In diesem Artikel wird die Konzeption und Arbeit des Ethnologisch-Psychologischen Zentrums (EPZ), einem stationären Betreuungsangebot für psychisch belastete Asylsuchende, vorgestellt, welches bis zur Mitte des Jahres 2005 in Zürich existierte. Es soll herausgearbeitet werden, welche Merkmale psychoanalytischer Sozialarbeit in der Einrichtung zum Tragen gekommen sind. Der Fokus liegt dabei auf der alltäglichen Praxis der Einrichtung, die mit Hilfe von Interviewausschnitten und Feldforschungsnotizen empirisch belegt und illustriert wird.
Von Pflastern und Pflanzen Die ethnopsychoanalytische Betreuung von Asylsuchenden im Ethnologisch-Psychologischen Zentrum (EPZ) Zürich 1 Antje Krueger (Bremen) Zusammenfassung: In diesem Artikel wird die Konzeption und Arbeit des Ethno logischPsychologischen Zentrums (EPZ), einem stationären Betreuungs ange bot für psychisch belastete Asylsuchende, vorgestellt, welches bis zur Mitte des Jahres 2005 in Zürich existierte. Es soll herausgearbeitet werden, welche Merkmale psy choanalytischer Sozialarbeit in der Einrichtung zum Tragen gekommen sind. Der Fokus liegt dabei auf der alltäglichen Praxis der Einrichtung, die mit Hilfe von Interviewausschnitten und Feldforschungsnotizen empirisch belegt und illustriert wird. Schlüsselwörter: stationäre Betreuung, Asylsuchende, Ethnopsychoanalyse, Hol- ding-Konzept, psychoanalytische Sozialarbeit, Symbolisierung. 1 «… kein Ort für Forschung, wenn alles stirbt!» – Der erste Kontakt mit dem EPZ Als ich 2005 zum ersten Mal mit einem Forschungswunsch an das Eth- no logisch-Psychologischen Zentrums (EPZ) Zürich – einem stationären Betreu- ungsangebot für psychisch belastete Asylsuchende mit unsicherem Aufent- halts status – herantrat, wurde ich herzlich eingeladen das Projekt kennen zu lernen und machte mich von Bremen auf den Weg in die Schweiz. Beim ersten Zusammentreffen zeigte sich aber, dass das Zentrum von Seiten der Träger - institution, der Asylorganisation Zürich (AOZ), nicht mehr gewollt und der EPZ- Leiterin Heidi Schär Sall bereits gekündigt worden war. Es blieb unklar, wie es mit dem Projekt weitergehen sollte. 2 «Die MitarbeiterInnen wirken sehr nett, aber auch müde, angespannt, fast ein wenig traurig. Sie erzählen, dass alles, was zurzeit im EPZ noch passiere, auf Sparflamme laufen würde und kaum noch Energie vorhanden sei. Es wäre kaum vorstellbar, wenn ich jetzt, in dieser eh schon sehr schwierigen Situation dazu © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 51. 9 Psychoanalytische Sozialarbeit 116 Antje Krueger stoßen würde, um wissenschaftliche Beobachtungen zu machen. Es gäbe so viele Unsicherheiten, sowohl für die MitarbeiterInnen, als auch für die KlientInnen. Es wäre gerade einfach kein Ort für Forschung, wenn alles stirbt …» (Feldforschungsnotizen zum ersten Treffen mit dem EPZ am 20.06.05). Nach einem Ausloten der aktuellen Bedingungen, wurde deutlich, dass eine tatsächliche Beobachtung des Arbeitsalltags nicht durchführbar war. Alter - nativ wurde eingeräumt, dass es vielleicht Wege gäbe, mit ehemaligen Betreue- rInnen und auch ehemaligen KlientInnen zu sprechen. Spannend wäre sicher auch eine Analyse der gegenwärtigen sozialpädagogischen Entwicklungen im Betreu- ungssektor für Asylsuchende in der Schweiz. Mit kritischer Stimme wurde mir mitgeteilt: «Sozialarbeit ist in Zürich gerade en vogue! Da muss man sich nur die Fachhochschuldebatte anschauen: die wollen Putzpläne, eine rasche Bearbeitung und wie in einer Ausschreibung stand ‹Geschick für den Umgang mit fremden Kulturen!› Es gibt gerade einen Boom von Labeln wie interkulturelle Kompetenz!» (ebd.). 2 «Es ist das, was es ist, es gibt kein Traumsetting» – Gestaltung des Forschungsdesigns Nach meiner Rückkehr entwickelte sich im Austausch mit dem EPZ-Team, meiner Doktormutter Maya Nadig und mir ein Forschungsdesign, welches sowohl das erprobte Konzept als auch die Unmöglichkeiten und Begrenzungen, Anfein- dungen und mangelnde Akzeptanz der Praxis ins Zentrum der Analyse rückte. Den Ausgangspunkt dazu bildete das eigentliche Konzept, welches ich mithilfe der EPZ-Publikationen, vor allem aber durch Interviews mit der ehemaligen Leite- rin, den BetreuerInnen und Personen aus dem politischen und institutionellen Umfeld rekonstruiert habe. Parallel zur Erforschung der professionellen Seite war es mir ein großes Anliegen, die Meinungen und Ansichten der BewohnerInnen der Einrichtung kennen zu lernen und in die Betrachtung der EPZ-Praxis einzu- beziehen. Mit Hilfe von biographisch-episodischen Interviews war es möglich, die persönliche Bedeutung der erfahrenen ethnopsychoanalytisch orientierten Betreuung zu erfassen. Die rekonstruktive Forschungsarbeit soll den besonderen Ansatz des EPZ und seine Wirkung auf die zu betreuenden Asylsuchenden reflektieren. Sie steht gleichsam auch für die Erinnerung an ein innovatives Projekt, dessen Arbeitsweise trotz der Schließung diskutiert werden sollte. Im Folgenden möchte ich das Zentrum und seine Arbeitsweise vorstellen. Journal für Psychoanalyse 51 Von Pflastern und Pflanzen 117 3 Das Ethnologisch-Psychologischen Zentrum (EPZ) Zürich Im Ethnologisch-Psychologischen Zentrum (EPZ) Zürich fanden bis zum Ende des Jahres 2005 MigrantInnen und anerkannte Flüchtlinge in schweren psycho sozialen Krisen stationäre Betreuung. Verteilt auf drei Wohnhäuser im Stadt- bereich lebten etwa 120 Frauen und Männer unterschiedlicher Herkunft und Alters gemeinsam in kleineren Wohneinheiten und wurden dort tagsüber in ihrem Alltag niederschwellig 3 begleitet. Das EPZ galt als Auffangbecken so genannter «schwieriger Fälle», die die Abläufe in den Durchgangszentren und Anlaufstellen der Gemeinden «strapa- zierten». Gleichsam verhinderten statusrechtliche Bedingungen (kein gesicherter Aufenthalt) die Aufnahme der Klientel in den allgemeinen wohn- und gesund- heitsversorgenden Sektor. Im EPZ war es aus asylpolitischen und ökonomischen Rahmenbedingungen nicht möglich, einen gesicherten Betreuungszeitraum oder eine 24-stündige Anwesenheit der MitarbeiterInnen zu gewährleisten. Abschie- bungen konnten zwangsläufig ein unerwartetes Ende der Betreuung bedeuten. Die Häuser des EPZ stellten einen «Übergangsort» (vgl. Schär Sall 1999) dar, einen Raum zwischen der Flucht und einem etwaigen sicheren Aufenthalt in der Schweiz, der weder den Asylsuchenden, noch den Betreuenden einen großen Handlungsraum ließ. Beide Seiten waren gezwungen, die prekäre Situation sowie das psychische Leid auszuhalten. Auf meine Frage, wie ich mir diesen Alltag im EPZ vorstellen könnte, schil- dert mir ein ehemaliger Mitarbeiter die tagtägliche Situation in den Häusern und die Vielfältigkeit der Anliegen, mit denen sich die BewohnerInnen an das Büro gewandt haben: «Das ging wirklich von ganz konkreten Sachen, Arbeitssuche, Geld, also, wir haben ja auch die ganzen Finanzen da gemacht, über tropfende Wasserhähne bis zu: ‹Mein Mann hat mich gestern Abend geschlagen›, ‹Meine Tochter hat Probleme in der Schule›, ‹Ich habe Kopfschmerzen›, … ‹Ich möchte hier raus› … Oder … eine Frau kommt und sagt: ‹Immer … mein Zimmer ist überschwemmt und das war diese, diese Somalierin. Die hat das extra gemacht!› also, mit anderen Worten, da gab es das konkrete Problem, wo man sich erst einmal drum kümmern musste. Man musste rauf gehen, gucken, was ist los und dann je nach dem … Putzkübel bereitstellen und das Wasser irgendwie zusammen … oder im schlimmeren Fall, Handwerker, Sanitäter, organisieren … dann musste man auf der zweiten Ebene schauen, was ist mit dieser Somalierin, stimmt das, hat die das extra gemacht? Man musste dann ja irgendwie den Konflikt untereinander ein wenig entschärfen, damit die nicht aufeinander losgehen … aber meistens wusste man ja von vornherein, das Psychoanalytische Sozialarbeit 118 Antje Krueger sind eigentlich nur Symptome. Wo man das Gefühl hatte, was da außen passiert ist, da hat man einen Spiegel, wie es in ihr drin wahrscheinlich aussieht: Über schwemmungen und Katastrophen. Irgendwie ging es einfach darum, dass man auch die Beziehung überhaupt aufrechterhalten konnte. Dass man mit den Leuten im Gespräch bleiben konnte, dass man ihnen vielleicht auch signalisieren konnte: Ich ahne, dass eigentlich die Überschwemmung hier nicht der Kern des Problems ist, dass es da irgendwie noch um einen anderen Hilfeschrei geht, aber zugleich nehme ich das jetzt ernst, so wie es einfach im hier und jetzt ist und kümmere mich darum soweit es geht und den Rest, den können wir nicht von heute auf morgen lösen, aber ich bin irgendwie da! …wir mussten natürlich auch für vieles hinhalten, wofür wir gar nicht verantwortlich sind, wo es einfach strukturelle Begebenheiten waren, wo halt beengte Wohnverhältnisse waren und kein Geld da, auch kein Geld für äh … für … Psychotherapien oder was auch immer. All diese Frustration prallte dann einfach auf uns ab!» (Ausschnitt, Interview vom 17.11.2006) Neben den geschilderten alltäglichen Sorgen, mit denen sich die Bewoh- nerInnen an die MitarbeiterInnen wandten, war die Situation in den Häusern entsprechend auch von den individuellen psychischen Leiden der BewohnerInnen geprägt. Viele reagierten auf das erfahrene Leid und ihre ohnmächtige Situation in der Zufluchtsstätte Schweiz beispielsweise mit aggressivem oder depressivem Verhalten. So kam es nicht selten zu Wutausbrüchen gegenüber anderen Mit- bewoh nerInnen und vor allem auch gegenüber den BetreuerInnen, die in der aussichtslosen Situation für die Missstände verantwortlich gemacht wurden oder einfach nur als «Blitzableiter» herhalten mussten. Die Hilflosigkeit zeigte sich in Sachbeschädigungen des Hausinventars ( Waschmaschinen, Briefkästen, Türen etc.), genauso wie in Attacken gegen die MitarbeiterInnen, bei denen beispielsweise die Schlösser der Bürotüren verklebt oder mit Fäkalien beschmiert wurden. Andere BewohnerInnen versanken aufgrund ihrer psychischen Not in Gleichgültigkeit, vernachlässigten ihre Körperhygiene, ließen ihre Zimmer und Küchen verdrecken und konnten sich nicht mehr motivieren, an Beschäftigungsprogrammen oder Sprachkursen teilzunehmen. Darüber hinaus prägten Selbstmordversuche das Klima in den Häusern. Wie im Interviewausschnitt angedeutet, wurden die Beschwerden selten auf einer psychischen Ebene angesprochen, sondern in der Regel konkret aus- agiert. Es wurde dabei immer wieder deutlich, dass neben der realen Not, die aus den prekären Lebensbedingungen resultierte, auch die innere Verfassung der BewohnerInnen dazu führte, dass sie sich in der äußeren Realität nicht zurechtfin- den konnten. Die Problematik der KlientInnen des EPZs bewegte sich dementspre - Journal für Psychoanalyse 51 Von Pflastern und Pflanzen 119 chend im Spannungsverhältnis von äußerer Lebenswirklichkeit und dem inneren psychischen Erleben der BewohnerInnen (vgl. hierzu auch Günther 2005: 84/85). 4 Der Betreuungsansatz im EPZ: ethnologisch-psychologisch Um den Ansprüchen an eine individuelle und lebensweltnahe Betreuung von psychisch belasteten Asylsuchenden gerecht zu werden, entwickelten die EPZ- Verantwortlichen einen Ansatz, der bedeutende Erkenntnisse der Ethnologie und der Psychoanalyse verband und in einem fürsorgerischen Feld anwandte. Die EPZ-Verantwortlichen verstanden ihre therapeutischen Bemühungen als (Feld-) Forschungsprozess, in dem der Reflexion von Übertragungs- und Gegen über tra- gungsphänomenen und der Bedeutung des migrationspezifischen Kontextes ein besonderer Stellenwert zugesprochen wurde. Im Gegensatz zu anderen sozialen Einrichtungen arbeiteten im EPZ entsprechend keine SozialarbeiterInnen oder SozialpädagogInnen, sondern explizit EthnologInnen, PsychotherapeutInnen und EthnopsychoanalytikerInnen (vgl. hierzu ausführlicher Schär Sall 2002, Stutz 2002). Neben einer aktiven fürsorgerischen Unterstützung (z. B. Hilfe bei der Anmel dung zu einem Beschäftigungsprogramm), schien besonders das Bezeugen und Anerkennen der prekären Bedingungen, mit denen die Asylsuchenden vorlieb nehmen mussten, einen bedeutenden Effekt auf ihre jeweilige Lebenssituation zu haben. Indem sie sich als «Zeugen für das gesamte Geschehen des Gegenübers» (Ackermann 2003: 47) zur Verfügung stellten, konnten sie den BewohnerInnen ent- sprechend widerspiegeln, wie viele äußere Umstände Einfluss auf ihr psychisches (Un-)Gleichgewicht haben, und die KlientInnen in ihrem Leidensdruck entlasten. 4 Anknüpfend an die ethnologische Methode der «teilnehmenden Beobachtung» (Malinowski 1922), mit der im natürlichen Feld Beobachtungen der soziodyna- mischen Beziehungsprozesse vorgenommen werden können, beschreiben die Mit arbeiterInnen des EPZ ihre Arbeit auch als «an-teilnehmende» (ebd.: 20) Beobachtung. Ausgehend von den Konzepten des Übergangraumes und des «holdings», wie sie der Psychoanalytiker Donald W. Winnicott innerhalb der Objekt bezie- hungstheorie zum frühkindlichen Bindungsverhalten dargestellt hat, erkannten die MitarbeiterInnen die besondere Bedeutung und Notwendigkeit eines haltenden Rahmens für die BewohnerInnen (vgl. Winnicott 1973; 1974). Die KlientInnen der Einrichtung mussten aufgrund schwieriger oder auch unaushaltbarer Bedingungen (politische Verfolgung, Krieg, Folter und/oder fehlende wirtschaftliche Sicherung) ihre vertraute Umwelt verlassen. Viele von ihnen waren sowohl auf den Stationen ihrer Flucht als auch bei ihrer Ankunft in der Schweiz immer wieder temporären Psychoanalytische Sozialarbeit 120 Antje Krueger oder anhaltenden Erniedrigungs- und Entmündigungssituationen ausgesetzt. Sie erfuhren darüber «ein[en] dramatischen Zusammenbruch des Vertrauens in die Zuverlässigkeit der sozialen Welt und damit der eigenen Selbstsicherheit» (Honneth 1992: 215). Dadurch, dass sie mit Eintritt in die Schweiz zunächst bürokratische Prozeduren der Aufenthaltsprüfung bewältigen mussten, blieben die meisten von ihnen aufgrund ihres Status als Asylsuchende quasi im «Übergangsraum Migration stecken» (Ackermann et al. 2003: 46). Ein Zustand, der nicht selten von großer Hoffnungslosigkeit, Spannungszuständen und dauerndem Unwohlsein geprägt war und zusätzliche Auswirkungen auf das bereits «verletzte Selbst» der KlientInnen hatte (vgl. ebd.). 5 In der Übertragung des winnicottschen holding-Konzepts auf die Migra- tions situation haben die MitarbeiterInnen versucht, über ein grundsätzliches Ver stehen sozialer Bedürfnisse auf die psychische Verfasstheit der KlientInnen adäquat zu reagieren. 6 Ziel war es, den BewohnerInnen des EPZ einen Ort zu bie- ten, in dem sie trotz der äußeren Situation der Missachtung und Unsicherheit ihre Selbstachtung und ihr Selbstvertrauen wiederfinden konnten. Ähnlich wie der Säugling in einer Phase totaler Abhängigkeit darauf angewiesen ist, von Seiten der Mutter ausreichend gut gehalten zu werden, sind auch Asylsuchende in psychi- schen, sozialen und migrationsbedingten Krisen darauf angewiesen, an irgendeiner Stelle ihres Lebens bedingungslose Anerkennung zu erfahren, um wieder Vertrauen in die eigene Person zu finden und weitere Ressourcen mobilisieren zu können (vgl. hierzu ausführlicher: Krueger 2010). In ihrer praktischen Arbeit versuchten die MitarbeiterInnen des EPZ, die Reaktionen der BewohnerInnen in erster Linie als Ausdruck der prekären Lebens situation der Betroffenen zu werten und lehnten vorschnelles Agieren und Sanktionieren ab. Es ging darum, die Wut auszuhalten, der Zer störung mit Verständnis zu begegnen und bewusst auch darum, Konflikte nicht durch einen vorschnellen Anruf bei der Polizei oder dem Notfallpsychiater an andere Stellen zu delegieren. So schreiben Elena Wetli und Danielle Bazzi: «Menschen in Krisen- situationen zu begleiten, heißt zunächst einmal ihre Ohnmacht wahrzunehmen und sie gemeinsam eine Weile auszuhalten. Das Aushalten und Mitragen, das Wahr nehmen und Wissen stellt die Anerkennung der inneren Dimension des Migran tenschicksals dar und ist etwas, das wirkt!» (Bazzi 1999: 134; vgl. hierzu auch Schär Sall 1999). Auf der Ebene des EPZ-Teams stellte sich die Gruppe der EPZ-Mit arbei- terInnen im Sinne des «bionschen containments» zur Verfügung. Indem sich die BetreuerInnen kontinuierlich über die KlientInnen austauschten, konnten Journal für Psychoanalyse 51 Von Pflastern und Pflanzen 121 sie die Fragmente der oft brüchigen Lebensgeschichten sammeln, aufbewahren und auch versuchen, die Bruchstücke miteinander in Beziehung zu setzen. Das Team konnte sich in diesem Prozess eines gegenseitigen Halts versichern, der, in der Übertragungen auf einzelne oder auch die Gruppe der BewohnerInnen zurückwirkte (vgl. Stutz 2002: 23). In diesem Sinne wurde allein die Präsenz der Mitglieder des EPZ-Teams zum «Betreuungsinstrument» (Ackermann et al 2003: 42; vgl. auch Bion: 1974). 5 Supervision Das beschriebene Betreuungskonzepts des EPZs, fußt auf Erkenntnissen, die im Rahmen einer institutionalisierten zweiwöchentlichen Supervisionssitzung gewonnen werden konnten. Es ging um die schwierige Aufgabe, eine Betreu- ungs arbeit für Menschen zu konzipieren, die «je nach dem als unbetreubar, unthe ra pierbar, arbeitsunfähig, asozial, nicht krankheitseinsichtig oder leidend ohne Befund [galten]» (Bazzi 1996: 54). Diese Aufgabe war durch die eingangs erwähnten schwierigen Rahmenbedingungen kaum zu bewältigen und von einem «lähmenden Gefühl gekennzeichnet, dass man dringend etwas machen müsste, jedoch keinen Manövrierraum hat» (ebd.: 56). Mittels der psychoanalytischen supervisorischen Begleitung, die sich maßgeblich am Konzept der operativen Gruppe (Bauleo 1988) orientierte, gelang es nach und nach, eine neue Denkart der Betreuungsaufgabe zu entwickeln. Die Gruppe lernte zu akzeptieren, dass es oft unmöglich war, etwas für die Asylsuchenden zu «machen», etwas zu «schaffen» oder Standards zu «bieten». In den Analysen kristallisierten sich Begriffe heraus, die den Umständen wesentlich gerechter wurden. Auf der einen Ebene wurde festgestellt, dass das «umfassende Wahrnehmen» der Situation der KlientInnen, das «Zeuge sein» von Erfahrungen aus der Vergangenheit und aktuellen Problemen, eine Möglichkeit war, der Betreuungsaufgabe zu begegnen (vgl. Kapitel 4). Die gemeinsame Denk- und Deutungsarbeit führte dazu, den anfangs als unlösbar beschriebenen Anspruch, etwas «machen» zu müssen, so umzudeuten, dass es den MitarbeiterInnen gelang, sich des Drucks, permanent »agieren« oder «leisten» zu müssen, entledigen zu können (vgl. Bazzi 1996). Auf einer anderen Ebene befähigte die ethnologische Ausbildung der Mehr - heit der MitarbeiterInnen, die Situation im EPZ als eine vielschichtige transkul- turelle Praxis zu verstehen, sich deutlich von einer verbreiteten Kulturalisierung von MigrantInnen abzugrenzen und das Individuum mit seiner Spezifität wahr - zu nehmen (vgl. Schär Sall 1999; 2006). «Kultur» wird gesellschaftlich oft als Erklä- rungsmuster für das Sein oder Handeln von MigrantInnen herangezogen und dies Psychoanalytische Sozialarbeit 122 Antje Krueger schlägt sich auch in der psychotherapeutischen Praxis nieder. Informationen über Kulturstandards in anderen Kulturen erscheinen als Mittel, Missverständnisse zu vermeiden und Vorurteile abzubauen. Solche Informationen gehen vielfach mit der Produktion nationaler oder kultureller Stereotypisierungen einher, die stigmatisierend wirken können (vgl. Kapalka 2005). Wenn das Handeln mono- kausal auf «Eigenschaften, Kultur oder Charakter der Person zurückgeführt [wird], wird dadurch meist verhindert, das Handeln als Antwort auf erlebte Wider sprüche aufzufassen und weitere Fragen zu stellen, so dass ausschlagge - bende Lebensbedingungen zum Teil unerkannt bleiben» (ebd.: 39). Ausgehend von einem dynamischen und prozesshaften Kulturbegriff, stand im EPZ dage- gen das Individuum mit seiner besonderen Lebenswirklichkeit und nicht das Sammeln allgemeinen Wissens über spezifische Kulturen im Vordergrund (vgl. Ninck Gbeassor et al. 1999 und Bazzi et al. 2000). Es ging vielmehr darum, das «Fremde», wie das eigene Unbewusste in der Kultur, eigene Abwehrhaltungen und solche des Gegenübers sowie gegenseitige Übertragungen beständig zu reflektie- ren. Dabei konnten die Zusammenhänge zwischen individuellem und sozialem Leid, aber auch situationsinhärente Machtgefälle immer wieder neu aufgeklärt werden (vgl. Ackermann et al. 2003). Das primäre Wahrnehmen der Aktivitäten der Asylsuchenden löste diese aus der Rollenzuschreibung, bloßes Opfer ihres Migrationsschicksals zu sein und hatte auf beiden Seiten den Effekt, der Ohnmacht etwas entgegenstellen zu können. Die Supervision als Gruppenort stellt entsprechend der Ausführungen einen wesentlichen Bestandteil des Betreuungskonzeptes des EPZs dar. Ohne diesen verlässlichen «Spielraum» (oder wie Winnicott ihn benennt: Intermediären Raum 7), in dem die Wirkung der Betreuung bewusst und das Wahrgenommene reflektiert werden konnte, um es dann in die Betreuungsarbeit zurückzukoppeln, wäre es nicht möglich gewesen, den KlientInnen, genauso wie den MitarbeiterInnen, Halt und Schutz (im Sinne des holdings) zu gewähren (vgl. Bazzi 1996: 57). 8 Im Folgenden möchte ich anhand ausgewählter Beispiele, die betreuerische Praxis im EPZ illustrieren. 6 Institutionalisierte Geldverwaltung Zum Alltag im EPZ gehörte neben der Betreuung auch die Erstellung und Verwaltung der Fürsorgegelder und damit der finanziellen Budgets der ein- zelnen KlientInnen. Es wurde immer wieder diskutiert, ob «der ganze Teil der Arbeit, der sich um Finanzielles dreht (Budgets, Lohnabrechnungen, Verkehr mit Beschäftigungsprogrammen, Schuldensanierung, Buchhaltung [ …] etc.), an die Journal für Psychoanalyse 51 Von Pflastern und Pflanzen 123 Administration delegiert werden sollte, damit mehr Zeit da wäre für die ‹eigentliche› Betreuungsarbeit» (Signer 1999: 17). Neben dem rein zeitlichen Aspekt, bedeu- tete die Verwaltung der Gelder auch die Institutionalisierung eines ökonomischen Abhängigkeitsverhältnisses (gerade, wenn es um finanzielle Vorschusswünsche oder das Aufschieben von Schulden ging), das kritisch hinterfragt wurde. Im Fol- gen den möchte ich anhand von Äußerungen verschiedener MitarbeiterInnen deut- lich machen, welche Kernpunkte dieser Diskussionsprozess beinhaltete: «Es gab Bestrebungen, die ganzen finanziellen Geschichten abzugeben. Ich hab mich immer dagegen gesträubt! Die Klienten brauchen einen äußeren Grund, um ins Büro zu kommen und sei es um ein Trambillet abzurechnen, und diese Gründe müssen wir ihnen lassen. Es gab andere Haltungen, die meinten, dass die Klien tInnen andere Gründe finden würden oder kommen, ohne einen Grund vor schieben zu müssen. Ich hab daran nicht so geglaubt. Ich weiß, dass auch sehr viel Symbolik in ganz vielen Dingen drinsteckt, die die Leute wollen. Man kann wegen eines tropfenden Wasserhahns kommen oder nicht kommen und je nach dem, dann heißt es was. Es gab Leute, die kamen nur wegen Geldgeschichten, aber die haben sich damit auch immer versichert, dass wir noch da sind! Und das war wichtig, wie dieser Mann, der gesagt hat: ‹Mir geht’s besser, wenn ich weiß, dass Sie im Büro sind!› Es ist meistens, dass man so (!) gebraucht wird.» (Ausschnitt, Interview vom 10.12.2005) Ein anderer Mitarbeiter, den ich auf die Abhängigkeiten im EPZ angespro- chen habe, erklärt: «Ein klares Abhängigkeitsverhältnis, ja klar! Es wäre eine Illusion zu glauben, dass man ohne Abhängigkeiten agieren könnte im Asylwesen. Die Struktur ist so aufgebaut, dass das genauso ist. Der kann nicht selber Arbeit suchen. Die Struktur ist so, dass er jemanden braucht, der ihn vermittelt. Das ist auch so aufgebaut, dass der keine Autonomie hat, weil es sind nicht anerkannte Flüchtlinge, [ …] die man in den meisten Fällen lieber wegschicken würde, die man aber nicht wegschicken kann, weil man das rechtlich nicht durchführen kann. Es gibt durchgängig Abhängigkeiten, und man muss sich dem stellen [ …] sehr spannend, was diese Geldverwaltung darin bedeutet, wenn man es bearbeitet in der Dynamik … an diesem Bild der Begehrlichkeit. Wo, wann, was auftaucht, dass der jetzt genau mehr braucht, was das bedeutet. Also ich gehöre sicher zu denen, die rasch auf diese Verwaltung ver zichtet hätten, aber die Alternativen hab ich nicht gesehen in der Struktur im EPZ. [ …] Ich glaube trotzdem, dass in dem Geldthema, in diesen Beschwerden, ein Stück gesellschaftlicher Realität steht, mit der der Klient nicht gut zurecht kommt … und dass es zwar ums Geld ging, aber man dann auch direkt angeknüpft viele andere Themen fand. » (Ausschnitt, Interview vom 21.11.2006) Psychoanalytische Sozialarbeit 124 Antje Krueger In den Interviewausschnitten wird deutlich, dass die institutionellen Rah- men bedingungen keine Möglichkeiten bereithielten, die Geldverwaltung an andere Personen zu delegieren. Dadurch, dass die MitarbeiterInnen gezwungen waren, mit den BewohnerInnen über ökonomische Themen zu verhandeln, konnte sich allerdings der Blick für die realen Lebensverhältnisse der KlientInnen öffnen. Die Beschwerden über die geringen Budgets, das Verhandeln über finanzielle Wünsche oder der gemeinsame Lösungsversuch, Schulden abzubauen, verwiesen stetig darauf, dass die BewohnerInnen des EPZ am Rande des Existenzminimums lebten. 9 Die geäußerte Unzufriedenheit der KlientInnen konnte innerhalb des Supervisionsprozesses auch als Lebenswillen gedeutet werden: So berichtete mir einer der ehemaligen Administratoren, «dass die Forderung nach mehr Geld auch dafür stehen würde, dass sich die Leute etablieren und sich um die Zukunft Sorgen machen würden. Wenn Klienten über einen langen Zeitraum zufrieden mit den Zahlungen gewesen wären, das wäre ein Zeichen dafür gewesen, dass sich nichts bewegt. Es wäre so gewesen, als ob sie in den Abhängigkeiten verharren und nicht nach einem autonomeren Leben streben» (Ausschnitt Gedächtnisprotokoll, Interview vom 23.04.2007). Der obligatorische Rahmen, in dem über die Budgetierungen verhandelt wurde, konnte so gleichermaßen als Beziehungsraum verstanden werden, in dem sich auch die innere Welt der KlientInnen symbolisieren konnte. Wie David Signer prägnant beschreibt, betraten die Asylsuchenden das Büro «nicht mit dem Satz: ‹Ich bin traurig, weil ich das Gefühl habe, nicht geliebt zu werden›, sondern sie sagten beispielsweise: ‹Sie haben sich geirrt, ich habe diesen Monat fünfzig Franken zu wenig Fürsorgegeld erhalten; rechnen Sie das nochmals durch!› » (Signer 1999: 17). Darüber hinaus bot die Besprechung der Budgets ganz generell eine nie- derschwellige Möglichkeit, mit den MitarbeiterInnen in Kontakt zu kommen und wurde wie beschrieben genutzt, um weitere Probleme zur Sprache bringen. Ein etwaiges Fernbleiben konnte andererseits zum Anlass genommen werden, die momentane Verfassung des oder der BewohnerIn zu thematisieren und ein Gespräch zu initiieren. Die Geldverwaltung im EPZ kann also als Ort verstanden werden, an dem die äußere Lebenswirklichkeit und die inneren Fantasien der BewohnerInnen zusammengebracht und bearbeitet werden konnten (siehe zum Thema der Geldverwaltung in der Psychoanalytischen Sozialarbeit auch: Bader/ Leuthard 2005 und Artikel von Heinrich Bader in diesem Heft des Journals). Journal für Psychoanalyse 51 Von Pflastern und Pflanzen 125 7 Von Pflastern und Pflanzen Neben den in der Einleitung beschriebenen Extremen, in denen sich die Gefühlslagen und Nöte der KlientInnen in aggressiven oder depressiven Hal tun gen äußerten, wiesen auch oft kleine Anfragen oder die Schilderung von Alltags sorgen auf das innere Erleben der KlientInnen hin. Zum Beispiel zeigte das große und wiederkehrende Bedürfnis nach medizinischer Versorgung, wie sehr die Bewoh- nerInnen ein (für-)sorgendes Umfeld suchten: «Zum Beispiel Arzt war so ’n Motiv, so dieses ‹es tut hier weh›, ‹Arzt! Jetzt sofort! Termin!› und ‹es ist alles sooo schlimm› und wenn man sich so ei\ n bisschen ausgetauscht hat oder sich zumindest zugewendet hat den Leuten, dann war das kein Thema mehr, dass sie jetzt einen Arzt brauchen, ne? Und da war es gut, nicht sofort zu agieren und zum Telefon zu greifen, sondern nachfragen: Wo tut’s wirklich weh? Und manchmal war es einfach wichtig, die Notfallapotheke aufzumachen, Pflaster rauszunehmen, und zu übergeben! Ja, das waren so richtig kleine Handlungen, die deutlich machen: Ja, wir haben das gehört und wir geben ihnen was … ein Objekt geben und es ist wichtig, dass es auch Bedeutung hat, das Materielle, auch so, dass die Leute dann auch was Handfestes haben und darüber wieder ansprechbar werden. Ich denke, dass kommt auch von der ganzen asylpolitischen Lage her. Die haben so wenig Geld, also man kann nicht verhungern davon, aber man kann nicht in Würde eigentlich leben, aber: Sie waren alle versichert, d. h., man konnte zum Arzt gehen. Was die sonst nicht an Geldern gekriegt haben, um für sich sorgen zu können, ist dann halt mit Medikamenten kompensiert worden. Ich hatte den Eindruck, dass sich das halt auf diese Ebene verschoben hat, von Hustensirup bis zu Kopfwehpillen … und dass auch deshalb gesagt wurde: Mir tuts hier weh und dass man das auch ein bisschen so übersetzen musste: Ok, das heißt, ich brauch auch ein wenig Zuwendung oder ich hab ein Problem und kann nicht damit ankommen und so …» (Ausschnitt, Interview vom 24.04.2007). Auch in diesem Ausschnitt wird deutlich, dass die an die MitarbeiterInnen herangetragenen Sorgen der BewohnerInnen sowohl auf einer real praktischen als auch auf einer psychischen Ebene wahrgenommen, gedeutet und in die Betreu ungsbeziehung zurückgetragen werden mussten. Parallel zum tatsächli- chen Versorgen körperlicher Beschwerden mit entsprechenden Medikamenten, ging es den KlientInnen auch darum, Aufmerksamkeit von den MitarbeiterInnen zu bekommen, ihre Sorge zu spüren und umsorgt zu werden. In einer Situation, die vom ökonomischen Mangel geprägt ist, sowie kaum bis keine Wertschätzung für die Asylsuchenden bereithielt, bedeutete das Präsentieren von körperlichen Schmerzen und die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen im Regelfall Psychoanalytische Sozialarbeit 126 Antje Krueger garan tierte materielle und emotionale Zuwendung. Über die Bewusstmachung dieser Verknüpfungen waren die MitarbeiterInnen in der Lage, hinter dem arti- kulierten Wunsch nach einem Pflaster auch das verletzte Selbst zu erkennen und konnten versuchen, dieser Mehrdimensionalität in der Beziehungsarbeit gerecht zu werden. Im Interviewgespräch mit einem weiteren Mitarbeiter wird deutlich, dass auch der stetige innere Kampf um ein Überleben in der oft aussichtslosen asyl- rechtlichen Situation in kleinen Fragen und Gesten im Alltag thematisiert wurde: «Stabilisieren? Dazu waren die Voraussetzungen gar nicht gegeben. Es ging eigentlich eher so drum, Räume zu geben, die halten … die einfach halten … weil eigentlich geht’s drum, dafür zu sorgen, dass die Leute nicht sterben in einer Art und Weise. Ich kann schlecht sagen, da wäre einer gestorben ohne uns, das kannste ja nicht behaupten … es waren ganz kleine Dinge … Weißte, ich hatte ’nen Klienten, der hat bei mir im Büro gefragt, ob er von irgendeiner Pflanze was abschneiden darf, um es sich bei sich im Zimmer wieder zu ziehen. Ich sagte: Selbstverständlich! Und dann hat er gesagt, dass er sich eben Sorgen macht, ob denn das bei ihm auch wach sen würde …. Und ich hab ihm damals: Ich glaub schon, dass das bei Ihnen auch wächst, aber da ging es drum, ob er selbst noch wächst, weißte, es ging wirklich drum ums LebendigSein, überhaupt darum sich lebendig zu fühlen! Der hat sich dann ein paar Monate später mit Benzin überschüttet und angezündet … hats überlebt, man hat ihn gefunden auf der Strasse … und da kann man nicht von solchen Zielen wie Stabilisieren ausgehen … viel viel kleiner, viel bescheidener … Räume geben, ermöglichen, Wachstumschancen geben, so! Kitten! Immer wieder alles kitten! Fast plastisch: Das nichts herausläuft!» (Ausschnitt, Interview vom 10.12.2005). In Form eines Pflanzentriebs möchte der Bewohner sich ein Stück Leben- dig keit in seinen Wohnbereich holen. Damit nimmt er einerseits konkret ein klei- nes Gewächs zu sich, das er beim Wachsen beobachten kann und das ihn viel- leicht jeden Tag an seine eigenen Wachstumsmöglichkeiten erinnert und zum Leben ermuntert. Anders gedeutet, möchte er auch etwas von der Lebendigkeit des Mitarbeiters, dem ja die Pflanze gehört und bei dem sie gedeiht, abschnei- den und in sich aufnehmen. Der Pflanzentrieb aus dem Büro steht gleichfalls für die Existenz der Betreuungssituation und kann dem Klienten auch in seinem Zimmer immer wieder daran erinnern, dass er nicht alleine ist. Dass der Mann versucht zu sterben, zeigt, dass es ihm trotz dieser Versuche, Lebendigkeit in seine Umgebung zu holen, nicht möglich war, unter den gegebenen Umständen ausrei- chend Lebenswillen zu entwickeln. Die desolaten äußeren Lebensbedingungen und inneren Zweifel und Nöte konnten letztlich von der betreuerischen Seite nicht Journal für Psychoanalyse 51 Von Pflastern und Pflanzen 127 aufgefangen werden. Ein Stück Realität, dass einerseits deutlich macht, dass «die Angst vor Tod und Wahnsinn, dem Einbrechen jeglicher Struktur, der Gefahr, dass Aufgabe und Spielraum zerstört werden [ …]» (Bazzi 1996: 56), zum Alltag im EPZ gehörte. Andererseits zeigt sich hier vor allem, wie ausweglos die asylrechtlich unsichere Situation für manche BewohnerInnen erschien. 8 Welche Wirkung hat Wahrnehmen? – Die Bewertung der Betreuung durch die BewohnerInnen des EPZ In den Interviews, die ich mit ehemaligen KlientInnen und Angehörigen von KlientInnen des EPZ geführt habe, ziehen sich der Kampf um eigene Bedürfnisse und der Wunsch nach menschenwürdigen Verhältnissen wie ein roter Faden durch alle Gespräche. In den meisten Fällen wurde die Betreuung zunächst als etwas Mangelhaftes, nicht Ausreichendes thematisiert oder als etwas Selbstverständliches betrachtet, dem kein besonderer Stellenwert zugesprochen wurde. Ich hatte den Eindruck, dass erst einmal der aufgestauten Wut über die schlechten Bedingungen Platz gemacht werden musste, um sich dann nach und nach auch den positiven Seiten des EPZs anzunähern. Gerade im Rückblick auf diese Betreuung und durch den Vergleich mit Erfahrungen, die mit anderen sozialen Diensten gesammelt wurden, erschien die Unterstützung durch die EPZ-MitarbeiterInnen in einem differenzierteren Licht. Es wurde deutlich, dass die zuwendende Betreuung für alle Befragten eine große Unterstützung darstellte und die unsichere und zum Teil demütigende Situation erst erträglich machte. Bei einigen von ihnen stellte das EPZ einen haltenden Rahmen dar, der dazu beigetragen hat, die prekäre Zeit überhaupt zu überleben. Wesentlich scheint hier, dass den BewohnerInnen mit Respekt und Verständnis begegnet wurde und sie sich mit ihren Wünschen und Sorgen anerkannt fühlten. Die Tatsache, dass die Betreuenden nur in den seltensten Fällen Einfluss auf die Gesamtsituation nehmen konnten, rückte unter diesem Blickwinkel oft in den Hintergrund. Die praktizierten Ansätze des „Wahrnehmens“ und „Haltens“ hatten einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit der KlientInnen, auch wenn die EPZ-MitarbeiterInnen an der grundsätzlichen Situation der Missachtung nichts ändern konnten (vgl. hierzu ausführlicher Krueger 2008; 2010). 9 Resümee Die Arbeit im EPZ zeigt, wie bedeutsam es war, den KlientInnen mit Offenheit und Geduld zu begegnen. Der Zugang zum Erleben der BewohnerInnen gelang über ein grundsätzliches Annehmen ihrer selbst, der Bereitschaft immer wieder unerwartete Entwicklungen zuzulassen und der Bereitstellung eines Raumes, der Psychoanalytische Sozialarbeit 128 Antje Krueger zeitlich nicht limitiert war. Georg Bruns schreibt, dass die Entwicklung von Klarheit und Sicherheit, aber auch das Verstehen äußerer und innerer Konflikte viel Zeit benötigt, die den KlientInnen der psychoanalytischen Sozialarbeit zugestanden werden muss: «Zeit benötigen sie auch, um defizitäre psychische Funktionen wie der Symbolisierung und Mentalisierung zu entwickeln. Sie brauchen ein Verstehen ihrer Konflikte, Ängste, Defizite und Symptome, um über das Verstehen des psy - choanalytischen Sozialarbeiters sich selbst verstehen zu können. [ …] Wenn ein unverstandenes Verhalten über längere Zeit akzeptiert worden ist, [ …] wird [es] von den Klienten wie ein Akzeptieren ihrer Selbst erlebt, eine Erfahrung, die sie vielfach nur in Ansätzen haben machen können, die aber für ihr Selbstwertgefühl von großer Bedeutung ist» (Bruns 2006: 17). Die alternativlose Schließung des stationären Angebots EPZ und die Etab- lie rung eines ambulanten Dienstes, sind Ausdruck eines Sozialwesens, welches zunehmenden Sparzwängen und Bürokratisierungen unterliegt. 10 Hier wird vor allem der Faktor Zeit gekürzt. Es ist fraglich, ob unter diesen Bedingungen die komplexe Leidensproblematik der psychisch belasteten Asylsuchenden noch ver standen, berücksichtigt und bearbeitet werden kann. Die Entwicklungen laufen Gefahr, ein Fürsorgesystem zu etablieren, was wieder mehr verwahrt, als unterstützt und den Blick statt auf die Bedürfnisse der KlientInnen mehr auf die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens richtet (vgl. Interview in diesem Heft des Journals). Bei einer kritischen Betrachtung aktueller Betreuungsansätze im Asyl- bereich geht es insofern «nicht um weniger als die Frage, inwieweit und unter welchen Vorraussetzungen Integrationsarbeit auch tatsächlich dazu beiträgt, dass die Betroffenen die Integration überleben» (Reithofer 2005: 228/229). 10 Literatur Bücher: Ackermann, Christoph; Peter Burtscher; Amr Mohamed; Heidi Schär Sall; Alexander Sölch; Daniel Stutz; Elena Wetli und Regina Zoller (2003): Das Therapie und Betreuungsmodell des EPZ sowie Standards für die niederschwellige Betreuung und Therapie psychisch kranker und traumatisierter Personen des Asylbereichs. Studie im Auftrag des Bundesamtes für Flüchtlinge – BEF, Bern-Wabern/Zürich. Bauleo, Armando (1988): Ideologie, Familie und Gruppe. Zur Theorie und Praxis der operativen Gruppentechnik. Berlin: Argument. 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Anmerkungen 1 Ich danke Heidi Schär Sall und Daniel Stutz für ihre Anregungen. 2 Finanzielle und politische Probleme, mit denen das EPZ immer wieder zu kämpfen hatte, wirkten sich erheblich auf den Arbeitsalltag des Zentrums aus und führten zunächst zu der Schließung eines der drei Häuser. 2005 wurde das EPZ aufgelöst und namentlich in ein Sozialtherapeutisches Zentrum (STZ) umgewandelt. Im Januar 2007 kam es zu einer endgültigen Schließung der stationären Einrichtung. Seitdem versucht die Asylorganisation Zürich (AOZ) den Bedarf der Hilfesuchenden über eine ambulante sozialtherapeutische Betreuung (ASB) aufzufangen (vgl. zu diesem Prozess auch: Schär Sall und Burtscher 2006). 3 Der Begriff »niederschwellig« stammt aus der Sozialarbeit und bezeichnet einfache, unkomplizierte Kontakt- und Zugangsmöglichkeiten zu BetreuerInnen und Hilfestellungen. Im Falle des EPZ bedeutete dies, dass die MitarbeiterInnen Büros im Erdgeschoss der Wohnhäuser hatten und während der Präsenzzeiten auch ohne Termin für alle KlientInnen ansprechbar waren. 4 »Schon die Wahrnehmung des Leidens entfaltet eine Wirkung, und nicht die vor - schnelle Kategorisierung, vorschnelle Handlung oder auch Pathologisierung« (Ackermann et al. 2003: 47). 5 Eine konstruktive Krisenbewältigung hängt auch davon ab, ob MigrantInnen Schutz, Geborgenheit und Sicherheit entgegengebracht wird, ob sie das Recht auf einen gesicherten Aufenthaltsstatus, auf Arbeitsaufnahme, auf eine bezahlbare Wohnung und vor allem auf Freiheit im Gegensatz zu Abschiebehaft haben (vgl. Kronsteiner 2003: 15 ff.). 6 Dieser Rückbezug auf Erkenntnisse der Kleinkindforschung weckt schnell die Assoziation, dass die betroffenen Asylsuchenden durch eine Übertragung des holding- Konzeptes infantilisiert werden könnten. Hier ist es wichtig zu betonen, dass Winnicotts Ausführungen als Grundlage zum Verständnis von Subjektwerdungsprozessen herangezo- gen werden. Im Sinne der EPZ-MitarbeiterInnen lässt sich diese Adaption auch als weitere Stufe eines lebenslangen Halteprozesses beschreiben: »Am Anfang werden die Kinder von den Eltern gehalten, später setzt die Familie das Halten fort, dann hält die Gesellschaft die Familie« (Ackermann et al. 2003: 85). 7 Nach Winnicott hat Psychotherapie mit zwei Menschen zu tun, die miteinander spie- len. Hieraus folgt, dass es die Arbeit des Therapeuten ist, dem Patienten aus einem Zustand, in dem er nicht spielen kann, in einen Zustand zu bringen, in dem er zu spielen imstande ist. Der Ort des Spielens ist der intermediäre Raum (vgl. Winnicott 1973). »Psychoanalytische Sozialarbeit [ …] ist also Arbeit an und in diesen Zwischenräumen, an den Gelenkstellen zwischen dem Raum der Gedanken und dem der Sachen« (Günther 2005: 91). 8 Mit Blick auf die Auswertung der MitarbeiterInnen-Interviews lässt sich festhal- ten, dass die tägliche Auseinandersetzung mit der dramatischen psychischen Situation der BewohnerInnen, vor allem aber die ökonomischen Rahmenbedingungen (z. B. gerin- Psychoanalytische Sozialarbeit 132 Antje Krueger ger Personalschlüssel) und der stete Kampf gegen die Asylpolitik der Schweiz (z. B. die Abschiebung von traumatisierten KlientInnen) kaum Zeit zur Regeneration ließen. Die MitarbeiterInnen, befanden sich zum Teil an den Grenzen eigener Belastbarkeit und waren mit Gefühlen der Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit konfrontiert, die deutliche Effekte auf ihr eigenes Wohlbefinden und ihre Arbeitsfähigkeit hatten. Die Nebenwirkungen, die sich einstellten, zeigen, wie schwer es ist, Anerkennung unter Extrembedingungen tatsächlich zu leisten. Überdies bringt das Aushandeln in Anerkennungsprozessen viele Konflikte mit sich, die zum Teil nicht zu lösen und schwer auszuhalten sind. Diesen Themenbereich stelle ich im Rahmen meiner Dissertation ausführlicher dar. 9 Auf die Frage, mit welchem Budget die KlientInnen täglich haushalten mussten, erklärt einer der ehemaligen Administratoren des Projekts: «Also, das sind extreme Beträge! Das sind lächerliche Beträge, ja?! 10 plus 5 CHF. Ich meine jeder, der da irgendwie den Mund vollnimmt und sagt, die würden auf unsere Kosten … das ist wirklich lächerlich! Das ist absolut tiefstes Niveau!»(Ausschnitt, Interview vom 18.06.2007). 10 Die Umformung stationärer Einrichtungen in dezentrale Wohnbereiche oder die Etablierung ambulanter Dienste lassen sich im Sinne einer «Enthospitalisierung» grund- sätzlich begrüßen und als fortschrittlich bewerten. Im Falle der Asylsuchenden des EPZs muss diese Umgestaltung allerdings kritisch betrachtet werden: Fällt der oder die Betroffene darüber auf einen (noch) geringeren Lebensstandard zurück (z. B. Mehrbettunterbringung im Durchgangszentrum, anstelle eines Einzelzimmers im EPZ), kann nicht mehr von Fortschritt gesprochen werden. Überdies stellte gerade das Wahrnehmen und Bezeugen der gesamten Lebenssituation eine Stärke des EPZ-Angebots dar. Ein ambulantes Angebot, das nur spora- dischen Kontakt bereithält, kann die Vielschichtigkeit der Alltags- und Migrationsproblematik u.U. nicht mehr erfassen. Trotzdem wäre es sehr interessant der Frage nachzugehen, ob und in wie weit der ethnologisch-psychologische Ansatz auch für eine ambulante Betreuungspraxis fruchtbar gemacht werden könnte. Journal für Psychoanalyse 51

