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Schwerpunkt

Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken

Julia Braun, Nicole Burgermeister, Colette Guillaumier, Elisabeth Haemmerli

1991 führte Josi Rom sein erstes Psychoseseminar am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) durch. Fortan hatte es während 19 Jahren seinen festen Platz im Seminarprogramm. 2010 fand es zum letzten Mal statt. Dem Wunsch folgend, für diese Ausgabe des Journals Erfahrungen mit dem Psychoseseminar festzuhalten, trafen sich ehemalige Teilnehmende zu einem Rückblick.


Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken Julia Braun (Zürich) unter Mitarbeit von Nicole Burgermeister, Colette Guillaumier und Elisabeth Haemmerli Zusammenfassung: 1991 führte Josi Rom sein erstes Psychoseseminar am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) durch. Fortan hatte es während 19 Jahren seinen festen Platz im Seminarprogramm. 2010 fand es zum letzten Mal statt. Dem Wunsch folgend, für diese Ausgabe des Journals Erfahrungen mit dem Psychoseseminar festzuhalten, trafen sich ehemalige Teilnehmende zu einem Rückblick. Schlüsselwörter: Josi Rom, Psychoanalytische Psychosentherapie, Psycho se­ seminar, PSZ Während 19 Jahren führte der Psychiater und Psychoanalytiker Josi Rom ein Psychoseseminar am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) durch, das immer gut besucht war. Nicht wenige Aus­ und WeiterbildungsabsolventInnen nahmen mindestens einmal daran teil – unabhängig von der Frage, ob sie nun in einem therapeutischen, sozialpädagogischen oder pflegerischen Beruf tätig sind oder ob sie schlicht neugierig waren auf die Arbeit mit an Psychose Erkrankten. Wie die meisten Kurse am PSZ fand auch das Psychoseseminar 14­täglich, abends, während jeweils 1 ½ Stunden statt. Im Programmheft lautete die Ankündigung: «Psychoseseminar. Josi Rom. Voraussetzung ist die regelmässige und aktive Teilnahme. NeueinsteigerInnen und WiedereinsteigerInnen sind willkommen. Die Gruppe wird für ein Jahr geschlossen geführt.» Anlässlich des geplanten Journals zum Thema Psychosen entstand die Idee, einen Rückblick auf diese für viele TeilnehmerInnen sehr wichtige Veranstaltung beizusteuern. Über eine von mir ( JB) initiierte Umfrage fand sich schliesslich eine kleine Gruppe von ehemaligen Psychoseseminarteilnehmerinnen zusam­ men. Dazu gehörten weiter Nicole Burgermeister, Colette Guillaumier, Elisabeth Haemmerli, Doris Kuersteiner, Rosmarie Niggli und Regula Schiess. Wir hatten zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlich lang, zum Teil mit Unterbrechung, © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 5 3 .6 Journal für Psychoanalyse 53 Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken 65 am Psychoseseminar teilgenommen, so dass wir uns nicht alle kannten. Jede von uns arbeitet als Psychotherapeutin, wobei die jeweiligen Arbeitsfelder und die Jahre an Berufserfahrung stark variieren, und jede hatte auf ihre Weise sehr von diesem Seminar profitiert. An zwei «Nachtreffen» sammelten und diskutierten wir unsere Eindrücke. Wir erinnerten uns an theoretische Inhalte, die uns besonders im Gedächtnis geblieben waren. Meist handelte es sich um Konzepte und Fachbegriffe, deren Bedeutung wir nochmals diskutierten, weil sie uns im Rahmen unserer klini­ schen Tätigkeit als hilfreich erschienen. Darunter waren Begriffe wie Kontakt- und Inhaltswiderstand, Leihexistenz, Dualer Raum und Therapeutischer Monolog. Josi Roms Verweise auf Gaetano Benedettis Buch «Todeslandschaften der Seele» kamen uns wiederholt in den Sinn. Die identitätsstiftende Funktion des Wahns wurde diskutiert und dass ein wahninternes Verstehen vom Therapeuten gefordert sei. Es gehe darum, den Wahn zu verstehen, nicht aber um dessen Bestätigung. Auch die wiederholt deutlich gewordene Schwierigkeit, mit an Psychose Erkrankten eine Anamnese zu erheben, wurde genannt. Markant für uns alle war die besondere Haltung Josi Roms, die geprägt war von dem tiefen Wunsch nach einem verste­ henden Zugang zu dem jeweiligen Menschen. Die Frage nach dem Auftrag des Patienten an den Therapeuten spielte im Seminar häufig eine Rolle und auch die Beobachtung, dass sich sogar in Institutionen ein Patient häufig «unbemerkt» sei­ nen Therapeuten selbst aussuche. Eine auf einige Teilnehmende sehr entlastend wirkende Botschaft war die, dass es in der Therapie mit an Psychosen erkrank­ ten Menschen nicht in erster Linie um eine Heilung gehe, sondern eher darum, dem Menschen zu ermöglichen, ein angenehmeres Leben zu führen. Schon die Möglichkeit, einem Patienten, vielleicht auch nur während einer Therapiestunde, einen Raum zu schaffen, in dem dieser sich etwas (angst­)freier bewegen kann, fand Beachtung. Kleine Veränderungen im Therapieverlauf wurden von Josi Rom oft besonders hervorgehoben, so dass sie in unserem Erleben wieder an Bedeutung gewinnen konnten. Wiederholt stellten wir fest, dass wir sehr hohe Erwartungen an Therapien mit Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind, richteten, was häufig durch einen äusseren Erwartungsdruck von Klinikpersonal, anderen Fachpersonen, Menschen aus dem sozialen Umfeld des Patienten und der Gesellschaft mitbedingt war. 2007 hat Josi Rom sein Buch «Identitätsgrenzen des Ich» veröffentlicht, in welchem vieles von dem nachzulesen ist, was er auch in seinen Seminaren vermit­ telte. Für viele ist dieses Buch zu einem wichtigen Arbeitsinstrument geworden. Psychosen – Psychoanalytische Perspektiven 66 Julia Braun Dessen Inhalte zu diskutieren und sie in Bezug zur eigenen Arbeit zu setzen, ist immer wieder sehr anregend. Wie Erkenntnisse und Anregungen aus dem Psychoseseminar – etwa der Umgang mit Wahnhaftem oder die Dualisierung – in ihre therapeutische Arbeit mit schizophrenen Patienten einfliessen, wird von Elisabeth Haemmerli anhand eines Beispiels illustriert (siehe Exkurs 1). Exkurs 1: Wahn und dualer Raum in der Therpie Eine 33­jährige Patientin, seit einigen Jahren an einer Psychose lei­ dend, befindet sich wieder in stationärer Behandlung. Sie begegnet mir im heutigen Gespräch vorwurfsvoll. Aufgebracht schleudert sie mir entgegen, sie wolle ein Röntgenbild machen lassen, da sie beunruhigt sei wegen ihrer Herzschmerzen. Für sie wäre es ein Beweis, dass ich mich für sie interessiere, wenn ich einer Röntgenuntersuchung sofort zustimmen würde. Ich wolle offenbar nicht die Wahrheit finden. Ihr Herz schlage «nicht richtig». Den Puls zu fühlen, löse das Problem nicht, meint sie, es gehe nicht um diesen. Das Herz «setze manchmal aus». Im weiteren Gesprächsverlauf berichtet die Patientin, dass sie vor ­ gestern, nachdem sie sich von der Klinik entfernt hatte, gemerkt habe, dass der Chip in ihrem Auge wieder «gelaufen» sei, mit dem sie von aussen völlig kontrolliert werden könne. Sie habe dann den besten russischen Arzt getrof­ fen – die Patientin nennt seinen Namen –; dieser habe ihr gesagt, sie habe eine «künstliche Pumpe», d. h. ein künstliches Herz aus Plastik. Sie müsse unbedingt ein Röntgenbild machen, andernfalls werde sie innerhalb eines Monats sterben. Etwas später erfahre ich von der Patientin, dass sie diesen Arzt höre; es sei eine Stimme. Sie habe ihn gefragt, was sie tun solle. Ich gerate in einen Zwiespalt, weil ein Röntgenbild keine Klarheit und keine «Wahrheit» bringt (im Übrigen sind die wesentlichen somatischen Untersuchungen während der aktuellen Hospitalisation bereits gemacht wor ­ den und blieben ohne Befund). Aber der Patientin dies zu entgegnen, würde ihr nichts nützen. Es wäre eine Erklärung, die der subjektiven Bedeutung ihrer Herzschmerzen (welche zurzeit noch verborgen ist) nicht gerecht wer ­ den würde. Eine solche Intervention wäre geradezu respektlos, denn die Patientin befindet sich in einer emotionalen Notlage; eine existentielle Angst ist deutlich spürbar. Wahrscheinlich ist es jetzt sinnvoll – so geht es mir durch den Kopf –, in ihre Wahnwelt einzutreten, um sozusagen dort etwas auszurichten, was sie als schützend erlebt: Ich nehme dezidiert Stellung, indem ich ihr sage, dass ich es ganz übel fände, dass sie vom angeblich besten russischen Arzt einen solchen Rat bekomme, der meiner Ansicht nach absolut unhaltbar sei und ihr grosse Angst mache! – Daraufhin wird die Patientin ruhiger. Ich kann ihre Lage nicht sofort verändern. Ich kann nur versuchen, sie zu begleiten und ihr zu vermitteln, dass ich sie nicht allein lasse mit ihren Ängsten. Es ist ein «dualer Raum» entstanden – ein Begriff von G. Benedetti, den ich im Psychoseseminar als therapeutisches Grundprinzip in der Behandlung von psychotischen Menschen kennengelernt habe. Die Patientin hat mich teilhaben lassen an ihrem Erleben, so dass wir uns gemeinsam in ihrer Welt bewegten, ohne dass ich meine ganz verlassen hätte; ich habe lediglich Journal für Psychoanalyse 53 Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken 67 Aspekte ihres Erlebens übernommen und mich innerhalb dieser Welt in Bezug auf den «Wahnpartner» der Patientin kritisch geäussert, um sie zu entlasten. Ihre Welt in dieser Art zu teilen, schien mir im Moment ihrer Not ange­ zeigt. Der Weg, der zur Beruhigung führte, war, mit der Patientin «in den Wahn hineinzugehen». Auch in der weiteren therapeutischen Arbeit mit ihr wird nicht Heilung im Vordergrund sein, sondern das Bemühen, zu verste­ hen. Dieses fremde Land der Wahnsymptomatik muss ich erst erkunden, die «fremde Sprache» lernen, als ihre Therapeutin mich dort als «Gast» aufhalten, mich von der Patientin einführen und leiten lassen. Als ich sie am Nachmittag nochmals treffe, teilt sie mir mit, es gehe ihr inzwischen besser. Sie habe vorhin geschlafen und jetzt «begriffen»: Es sei die Schizophrenie, die es ihr manchmal so schwierig mache. Es sei aber schon besser als beim letzten Klinikaufenthalt. Was uns Josi Rom im Psychoseseminar vermittelt hat, lässt sich nicht so leicht zusammenfassen. Es ist keine Sammlung von möglichen Interventionen, sondern vor allem eine Haltung, welche die Begegnung und die therapeutische Arbeit mit psychotischen Menschen prägt: Entscheidend ist es, uns auf ihre zunächst unverständliche Sprache einzu­ lassen und uns immer wieder zu bemühen, ihre Innenwelt und deren eigene Gesetzmässigkeiten zu verstehen. Die Struktur des Psychoseseminars am PSZ veränderte sich im Laufe der Jahre. Während des jeweiligen Semesters allerdings war sie von Beginn an klar vorgegeben und wurde über das Semester hinweg strikt eingehalten. Rosmarie Niggli erinnerte sich: In den ersten Jahren wurde zunächst in einem einstündigen Theorieteil ein Text, beispielsweise von Professor Christian Scharfetter, gelesen und im Anschluss daran Ausschnitte aus einer Therapie mit einem Patienten besprochen. Josi Rom hatte die Seminarteilnehmer jeweils am Ende des Seminars nach Wünschen zur Seminarstruktur befragt. In den letzten Jahren wollten die Teilnehmenden offenbar keine strukturellen Veränderungen mehr, so dass sich folgende Struktur etabliert hatte: Wenn die Teilnehmenden kurz vor Beginn des Kurses den Raum betraten, sass Josi Rom bereits an seinem Platz. Der Seminarraum füllte sich allmählich. Pünktlich auf die Minute, genau zum angekündigten Kursbeginn, schloss Josi Rom die Tür. Der Abend wurde ebenfalls exakt zur vorgegebenen Zeit von ihm beendet, wobei seine Konsequenz imponierte. In der ersten Stunde eines Semesters schrieb Josi Rom alle geplanten Termine des Semesters an eine Tafel, auch solche, die nicht stattfinden würden. Diese notierte er ebenfalls und strich sie durch. Von den voraussichtlich stattfindenden Terminen fasste er jeweils zwei durch eine Klammer zusammen und fragte, wer im Semester einen Patienten vorstellen möchte. Die Namen der Vorstellenden wurden Psychosen – Psychoanalytische Perspektiven 68 Julia Braun hinter den Klammern notiert. Das Seminar wurde jeweils über 2 Semester geschlos­ sen weitergeführt. Am ersten Seminarabend zu Beginn des ersten Semesters fand eine theoretische Einführung zu Psychose statt. Josi Rom stellte uns dabei Fragen wie: «Was heisst Psychose?» oder «Was unterscheidet eine psychotische von einer neurotischen Angst?». Wir waren also gefordert, diskutierend Klarheit über Begriffe und Konzepte zu erlangen. An den Folgeterminen standen die Fallvorstellungen im Zentrum, wobei jeweils zwei Abende demselben Patienten eines Teilnehmers gewidmet wurden. Der erste Abend war auf die Vorstellung eines Patienten aus­ gerichtet, während am jeweils zweiten Abend technische Fragen zur Therapie mit demselben Patienten besprochen wurden. Am ersten Abend konnte der Fall etwa eine halbe Stunde lang frei, das heisst ohne Strukturvorgaben, vorgetragen werden. Danach war Raum für Überlegungen, Phantasien, Assoziationen und Fragen aller Teilnehmenden, die nicht vom Vortragenden beantwortet werden sollten. So entstanden in der Gruppe Bilder, Vorstellungen oder Gefühle zum und vom Patienten. Josi Rom hörte zu und stellte gelegentlich eine Frage wie: «Was glaubt ihr, wie der Patient aussieht?» oder: «Wie stellt ihr euch seine Beziehung zu seiner Mutter / zu seinem Vater vor?». Damit unterstützte er das Entstehen plastischer Vorstellungen zu dem Patienten, die sich entwickelten, obwohl wir oft über nur wenige anamnestische Angaben verfügten – wie es bei psychotischen Patienten häufig der Fall ist. Die Seminargruppe wurde zu einem Resonanzraum für unterschiedliche, von der Therapeutin / dem Therapeuten oft unbewusst auf­ genommene Aspekte der Psychodynamik des jeweiligen Patienten. Die so ent­ standenen Phantasien wurden auf ihre Passung mit den Informationen, die wir über den Patienten hatten, überprüft. Darauf aufbauend und unter Einbezug der entstandenen Dynamik unter den TeilnehmerInnen zeigten sich gegen Ende des Abends Zusammenhänge, beispielsweise zwischen der Beziehung des Patienten zu seiner Mutter / seinem Vater und seinem Erleben bezüglich seiner männlichen Identität. Dabei brachte Josi Rom auch Bereiche zur Sprache, die nicht genannt worden waren oder über die bisher keine Vorstellung entwickelt werden konnte. Kurz vor Ende des Seminarabends fragte er den Vortragenden, wie es ihm ergangen sei, und der Vortragende gab kurze Rückmeldung, beispielsweise, mit welchen Überlegungen er viel anfangen konnte, was ihm deutlicher geworden war oder an welchen Stellen ihm Unklarheiten aufgefallen waren. Am jeweils zweiten Abend zu einem Patienten berichtete der Vortragende, was ihm seit dem letzten Abend durch den Kopf gegangen und was inzwischen im Therapieverlauf geschehen war. Anschliessend hatte er die Gelegenheit, inhaltliche oder technische Fragen zu stellen. Dann war es wieder die Gruppe, die zu diesen Fragen Überlegungen Journal für Psychoanalyse 53 Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken 69 anstellte. Auch theoretische Fragen wurden diskutiert. Wenn sich inhaltlich ein therapeutisches Vorgehen abzeichnete, dann fragte Josi Rom uns beispielsweise: «Wie würdet ihr dem Patienten das mitteilen?». Eine Frage, die nicht immer leicht zu beantworten war. Josi Rom unterstützte uns mit Kommentaren wie: «Denkt nicht so weit!». Oft formulierte er, nachdem variantenreiche Vorschläge aus der Teilnehmergruppe gekommen waren, selbst noch eine erstaunlich passende Mitteilung an den Patienten. Dabei handelte es sich meistens um kurze und einfach formulierte Botschaften, die auf die spezifische Situation des jeweiligen Patienten abgestimmt waren und – in der Psychosentherapie zentral – angstreduzierende Wirkung haben sollten. Josi Roms Haltung war spürbar geprägt von Wertschätzung, Empathie, Sensibilität und Offenheit für die inneren Welten der Patienten. Trotz seiner eigenen langjährigen klinischen Erfahrung mit an Psychosen erkrankten Patienten zeigte er sich beeindruckend offen und neugierig bezüglich unserer Phantasien und Interventionsvorschläge, griff diese auf und verknüpfte sie mit eigenen Gedanken. Die in der Seminargruppe entstandenen Hypothesen waren oft überzeugend. Ihre Entstehung nachzuvollziehen, empfanden wir eher als eine Herausforderung, so dass uns Josi Rom häufig als «Übersetzer» einer fremden Sprache erschien. In seinen Kursen hatten wir die Gelegenheit und den Raum, gemeinsam mit anderen klinisch Tätigen ausführlich über eine einzelne Formulierung nachzudenken, ver ­ schiedene Varianten auszuprobieren, zu diskutieren und über deren Auswirkung zu spekulieren. Diese Möglichkeit haben wir in einem therapeutischen Gespräch nicht. Dort ist eine grössere Spontanität bezüglich Entscheidungen, ob und wie etwas mitgeteilt wird, gefordert. Das Jahr wurde jeweils mit einem für theoretische Fragen reservierten Seminarabend abgerundet. Josi Rom sammelte zuvor relevante Fragen aus der Gruppe und liess uns Teilnehmende einige Fragen gemeinsam auswählen, wobei er stets darauf achtete, nur so viele Themen zu wählen, wie an einem Abend über ­ haupt besprochen werden könnten. Diese wurden am letzten Abend diskutiert. Weiter blieb Zeit für einen Rückblick auf das gemeinsam Erlebte und einen Ausblick auf das kommende Jahr. Rückblickend besonders interessant fanden wir die Parallelen zwischen Seminarstruktur und Josi Roms Arbeitsweise mit seinen eigenen Patienten, die er uns näher brachte. Im Psychoseseminar wie auch in der Therapie mit einzelnen Patienten achtete er sehr konsequent auf das Einhalten des Settings und kündigte für ein ganzes Jahr seine voraussichtlichen Abwesenheitszeiten an. Was sich so ein­ fach anhört, erhält eine völlig andere Bedeutung, wenn man die Erfahrung macht, Psychosen – Psychoanalytische Perspektiven 70 Julia Braun dass eine vorgegebene Struktur tatsächlich so wie angekündigt eingehalten wird. Es ermöglicht eine Erfahrung von Verlässlichkeit, die einen wesentlichen Beitrag zum Entstehen eines Sicherheitsgefühls leistet und die Grundlage zur Entwicklung von Vertrauen gegenüber einem Therapeuten legt, was insbesondere in der Therapie mit psychotisch Erkrankten entscheidend ist. Denn gerade bei ihnen ist Vertrauen aufgrund des oft sehr hohen Kontaktwiderstandes nicht leicht aufzubauen und zu halten (vgl. hierzu den Artikel «Psychoanalytisches ‹Verstehen› im Fall einer schi­ zophrenen Patientin» in dieser Ausgabe). Mit hoher Wahrscheinlichkeit zu wissen, was auf einen zukommen wird, trägt zu dieser wichtigen Erfahrung von Sicherheit bei. Dazu gehören ein klarer Rahmen sowie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, und Realisierbarkeit – so etwa die Beschränkung auf eine begrenzte Anzahl theoretischer Themen, die am jeweils letzten Abend besprochen werden konnten, um möglichst keine Situation der Überforderung entstehen zu lassen. Durch einen gemeinsamen Rückblick und Ausblick bot Josi Rom Raum zur Reflexion des gemeinsam Erlebten und schuf damit eine Basis für das kommende Jahr. Eine weitere wesentliche Erfahrung war die, Josi Rom als «Übersetzer» zu erleben: Nach der Fallvorstellung empfanden wir es oft so, als würde uns Josi Rom die Sprache des Patienten übersetzen, d. h. uns dessen Verhalten und Erleben ver­ ständlich machen, indem er es in einen logischen Zusammenhang brachte, eine Brücke zu bauen versuchte zwischen der vermuteten inneren Welt eines Patienten und jener Welt, die wir als real erlebten. Dabei überraschte immer wieder, wie plötzlich ein plastisches Bild von einem vorher in der Vorstellung häufig blass wirkenden Patienten entstehen konnte und wie sein auf den ersten Blick kaum verständliches Verhalten einen neuen, nachvollziehbaren Sinn erhielt. Es war eine besondere Erfahrung, zu erleben, dass sich das Verständnis für einen Patienten im Laufe eines Seminarabends in einem solchen Ausmass vertiefen konnte, nachdem «Verstehen» zu Beginn kaum möglich schien. Bei dem Versuch, nach­ zuvollziehen, wie das gelingen konnte, fiel uns auf, wie viele Informationen sich Josi Rom während einer Patientenvorstellung im Detail merkte. Er arbeitete ohne Notizen und vermutlich hat die Anwendung der Technik der gleichschwebenden Aufmerksamkeit einen wesentlichen Anteil daran. Josi Rom versuchte offenbar nicht, seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Details zu richten, sondern möglichst alle Informationen mit gleicher Aufmerksamkeit aufzunehmen. Immer wieder spannend war es auch wahrzunehmen, wie sich im Seminarraum selber Konflikte, Gefühle und Phantasien, die mit dem Patienten zu tun hatten, auf oftmals sehr lebendige Weise abbildeten. Zu lernen, wie sich in einer Gruppe reinszenierende Dynamiken und damit einhergehende Journal für Psychoanalyse 53 Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken 71 Gegenübertragungsgefühle erkennen und einordnen liessen, war nicht zuletzt für jene von uns, die in Institutionen arbeiten, eine hilfreiche Erfahrung. Das Psychoseseminar bot uns aber auch einen Raum für das Teilen von Schwierigkeiten, denen wir als TherapeutInnen von schizophrenen Patienten begegneten. Diese Möglichkeit des Teilens war für viele von uns eine grosse Entlastung, zumal die psychotherapeutische Behandlung schizophrener Menschen oft als eher unwichtig gilt und gesellschaftlich marginalisiert wird. Während sich viele TeilnehmerInnen mit den oben genannten Schwierigkeiten in Kliniken und Praxen oft sehr einsam fühlten, fand im Seminar dann gewissermassen ein Containing statt. Am Nachtreffen beschrieb eine Teilnehmerin ihr eigenes Erleben als «eine Art dualisierte Einsamkeit». Wir erlebten also vieles von dem, was auch in der Therapie mit schizophrenen Menschen eine Rolle spielt, sozusagen am eigenen Leib, etwa die Bedeutung eines stabilen Settings, das Containment oder die Vorstellung vom dualen Raum. Parallel zum Psychoseseminar organisierte Josi Rom von 1998 bis 2002 einwöchige Psychoseseminare auf Comino. Gemeinsam mit dem Psychiater Felix Altorfer führte er diese während der Semesterferien des PSZ durch. Jeweils etwa 25 Teilnehmende fuhren damals auf die Insel Comino bei Malta. Von Colette Guillaumier, die an einem dieser Seminare teilgenommen hat, werden einige Eindrücke beschrieben (siehe Exkurs 2). Exkurs 2: Die Psychoseminare auf Comino Comino war für mich nicht neu. Als gebürtige Malteserin war ich schon mehrfach in der wunderschönen Blauen Lagune gewesen. Doch durfte ich diese kleine Nachbarinsel Maltas im Jahr 2001 in einem völlig neuen Licht erleben. Die karge Landschaft, die Menschenleere (abgesehen vom Hotelbetrieb und den wenigen Inselbewohnern) wurden in jenem April zur Kulisse des einwöchigen Psychoseseminars. Ende der 90er Jahre war Comino zu einer alljährlichen Institution geworden. Wir waren eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Psychologen, Psychiater, Pflegefachpersonen, Sozialarbeiter, Amtsvormunde, … – Fachpersonen im täglichen Arbeitskontakt mit psychotischen Menschen, die an einem Sonntagabend in einem kleinen Hotelboot auf Comino ankamen. Unser gemeinsames Ziel war, ein besseres Verständnis für das komplexe Krankheitsbild zu gewinnen, vor allem für die Beziehung zum psychotischen Menschen. Jeden Morgen, von Montag bis Freitag, sollte uns zunächst die Lehre Gaetano Benedettis näher gebracht werden. Sie wurde ergänzt durch Josi Roms eigene Theorieerweiterung von Benedettis Psychosenlehre, nämlich sein Ich­Struktur ­Modell, sowie durch seine umfangreiche sta­ tionäre und ambulante Erfahrung und durch seinen Supervisionshintergrund bei Christian Scharfetter. Im Anschluss arbeiteten wir zusammen mit Felix Altorfer während anderthalb Stunden in einer Art Balint­Gruppe an unseren eigenen Therapiebegegnungen. Wir befassten uns damit, was der Mensch Psychosen – Psychoanalytische Perspektiven 72 Julia Braun mit einer schizophrenen Psychose in der Gruppe auslöst, versuchten, den erkrankten Menschen vor dem Hintergrund der eben vermittelten Theorien besser zu begreifen. Bereits am ersten Morgen fragte ich mich, wie ich es die ganze Woche wohl auf diesen unbequemen Hotelstühlen aushalten würde! Das morgend­ liche Ritual, mich auf einen dieser Stühle zu setzen, veränderte im Verlauf der Woche seine Bedeutung: Was anfangs von mir nur mit Unbequemlichkeit verbunden war, reicherte sich an mit Gelerntem, so dass ich den Stuhl am Ende der Woche nur ungern verlassen wollte. Der Stuhl wurde für mich zu einem Sinnbild der Anstrengung, die der erkrankte Mensch durchmacht, aber auch für die Mühen des Therapeuten in der Auseinandersetzung mit dem Leid des Patienten; weiter stand er für die Bescheidenheit, die uns Josi Rom in seiner therapeutischen Haltung vermittelte. Insgesamt assoziierte ich schliesslich bei der Vorstellung von diesem Stuhl einen für die Behandlung von an Psychose Erkrankten typischen Therapieprozess, der gekennzeichnet war durch den initialen Kontaktwiderstand bis hin zur Schaffung des dualen Raums – Begriffe aus der analytischen Psychosentherapie, die uns im Verlauf der Woche vertraut wurden. Die karge Landschaft der Insel – sie passte so perfekt zu Benedettis Buch «Todeslandschaften der Seele» – liessen wir nachmittags auf uns wirken, indem wir die Insel alleine, zu zweit oder in kleinen Gruppen erkundeten und so die morgendliche Arbeit verdauten. Vor dem Abendessen versammelten wir uns schliesslich in einem lockeren Rahmen auf der Hotelterrasse rund um Josi Rom, wo wir weitere Fragen stellten, die im Verlauf des Nachmittags hochgekommen waren und nach Klärung drängten. Etwa die Frage nach der Krankheitseinsicht, die per se die Sicht des Therapeuten oder der Gesellschaft impliziert. Wir lernten, dass wir in unserer therapeu­ tischen Arbeit mit den psychotisch Erkrankten an einem gemeinsamen Problem arbeiten und dass das, was den Patienten so demotiviert, unsere Sturheit ist. Diese praxisnahen, anwendbaren Modelle, mit denen wir uns auf Comino auseinandersetzten und die in den Erzählungen von Josi Rom so lebendig und spannend wurden sowie seine überaus wertschätzende Haltung den schwer erkrankten Menschen gegenüber, legten für mich einen Baustein für die weitere Arbeit mit an Psychose Erkrankten und überzeugten mich, in den darauffolgenden Jahren am PSZ das Psychoseseminar zu besuchen. Seit 2001 ist Comino für mich als Malteserin verwandelt – von einer Kargheit zum Symbol eines Reichtums. Zum Symbol desjenigen inneren Reichtums, den die Seele psychotisch erkrankter Patienten darstellt und an dem letztere uns in unserer therapeutischen Beziehung teilnehmen lassen. Josi Rom hatte uns zwischendurch auch auf andere Veranstaltungen verwie­ sen, etwa auf das an der Charité in Berlin stattfindende, methodenübergreifende, überregionale Symposium für Psychosenpsychotherapie oder die in München ver ­ anstaltete, überregionale Weiterbildung in analytischer Psychosentherapie. 1 Dort hatte er sich selber mehrfach aktiv beteiligt, etwa mit Vorträgen, Fallvorstellungen und der Durchführung von kasuistisch ­technischen Seminaren. Wiederholt ermu ­ tigte er uns, uns zu vernetzen, trotz der nicht immer einfachen institutionellen Rahmenbedingungen für die Wichtigkeit unserer Arbeit einzutreten und selbstbe­ Journal für Psychoanalyse 53 Josi Roms Psychoseseminar am PSZ – Sammlung von Eindrücken 73 wusst gerade unsere psychoanalytische Herangehensweise zu nutzen, um einen Zugang auch zu schizophrenen Menschen zu finden. In unseren Nachtreffen wurde das Ende des Psychoseseminars am PSZ sehr bedauert. Neben der Vermittlung theoretischer Inhalte zum Thema Psychosenpsychotherapie hat Josi Rom innerhalb des PSZ vor allem auch einen Raum des Austausches über unsere Arbeit mit an Psychosen erkrankten Menschen geschaffen, der von vielen von uns als einzigartig erlebt wurde. Wir fragten uns darum, welche Form wir finden könnten, um das Erlernte und Erfahrene zu ver ­ tiefen und selbständig weiterführen zu können. Das Bedürfnis nach Sicherheit wurde deutlich und nach einer Person, die Klarheit ermöglicht und die angesichts der Herausforderungen, mit denen wir bei der Arbeit mit psychotisch Erkrankten konfrontiert sind, um passende Antworten weiss. Dabei kamen auch immer wieder Gefühle der Überforderung auf. Zugleich war aber auch eindeutig der Wunsch zu spüren, uns diesen wertvollen, von Josi Rom geschaffenen Raum am PSZ zu erhalten oder ihn in anderer Form bewahren zu können. So entstand die Idee, eine Psychose­Intervisionsgruppe am PSZ zu etablieren. In ihr wollen wir uns weiterhin mit den psychoanalytischen Konzepten zur Therapie mit psychotisch Erkrankten beschäftigen. Dank Josi Rom gelang es vielen unter uns, sich einen Zugang zu die­ sem komplexen Gebiet zu verschaffen. Die über Jahre engagierte und umsichtige Vermittlung seines Wissens zum Thema Psychosen sowie die Schaffung dieses ganz besonderen Raumes am PSZ schätzen wir sehr. Anmerkung 1 Aus diesen Veranstaltungen ging schliesslich der DDPP hervor (vgl. hierzu den Artikel von Dorothea von Haebler in dieser Ausgabe). Psychosen – Psychoanalytische Perspektiven