapeutischen Inhalten gehöre, sei diese Leerstelle frappierend. Anhand von Themen und Konzepten wie die «therapeutische Beziehung», insbesondere aus der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie, entwickelt er assoziativ Vorschläge für Gestaltungsprinzipien zur Beendigung von Verhaltenstherapien.

In dem sehr persönlichen Beitrag Zuhören, hinhören – aufhören schreibt Mirna Würgler eindrücklich über den herausfordernden Übergang vom aktiven Berufsleben als Psychoanalytikerin ins nahende Pensionsalter und über ihre Erfahrungen mit dem Abschiednehmen von der Profession, ihren Patienten, von Kolleginnen, der eigenen Praxis, Supervisionen sowie Intervisions- und Lesegruppen. Sie nimmt die Leser dabei mit in ihr Behandlungszimmer und schildert anhand verschiedener Fallvignetten, was die Ankündigung ihres Ruhestands und die Reduzierung ihrer Arbeitszeiten in ihr selbst und in ihren Patientinnen auslösen. Assoziativ verbindet die Autorin dabei ihre eigenen Überlegungen auf der Suche nach Verstehen-Wollen mit den Gedanken ausgewählter psychoanalytischen Theoretiker.

Abschliessend beschäftigen sich Vera Luif und Maria Teichert mit der Zeit nach der Beendigung einer Psychoanalyse. In Bis in alle Ewigkeit? Konsolidierung und Transformation im postanalytischen Prozess beschreiben sie die von Analysand und Analytikerin zu leistende psychische Arbeit nach Behandlungsende sowie Risiken und Chancen bei der Gestaltung einer realen äusseren postanalytischen Beziehung. Spezielle Aufmerksamkeit widmen sie dabei den Besonderheiten im postanalytischen Prozess von lehranalytischen Beziehungen und deren Einfluss auf die Institutionskultur von psychoanalytischen Ausbildungsinstituten.

Ein herzlicher Dank gilt den Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe, die das Thema so reichhaltig und vielseitig bearbeitet haben. Ihre inspirierenden Überlegungen und klugen Gedanken haben ihre Wege in unsere Behandlungszimmer gefunden und die eine oder andere Behandlung und Beendigungsphase mitbegleitet. Für die Gestaltung des Titelbilds danken wir der Künstlerin Nadja Abt, die in der Collage das Trennende, das mit jedem Abschied verbunden ist, umgesetzt hat. Nun verabschieden wir Sie und uns in die Sommerferien und wünschen eine spannende Lektüre!

Für die Redaktionsgruppe: Maria Teichert und Vera Luif.