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Tagungsberichte

«Politische Psychologie heute?»

Angret Rafalski, Frank Wiedemann

Kein Abstract vorhanden.


«Politische Psychologie heute?» Angret Rafalski und Frank Wiedemann (Hannover) «Politische Psychologie heute?» Unter dieser Fragestellung fand vom 4. bis 6.12.2009 erstmals eine von der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie Hannover organisierte Fachtagung statt. Die Frage nach den aktuellen Einsatzmöglichkeiten einer kritischen, d. h. in der Tradition Hannovers stehenden, psychoanalytisch orientierten Politi schen Psychologie, stand dabei im Fokus. In wissenschaftlicher Tiefe und thematischer Breite beleuchteten insgesamt 16 ReferentInnen den genannten Forschungs­ bereich und boten damit einen facettenreichen und interdisziplinären Einblick in diesen Themenkomplex. Im Rahmen der dreitägigen Tagung kamen dabei nicht nur renommierte ForscherInnen zu Wort, sondern es wurden auch lau­ fende Projekte und Forschungsvorhaben vorgestellt und diskutiert. Gerade diese Tagungskonzeption zeigte auf, dass trotz ihres konstatierten momentanen Schatten daseins die Politische Psychologie nichts von ihrem aktuellen Bezug ver ­ loren hat, was sich auch in der hohen TeilnehmerInnenzahl widerspiegelte. Zu Beginn der Tagung wies Lilli Gast (Berlin) auf den grundlegenden Bedeu­ tungszusammenhang zwischen der Psychoanalyse und den Sozialwissen schaften hin: Wenn das Subjekt als Gewordenes in Raum und Zeit in seiner konstitutiven Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit verstanden werden soll, kann vor allem mit Hilfe des Kenntnisinteresses psychoanalytischen Denkens zum einen die sozi ­ ale Verfasstheit unserer psychischen Existenz anerkannt und zum anderen auch die Irrationalitäten von gesellschaftlichen Institutionen und Phänomenen unter ­ sucht werden. Inwiefern gerade die Psychoanalyse dabei erkenntnisgewinnend sein kann, wurde exemplarisch in dem Vortrag von Samuel Salzborn (Gießen) zur politischen Dimension des Antisemitismus deutlich. Er zeigte auf, wie sich die Genese von Antisemitismen im Zusammenhang mit Narzissmustheorien und dem Freudschen Strukturmodell der Psyche erklären und interpretieren lassen kann. Auch in dem von Guido Follert und Mihri Özdogan (beide Hannover) vor ­ gestellten vorläufigen Ergebnis ihrer empirischen Feldforschung an Schulen zur Muslim feindschaft wurde die Notwendigkeit der psychoanalytischen Sichtweise augenscheinlich, um die derzeitig wahrzunehmende Muslimfeindschaft als eine qualitativ neue, in der Mitte der Gesellschaft verankerte ideologische Formation zu verstehen. Als psychoanalytischen Erklärungsansatz und Kernprinzip für die «west­ © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 51. 2 0 Tagungsberichte 210 Angret Rafalski und Frank Wiedemann liche» Erschaffung des antisemitischen Moslems sehen die Referenten den Wunsch zur Entlastung der eigenen unbewussten Schuldhaftigkeit. Das in Deutschland mittlerweile etablierte Eingeständnis der Verantwortung gegenüber rassisch begrün detem ( Vernichtungs ­)Antisemitismus wird zum Zeichen der eigenen Über­ le gen heit, da damit der gesellschaftliche Antisemitismus marginalisiert und der phan ta sierte muslimische Antisemitismus überhöht wird. Mit diesem Vorgang, so die Referenten, entlastete man sich selbst bzw. die deutsche Gesellschaft mittels massen medialer Verbreitung und Vermehrung von der «Schuld» und überträgt diese auf den «antisemitischen Moslem», der so zum Urheber und Ableiter der sozialen Angst gemacht wird. Die Breite des Anwendungsfeldes der Politischen Psychologie wurde auch in dem Panel Geschlecht und Sexualität deutlich: Julia König (Frankfurt a. M.) berichtete von ihrem Forschungsvorhaben zur Genese und Entwicklung von sexuellen Körperwünschen und Körperinszenierungen bei Kindern. Anke Kerschgens (Frankfurt a. M.) referierte über die Verknüpfung und Wechselwirkung von gesellschaftlichen und individuellen Sinnbildungsprozessen in den Geschlech­ ter verhältnissen bezüglich der Arbeitsteilung in Familien. Dass innerhalb der aktuellen Politischen Psychologie auch neue theore­ tische Ansätze verfolgt werden, zeigten Greta Wagner (Frankfurt a. M.) und Michael Zander (Berlin) mit der Vorstellung ihrer derzeitigen Forschungen. Wagner setzte die Theorien von Foucault mit Lorenzer in Bezug und zeigte auf, dass das Zusammendenken beider trotz aller Gegensätze erkenntnisgewinnend sein kann. Wie Diskurse der Machtkomplexe an die inneren Strukturen andocken, und gleichzeitig unter welchen Bedingungen und auf welche Weise sich das Subjekt der Normalisierung der Macht widersetzt, stellte die Referentin in einen frucht­ baren Zusammenhang. Zander wiederum zeigte Verknüpfungsmöglichkeiten der Psychoanalyse mit dem Bourdieuschen Habitusbegriff auf. Über die «Psychoanalyse des Sozialen» könne der Habitusbegriff im Freudschen Sinne übertragen werden und biete so Anknüpfungspunkte mit dem Triebbegriff. Resümierend lässt sich folgendes festhalten: Die kritische Politische Psy­ cho logie ist auch heute noch ein wichtiges und fruchtbares Forschungsfeld. Den­ noch zeigte sich in der Reflexion ihrer Aktualität, dass sich die ForscherInnen und AkteurInnen einer kritischen Politischen Psychologie stärker und aktiver im gesellschaftlich politischen Bereich einbringen müssen bzw. sollten, da sie in den derzeitigen Diskursen kaum wahrnehmbar sind. Journal für Psychoanalyse 51