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Buchbesprechungen

Michael Günter / Georg Bruns: Psychoanalytische Sozialarbeit

Ruth Meili
Buchbesprechung
Michael Günter / Georg Bruns: Psychoanalytische Sozialarbeit (Klett-Cotta, Stuttgart 2010) Ruth Meili (Zürich) Dieses Buch über Theorie und Praxis der Psychoanalytischen Sozialarbeit ist ein systematisch aufgebautes Lehrbuch für Studierende der Sozialarbeit, das in dieser Form erst- und einmalig ist. Die Lesenden werden – ohne dass Vorkenntnisse über Psychoanalyse vorausgesetzt werden – an psychoanalytische Konzepte und Denkansätze herangeführt, die einen Zugang zu den psychischen Prozessen Ein- zelner und ganzer Familiensysteme in sozialer Not ermöglichen. Aber nicht nur Sozialarbeitenden, sondern auch all jenen, die sich für die Anwendung der Psychoanalyse im sozialen Feld interessieren, steht hiermit ein Buch zur Verfügung, das die psychoanalytische Sozialarbeit zum ersten Mal – zusätzlich zur Darstellung der Praxis – ausführlich theoretisch verortet. Somit regt das Buch an, die eigene Arbeit zu überdenken und sie in einen theoretischen Rahmen zu stellen. Ein Rahmen, der sowohl der realen Lebenswelt als auch den innerpsychischen Prozessen und Strukturen der KlientInnen Rechnung zu tragen vermag. In einem facettenreichen Kapitel gegen Ende des Buches werden KlientInnen und deren Familien vorgestellt, deren Problematiken auch PsychotherapeutInnen von Kindern und Jugendlichen sowie TherapeutInnen von Erwachsenen mit frü- hen Störungen nicht fremd sind. Dabei ist der Blick sowohl auf Innen als auch auf Aussen wunderbar gelungen. Die gut 30-jährige Erfahrung in Rottenburg und Tübingen mit Psychoanalytischer Sozialarbeit wird mit den in den vorhergehenden Kapiteln erarbeiteten Denk- und Handlungskonzepten verwoben. Die konkreten Fallbeispiele illustrieren eindrücklich die Praxis von Handeln im Realraum und psychoanalytischem Nachdenken darüber, sowie die notwendigen Rahmen- und Settingbedingungen als Voraussetzungen einer gelingenden Praxis. Auch im theoretischen Teil des Buches beleuchten die Autoren das Verhält- nis von äusserer Lebenswelt und psychischem Raum von verschiedenen Seiten und machen dabei deutlich, dass Hilfestellungen von Professionellen dann fruchten können, wenn diese durch Vorstellungen über die innere Dynamik der KlientInnen getragen werden. Denn soziale Notsituationen werden häufig © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. DOI 10.18754/jf p.52 .15 Journal für Psychoanalyse 52 Psychoanalytische Sozialarbeit 173 dadurch aufrechterhalten, dass die Betroffenen defizitäre psychische Strukturen und drängende Konflikte, die sie nicht innerpsychisch verarbeiten können, in ihrem sozialen Umfeld inszenieren. Folgerichtig widmen die Autoren den psychischen Austauschprozessen der projektiven Identifizierung, die den Sozialarbeitenden eine hohe Toleranz für Spannungen und für intensive Affekte abverlangen, viel Aufmerksamkeit. Dabei gehen sie mit der anspruchsvollen Situation der Profes- sionellen, die ihren KlientInnen nicht im geschützten Therapiesetting, sondern im Alltag eine Beziehung anbieten, ebenso sorgfältig um wie mit jener der Betroffenen. Als eine wichtige Funktion dieser Beziehungsarbeit wird die Rückübersetzung der Inszenierungen der KlientInnen ins Denken und in sinnhafte soziale Zusam- menhänge beschrieben. Psychoanalytische Sozialarbeit bewegt sich demzufolge „… immer am Widerspruch des Lebens, dem Spielräume zur Verfügung gestellt werden müssen, und dem inneren Fantasieleben, das sich gleichwohl als soziale Praxis in den Alltag einnistet und eingraviert(…).Psychoanalytische Sozialarbeit ist also Arbeit an und in den Zwischenräumen, an der Gelenkstelle zwischen dem Raum der Gedanken und dem der Dinge.„ (S. 109) Zwei Kapitel sind den Kooperationsbeziehungen mit den im Hilfesystem involvierten Personen, Behörden und Institutionen sowie mit den Kostenträgern gewidmet. Dadurch erhält auch hier die reale Welt, in der sich die Psychoanalytische Sozialarbeit abspielt, mit all ihren Bedingungen, Einschränkungen und Erfor der- nissen zur Zusammenarbeit das Gewicht, das sie in der Praxis tatsächlich hat. Doch auch diese beiden Kapitel sind getragen von einem Wissen um Macht und Auswirkungen komplexer und aufgespaltener Übertragungsbeziehungen in Hilfe- systemen und zeigen Möglichkeiten eines reflektierten und verstehenden Umgangs damit auf. Reflexion, ist zu lesen, passiert meistens in der Nachträglichkeit und in einem dafür geeigneten Setting. Da sich die Psychoanalytische Sozialarbeit in ihrem Alltag häufig mit Menschen konfrontiert sieht, die ihre inneren Spannungen durch Spaltungen und Externalisierungen zu bewältigen versuchen, stellen die Autoren Supervision als ein nicht verzichtbares Arbeitsinstrument vor: Psychoanalytische Sozialarbeit ist ohne Supervision nicht denkbar.„ (S. 161) Genauso unverzichtbar ist m. E. die Lektüre dieses Buches für Psycho - ana lytikerInnen, die im sozialen Bereich als SupervisorInnen tätig sind. Zum einen, weil es eine Sprache spricht, die auch Nicht-PsychoanalytikerInnen ver - stehen und von der es einiges zu lernen gäbe, und zweitens, weil es uns sensi- bilisiert für die Wichtigkeit der realen Welt und der in ihr wirkenden psychoana- lytischen Sozialarbeitenden, die auf und an der Grenze zur psychischen Welt Übersetzungsarbeit leisten. Buchbesprechungen