Duplik
Duplik der Autorin des GrundlagenartikelsDuplik Vera Saller (Zürich) Als erstes möchte ich mich herzlich bei den fünf AutorInnen bedanken, die sich bereit erklärt haben, auf meinen Artikel zu reagieren und deren Ausführungen ich hier kommentieren darf. Die Breite der eingegangenen Arbeiten zeigt, wie umfassend die von mir avisierte Theorie des Denkens ist. Die Sachkenntnis meiner Respondenten spornt mich an, mein Projekt zu vertiefen und in einigen Punkten detaillierter auszuarbeiten. Mit grossem Interesse habe ich mich mit den kriti- schen und/oder zustimmenden Äusserungen unserer Autoren beschäftigt und die weiterführenden Denkanstösse genossen. Die folgenden Kommentare können natürlich nur einzelne Punkte berühren und stellen keine umfassende Würdigung der Beiträge dar. Ich werde meine Ausführungen mit den Arbeiten den der Philosophie näher stehenden Autoren, Eugen Baer und Christian Hauser, beginnen, dann zu den Texten von Bonnie Litowitz und Wolfgang Mertens schreiten, die verstärkt psycho- analytische Diskussionen ins Feld geführt haben und mit meinen Kommentaren zum – wie ich es nennen möchte – anthropologischen Ansatz von Mirna Würgler schliessen. Eugen Baer hat aus meinen Ausführungen herausgegriffen, dass ich meine eigene Geschichte, die subjektive Seite im Gegensatz zur scheinbar neutralen naturwissenschaftlichen Diskussion stärker betont habe. Diese Bemerkung greift auf, was ich nur zwischen den Zeilen habe stehen lassen. Baer benennt richtig meine lebensgeschichtlichen Bindungen an gewisse Theorieströmungen. Seine Bemerkung trifft auch bei der Frage zu, an der sich unsere Interessen verzweigen, nämlich, ob bei einer Peirce und die Psychoanalyse umfassenden Theorie Lacans Formulierungen mit einzubeziehen seien oder nicht. Doch zuerst noch zu Baers Ausführungen zum Pragmatismus: Es mag an der geografischen Perspektive liegen, dass Baer, in Amerika lebend und tätig, das Aufkommen des Pragmatismus in der zeitgenössischen Philosophie nicht über - sehen mag, was mir offenbar unterlaufen ist. Ich habe mich – instinktiv, könnte Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 77 man sagen – «entschlossen», Rorty, Putnam und andere Zeitgenossen, nicht in meine Überlegungen miteinzubeziehen. Zeitgenössische Autoren, die sich selber als Pragmatisten sehen, verraten aus meiner Sicht wesentliche Punkte, die den Peirce’schen Pragmatismus ausmachen, insbesondere indem sie die Wahrheit, genauso, wie Baer das für James beschreibt, relativieren. Damit trifft zu, was Baer vermutet, dass ich Klaus Oehlers Wertung der verschiedenen Arten des amerika- nischen Pragmatismus zustimme. Darauf, wie Baer auf meine Ablehnung der Versuche, Peirce und Lacan zu vereinen, reagieren würde, war ich gespannt, hatte sich doch schon in einem vor - angegangenen Austausch von Gedanken abgezeichnet, dass wir da verschiedener Meinung sein werden. Der freundliche Hinweis von Baer, dass Peirce’ Kategorien in ihrer Breite beide Interpretationen zulassen, beschämte mich dann fast. War ich zu scharf gewesen in meinem Beharren auf der Superiorität des Peirce’schen Ansatzes gegenüber dem Strukturalismus? Das absolute Nichts als verbindender Urgrund hat etwas Versöhnliches und überzeugt auch. Ja, diese Seite der Peirce’schen Kosmologie war es ja auch (unter vielen anderen Punkten), die mich faszinierte. Ich konnte schliesslich für mich festhalten, dass ich nach wie vor der Meinung bin, dass Freud die Faszination für eine derartige philosophia perennis wohl eher fremd gewesen sein dürfte, und ich die Behauptung, dass die Freudinterpretation von Lacan und Bion im Sinne eines epistemologischen Skeptizismus fehlgehe, aufrechterhalten würde. Allerdings schliesst das ja nicht aus, dass ich mich sel- ber für letzte Gründe oder besser, letzte Potentialitäten interessieren könnte! Mit meiner Betonung des Firsts und auch des unbestimmten, potenziellen Charakters desselben, habe ich mich selbst eigentlich auch in die Richtung des abso\ luten Nichts als letztem Grund bewegt. Baer hat der Abudktion in seinem Artikel mehr Gewicht geschenkt, als ich dies getan habe. Meine Duplik möchte ich für einige ergänzende Gedanken zur Abduktion nutzen: Baer betont, dass die Abduktion mit Freuds gleichschweben- der Aufmerksamkeit in enger Verbindung stehe und er sieht also diese Art der Schlussfolgerung vor allem als Arbeitsinstrument des Analytikers. Mir indessen ist es überaus wichtig zu betonen, dass nicht nur der Analytiker, sondern auch der Analysand, ja sogar Herr X und Frau Y auf der Strasse, abduktiv denken. Die Abduktion gehört für mich mitten ins Denken hinein, wenn auch Freud die Ehre zugestanden werden kann, das Raten für die Wissenschaft wiederentdeckt oder rehabilitiert zu haben (vgl. Vasalli, 2001). Für die folgenden Punkte, die Baer anführt, kann ich mich nur für die reichen Anregungen bedanken und bejahen: Der performative turn in den Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 78 Vera Saller Kulturwissenschaften und – last but not least – in der Psychoanalyse wurde von Peirce sozusagen vorweggenommen. Die Stimme (und andere nicht-sprachliche, sinnliche Zeichen) sind für dieses Verständnis der talking cure ausserordentlich wichtig und schliesslich: Im Haus der Wahrheit gibt es viele Wohnungen. Aus Christian Hausers Text, möchte ich den Hinweis auf die Ähnlichkeit von Hegel und Peirce herausgreifen. Es ist wohl so, dass Peirce durch und durch als Dialektiker gelesen werden kann, insbesondere auch, weil er immer wieder das Denken als inneren Dialog (vgl. dazu das Zitat, das ich an den Schluss dieser Arbeit stelle) beschreibt. Indessen gibt es auch einen wichtigen Unterschied zu Hegel: Erinnern wir uns an Marx, der ja den Anspruch hatte, Hegel auf die Füsse gestellt zu haben, indem er die Erfahrung der Menschen mit ihrer materiellen Umgebung zur treibenden Kraft machte und damit seinen Materialismus dem Idealismus Hegels entgegenstellte. Etwas Ähnliches beansprucht auch Peirce für sich. Allerdings unterscheidet sich Peirce’ Monismus vom Marx’schen deutlich, denn Peirce stellt nicht Materialismus gegen Idealismus, sondern nimmt an, dass vieles, was traditionelle Denker beim von der materiellen Basis abgespalteten Geist oder Ratio positionierten, in der Evolution der Naturgesetze wirksam sei. Die Natur ist bei ihm nicht mechanisch oder seelenlos. Vielmehr strebt die ganze Evolution auf immer komplexere Geflechte von Gewohnheiten und immer reichere Verbindungen. Der rein geistigen Evolution bei Hegel fehlt nach Peirce die Erfahrung der Menschen mit ihrer materiellen Umwelt, das Second: «Der Grundfehler von Hegel, der sein ganzes System bis ins Letzte durchdringt, ist, dass er den Zusammenstoss mit dem Äusseren (outward clash) fast durchgehend unberücksichtigt lässt» (CP 8.41, Übers. V. S.). Die Kritik von Peirce an Hegel ist mir wichtig, weil ich unter anderem gerade den Aspekt des epistemologischen Realismus und des Einbezugs der konkreten, materiellen Erfahrung der Menschen in den Denkprozess als so wertvoll empfinde. Wenden wir uns nun Bonnie Litowitz’ gehaltvoller Arbeit zu. Litowitz hatte 1991 den Text «Elements of a semiotic theory relevant to psychoanalysis» veröffent- licht, in dem sie mögliche Berührungspunkte von Freud’schem und Peirce’schem Denken aufzeigte, der im Übrigen 1995 in der Zeitschrift Riss auch auf Deutsch veröffentlicht worden ist. Ich habe diese Arbeit in meinem Aufsatz erwähnt. Dass sie sich bereit erklärt hat, meine Ausführungen zu kommentieren, ehrt mich sehr. Allerdings muss ich gestehen, dass ich zu Anfang Mühe hatte, zu sehen, wo genau sie sich auf meinen Text bezieht. Ich hatte die Konfrontation mit psychoanalyti- schen Diskursen gesucht, die sich geografisch weit weg ereignen. Im Laufe der Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 79 Lektüre wurde mir indessen klar, dass ich, so sehr ich mich auch bemüht hatte, die amerikanische Diskussion miteinzubeziehen, letztlich doch zu wenig vertraut damit war und wohl einiges übersehen hatte. Die Fremdheit zeigte sich zuerst ein - mal daran, dass Litowitz auf meine Zuschreibung, dass die amerikanische Fassung der Psychoanalyse und der Philosophie naturgemäss optimistischer sei als die europäische, reagiert hat. Erst als sie als Amerikanerin mir als Europäerin in dieser Einschätzung Recht gibt, bemerke ich bei mir, auf welchem Hintergrund meiner - seits dieser Satz geschrieben worden war: Ich hatte mich selber als ausserhalb der von mir in vielem als zu bedeutungsschwer, zu metaphysisch empfundenen europäischen Denkkultur gesehen und voller Hoffnung nach Amerika geblickt. Ob und inwiefern ich dort aber verstanden werde, wird sich erst erweisen. Meine weiteren Kommentare zu Litowitz’ Arbeit gruppiere ich um das Thema Primärprozess contra unbewusste Fantasie. Beim zweiten Lesen von Litowitz’ und Mertens Arbeiten, sowie dem Nachlesen einiger dort angegebener Artikel wurde mir klar, dass Litowitz und ich in einer wichtigen Frage absolut nicht übereinstimmten. Litowitz erwähnt die Kluft zwischen unseren Ansichten in ihrer Arbeit nicht ausdrücklich, so dass auf den ersten Blick der Anschein entstand, dass sie nicht eigentlich auf meine Ausführungen eingehe. Nur, die Autorin hatte bereits in einer früheren Arbeit (2007) die Freud’sche Aufteilung in Primär- und Sekundärprozess als jenen Teil der Freud’schen Ausführungen denunziert, der durch den heutigen Wissensstand über Kleinkindentwicklung obsolet geworden sei. Sie stellte dort die These auf, dass die Vorstellung der Unbewussten Fantasie, wie sie in den verschiedenen psychoanalytischen Schulen zur Geltung kommt, mittlerweile so viele Aspekte umfasse, dass sie durchaus den Anschluss an die neuere Kognitionsforschung und Neurowissenschaften schaffen könne. Sie charak - terisiert die unbewusste Fantasie als Ort, wo veridische Wahrnehmung der Babys, Wunschdenken und Abwehrprozesse in immer neuen Kombinationen zusammen- spielen und wo Erklärungen darüber zu finden seien, wie motivationale Prozesse die kognitive Tätigkeit beeinflussen, benutzen und lenken. Angesichts dieser Einschätzung des Primärprozesses scheinen ihre und meine theoretischen Bemühungen unüberbrückbar auseinanderzudriften. Ich möchte diesen Eindruck etwas entwirren und zeigen, dass es sich hierbei im Grunde um definitorische Festlegungen handelt, die ja immer auch geändert wer - den können, und wir im Grunde doch in die selbe theoretische Richtung ziehen. Litowitz geht in ihrem Beitrag im Journal nicht darauf ein, ob die Art, wie ich den Primärprozess wieder zur Geltung zu bringen versuche, dem entspricht, was sie im Artikel von 2007 kritisierte. Sie erwähnt hingegen, dass sie in jenem Artikel gezeigt Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 80 Vera Saller habe, dass «ein Vergleich der Merkmale, die Freud der Traumarbeit attestiert (z. B. Verdichtung, Verschiebung, Rücksicht auf die Darstellbarkeit) mit den Ergebnissen der Beforschung von Kleinkindern […] klar [zeigt], dass Freuds Vorschlag von 1900 unhaltbar ist» (Übersetzung V. S.). In der angegebenen Arbeit führen Litowitz, ähnlich wie die von Mertens zitierte Anne Erreich (2003), sehr detailliert aus, wie das Zusammenspiel von Wunschdenken, Abwehr und Wahrnehmung dank der Vorstellung vom intelligenten Baby auszusehen hätte. Dies ist indessen gar nicht der Diskurs, auf den sich meine Ausführungen zum Primärprozess beziehen. Als ich mir des Auseinanderklaffens unserer Argumentationen gewahr wurde, erschrak ich zuerst und ging innerlich über die Bücher. Ich fragte mich, warum ich ausgerechnet den Primärprozess als zentralen Anschlusspunkt von Freud und Peirce gewählt hatte und ich muss gestehen, dass für mich zu diesem Zeitpunkt zwischen unbewusster Fantasie und Primärprozess gar nicht so ein grosser Unterschied bestand. Der Begriff des Primärprozesses lag mir nahe, weil ich mich ausführlich mit Freuds siebtem Kapitel der Traumdeutung, mit seinem Entwurf und mit Wilfred Bions Ausführungen zu diesen Arbeiten ausei- nandergesetzt hatte. Zudem hatte ich mich mit Linda Brakel (2009) beschäftigt, die den Begriff des Primärprozesses gegenüber der Philosophie Donald Davidson und Marcia Cavells aufwertet. Mir gefiel und gefällt auch der Wortteil Prozess im Begriff, da ein Teil meiner Bemühungen ja darauf zielt, das Prozesshafte des Denkens klarer herauszustellen und gegenüber Hypostasierungen (wie z. B. das Unbewusste) zu verteidigen. Auch die unbewusste Fantasie liegt mir als Leserin von Melanie Klein und ihrer Schule nahe, sie bedeutet für mich aber insofern etwas anderes, als es hier um eine Art narrativer Struktur innerhalb der Denkprozesse geht, wohingegen der Primärprozess eher auf die Funktionsweise des Denkens überhaupt abzielt. Es liegt mir fern, mich mit den Ausführungen von Litowitz und Erreich anzulegen, ich bin mit ihnen sehr einverstanden. Sie greifen die wichtigen Themen auf, inwiefern die Erkenntnisse der Kleinkindbeobachtung und die Annäherung an die Neuro- Kognitionswissenschaften die Psychoanalyse beeinflussen. In diesem Sinne sind beide Artikel ausserordentlich klar und anregend. Das heisst für mich aber nicht, dass der Primärprozess in die Abstellkammer für überholte Begriffe gehört. Gemäss meiner Beschreibung müssen die Merkmale des Primärprozesses durch Freud nicht dem entsprechen, wie das Neugeborene denkt. Auch ich habe die Beschreibungen des kompetenten Babys mit Begeisterung rezipiert und empfinde sie überhaupt nicht als Gegensatz zu meinen Ausführungen. Als Erstes möchte ich festhalten, dass der Primärprozess nicht etwas ist, was sich beobachten lässt. Er ist ein Niveau im Denkprozess, das bei jedem Denkschritt Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 81 immer im Hintergrund wirkt, sowohl bei Babys wie bei Erwachsenen. Mit mei- nem Hervorheben des Firsts im Peirce’schen Universum und mit dem Vergleich desselben mit Freuds Primärprozess wollte ich zeigen, dass die Vagheit und Unbestimmtheit, die Freud als Abkömmlinge von Triebprozessen und deren Abwehr analysierte, viel allgemeiner vorkommen und als Teile aller Denk-, res- pektive Zeichenprozesse zu werten sind. Dass mir dies so wichtig ist, hat eher philosophisch-erkenntnistheoretische denn psychoanalytische Gründe. Dass unsere Wahrnehmung auf der Fähigkeit aufruht, Ähnliches als ähnlich zu erkennen und die nach Stern so benannten RIGs (Representations that have been Generalized) zu bilden, ist etwas, was in vielen modernen erkenntnisphilosophischen Betrachtungen zur Wahrnehmung vollkom- men fehlt (z. B. bei McDowell, 1995). Es ist aber gerade dieses ursprüngliche sich Aufdrängen von Assoziationen, das meiner Meinung nach sowohl die Grundlage für Symbolisierungen legt, wie auch verantwortlich ist für die von Freud beob- achteten «verzerrten» Darstellungen, die er Verdichtung und Verschiebung nennt. Damit, mit dem Postulieren einer – allerdings nur theoretisch herleitbaren, niemals beobachtbaren – ersten Ebene, bin ich an einem ähnlichen Punkt angelangt wie Litowitz, die in dem erwähnten Aufsatz schreibt: «die Abwehrmechanismen sind der Gebrauch der normalen Denkprozesse für motivationale oder emotionale Ziele» (Litowitz, 2007, S. 222). Die Stärke der Psychoanalyse liege darin, dass wir Wissen darüber hätten, wie die normalen kognitiven Prozesse für emotionale Ziele gebraucht werden können. Bis hierher gehe ich mit Litowitz vollkommen einig. Ich glaube indessen, dass die grosse Herausforderung darin besteht, zu verstehen, wie Wahrnehmungsprozesse einerseits veridisch sein können, ohne andererseits das Wunschdenken und/oder die Abwehr völlig zu vernachlässigen. Und viel- leicht ist ja das, was Litowitz mit ihrer differenzierten Vorstellung von unbewuss- ten Fantasien aufzeigt, in denen «unbewusste Karten der eigenen Aktivitäten» (Litowitz, 2007, S. 223) angelegt werden und die «nicht beachteten Bedeutungen doch als Karten für unser Verständnis der Welt» (2007, S. 222) dienen, eben doch eine «neue Form von Denken (Primärprozess)» (ebd.), das wir in die Diskussion der Kognitionspsychologe einbringen (Übersetzung V. S.). Philosophisch problematisch in dem eben beendeten Absatz ist das Adjektiv veridisch. Wenn wir uns danach fragen, was Wahrheit ist und wir uns vom Wahrheitsanspruch einer Aussage überzeugen können, kommen wir auf die philosophische Ebene. Bei Peirce spielt bekanntlich die Ebene des Austausches des Wissens und die community of inquiry für die schrittweise Erarbeitung von wahren Aussagen eine grosse Rolle. Die Forscher treiben in fortwährender Selbstkritik und Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 82 Vera Saller im Austausch das Auffinden von Wahrem voran, wenn dies auch letztlich nur in the long run erreichbar ist. Das, was für wahr gehalten wird, wird durch den ande- ren gespiegelt und dadurch beantwortet. Dieser Gedanke spielt natürlich auch in der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle. Zum Beispiel bei den von Litowitz formulierten Gedanken (2007) bezüglich der unbewussten Fantasie. Im Laufe ihrer Untersuchung von Freuds Statement, dass es im Unbewussten keine Zeit gebe, formuliert sie anhand der neuen Erkenntnisse der Baby-Forschung Folgendes: Ich möchte das Konzept der unbewussten Fantasie, was Denken und Sprechen betrifft, umformulieren: Unbewusste Fantasien bestehen weiter, weil sie unberührt sind von Zeit oder Aspekt. 1 Obwohl Kinder in der Lage sind, Zeit und Aspekt zu verstehen, erscheinen diese Kennzeichen nur nötig in den kommunikativen Austauschhandlungen mit anderen. Unbewusste Fantasien unter - scheiden sich von den anderen Denkformen der Kinder in dieser Hinsicht: Vom Bewusstsein abgeschnitten sind die Aussagen, die unbewussten Fantasien unterliegen, unerreichbar für den kommu- nikativen Austausch. Da sie nie ausformuliert wurden, existieren sie als Aussagen ohne performative Kraft. Erst wenn die Inhalte der unbewussten Fantasie im therapeuti- schen Diskurs zwischen Analytiker und Analysand ausformuliert werden, werden sie in Sprachakte eingebettet, die die Anerkennung der fehlenden Elemente verlangen. Im Akt des Sprechens muss man spezifizieren: Was ist es für ein Ereignis (das in der Vergangenheit, oder das in der Gegenwart)? Zu welchem Zeitpunkt findet die Gegebenheit statt (damals oder jetzt)? Wer spricht (ich) und zu wem (Sie)? Was ist die illokutionäre Kraft meiner Aussage (stellt der Sprecher fest, fordert er etwas, fragt, verlangt, insistiert oder befiehlt er etwas – usw.)? Welche performativen Handlungen wer - den in Szene gesetzt und wer spricht zu wem, das wird erst klar, wenn etwas in der Übertragungsbeziehung ausgesprochen wird. (Litowitz, 2007, S. 219, Übers. V. S.) Die Frage danach, was wir uns unter unbewussten Fantasien vorstellen, durchzieht auch die Kommentare von Mertens, der trotz übereinstimmendem Grundton einige Korrekturen an meiner Art, die Boston Change Process Study Group (CPSG) darzustellen, anbringt. Dies betrifft zwei Punkte: Ich hatte angedeu- Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 83 tet, dass die Darstellungen der CPSG dazu verleiten könnten, zu glauben, dass man die implizite Ebene (die Ebene des Verhaltens) bewusst einsetzen könne. Zweitens hatte ich bezüglich Sterns Ausführungen zur frühen Entwicklung der Mutter- Kind Dyade meine Gedanken zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches so zusammengefasst, dass Stern gelingende Kontakte zwischen Mutter und Kleinkind beschreibe, ihm hingegen für jene Fälle, wo etwas schief laufe, die Konzepte fehlen würden. Mertens hält der ersten hier erwähnten Aussage entgegen, dass gerade das spontane Auftreten von now moments doch auf das Nichtsteuerbare dieser Interaktionsphänomene verweise und bezüglich der zweiten inkriminierten Aussage meint er, dass die von Angehörigen der Bostoner Gruppe verbreiteten Filme eindrücklich auch Momente von fehlgehender oder nicht stattfindender Kommunikation zwischen Mutter und Babys (Still Face Expermiment) und deren verheerende Folgen aufgezeigt hätten. Nach der Lektüre der Kommentare von Litowitz und Mertens scheint mir vieles einfacher und klarer, und die Art, in der ich meine Position an den bei- den von Mertens kommentierten Stellen zu formulieren suchte, erscheint mir im Nachhinein wie eine erste tastende Annäherung. Kommen wir also nochmals zurück zum Zeitpunkt, als Stern das bahnbrechende Buch «The Interpersonal World oft he Infant» geschrieben hat. Ein Grossteil der Erkenntnisse, die durch dieses Buch in die psychoanalytische Vorstellung vom Kleinkind korrigierend eingeflossen sind, hat unser Denken entscheidend verändert. Stern beschreibt, wie Gewohnheiten zwischen Mutter und Kind entstehen und wie sie das Kind zunehmend befähigen, sich selber als wirksamen Akteur in dieser Welt zu verstehen. Dass diese Elemente, die mögliche Erkenntnis der Welt und die Einflussnahme durch eigene Aktivität, in der Psychoanalyse zuvor sehr unterbelichtet waren, und z. T. noch heute sind, entspricht auch meiner Einschätzung und überdies meinem Projekt, in dem ich versuche, dem habituellen Unbewussten auch in der Psychoanalyse Anerkennung zukommen zu lassen. Nun zu meiner Kritik an Stern, die ich im Artikel als Statement meiner damaligen Gedanken indirekt eingebracht habe. Es entspricht der Methode der Beobachtung, dass nur Positivem, im Sinne von Vorhandenem, Sichtbarem, Rechnung getragen werden kann. Es ist unmöglich, durch Beobachtung der Interaktion zwischen Mutter und Kind, die Fantasien des Kindes zu «sehen». Stern übte im Schlussteil des Buches erhebliche Kritik an Margret Mahler sowie auch an Otto F. Kernberg und Melanie Klein. Mahler kritisierte er für ihre Vorstellung einer anfänglichen Symbiose und hielt dieser seine Beobachtungen entgegen, die ein Kind zeigen, das sich selbst aktiv einbringt und Erfahrungen mit einer Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 84 Vera Saller anderen Person, der Mutter oder Pflegeperson, macht. An Kernberg und Klein umgekehrt störte Stern, dass sie dem Kind Fantasien zuschreiben, defensive Fantasien, die seiner Ansicht erst später im Leben des Kindes möglich werden: «Die Bewältigungsfähigkeiten entwickeln sich in Form realitätsbezogener Anpassungen. Abwehrmassnahmen, die die Realität entstellen, treten erst in Erscheinung, wenn das symbolische Denken verfügbar ist» (Stern, 1992, S. 355). Der Eindruck, dass Stern über kein Vokabular für jene Situationen verfüge, in denen der Kontakt zwischen Mutter und Kind nicht zustande kommt, hat einerseits damit zu tun, dass die Methode der Baby-Beobachtung das, was psychoanalyti- sche Autoren ausgefeilt als unbewusste Fantasien beschrieben haben, schon aus rein methodologischen Gründen nicht erfassen kann. Sterns Argument gegen die Formulierungen Kleins, dass das Kleinkind nicht über die Symbolisierungsfähigkeit verfüge, die ihm unterstellt wird, wischte ich damals, als Psychoanalytikerin, die sich stark zu Kleinianischem Gedankengut hingezogen fühlt und die eben erst die Praxistätigkeit aufgenommen hatte, mit dem Gedanken weg, dass es ja auf der Hand liege, dass die Fantasien, die Klein beschrieb, adultomorph seien, aber dass wir eben keine andere Möglichkeit hätten, uns vorsprachliche Fantasien vorzustellen. Heute kann ich diesen Gedanken mit Einbezug meiner Arbeiten zu Peirce und mit Hilfe von Erreich (2003) und Litowitz (2007) so fassen, dass wir auch für die vorsprachliche Zeit eine Fantasietätigkeit annehmen sollten, deren kompromiss- bildende Prinzipien aber nicht der Verdrängung, sondern der Verwerfung folgen und die sich ikonisch-indexikalisch auf Inhalte beziehen. Es handelt sich um Teile der seelischen Tätigkeit des Kindes, die aus der Kommunikation und den durch sie entstehenden Gewohnheiten zwischen Mutter und Kind, sowie den laufend sich erweiternden RIGs auf Seiten des Kindes, ausgeschlossen sind und deshalb – vgl. meine Ausführungen zu Litowitz oben – zeitlos bleiben. Wir nehmen an – z. B. auf- grund der Videoaufnahmen des Still-Face-Experiments –, dass diese Fantasien im Hintergrund verhaltenssteuernd wirken, aber bewiesen werden können sie nicht. Mertens fand weiter meine Vermutung unzutreffend, dass die Autoren der CPSG den Eindruck erwecken könnten, die implizite Ebene sei durch den Analytiker steuerbar. Mertens betont, dass dies überhaupt nicht zutreffe und erwähnt die von Autoren der Bostoner Gruppe beschriebenen now moments, die als überraschend und unvorhersehbar beschrieben würden. Er schliesst an, dass auch für die Autoren der Bostoner Gruppe die Erschliessung von now moments erst nachträglich erfolgte. Damit hat Mertens Recht. Ich werde nun versuchen, meine Kritik reakzentuiert neu zu formulieren: Now-Momente sind Momente der Authentizität, in denen der Analytiker in einer kritischen Phase sozusagen Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 85 ausserhalb seiner Rolle als Analytiker, als Person, richtig reagiert (vgl. Prager, 2003). «Richtig» bedeutet, in einer Weise, die beim Analysanden die Sicherheit hervorruft, dass er hier verstanden wird und dass der Analytiker ihm gut gesinnt ist. Obwohl diese Momente, wie Mertens richtig bemerkt, nicht planbar sind, stellt sich doch die Frage, ob die Möglichkeit, dass der Patient beim Analytiker neue Erfahrungen machen kann und nicht dieselben Rückweisungen erfahren muss, die sich in sei- ner frühen Kindheit ereignet haben, erhöht werden kann. Der Geistesblitz, der alles in einem anderen Licht sehen lässt, das abduktive Verstehen, geschieht oft in einem unerwarteten Moment. Wunderschön, wenn wir mit unseren Analysanden solche Momente teilen können. Zum klinischen Alltag gehören indessen auch viele Momente und Stunden, in denen wir uns nur mit Mühe vom Erleben im Second lösen können – wie ich das ja schon in meinem Artikel betonte. Wir befinden uns dann in den Zwängen der Realität, wie der Patient sie denkt und fühlt und können uns kaum zu den lichten Augenblicken des Third aufschwingen. Meiner Ansicht nach ist es der Kontakt mit anderen Analytikern, die Intervision und die theore- tische Durchdringung des Materials, die dem Analytiker immer wieder hilft, sich aus bedrückenden und einengenden projektiven Identifikationen zu lösen, indem er sie durchschaut. Oder, indem er emotionale Unterstützung von Kollegen erhält, die ihm dann wiederum hilft, schwer zu ertragende Momente eher im reflexiven Raum zu erleben als sich von ihnen als Second erdrücken zu lassen. Wir reden hier also nochmals vom Eingebettetsein im Zeichenuniversum, das gleichzeitig das Getragensein von sozialem, kulturellem Sinn bedeutet. Wir reden von der Notwendigkeit, das Implizite, Verdrängte, Verworfene oder schlicht die unbewusst gehaltenen Konstellationen durch die Analyse der Sprache zugänglich zu machen, damit sie im Nachhinein verstanden werden können (vgl. Mertens, in diesem Heft). Das heisst, wenn auch die Autoren des CPSG nirgends schreiben, dass die Now-Momente planbar seien, so fehlt bei Ihnen der Hinweis darauf, dass wir die Wahrscheinlichkeit von Now-Momenten nicht durch guten Willen und mütterliche Haltung erhöhen können, sondern nur durch ein Durcharbeiten des Materials und unserer eigenen Gegenübertragung. Ich komme zu Mirna Würglers Arbeit, die sich mit der Entstehung der Kultur befasst. Dass ich sie eingeladen habe, meine Arbeit zu kommentieren, hängt mit unserer gemeinsamen Geschichte zusammen. Wir sind ursprünglich Sozialanthropologinnen, die sich der Psychoanalyse zugewandt haben. Doch auch als Analytikerinnen hat uns die kulturelle Frage nie losgelassen. Da für mich der Bezug auf Peirce eine Antwort auf die Fragen gibt, die sich aus dem Versuch der Verbindung von Theorie der Kultur auf der einen und der Psychoanalyse, Theorie Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 86 Vera Saller des Individuums auf der anderen Seite, ergeben, hat mich ihre Meinung interes- siert. Die frische Art, wie sie die Frage nach der Kultur direkt mit dem Bezug auf eine mythische Genese derselben angeht, hat mir gefallen. Würglers Geschichte erinnert an Freuds «Totem und Tabu», eine Schrift, die nach der Ablehnung durch die Anthropologen Ende der 20er Jahre lange als überholt galt. Natürlich gäbe es zu ihrer These, dass die Kultur aus der Erkenntnis des Todes resultiert, viele Fragen und Ideen. Was für eine Rolle spielt die Religion in der Menschwerdung, sind doch diese Art Rituale meist religiös motiviert? Wenn wir uns aber die Urreligionen vor - stellen, die vielleicht die ersten Begräbnisriten hervorgebracht haben, stellt sich auch gleich die Frage nach der Macht. Würglers Text lässt an ähnliche Thesen den - ken, etwa diejenige von René Girard (1983) der im Zentrum der Menschwerdung ebenfalls Rituale sieht. Religion und Ritual sind bei Girard gekennzeichnet durch die – im Sinne der Gruppe – selbstzerstörerische Rivalität unter den Hominiden. Sie wird über Sündenbockprozesse gebannt und durch Rituale sakralisiert. Ich assoziierte zu ihren Ausführungen auch «2001: A Space Odyssey» oder «Planet der Affen», filmische Darstellungen der uns allen doch immer wieder so bedrängenden Frage, wie die Ersetzung der instinkthaften Regelung der Tiere in die trieb- und reflexionsgeleitete Handlungsweise der Menschen umschlägt. Auf den ersten Blick mögen die Gedanken von Würgler als weit hergeholt scheinen, für mich sind sie es nicht. Ihre Geschichte der Menschheit hat mir klargemacht, dass es grundsätzliche Fragen wie die ihrigen sind, die mich beschäftigen, wenn ich mich mit der Herkunft des Denkens herumschlage. Der zentrale Platz, den Würgler (und Girard) den Ritualen beimisst, liesse sich vielleicht gar mit Peirce’ Gewicht, das er den Gewohnheiten gibt, verknüpfen. Im Spätwerk von Peirce hat dieser eine evolutionäre Kosmologie entworfen, in der die Fähigkeit, Gewohnheiten anzunehmen, weit über das Menschliche hinaus- geht. In meiner Arbeit habe ich bereits angedeutet, wie durch dieses umfassende Verständnis von Prozesshaftem als Zeichenhaftem der Graben zwischen Materie und Geist überbrückt werden könnte. Angesichts eines solcherart umfassenden Verständnisses der semiotischen Prozesse stellt sich aber erneut die Frage, was das spezifisch Menschliche am semi- otischen Prozess Denken ausmacht. Und auch hier kommen wir wieder auf den Begriff der Zeit, auf die Möglichkeit, etwas, das wir erlebt haben, im Nachhinein zu überprüfen. Die Möglichkeit, anhand der geteilten Begriffe Geschehenes fest- zuhalten und zu widerholen. Die gemeinsame Bezugnahme auf Realität durch die Sprache und Kultur, denn, genauso wie es das Baby ohne Mutter nicht gibt Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 87 ( Winnicott, 1952), gibt es den Menschen nur als Mitglied einer Gemeinschaft, struk- turiert durch geteiltes Wissen und Bezug auf ein Drittes, das wir Kultur nennen: Wir wissen, dass der Mensch als Einzelwesen nicht vollständig ist, dass er in erster Linie Mitglied der Gesellschaft ist. Vor allem ist die Erfahrung eines Menschen nichts, wenn sie alleine steht. Wenn der Mensch etwas sieht, das andre nicht sehen, handelt es sich um eine Halluzination. Es ist nicht «meine Erfahrung» sondern «unsere»; daran müssen wir denken und dieses «wir» hat unbe- grenzte Möglichkeiten. (CP 5.402, Anm. 2, Übers. V. S.) Literatur Brakel, L. (2009). Philosophy, psychoanalysis, and the a-rational mind (international perspectives in philosophy and psychiatry). New York: Oxford University Press. Erreich, A. (2003). A modest proposal: (Re-)defining unconscious phantasy. Psychoanalytic Quarterly, 72, 541–574. Girard, R. (1983). Das Ende der Gewalt: Analyse des Menschheitsverhängnisses. Freiburg im Breisgau: Herder. Litowitz, B. (2007). Unconscious fantasy: A once and future concept. Journal of the American Psychoanalytic Association, 55(1), 199–228. Litowitz, B. (1995). Elemente einer für die Psychoanalyse relevanten semiotischen Theorie. Riss, 10, 32, 9–46. McDowell, J. (1994). Mind and world. Cambridge MA, London UK: Harvard University Press. Peirce, C. S. (1931–1935). The Collected Papers of Charles Sanders Peirce I–VI. Hartshorne, Ch. & Weiss, P. (eds.). Cambridge, MA: Harvard University Press, Zitiert als: CP Bandnummer. Paragraph. Prager, H. (2003). Ein «now moment» unter der Lupe. 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Anmerkung 1 Grammatische Kategorie, mit der die SprecherInnen die Vollendung oder Nicht- vollendung eines Geschehens aus ihrer Sicht ausdrücken (http://www.duden.de/rechtschrei - bung/Aspekt#Bedeutung3. 22.13.2014). Ein Beispiel ist die ing-Form im Englischen oder das Perfekt-Imperfekt in den romanischen Sprachen. Anmerk. V. S. Journal für Psychoanalyse 55
Duplik der Autorin des GrundlagenartikelsDuplik Vera Saller (Zürich) Als erstes möchte ich mich herzlich bei den fünf AutorInnen bedanken, die sich bereit erklärt haben, auf meinen Artikel zu reagieren und deren Ausführungen ich hier kommentieren darf. Die Breite der eingegangenen Arbeiten zeigt, wie umfassend die von mir avisierte Theorie des Denkens ist. Die Sachkenntnis meiner Respondenten spornt mich an, mein Projekt zu vertiefen und in einigen Punkten detaillierter auszuarbeiten. Mit grossem Interesse habe ich mich mit den kriti- schen und/oder zustimmenden Äusserungen unserer Autoren beschäftigt und die weiterführenden Denkanstösse genossen. Die folgenden Kommentare können natürlich nur einzelne Punkte berühren und stellen keine umfassende Würdigung der Beiträge dar. Ich werde meine Ausführungen mit den Arbeiten den der Philosophie näher stehenden Autoren, Eugen Baer und Christian Hauser, beginnen, dann zu den Texten von Bonnie Litowitz und Wolfgang Mertens schreiten, die verstärkt psycho- analytische Diskussionen ins Feld geführt haben und mit meinen Kommentaren zum – wie ich es nennen möchte – anthropologischen Ansatz von Mirna Würgler schliessen. Eugen Baer hat aus meinen Ausführungen herausgegriffen, dass ich meine eigene Geschichte, die subjektive Seite im Gegensatz zur scheinbar neutralen naturwissenschaftlichen Diskussion stärker betont habe. Diese Bemerkung greift auf, was ich nur zwischen den Zeilen habe stehen lassen. Baer benennt richtig meine lebensgeschichtlichen Bindungen an gewisse Theorieströmungen. Seine Bemerkung trifft auch bei der Frage zu, an der sich unsere Interessen verzweigen, nämlich, ob bei einer Peirce und die Psychoanalyse umfassenden Theorie Lacans Formulierungen mit einzubeziehen seien oder nicht. Doch zuerst noch zu Baers Ausführungen zum Pragmatismus: Es mag an der geografischen Perspektive liegen, dass Baer, in Amerika lebend und tätig, das Aufkommen des Pragmatismus in der zeitgenössischen Philosophie nicht über - sehen mag, was mir offenbar unterlaufen ist. Ich habe mich – instinktiv, könnte Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 77 man sagen – «entschlossen», Rorty, Putnam und andere Zeitgenossen, nicht in meine Überlegungen miteinzubeziehen. Zeitgenössische Autoren, die sich selber als Pragmatisten sehen, verraten aus meiner Sicht wesentliche Punkte, die den Peirce’schen Pragmatismus ausmachen, insbesondere indem sie die Wahrheit, genauso, wie Baer das für James beschreibt, relativieren. Damit trifft zu, was Baer vermutet, dass ich Klaus Oehlers Wertung der verschiedenen Arten des amerika- nischen Pragmatismus zustimme. Darauf, wie Baer auf meine Ablehnung der Versuche, Peirce und Lacan zu vereinen, reagieren würde, war ich gespannt, hatte sich doch schon in einem vor - angegangenen Austausch von Gedanken abgezeichnet, dass wir da verschiedener Meinung sein werden. Der freundliche Hinweis von Baer, dass Peirce’ Kategorien in ihrer Breite beide Interpretationen zulassen, beschämte mich dann fast. War ich zu scharf gewesen in meinem Beharren auf der Superiorität des Peirce’schen Ansatzes gegenüber dem Strukturalismus? Das absolute Nichts als verbindender Urgrund hat etwas Versöhnliches und überzeugt auch. Ja, diese Seite der Peirce’schen Kosmologie war es ja auch (unter vielen anderen Punkten), die mich faszinierte. Ich konnte schliesslich für mich festhalten, dass ich nach wie vor der Meinung bin, dass Freud die Faszination für eine derartige philosophia perennis wohl eher fremd gewesen sein dürfte, und ich die Behauptung, dass die Freudinterpretation von Lacan und Bion im Sinne eines epistemologischen Skeptizismus fehlgehe, aufrechterhalten würde. Allerdings schliesst das ja nicht aus, dass ich mich sel- ber für letzte Gründe oder besser, letzte Potentialitäten interessieren könnte! Mit meiner Betonung des Firsts und auch des unbestimmten, potenziellen Charakters desselben, habe ich mich selbst eigentlich auch in die Richtung des abso\ luten Nichts als letztem Grund bewegt. Baer hat der Abudktion in seinem Artikel mehr Gewicht geschenkt, als ich dies getan habe. Meine Duplik möchte ich für einige ergänzende Gedanken zur Abduktion nutzen: Baer betont, dass die Abduktion mit Freuds gleichschweben- der Aufmerksamkeit in enger Verbindung stehe und er sieht also diese Art der Schlussfolgerung vor allem als Arbeitsinstrument des Analytikers. Mir indessen ist es überaus wichtig zu betonen, dass nicht nur der Analytiker, sondern auch der Analysand, ja sogar Herr X und Frau Y auf der Strasse, abduktiv denken. Die Abduktion gehört für mich mitten ins Denken hinein, wenn auch Freud die Ehre zugestanden werden kann, das Raten für die Wissenschaft wiederentdeckt oder rehabilitiert zu haben (vgl. Vasalli, 2001). Für die folgenden Punkte, die Baer anführt, kann ich mich nur für die reichen Anregungen bedanken und bejahen: Der performative turn in den Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 78 Vera Saller Kulturwissenschaften und – last but not least – in der Psychoanalyse wurde von Peirce sozusagen vorweggenommen. Die Stimme (und andere nicht-sprachliche, sinnliche Zeichen) sind für dieses Verständnis der talking cure ausserordentlich wichtig und schliesslich: Im Haus der Wahrheit gibt es viele Wohnungen. Aus Christian Hausers Text, möchte ich den Hinweis auf die Ähnlichkeit von Hegel und Peirce herausgreifen. Es ist wohl so, dass Peirce durch und durch als Dialektiker gelesen werden kann, insbesondere auch, weil er immer wieder das Denken als inneren Dialog (vgl. dazu das Zitat, das ich an den Schluss dieser Arbeit stelle) beschreibt. Indessen gibt es auch einen wichtigen Unterschied zu Hegel: Erinnern wir uns an Marx, der ja den Anspruch hatte, Hegel auf die Füsse gestellt zu haben, indem er die Erfahrung der Menschen mit ihrer materiellen Umgebung zur treibenden Kraft machte und damit seinen Materialismus dem Idealismus Hegels entgegenstellte. Etwas Ähnliches beansprucht auch Peirce für sich. Allerdings unterscheidet sich Peirce’ Monismus vom Marx’schen deutlich, denn Peirce stellt nicht Materialismus gegen Idealismus, sondern nimmt an, dass vieles, was traditionelle Denker beim von der materiellen Basis abgespalteten Geist oder Ratio positionierten, in der Evolution der Naturgesetze wirksam sei. Die Natur ist bei ihm nicht mechanisch oder seelenlos. Vielmehr strebt die ganze Evolution auf immer komplexere Geflechte von Gewohnheiten und immer reichere Verbindungen. Der rein geistigen Evolution bei Hegel fehlt nach Peirce die Erfahrung der Menschen mit ihrer materiellen Umwelt, das Second: «Der Grundfehler von Hegel, der sein ganzes System bis ins Letzte durchdringt, ist, dass er den Zusammenstoss mit dem Äusseren (outward clash) fast durchgehend unberücksichtigt lässt» (CP 8.41, Übers. V. S.). Die Kritik von Peirce an Hegel ist mir wichtig, weil ich unter anderem gerade den Aspekt des epistemologischen Realismus und des Einbezugs der konkreten, materiellen Erfahrung der Menschen in den Denkprozess als so wertvoll empfinde. Wenden wir uns nun Bonnie Litowitz’ gehaltvoller Arbeit zu. Litowitz hatte 1991 den Text «Elements of a semiotic theory relevant to psychoanalysis» veröffent- licht, in dem sie mögliche Berührungspunkte von Freud’schem und Peirce’schem Denken aufzeigte, der im Übrigen 1995 in der Zeitschrift Riss auch auf Deutsch veröffentlicht worden ist. Ich habe diese Arbeit in meinem Aufsatz erwähnt. Dass sie sich bereit erklärt hat, meine Ausführungen zu kommentieren, ehrt mich sehr. Allerdings muss ich gestehen, dass ich zu Anfang Mühe hatte, zu sehen, wo genau sie sich auf meinen Text bezieht. Ich hatte die Konfrontation mit psychoanalyti- schen Diskursen gesucht, die sich geografisch weit weg ereignen. Im Laufe der Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 79 Lektüre wurde mir indessen klar, dass ich, so sehr ich mich auch bemüht hatte, die amerikanische Diskussion miteinzubeziehen, letztlich doch zu wenig vertraut damit war und wohl einiges übersehen hatte. Die Fremdheit zeigte sich zuerst ein - mal daran, dass Litowitz auf meine Zuschreibung, dass die amerikanische Fassung der Psychoanalyse und der Philosophie naturgemäss optimistischer sei als die europäische, reagiert hat. Erst als sie als Amerikanerin mir als Europäerin in dieser Einschätzung Recht gibt, bemerke ich bei mir, auf welchem Hintergrund meiner - seits dieser Satz geschrieben worden war: Ich hatte mich selber als ausserhalb der von mir in vielem als zu bedeutungsschwer, zu metaphysisch empfundenen europäischen Denkkultur gesehen und voller Hoffnung nach Amerika geblickt. Ob und inwiefern ich dort aber verstanden werde, wird sich erst erweisen. Meine weiteren Kommentare zu Litowitz’ Arbeit gruppiere ich um das Thema Primärprozess contra unbewusste Fantasie. Beim zweiten Lesen von Litowitz’ und Mertens Arbeiten, sowie dem Nachlesen einiger dort angegebener Artikel wurde mir klar, dass Litowitz und ich in einer wichtigen Frage absolut nicht übereinstimmten. Litowitz erwähnt die Kluft zwischen unseren Ansichten in ihrer Arbeit nicht ausdrücklich, so dass auf den ersten Blick der Anschein entstand, dass sie nicht eigentlich auf meine Ausführungen eingehe. Nur, die Autorin hatte bereits in einer früheren Arbeit (2007) die Freud’sche Aufteilung in Primär- und Sekundärprozess als jenen Teil der Freud’schen Ausführungen denunziert, der durch den heutigen Wissensstand über Kleinkindentwicklung obsolet geworden sei. Sie stellte dort die These auf, dass die Vorstellung der Unbewussten Fantasie, wie sie in den verschiedenen psychoanalytischen Schulen zur Geltung kommt, mittlerweile so viele Aspekte umfasse, dass sie durchaus den Anschluss an die neuere Kognitionsforschung und Neurowissenschaften schaffen könne. Sie charak - terisiert die unbewusste Fantasie als Ort, wo veridische Wahrnehmung der Babys, Wunschdenken und Abwehrprozesse in immer neuen Kombinationen zusammen- spielen und wo Erklärungen darüber zu finden seien, wie motivationale Prozesse die kognitive Tätigkeit beeinflussen, benutzen und lenken. Angesichts dieser Einschätzung des Primärprozesses scheinen ihre und meine theoretischen Bemühungen unüberbrückbar auseinanderzudriften. Ich möchte diesen Eindruck etwas entwirren und zeigen, dass es sich hierbei im Grunde um definitorische Festlegungen handelt, die ja immer auch geändert wer - den können, und wir im Grunde doch in die selbe theoretische Richtung ziehen. Litowitz geht in ihrem Beitrag im Journal nicht darauf ein, ob die Art, wie ich den Primärprozess wieder zur Geltung zu bringen versuche, dem entspricht, was sie im Artikel von 2007 kritisierte. Sie erwähnt hingegen, dass sie in jenem Artikel gezeigt Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 80 Vera Saller habe, dass «ein Vergleich der Merkmale, die Freud der Traumarbeit attestiert (z. B. Verdichtung, Verschiebung, Rücksicht auf die Darstellbarkeit) mit den Ergebnissen der Beforschung von Kleinkindern […] klar [zeigt], dass Freuds Vorschlag von 1900 unhaltbar ist» (Übersetzung V. S.). In der angegebenen Arbeit führen Litowitz, ähnlich wie die von Mertens zitierte Anne Erreich (2003), sehr detailliert aus, wie das Zusammenspiel von Wunschdenken, Abwehr und Wahrnehmung dank der Vorstellung vom intelligenten Baby auszusehen hätte. Dies ist indessen gar nicht der Diskurs, auf den sich meine Ausführungen zum Primärprozess beziehen. Als ich mir des Auseinanderklaffens unserer Argumentationen gewahr wurde, erschrak ich zuerst und ging innerlich über die Bücher. Ich fragte mich, warum ich ausgerechnet den Primärprozess als zentralen Anschlusspunkt von Freud und Peirce gewählt hatte und ich muss gestehen, dass für mich zu diesem Zeitpunkt zwischen unbewusster Fantasie und Primärprozess gar nicht so ein grosser Unterschied bestand. Der Begriff des Primärprozesses lag mir nahe, weil ich mich ausführlich mit Freuds siebtem Kapitel der Traumdeutung, mit seinem Entwurf und mit Wilfred Bions Ausführungen zu diesen Arbeiten ausei- nandergesetzt hatte. Zudem hatte ich mich mit Linda Brakel (2009) beschäftigt, die den Begriff des Primärprozesses gegenüber der Philosophie Donald Davidson und Marcia Cavells aufwertet. Mir gefiel und gefällt auch der Wortteil Prozess im Begriff, da ein Teil meiner Bemühungen ja darauf zielt, das Prozesshafte des Denkens klarer herauszustellen und gegenüber Hypostasierungen (wie z. B. das Unbewusste) zu verteidigen. Auch die unbewusste Fantasie liegt mir als Leserin von Melanie Klein und ihrer Schule nahe, sie bedeutet für mich aber insofern etwas anderes, als es hier um eine Art narrativer Struktur innerhalb der Denkprozesse geht, wohingegen der Primärprozess eher auf die Funktionsweise des Denkens überhaupt abzielt. Es liegt mir fern, mich mit den Ausführungen von Litowitz und Erreich anzulegen, ich bin mit ihnen sehr einverstanden. Sie greifen die wichtigen Themen auf, inwiefern die Erkenntnisse der Kleinkindbeobachtung und die Annäherung an die Neuro- Kognitionswissenschaften die Psychoanalyse beeinflussen. In diesem Sinne sind beide Artikel ausserordentlich klar und anregend. Das heisst für mich aber nicht, dass der Primärprozess in die Abstellkammer für überholte Begriffe gehört. Gemäss meiner Beschreibung müssen die Merkmale des Primärprozesses durch Freud nicht dem entsprechen, wie das Neugeborene denkt. Auch ich habe die Beschreibungen des kompetenten Babys mit Begeisterung rezipiert und empfinde sie überhaupt nicht als Gegensatz zu meinen Ausführungen. Als Erstes möchte ich festhalten, dass der Primärprozess nicht etwas ist, was sich beobachten lässt. Er ist ein Niveau im Denkprozess, das bei jedem Denkschritt Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 81 immer im Hintergrund wirkt, sowohl bei Babys wie bei Erwachsenen. Mit mei- nem Hervorheben des Firsts im Peirce’schen Universum und mit dem Vergleich desselben mit Freuds Primärprozess wollte ich zeigen, dass die Vagheit und Unbestimmtheit, die Freud als Abkömmlinge von Triebprozessen und deren Abwehr analysierte, viel allgemeiner vorkommen und als Teile aller Denk-, res- pektive Zeichenprozesse zu werten sind. Dass mir dies so wichtig ist, hat eher philosophisch-erkenntnistheoretische denn psychoanalytische Gründe. Dass unsere Wahrnehmung auf der Fähigkeit aufruht, Ähnliches als ähnlich zu erkennen und die nach Stern so benannten RIGs (Representations that have been Generalized) zu bilden, ist etwas, was in vielen modernen erkenntnisphilosophischen Betrachtungen zur Wahrnehmung vollkom- men fehlt (z. B. bei McDowell, 1995). Es ist aber gerade dieses ursprüngliche sich Aufdrängen von Assoziationen, das meiner Meinung nach sowohl die Grundlage für Symbolisierungen legt, wie auch verantwortlich ist für die von Freud beob- achteten «verzerrten» Darstellungen, die er Verdichtung und Verschiebung nennt. Damit, mit dem Postulieren einer – allerdings nur theoretisch herleitbaren, niemals beobachtbaren – ersten Ebene, bin ich an einem ähnlichen Punkt angelangt wie Litowitz, die in dem erwähnten Aufsatz schreibt: «die Abwehrmechanismen sind der Gebrauch der normalen Denkprozesse für motivationale oder emotionale Ziele» (Litowitz, 2007, S. 222). Die Stärke der Psychoanalyse liege darin, dass wir Wissen darüber hätten, wie die normalen kognitiven Prozesse für emotionale Ziele gebraucht werden können. Bis hierher gehe ich mit Litowitz vollkommen einig. Ich glaube indessen, dass die grosse Herausforderung darin besteht, zu verstehen, wie Wahrnehmungsprozesse einerseits veridisch sein können, ohne andererseits das Wunschdenken und/oder die Abwehr völlig zu vernachlässigen. Und viel- leicht ist ja das, was Litowitz mit ihrer differenzierten Vorstellung von unbewuss- ten Fantasien aufzeigt, in denen «unbewusste Karten der eigenen Aktivitäten» (Litowitz, 2007, S. 223) angelegt werden und die «nicht beachteten Bedeutungen doch als Karten für unser Verständnis der Welt» (2007, S. 222) dienen, eben doch eine «neue Form von Denken (Primärprozess)» (ebd.), das wir in die Diskussion der Kognitionspsychologe einbringen (Übersetzung V. S.). Philosophisch problematisch in dem eben beendeten Absatz ist das Adjektiv veridisch. Wenn wir uns danach fragen, was Wahrheit ist und wir uns vom Wahrheitsanspruch einer Aussage überzeugen können, kommen wir auf die philosophische Ebene. Bei Peirce spielt bekanntlich die Ebene des Austausches des Wissens und die community of inquiry für die schrittweise Erarbeitung von wahren Aussagen eine grosse Rolle. Die Forscher treiben in fortwährender Selbstkritik und Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 82 Vera Saller im Austausch das Auffinden von Wahrem voran, wenn dies auch letztlich nur in the long run erreichbar ist. Das, was für wahr gehalten wird, wird durch den ande- ren gespiegelt und dadurch beantwortet. Dieser Gedanke spielt natürlich auch in der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle. Zum Beispiel bei den von Litowitz formulierten Gedanken (2007) bezüglich der unbewussten Fantasie. Im Laufe ihrer Untersuchung von Freuds Statement, dass es im Unbewussten keine Zeit gebe, formuliert sie anhand der neuen Erkenntnisse der Baby-Forschung Folgendes: Ich möchte das Konzept der unbewussten Fantasie, was Denken und Sprechen betrifft, umformulieren: Unbewusste Fantasien bestehen weiter, weil sie unberührt sind von Zeit oder Aspekt. 1 Obwohl Kinder in der Lage sind, Zeit und Aspekt zu verstehen, erscheinen diese Kennzeichen nur nötig in den kommunikativen Austauschhandlungen mit anderen. Unbewusste Fantasien unter - scheiden sich von den anderen Denkformen der Kinder in dieser Hinsicht: Vom Bewusstsein abgeschnitten sind die Aussagen, die unbewussten Fantasien unterliegen, unerreichbar für den kommu- nikativen Austausch. Da sie nie ausformuliert wurden, existieren sie als Aussagen ohne performative Kraft. Erst wenn die Inhalte der unbewussten Fantasie im therapeuti- schen Diskurs zwischen Analytiker und Analysand ausformuliert werden, werden sie in Sprachakte eingebettet, die die Anerkennung der fehlenden Elemente verlangen. Im Akt des Sprechens muss man spezifizieren: Was ist es für ein Ereignis (das in der Vergangenheit, oder das in der Gegenwart)? Zu welchem Zeitpunkt findet die Gegebenheit statt (damals oder jetzt)? Wer spricht (ich) und zu wem (Sie)? Was ist die illokutionäre Kraft meiner Aussage (stellt der Sprecher fest, fordert er etwas, fragt, verlangt, insistiert oder befiehlt er etwas – usw.)? Welche performativen Handlungen wer - den in Szene gesetzt und wer spricht zu wem, das wird erst klar, wenn etwas in der Übertragungsbeziehung ausgesprochen wird. (Litowitz, 2007, S. 219, Übers. V. S.) Die Frage danach, was wir uns unter unbewussten Fantasien vorstellen, durchzieht auch die Kommentare von Mertens, der trotz übereinstimmendem Grundton einige Korrekturen an meiner Art, die Boston Change Process Study Group (CPSG) darzustellen, anbringt. Dies betrifft zwei Punkte: Ich hatte angedeu- Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 83 tet, dass die Darstellungen der CPSG dazu verleiten könnten, zu glauben, dass man die implizite Ebene (die Ebene des Verhaltens) bewusst einsetzen könne. Zweitens hatte ich bezüglich Sterns Ausführungen zur frühen Entwicklung der Mutter- Kind Dyade meine Gedanken zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Buches so zusammengefasst, dass Stern gelingende Kontakte zwischen Mutter und Kleinkind beschreibe, ihm hingegen für jene Fälle, wo etwas schief laufe, die Konzepte fehlen würden. Mertens hält der ersten hier erwähnten Aussage entgegen, dass gerade das spontane Auftreten von now moments doch auf das Nichtsteuerbare dieser Interaktionsphänomene verweise und bezüglich der zweiten inkriminierten Aussage meint er, dass die von Angehörigen der Bostoner Gruppe verbreiteten Filme eindrücklich auch Momente von fehlgehender oder nicht stattfindender Kommunikation zwischen Mutter und Babys (Still Face Expermiment) und deren verheerende Folgen aufgezeigt hätten. Nach der Lektüre der Kommentare von Litowitz und Mertens scheint mir vieles einfacher und klarer, und die Art, in der ich meine Position an den bei- den von Mertens kommentierten Stellen zu formulieren suchte, erscheint mir im Nachhinein wie eine erste tastende Annäherung. Kommen wir also nochmals zurück zum Zeitpunkt, als Stern das bahnbrechende Buch «The Interpersonal World oft he Infant» geschrieben hat. Ein Grossteil der Erkenntnisse, die durch dieses Buch in die psychoanalytische Vorstellung vom Kleinkind korrigierend eingeflossen sind, hat unser Denken entscheidend verändert. Stern beschreibt, wie Gewohnheiten zwischen Mutter und Kind entstehen und wie sie das Kind zunehmend befähigen, sich selber als wirksamen Akteur in dieser Welt zu verstehen. Dass diese Elemente, die mögliche Erkenntnis der Welt und die Einflussnahme durch eigene Aktivität, in der Psychoanalyse zuvor sehr unterbelichtet waren, und z. T. noch heute sind, entspricht auch meiner Einschätzung und überdies meinem Projekt, in dem ich versuche, dem habituellen Unbewussten auch in der Psychoanalyse Anerkennung zukommen zu lassen. Nun zu meiner Kritik an Stern, die ich im Artikel als Statement meiner damaligen Gedanken indirekt eingebracht habe. Es entspricht der Methode der Beobachtung, dass nur Positivem, im Sinne von Vorhandenem, Sichtbarem, Rechnung getragen werden kann. Es ist unmöglich, durch Beobachtung der Interaktion zwischen Mutter und Kind, die Fantasien des Kindes zu «sehen». Stern übte im Schlussteil des Buches erhebliche Kritik an Margret Mahler sowie auch an Otto F. Kernberg und Melanie Klein. Mahler kritisierte er für ihre Vorstellung einer anfänglichen Symbiose und hielt dieser seine Beobachtungen entgegen, die ein Kind zeigen, das sich selbst aktiv einbringt und Erfahrungen mit einer Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 84 Vera Saller anderen Person, der Mutter oder Pflegeperson, macht. An Kernberg und Klein umgekehrt störte Stern, dass sie dem Kind Fantasien zuschreiben, defensive Fantasien, die seiner Ansicht erst später im Leben des Kindes möglich werden: «Die Bewältigungsfähigkeiten entwickeln sich in Form realitätsbezogener Anpassungen. Abwehrmassnahmen, die die Realität entstellen, treten erst in Erscheinung, wenn das symbolische Denken verfügbar ist» (Stern, 1992, S. 355). Der Eindruck, dass Stern über kein Vokabular für jene Situationen verfüge, in denen der Kontakt zwischen Mutter und Kind nicht zustande kommt, hat einerseits damit zu tun, dass die Methode der Baby-Beobachtung das, was psychoanalyti- sche Autoren ausgefeilt als unbewusste Fantasien beschrieben haben, schon aus rein methodologischen Gründen nicht erfassen kann. Sterns Argument gegen die Formulierungen Kleins, dass das Kleinkind nicht über die Symbolisierungsfähigkeit verfüge, die ihm unterstellt wird, wischte ich damals, als Psychoanalytikerin, die sich stark zu Kleinianischem Gedankengut hingezogen fühlt und die eben erst die Praxistätigkeit aufgenommen hatte, mit dem Gedanken weg, dass es ja auf der Hand liege, dass die Fantasien, die Klein beschrieb, adultomorph seien, aber dass wir eben keine andere Möglichkeit hätten, uns vorsprachliche Fantasien vorzustellen. Heute kann ich diesen Gedanken mit Einbezug meiner Arbeiten zu Peirce und mit Hilfe von Erreich (2003) und Litowitz (2007) so fassen, dass wir auch für die vorsprachliche Zeit eine Fantasietätigkeit annehmen sollten, deren kompromiss- bildende Prinzipien aber nicht der Verdrängung, sondern der Verwerfung folgen und die sich ikonisch-indexikalisch auf Inhalte beziehen. Es handelt sich um Teile der seelischen Tätigkeit des Kindes, die aus der Kommunikation und den durch sie entstehenden Gewohnheiten zwischen Mutter und Kind, sowie den laufend sich erweiternden RIGs auf Seiten des Kindes, ausgeschlossen sind und deshalb – vgl. meine Ausführungen zu Litowitz oben – zeitlos bleiben. Wir nehmen an – z. B. auf- grund der Videoaufnahmen des Still-Face-Experiments –, dass diese Fantasien im Hintergrund verhaltenssteuernd wirken, aber bewiesen werden können sie nicht. Mertens fand weiter meine Vermutung unzutreffend, dass die Autoren der CPSG den Eindruck erwecken könnten, die implizite Ebene sei durch den Analytiker steuerbar. Mertens betont, dass dies überhaupt nicht zutreffe und erwähnt die von Autoren der Bostoner Gruppe beschriebenen now moments, die als überraschend und unvorhersehbar beschrieben würden. Er schliesst an, dass auch für die Autoren der Bostoner Gruppe die Erschliessung von now moments erst nachträglich erfolgte. Damit hat Mertens Recht. Ich werde nun versuchen, meine Kritik reakzentuiert neu zu formulieren: Now-Momente sind Momente der Authentizität, in denen der Analytiker in einer kritischen Phase sozusagen Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 85 ausserhalb seiner Rolle als Analytiker, als Person, richtig reagiert (vgl. Prager, 2003). «Richtig» bedeutet, in einer Weise, die beim Analysanden die Sicherheit hervorruft, dass er hier verstanden wird und dass der Analytiker ihm gut gesinnt ist. Obwohl diese Momente, wie Mertens richtig bemerkt, nicht planbar sind, stellt sich doch die Frage, ob die Möglichkeit, dass der Patient beim Analytiker neue Erfahrungen machen kann und nicht dieselben Rückweisungen erfahren muss, die sich in sei- ner frühen Kindheit ereignet haben, erhöht werden kann. Der Geistesblitz, der alles in einem anderen Licht sehen lässt, das abduktive Verstehen, geschieht oft in einem unerwarteten Moment. Wunderschön, wenn wir mit unseren Analysanden solche Momente teilen können. Zum klinischen Alltag gehören indessen auch viele Momente und Stunden, in denen wir uns nur mit Mühe vom Erleben im Second lösen können – wie ich das ja schon in meinem Artikel betonte. Wir befinden uns dann in den Zwängen der Realität, wie der Patient sie denkt und fühlt und können uns kaum zu den lichten Augenblicken des Third aufschwingen. Meiner Ansicht nach ist es der Kontakt mit anderen Analytikern, die Intervision und die theore- tische Durchdringung des Materials, die dem Analytiker immer wieder hilft, sich aus bedrückenden und einengenden projektiven Identifikationen zu lösen, indem er sie durchschaut. Oder, indem er emotionale Unterstützung von Kollegen erhält, die ihm dann wiederum hilft, schwer zu ertragende Momente eher im reflexiven Raum zu erleben als sich von ihnen als Second erdrücken zu lassen. Wir reden hier also nochmals vom Eingebettetsein im Zeichenuniversum, das gleichzeitig das Getragensein von sozialem, kulturellem Sinn bedeutet. Wir reden von der Notwendigkeit, das Implizite, Verdrängte, Verworfene oder schlicht die unbewusst gehaltenen Konstellationen durch die Analyse der Sprache zugänglich zu machen, damit sie im Nachhinein verstanden werden können (vgl. Mertens, in diesem Heft). Das heisst, wenn auch die Autoren des CPSG nirgends schreiben, dass die Now-Momente planbar seien, so fehlt bei Ihnen der Hinweis darauf, dass wir die Wahrscheinlichkeit von Now-Momenten nicht durch guten Willen und mütterliche Haltung erhöhen können, sondern nur durch ein Durcharbeiten des Materials und unserer eigenen Gegenübertragung. Ich komme zu Mirna Würglers Arbeit, die sich mit der Entstehung der Kultur befasst. Dass ich sie eingeladen habe, meine Arbeit zu kommentieren, hängt mit unserer gemeinsamen Geschichte zusammen. Wir sind ursprünglich Sozialanthropologinnen, die sich der Psychoanalyse zugewandt haben. Doch auch als Analytikerinnen hat uns die kulturelle Frage nie losgelassen. Da für mich der Bezug auf Peirce eine Antwort auf die Fragen gibt, die sich aus dem Versuch der Verbindung von Theorie der Kultur auf der einen und der Psychoanalyse, Theorie Charles Sanders Peirce und die Psychoanalyse 86 Vera Saller des Individuums auf der anderen Seite, ergeben, hat mich ihre Meinung interes- siert. Die frische Art, wie sie die Frage nach der Kultur direkt mit dem Bezug auf eine mythische Genese derselben angeht, hat mir gefallen. Würglers Geschichte erinnert an Freuds «Totem und Tabu», eine Schrift, die nach der Ablehnung durch die Anthropologen Ende der 20er Jahre lange als überholt galt. Natürlich gäbe es zu ihrer These, dass die Kultur aus der Erkenntnis des Todes resultiert, viele Fragen und Ideen. Was für eine Rolle spielt die Religion in der Menschwerdung, sind doch diese Art Rituale meist religiös motiviert? Wenn wir uns aber die Urreligionen vor - stellen, die vielleicht die ersten Begräbnisriten hervorgebracht haben, stellt sich auch gleich die Frage nach der Macht. Würglers Text lässt an ähnliche Thesen den - ken, etwa diejenige von René Girard (1983) der im Zentrum der Menschwerdung ebenfalls Rituale sieht. Religion und Ritual sind bei Girard gekennzeichnet durch die – im Sinne der Gruppe – selbstzerstörerische Rivalität unter den Hominiden. Sie wird über Sündenbockprozesse gebannt und durch Rituale sakralisiert. Ich assoziierte zu ihren Ausführungen auch «2001: A Space Odyssey» oder «Planet der Affen», filmische Darstellungen der uns allen doch immer wieder so bedrängenden Frage, wie die Ersetzung der instinkthaften Regelung der Tiere in die trieb- und reflexionsgeleitete Handlungsweise der Menschen umschlägt. Auf den ersten Blick mögen die Gedanken von Würgler als weit hergeholt scheinen, für mich sind sie es nicht. Ihre Geschichte der Menschheit hat mir klargemacht, dass es grundsätzliche Fragen wie die ihrigen sind, die mich beschäftigen, wenn ich mich mit der Herkunft des Denkens herumschlage. Der zentrale Platz, den Würgler (und Girard) den Ritualen beimisst, liesse sich vielleicht gar mit Peirce’ Gewicht, das er den Gewohnheiten gibt, verknüpfen. Im Spätwerk von Peirce hat dieser eine evolutionäre Kosmologie entworfen, in der die Fähigkeit, Gewohnheiten anzunehmen, weit über das Menschliche hinaus- geht. In meiner Arbeit habe ich bereits angedeutet, wie durch dieses umfassende Verständnis von Prozesshaftem als Zeichenhaftem der Graben zwischen Materie und Geist überbrückt werden könnte. Angesichts eines solcherart umfassenden Verständnisses der semiotischen Prozesse stellt sich aber erneut die Frage, was das spezifisch Menschliche am semi- otischen Prozess Denken ausmacht. Und auch hier kommen wir wieder auf den Begriff der Zeit, auf die Möglichkeit, etwas, das wir erlebt haben, im Nachhinein zu überprüfen. Die Möglichkeit, anhand der geteilten Begriffe Geschehenes fest- zuhalten und zu widerholen. Die gemeinsame Bezugnahme auf Realität durch die Sprache und Kultur, denn, genauso wie es das Baby ohne Mutter nicht gibt Journal für Psychoanalyse 55 Duplik 87 ( Winnicott, 1952), gibt es den Menschen nur als Mitglied einer Gemeinschaft, struk- turiert durch geteiltes Wissen und Bezug auf ein Drittes, das wir Kultur nennen: Wir wissen, dass der Mensch als Einzelwesen nicht vollständig ist, dass er in erster Linie Mitglied der Gesellschaft ist. Vor allem ist die Erfahrung eines Menschen nichts, wenn sie alleine steht. Wenn der Mensch etwas sieht, das andre nicht sehen, handelt es sich um eine Halluzination. Es ist nicht «meine Erfahrung» sondern «unsere»; daran müssen wir denken und dieses «wir» hat unbe- grenzte Möglichkeiten. (CP 5.402, Anm. 2, Übers. V. 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Anmerkung 1 Grammatische Kategorie, mit der die SprecherInnen die Vollendung oder Nicht- vollendung eines Geschehens aus ihrer Sicht ausdrücken (http://www.duden.de/rechtschrei - bung/Aspekt#Bedeutung3. 22.13.2014). Ein Beispiel ist die ing-Form im Englischen oder das Perfekt-Imperfekt in den romanischen Sprachen. Anmerk. V. S. Journal für Psychoanalyse 55

