Verein für psychoanalytische Sozialarbeit Zürich, vpsz
Esther Leuthard
Der vpsz wurde gegründet, um konkrete Tätigkeiten von psychoanalytisch orientierten SozialarbeiterInnen institutionell zu verankern. Im Zentrum steht sozialpädagogische Familienbegleitung, umrahmt von Projekten sowie Vernetzung mit verwandten Institutionen. Es werden Entstehung, Aufbau und Weiterentwicklung geschildert.
Verein für psychoanalytische Sozialarbeit Zürich, vpszEntstehung und Entwicklung eines Vereins Esther Leuthard (Zürich) Zusammenfassung : Der vpsz wurde gegründet, um konkrete Tätigkeiten von psycho analytisch orientierten SozialarbeiterInnen institutionell zu verankern. Im Zentrum steht sozialpädagogische Familienbegleitung, umrahmt von Projekten sowie Vernetzung mit verwandten Institutionen. Es werden Entstehung, Aufbau und Weiterentwicklung geschildert. Schlüsselwörter: Psychoanalytische Sozialarbeit, Vereinsgründung, Familien begleitung, Basisdemokratie, Selbstverwaltung, Projekte, Vernetzung Ich hatte mir frühzeitig das Scherzwort von den drei unmöglichen Berufen – als da sind: Erziehen, Kurieren, Regieren – zu eigen gemacht, war auch von der mittleren dieser Aufgaben hinreichend in Anspruch genom men. Darum verkenne ich aber nicht den hohen sozialen Wert, den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen darf. (Freud in: Aichhorn, verwahrloste Jugend) 1 Wie es dazu kam Auf der Suche nach einer Arbeit im sozialpädagogischen Bereich mit weit gehender Selbstständigkeit stiess ich im Jahre 2000 auf ein Stelleninserat in einer Tageszeitung. Gesucht wurde eine sozialpädagogische Familienbegleiterin; ich hatte nur eine vage Vorstellung von dieser Tätigkeit, machte mich kundig und übernahm ein paar Monate später eine erste Begleitung im Auftragsverhältnis. Dass es nicht dabei blieb, hatte zwei Gründe: Ich eckte innerhalb der gege benen Strukturen an, war ich es doch gewohnt, sehr selbstständig zu arbeiten. Zudem liebäugelte Heini Bader, mit dem ich seit mehreren Jahren zusammen arbeitete, ebenfalls mit dieser Arbeit. Die Diskussionen um Möglichkeiten, diese Dienstleistung als selbstständig Erwerbende anzubieten, aber auch, um der Vereinzelung zu entgehen, führten zur Idee, als gemeinsames Dach und Dis kus © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 51. 3 Psychoanalytische Sozialarbeit 28 Esther Leuthard sions forum, einen Verein für selbstständig arbeitende FamilienbegleiterInnen zu gründen. Ausgebildet am psychoanalytischen Seminar Zürich, war es für uns selbst verständlich, Familienbegleitung auf psychoanalytischem Hintergrund zu denken. Die ersten Gehversuche halfen uns, nicht im luftleeren Raum, sondern anhand konkreter Arbeit sowie im Vergleich mit der Arbeitsweise meiner auftraggebenden Institution, erste Vorstellungen zu entwickeln. Schnell war auch der Name gefunden, der unmissverständlich zum Aus druck bringen sollte, wes Geistes Kind dieser Verein sei. Dass wir damit teilweise auf Misstrauen stossen sollten, wussten wir damals noch nicht, zum Beispiel: «Habt ihr was mit dem Verein für psychologische Menschenkenntnis ( VPM) zu tun?» oder «Psychoanalyse ist doch die Methode mit der Couch». 2 «Die Methode» Was ist psychoanalytische Sozialarbeit? Wie unterscheiden wir uns von anderen AnbieterInnen? Diese Frage beschäftigte uns von Anfang an und sie wird wohl auch nie abschliessend zu beantworten sein. Es bestehen keine Schemata oder Anleitungen, vielmehr müssen wir bei jeder neuen Begleitung vieles wieder neu denken. Unsere Arbeit unterscheidet sich deutlich von der therapeutischen Arbeit in der Praxis. Wir arbeiten «im Feld», d. h. wir gehen zu den Familien nach Hause, sind auch immer wieder unterwegs mit Eltern und Kindern. Mit anderen Worten, wir beschränken uns nicht auf Gespräche in einem geschützten Raum, sondern spre chen und handeln gleichzeitig. Wir arbeiten mehrheitlich nicht in fixen Settings, die Treffen finden mit unterschiedlichen Zusammensetzungen der Familienmitglieder statt, häufig auch nicht zu fixen Zeiten. Dies gilt jedoch nicht nur für den vpsz, sondern ist ein immanenter Bestandteil von Familienbegleitung. Der vpsz unterscheidet sich in der Art der Annäherung an die Problematik, die zu einer Familienbegleitung geführt hat. Die Denkweise und die Methode beeinflussen die Herangehensweise. Die Frage, die Körner (1997) so einfach wie überzeugend gestellt hatte, lautet, was hier eigentlich los sei. Von Anfang an steht der Wunsch im Zentrum, etwas von dem zu verstehen, was sich vor unseren Augen abspielt und was uns, meist durch sehr unterschiedliche verbale Darstellungen und Ausführungen, Rätsel aufgibt. Weit entfernt von Lösungen, beginnt damit die Hauptarbeit, bei der uns wichtig ist, den Fokus nicht auf die Symptombeseitigung zu legen. Es gilt, die Dynamik innerhalb der Familie sowie zwischen einzelnen Familienmitgliedern Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 29 zu beobachten. Die Deutungsarbeit, die anders als im therapeutischen Setting, nur selten in vivo angewendet wird, findet im Nachdenken und im gemeinsamen Gespräch sowie in Supervisionen ihren Platz. «[ Wir] versuchen, uns der Erfahrung mit unseren Klienten auszusetzen, ohne das, was passiert und passieren kann, unmittelbar in ein festgesetztes Konzept einzubinden. Aber die Erfahrungen müs sen laufend reflektiert werden. Untrennbar von der Analyse der Übertragung ist das Durchdenken der Gegenübertragung» (Staigle 2005: 10). Je nach Reflexionsfähigkeit der Eltern (oder aber auch der Jugendlichen), ist es im Gespräch immer wieder möglich, entwicklungsfördernde Deutungen anzubringen. Für diese Gespräche hat Selma Fraiberg den wunderbaren Begriff der «Küchentischtherapie» (Fraiberg 1990) geprägt, womit sie zum Ausdruck bringt, dass therapeutische Wirkungen sich in ganz unterschiedlichen Settings manifestieren können. «Handlungen und Affekte der Betreuten und der Mitarbeiter wurden ebenso für ein Verstehen genutzt, wie neben Sprache und Denken auch die Handlungen, die Gestaltung der alltägli chen Umwelt als Reaktionsmöglichkeit mit Deutungsqualität verstanden wurde» (Staigle 2005: 14). Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass es Familienkonstellationen gibt, die nach einer Familienbegleitung zu zweit verlangen. Als Beispiel möchte ich Familien erwähnen mit ausgeprägten Spaltungstendenzen, also Konstellationen, in denen eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter alleine der Gefahr ausgesetzt ist, aufgerieben zu werden, und bei denen sich im Zweiersetting die Möglichkeit bie tet, diese Tendenzen zu bearbeiten und zur Aufhebung der Spaltung beizutragen. Einen wichtigen Platz in unserer Arbeit sowie in dessen Reflexion, nehmen Personen ein, die einen bedeutenden Stellenwert in der Familie besitzen. Das können einerseits Verwandte und Bekannte sein, andererseits Fachpersonen aus ganz unterschiedlichen Bereichen: LehrerInnen, HortnerInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen, PsychiaterInnen. Die Förderung einer guten Zusammenarbeit mit die sem Personenkreis, beschleunigt positive Entwicklungen , so dass Einsichten früher gewonnen oder bspw. auch Platzierungen schneller empfohlen werden können. 3 Der Anfang Begeistert und verwegen, ohne detaillierten Projektplan, gründeten wir im Herbst 2001 den vpsz, gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin und Caroline Pahud aus der Praxis, in der Heini Bader und ich heute noch als Psychotherapeuten arbeiten. Einig waren wir uns in den Anforderungen an allfällige Neumitglieder: Sie mussten psychoanalytische Selbsterfahrung, Kenntnisse in psychoanalytischer Psychoanalytische Sozialarbeit 30 Esther Leuthard Theorie und Berufserfahrung im Sozialbereich mitbringen. Diese Anforderungen erwiesen sich im Lauf der Zeit als die grössten Knackpunkte, die immer wieder zu heftigen Diskussionen führten. 4 Wie weiter? Zu diesem Zeitpunkt bestand unser Verein aus vier Mitgliedern und ich war vorläufig die einzige, welche das verkündete Angebot der psychoanalytischen Sozialarbeit umzusetzen versuchte. Zudem wusste noch kaum jemand von unserer Existenz. Jetzt erst begann die Aufbauarbeit: › Wir warben im Freundeskreis Mitglieder an, die mit unserer Idee sympa thisierten und kamen so zu ersten Vereinseinkünften (Mitgliederbeitrag damals Fr. 50.—). › Die Kollegin aus dem Sozialzentrum vermittelte erste Aufträge, erzählte ArbeitskollegInnen von uns (was zu weiteren Aufträgen führte) und schickte uns Kolleginnen, die interessiert waren, selbstständig als Familien beglei terinnen zu arbeiten. › Unser Projekt sprach sich in einschlägigen Kreisen herum und es meldeten sich InteressentInnen. › Wir warben Personen an, die uns geeignet schienen, als FamilienbegleiterIn zu arbeiten und/oder in unserem Projekt anderweitig mitzuarbeiten. Bald kam die erste Ernüchterung. Hoch identifiziert mit unserem Projekt, gingen wir davon aus, dass «die Neuen» für den Verein denselben Einsatz leis ten würden wie die GründerInnen und mussten erkennen, dass ein Teil der InteressentInnen lediglich auf Arbeitssuche war und auch mit Psychoanalyse letztlich wenig am Hut hatte. Es trennte sich die Spreu vom Weizen. Gegen Ende des ersten Vereinsjahres konnten wir zwei neue Familien beglei terInnen gewinnen, die unsere Begeisterung teilten (Alexander Soelch und Ursula Leuthard), zudem begann Heini Bader ebenfalls mit ersten Begleitungen. Nebst der personellen Aufstockung galt es, über Inhalte zu diskutieren und dem Verein Strukturen zu geben ohne bürokratisch auszuufern. 5 Die ersten konkreten Schritte Der Vorstand, bestehend aus drei Personen, traf sich regelmässig zu offe nen Vorstandssitzungen, in denen der Verein langsam ein Gesicht bekam. Wir waren ohne Büro und Sekretariat, brauchten jedoch eine Adresse. Die Stiftung für Psychotherapie und Psychoanalyse, unter deren Dach drei von uns arbeite Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 31 ten, ermöglichte uns, die Praxisadresse als Vereinsadresse zu verwenden. Für die Kontaktaufnahme mit dem Verein kauften wir ein Handy, das gegenwärtig weiter hin jeweils eine Person des Vereins regelmässig abhört, um Anfragen zu beantwor ten und gegebenenfalls die Gruppe zu informieren. Wir richteten zwei vpszKonten ein, eines für den Verein, eines für die KlientInnen. Das KlientInnenkonto war notwendig, da Heini Bader und ich auch Geldverwaltungen anboten (siehe Artikel von Heini Bader in diesem Journal). Die Äufnung des Vereinskontos geschah einer seits durch Mitgliederbeiträge, andererseits durch den Beschluss, für jeden neuen Auftrag ein Stundenhonorar an den Verein zu überweisen. Für die Überprüfung dieser Konten fanden wir zwei fähige Revisorinnen, welche die Arbeit für ein vom vpsz bezahltes Essen erledigten. Wir kreierten eine Broschüre zu Werbezwecken. Als Besonderheit und in Abgrenzung zu hierarchisch funktionierenden Institu tionen liegt der Broschüre je ein Curriculum von jeder als Familienbegleiterin arbeitenden Person bei, so dass entweder der Verein oder aber gezielt eine bestimmte Person angefragt werden kann. Wer in unserem Verein als FamilienbegleiterIn arbeiten wollte, musste regelmässig an Gruppensupervisionen teilnehmen. Es galt nun, sich in diesem für uns alle neuen Arbeitsfeld, Knowhow zu erwerben. Wir gründeten eine Lesegruppe und begannen uns lesend und disku tierend vertieft mit psychoanalytischer Sozialarbeit zu befassen. Wichtige Autoren für uns waren in dieser Zeit u. a. Aichhorn, Salmen, Rauchfleisch, Körner. Ständig beschäftigte uns die Frage: Was ist psychoanalytische Sozialarbeit und wo findet sie ihren Platz? Je mehr wir darüber nachdachten, desto klarer wurde uns, dass die meisten von uns in ihrer bisherigen Arbeit psychoanalytische Sozialarbeit prakti ziert hatten, ohne diesen Begriff zu kennen. Das weite Anwendungsfeld war dem Bedürfnis, den Begriff klarer zu fassen, diametral entgegengesetzt, beflügelte ande rerseits unsere Phantasie und eröffnete ungeahnte Möglichkeiten. In unseren Diskussionen beschäftigt uns auch oft die Frage, wie wir andere Berufstätige im sozialen Feld für die Psychoanalyse, resp. für die psychoanalytische Sozialarbeit gewinnen könnten. Da die systemische Ausbildung als Königsweg zu guter Sozialarbeit und sozialpädagogischem Schaffen gilt, haben wir als Zwerge die ser Entwicklung kaum etwas entgegenzusetzen. Trotzdem gelingt es uns sporadisch, gute Überzeugungsarbeit zu leisten, nicht zuletzt über unsere konkrete Arbeit. Bei unseren AuftraggeberInnen sind wir jedoch eher trotz fehlendem systemischem als dank psychoanalytischem Hintergrund gefragt. Es wäre sehr interessant genauer zu erfahren, welche Beweggründe unsere AuftraggeberInnen dazu veranlassen, uns Aufträge zu erteilen. Unsere Erfahrung zeigt, dass der vpsz vor allem für so genannt komplexe Aufträge angefragt wird, zum Beispiel für Familien mit einem Psychoanalytische Sozialarbeit 32 Esther Leuthard psychisch kranken Elternteil (Psychose, Borderline), bei Suchtproblematiken, in Familien mit stark vernachlässigten Kindern (physisch und/oder psychisch), für Aufträge, die zum Ziel haben, abzuklären, ob die Kinder fremd platziert werden müssen oder für Aufträge, die gegen den Willen der Eltern erteilt werden (zum Beispiel nach einer Gefährdungsmeldung einer Drittperson). Ganz wichtig waren von Beginn an die KollegInnen, die lediglich aus Interesse an unserem Projekt beim Aufbau mithalfen, mitdiskutierten und Aufgaben im Verein übernahmen, wie zum Beispiel Einsitznahme in den Vorstand, Mitorganisation der Kurse, Koordination der Qualitätsgruppe, Prüfung der Aufnahmegesuche neuer FamilienbegleiterInnen. Caroline Pahud, die seit vielen Jahren aufgrund ihrer Teilnahme an Tagungen zur Kinderanalyse Kontakt zum Verein für psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen hatte, erzählte ihren Bekannten von unserem Projekt und stiess auf reges Interesse. Wir als AnfängerInnen waren hochmotiviert, in Kontakt zu kommen mit diesen KollegInnen und luden sie zu einem Treffen nach Zürich ein. Die Tübinger Institution ist zwar vollkommen verschieden von unserem Verein, denn sie wurde 1978 als Verein für die Entwicklungsförderung von autisti schen Kinder und Jugendlichen gegründet. In langjähriger Aufbauarbeit entstan den ein Kinderheim mit angegliederter Schule (in Rottenburg), eine Wohngruppe für junge Erwachsene (ebenfalls in Rottenburg) mit externem Arbeitsbereich (in Tübingen) und eine Ambulanz (in Tübingen). Familienbegleitung ist in dieser Institution ein Angebot unter vielen. Trotzdem profitieren wir seither von der langjährigen Erfahrung der Tübinger KollegInnen, unseren «grossen Brüdern und Schwestern» und finden bei ihnen immer wieder aktive Unterstützung. Für unser Kursangebot am psychoanalytischen Seminar konnten wir mehr fach Tübinger KollegInnen gewinnen; sie arbeiteten ohne Honorar als wir noch nicht in der Lage waren, mehr als zwei gute Flaschen Wein als Dankeschön zu bieten und die Spesen zu vergüten und sporadisch buchen wir Supervisionsnachmittage bei Tübinger KollegInnen. Die jedes zweite Jahr stattfindenden Tagungen in Rottenburg sind schon fast ein Muss. Sie bieten nebst hochwertiger Weiterbildung die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, aus denen nicht selten spannende Kurse und interessante Fachartikel entspringen (s. dieses Journal: Staigle, Feuling, Perner). Ursula Leuthard und ich durften im Frühling 2003 ein einwöchiges Praktikum in Rottenburg und Tübingen absolvieren mit einem dichten Programm, das uns Einblick in die diversen Angebote ermöglichte. Wir nahmen an zahlreichen Supervisionen teil und entdeckten, wie fruchtbar Supervision in unterschiedlichen Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 33 Gruppenzusammensetzungen und bei verschiedenen SupervisorInnen ist. Diese Einsicht trug bald darauf Früchte. Wir entschieden uns, die bisherige Supervision auszuweiten, eine zweite Person für die Supervision zu suchen und ebenfalls in unterschiedlicher Zusammensetzung Fälle zu diskutieren. Beeindruckt von der hohen Anzahl von Supervisionen in Tübingen, entschlossen wir uns, zwei wöchentlich Supervision in Anspruch zu nehmen und in den Zwischenwochen Intervisionsgruppen einzurichten. Damit hatten wir ein Instrument, um einer seits bei eigenen Fällen Unterstützung zu erhalten, andererseits durch die Falldarstellungen der KollegInnen Einblick in deren Arbeitsweise zu erhalten und damit gegenseitig voneinander zu profitieren. Bei Bedarf wird ausserdem von uns allen immer wieder Einzelsupervision in Anspruch genommen. In diesem Zusammenhang möchte ich einen leider wohl utopischen Wunsch erwähnen: Um besser zu verstehen, worum es in den einzelnen Familien geht, entstand schon bald die Idee, zusammen mit Auftraggebenden, TherapeutInnen von Familienmitgliedern u. a. zu supervidieren. Dies erweist sich aus diversen Gründen als kaum durchführbar, doch haben wir mit diversen AuftraggeberInnen und TherapeutInnen eine sehr gute Zusammenarbeit und es ist immer wieder eindrücklich, wie viele LehrerInnen, HortnerInnen etc. es gibt, die sich mit viel Engagement für die Kinder einsetzen und gut und gerne mit uns arbeiten. Unser Ziel ist es, bestehende gute Netze weiter auszubauen. Nach ca. drei Jahren realisierten wir, dass sich die offenen Vorstandssitzungen in der bestehenden Form nicht bewährten. Dies in erster Linie, weil für Vorstands mitglieder, die selber nicht Familienbegleitungen anboten, unsere ständigen Dis kus sionen um Aufträge, AuftraggeberInnen, Werbung, Positionierungen im weiten Feld der AnbieterInnen, Organisatorisches im Bereich Familienbegleitung usw. nicht interessant waren. Heini Bader schlug vor, dass sich die Personen, die Familienbegleitungen durchführen, separat treffen, um Themen zur konkreten Arbeit zu besprechen. Seither treffen wir uns ca. alle drei Monate (je nach Bedarf ) zu FamilienbegleitungsSitzungen, was eine befriedigende Lösung ist. Der Vorstand funktioniert unterdessen mit einem minimalen Aufwand von 2–3 Sitzungen pro Jahr inklusive Generalversammlung. Damit alle auf dem Laufenden bleiben, werden Vorstands und FamilienbegleitungsProtokolle an alle aus den beiden Gruppen verschickt. 6 Der Flohmarkt Kurz erwähnen möchte ich ein Projekt, das aus Liebhaberei entstan den ist. In einem grossen Estrich begannen wir, gebrauchte Sachen zu sam Psychoanalytische Sozialarbeit 34 Esther Leuthard meln für «unsere» Familien. Begehrt sind vor allem Kinderkleider, Spielsachen, Küchenartikel und Bettwäsche, doch auch Dekoartikel und Kleider für Erwachsene finden immer wieder AbnehmerInnen. Das Projekt sprach sich im Freundes und Bekanntenkreis sowie in der Nachbarschaft sehr schnell herum, so dass wir lau fend mit guten Gegenständen beliefert werden. Einmal pro Jahr machen wir einen Verkaufsflohmarkt; mit diesem Geld äufnen wir unser «Spendenkonto», von dem bei Bedarf Geld für die Familien bezogen werden kann oder auch in Notsituationen kleine Darlehen vergeben werden. 7 Veränderungen und neue Aufgaben Caroline Pahud hatte unterdessen auch begonnen, als Familienbegleiterin zu arbeiten, Alexander Soelch verliess uns leider für zwei Jahre aufgrund eines Aufenthaltes in den USA und so verblieb eine Kerngruppe von vier vereinsakti ven FamilienbegleiterInnen nebst KollegInnen, die primär an der Erwerbsarbeit interessiert waren. Es war uns inzwischen klar geworden, dass alle, die unter unserem Dach arbeiten wollten, ein zweites Standbein brauchten, da es keinerlei Garantie gab für Aufträge und wir nicht gewillt waren, Aufträge nach finanzieller Notwendigkeit zu verteilen, wenn eine Anfrage nicht an eine bestimmte Person, sondern an den Verein gerichtet war. Hatten wir am Anfang alle willkommen geheissen, die unter unserem Dach arbeiten wollten, mussten wir realisieren, dass nun eine gewisse Auslese notwendig war, was uns in Not brachte. Es war die alte Geschichte: Eine Gruppe verfolgt mit Enthusiasmus eine Idee, entwickelt sie und hat hohe Ziele. Es gibt Anforderungen bzgl. Vorbildung und Berufserfahrung sowie Mitarbeit im Verein und die Illusion, dass sich nur Leute bei uns melden, die selbstverständlich unsere Vorstellungen teilen und erfüllen. Wie geht eine Gruppe damit um, dass sich bei neuen KollegInnen zeigt, wie unterschiedlich die so eindeutig geglaubten Anforderungen interpretiert werden? Wer soll nun bei uns arbeiten können, wer nicht? Dieses Thema wird, solange wir basisdemokratisch funktionieren wohl ein Dauerbrenner bleiben, dies auch nachdem wir unsere Anforderungen etwas konkreter formuliert haben. Wir haben entschieden, dass bei neuen Anfragen von InteressentInnen für Mitarbeit als FamilienbegleiterIn in unserem Verein eine Kollegin vom Vorstand, die nicht als Familienbegleiterin arbeitet, zusammen mit jemandem aus der FamilienbegleitungsGruppe, ein Interview mit der interessierten Person macht, um allfällige Ungereimtheiten schon im Vorfeld zu erkennen. Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 35 Das basisdemokratische Prinzip aber «soll gewährleisten, dass die Verwal tung der Institution [bei uns: des Vereins] und die sozialpädagogische Arbeit sich nicht voneinander lösen und entfremden, um sich dann als zwei konfliktträch tige Handlungslogiken gegenüberzustehen» (Perner 2005: 55). Es ist keine Frage, dass Hierarchien auch entlastend sein können, ist es doch immer wieder auf wändig und manchmal belastend, sich im gemeinsamen Gespräch einigen zu müssen. Doch einerseits hegen wir den Anspruch, dass alle nicht nur ihre Arbeit machen, sondern immer auch den gesamten Verein im Auge behalten, also einen Beitrag zu seinem Fortbestehen und Florieren leisten und andererseits teilen wir Perners Überzeugung: «Im Grunde stellen formelle institutionelle Hierarchien organisierte Spaltungsprozesse dar und führen nicht selten zu eigenlogischem Gegeneinander, das in Machtkämpfen endet. Die psychoanalytische Sozialarbeit, die Spaltungsprozesse auflösen, eine lebendige und lebbare Vermittlung von Lust und Realitätsprinzip leisten will, kann darum nicht hierarchisch organisiert sein, wenn sie ihren Zielen und Intentionen nicht zuwiderhandeln will» (Perner 2005: 56). In diese Zeit der Veränderungen fiel auch der Entscheid, eine Website ein zurichten (www.vpsz.ch) und es entstand eine Gruppe, die sich mit dem Thema Qualitätssicherung befasste. Viel wichtiger als diese und zahlreiche andere Notwendigkeiten war jedoch für uns der Entschluss, im Rahmen des psychoanalytischen Seminars eigene Kurse zu psychoanalytischer Sozialarbeit anzubieten. Unser erstes Kursangebot stell ten wir für das WS 2005/2006 auf die Beine und seither, nun schon zum fünften Mal, sind wir in jedem Wintersemester präsent. Die Angebote folgen immer dem selben Muster: Wir bieten ein Seminar und einen Samstagszyklus an, Ersteres zum Thema psychoanalytische Sozialarbeit mit Fallbesprechungen aus nicht im engeren Sinn therapeutischen Settings, Zweiteren zu einem bestimmten Thema, zu dem wir mehrheitlich an 3–4 Samstagen ReferentInnen verpflichten. Im Anschluss an Referat und Diskussion wird auch hier ein Fall vorgestellt, sei es eine Familienbegleitung oder eine Falldarstellung aus einer Institution. Diese Idee wurde geboren aus dem Wunsch, psychoanalyseferne TeilnehmerInnen für die psychoanalytische Sozialarbeit zu gewinnen, weshalb wir heftig Werbung ausserhalb des psychoanalytischen Seminars machten . Leider ist der Erfolg sehr viel kleiner als wir es uns gewünscht hätten, doch wir bleiben dran. Wir sind der Meinung, dass es notwendig ist, Angebote in unserem Sinn zu fördern, damit die Psychoanalyse als Theorie und soziale Praxis ausserhalb der Analyse und Therapie ihren gebührenden Platz einnehmen können. Es ist unseres Erachtens sinnvoll, Psychoanalytische Sozialarbeit 36 Esther Leuthard psychoanalytische Ausbildung für Interessierte anzubieten, welche aufgrund der Vorbildung oder aufgrund ihrer Interessen nicht auf eine psychotherapeutische Praxis hin arbeiten. In diesem Zusammenhang möchte ich die «junge Psychoanalyse» am PSZ zitieren, die ein ähnliches Ziel verfolgt. «Es ist uns ein besonderes Anliegen, jün gere PsychologInnen, MedizinerInnen und besonders auch VertreterInnen ande rer Berufsgruppen ( WissenschaftlerInnen, SozialarbeiterInnen, PädagogInnen, etc.) weiterhin für die Psychoanalyse und das PSZ zu interessieren. … Es ist unser Anliegen, dass der Graben, der sich zwischen den VertreterInnen der PSY Berufe und denen anderer Berufsgruppen aufzutun droht, gar nicht erst entsteht oder rechtzeitig wieder überbrückt werden kann» ( Wittmann, Burgermeister und Gsell 2009: 153). 8 Der Einschnitt Vielleicht erinnern sich manche LeserInnen an den «Spanienfall», der 2006 über längere Zeit breit in den Medien verhandelt wurde und zu heftigen Angriffen auf die damalige Sozialvorsteherin der Stadt Zürich führte. Eine Time OutOrganisation in Spanien, der auch Jugendliche aus Zürich anvertraut wurden, war durch pädagogisch fragwürdige Methoden und Betrug in die Schlagzeilen gera ten. Dieses Ereignis führte schliesslich zum Entscheid, in einem ersten Schritt alle TimeOutOrganisationen zu überprüfen, was bedeutete, dass alle, die weiterhin mit KlientInnen der Stadt Zürich arbeiten wollten, sich beim Sozialdepartement bewerben mussten. Nach Abschluss dieses Verfahrens, wurde dasselbe ver langt von Organisationen, die sozialpädagogische Familienbegleitung anboten. In den ursprünglichen Anforderungen waren sowohl selbstständig arbeitende FamilienbegleiterInnen wie auch Organisationen vorgesehen. Wir vom vpsz pass ten nicht in die Vorgaben und so bewarben wir uns einerseits als Verein, anderer seits auch alle von uns, die dies wollten, als selbstständig arbeitende Personen. Wir rechneten nicht mit einer reellen Chance, obwohl wir uns selber als sehr gut qua lifiziert einstuften, standen wir doch ziemlich quer in der Landschaft. Wir wurden aber schliesslich eingeladen, geprüft und von den sechs BewerberInnen bekamen fünf den Segen des Staates. Die sechste wurde erst abgelehnt, durfte aber nach weiteren Gesprächen schliesslich doch weiterhin als Familienbegleiterin arbeiten. Dieses Bewerbungsverfahren bewegte uns stark, hätte eine Ablehnung doch bedeutet, dass AuftraggeberInnen aus der Stadt uns keine Aufträge mehr hätten erteilen dürfen. Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 37 Zusätzlich wurde durch dieses Verfahren unsere Gruppe geteilt. Erstens hatten sich nicht alle beworben und zweitens konnte eine später dazugekommene Kollegin sich nicht mehr bewerben, da für den vpsz ein Aufnahmestopp verhängt worden war. Erst im Frühling 2010 werden neue Bewerbungen zugelassen. Keine Frage, dass diese Teilung Auswirkungen hatte und hat. Seit diesem Zeitpunkt gibt es Themen, die nicht mehr alle, sondern nur «die Städtischen» betreffen, was den Zusammenhalt zusätzlich strapaziert. Längst kennt man unseren Verein noch nicht in allen Sozialzentren der Stadt Zürich und den Jugendsekretariaten auf dem Land. Wir realisierten, dass es nicht weit führt, unsere Broschüre zu verschicken. Die einzig sinnvolle Werbung ist die konkrete Arbeit in guter Qualität. So erleben wir, dass von Auftraggeberinnen, die mit jemandem von uns gearbeitet haben, immer wieder Anfragen kommen. Weshalb die Weiterempfehlungen wenig Früchte tragen, bleibt uns ein Rätsel. Was wir hingegen sehr wohl zur Kenntnis nehmen, ist die Tatsache, dass sich eine Vorliebe in erster Linie in Zusammenhang mit einem konkreten Auftrag, über einen persönlichen Kontakt entwickelt. Wird dann dieselbe Person wieder angefragt, hat jedoch keine Kapazität, so wird als Alternative jemand anderer vom Verein emp fohlen und so schaffen wir es, unseren Bekanntheitsgrad als Gruppe allmählich zu vergrössern. Wechselt jedoch eine Auftraggeberin, die uns bevorzugt anfragt hatte, die Stelle, so geht oft eine wichtige Auftragsquelle verloren. Anders liegt der Fall bei den beiden grossen Anbietern in der Stadt Zürich, die als Organisationen seit Jahren bekannt und deshalb allen sozial Tätigen ein Begriff sind. Da ist es für die Zwerge (wir sind nicht die einzigen) wesentlich schwie riger, auf sich aufmerksam zu machen. Als jüngstes Projekt innerhalb des vpsz möchte ich zum Schluss die «Fadenspule» erwähnen, ein Projekt, das sich anlehnt an die «Maison Verte» in Paris (siehe Artikel in diesem Heft von MarieHélène Malandrin). Dagmar Ambass, die seit 2007 in unserem Verein als Familienbegleiterin arbeitet, suchte damals einen Ort, an dem sie mit ihren Mitdenkerinnen Antje Brüning und Helen Stierlin dieses Projekt in Angriff nehmen konnte und gelangte an uns. Seither ist das Projekt gediehen, weitere Personen wurden involviert und sowohl das MarieMeierhofer Institut wie das Kinderhaus Entlisberg unterstützen und begleiten das Projekt. Die Fadenspule ist ein niederschwelliges Angebot für Eltern und andere Betreuungspersonen mit kleinen Kindern, ein Ort an guter Passantenlage, der dazu animiert, einzutreten. Anwesend sind Fachpersonen mit psychoanalytischem Hintergrund und – ganz wichtig – möglichst breiten Sprachkenntnissen. Es soll ein Aufenthaltsort sein, an dem die Kinder spielen und die Erwachsenen mit anderen Psychoanalytische Sozialarbeit 38 Esther Leuthard BesucherInnen Kontakt aufnehmen können. Bei Bedarf stehen die Fachpersonen für Gespräche zur Verfügung. Seit April 2009 läuft eine Versuchsphase, anfänglich in einem Raum im Kinderhaus Entlisberg, seit Herbst 09 im offenen Bereich Selnau, an der Sihlamtsstrasse 18, in der Nähe des Sozialzentrums Selnau. Ich hoffe, mit diesem Querschnitt durch die Geschichte unseres achtjäh rigen Bestehens, etwas von unserer Lust und dem Tatendrang, sowie von den Enttäuschungen, Schwierigkeiten und Kämpfen vermittelt zu haben. Es besteht bei uns Hoffnung, dass es weiterhin Leute geben wird, die bei uns mittun und an der Weiterentwicklung des vpsz mitarbeiten möchten. 9 Literatur Aichhorn, August (1951): Verwahrloste Jugend. Bern: Hans Huber. Fraiberg, Selma (1990): Schatten der Vergangenheit im Kinderzimmer. In: Arbeits hefte Kinderpsychoanalyse, 11/12, Frankfurt a/M: Brandes & Apsel, 141–160. Körner, Jürgen, Christiane LudwigKörner (1997): Psychoanalytische Sozial päda gogik. Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag. Perner, Achim (2005): «Vielleicht wird einmal ein amerikanischer Millionär …». In: Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg, Hrsg., Entwicklungs linien Psychoanalytischer Sozialarbeit. Tübingen, edition diskord, 22–59. Rauchfleisch, Udo (1996): Menschen in psychosozialer Not. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. Salmen, Bernhard (1995): Ohnmacht und Grandiosität. Mainz: Matthias GrünewaldVerlag. Staigle, Joachim (2005): «Entwicklungslinien Psychoanalytischer Sozialarbeit». In: Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg (Hrsg.) (2005): Entwicklungslinien Psychoanalytischer Sozialarbeit. Tübingen, edition diskord, 9–21. Wittmann, Lutz, Nicole Burgermeister, Monika Gsell (2009): «Junge Psychoana lyse am PSZ», in: Journal für Psychoanalyse, 50, Zürich: Seismo Verlag, 150–155. Journal für Psychoanalyse 51
Verein für psychoanalytische Sozialarbeit Zürich, vpszEntstehung und Entwicklung eines Vereins Esther Leuthard (Zürich) Zusammenfassung : Der vpsz wurde gegründet, um konkrete Tätigkeiten von psycho analytisch orientierten SozialarbeiterInnen institutionell zu verankern. Im Zentrum steht sozialpädagogische Familienbegleitung, umrahmt von Projekten sowie Vernetzung mit verwandten Institutionen. Es werden Entstehung, Aufbau und Weiterentwicklung geschildert. Schlüsselwörter: Psychoanalytische Sozialarbeit, Vereinsgründung, Familien begleitung, Basisdemokratie, Selbstverwaltung, Projekte, Vernetzung Ich hatte mir frühzeitig das Scherzwort von den drei unmöglichen Berufen – als da sind: Erziehen, Kurieren, Regieren – zu eigen gemacht, war auch von der mittleren dieser Aufgaben hinreichend in Anspruch genom men. Darum verkenne ich aber nicht den hohen sozialen Wert, den die Arbeit meiner pädagogischen Freunde beanspruchen darf. (Freud in: Aichhorn, verwahrloste Jugend) 1 Wie es dazu kam Auf der Suche nach einer Arbeit im sozialpädagogischen Bereich mit weit gehender Selbstständigkeit stiess ich im Jahre 2000 auf ein Stelleninserat in einer Tageszeitung. Gesucht wurde eine sozialpädagogische Familienbegleiterin; ich hatte nur eine vage Vorstellung von dieser Tätigkeit, machte mich kundig und übernahm ein paar Monate später eine erste Begleitung im Auftragsverhältnis. Dass es nicht dabei blieb, hatte zwei Gründe: Ich eckte innerhalb der gege benen Strukturen an, war ich es doch gewohnt, sehr selbstständig zu arbeiten. Zudem liebäugelte Heini Bader, mit dem ich seit mehreren Jahren zusammen arbeitete, ebenfalls mit dieser Arbeit. Die Diskussionen um Möglichkeiten, diese Dienstleistung als selbstständig Erwerbende anzubieten, aber auch, um der Vereinzelung zu entgehen, führten zur Idee, als gemeinsames Dach und Dis kus © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 51. 3 Psychoanalytische Sozialarbeit 28 Esther Leuthard sions forum, einen Verein für selbstständig arbeitende FamilienbegleiterInnen zu gründen. Ausgebildet am psychoanalytischen Seminar Zürich, war es für uns selbst verständlich, Familienbegleitung auf psychoanalytischem Hintergrund zu denken. Die ersten Gehversuche halfen uns, nicht im luftleeren Raum, sondern anhand konkreter Arbeit sowie im Vergleich mit der Arbeitsweise meiner auftraggebenden Institution, erste Vorstellungen zu entwickeln. Schnell war auch der Name gefunden, der unmissverständlich zum Aus druck bringen sollte, wes Geistes Kind dieser Verein sei. Dass wir damit teilweise auf Misstrauen stossen sollten, wussten wir damals noch nicht, zum Beispiel: «Habt ihr was mit dem Verein für psychologische Menschenkenntnis ( VPM) zu tun?» oder «Psychoanalyse ist doch die Methode mit der Couch». 2 «Die Methode» Was ist psychoanalytische Sozialarbeit? Wie unterscheiden wir uns von anderen AnbieterInnen? Diese Frage beschäftigte uns von Anfang an und sie wird wohl auch nie abschliessend zu beantworten sein. Es bestehen keine Schemata oder Anleitungen, vielmehr müssen wir bei jeder neuen Begleitung vieles wieder neu denken. Unsere Arbeit unterscheidet sich deutlich von der therapeutischen Arbeit in der Praxis. Wir arbeiten «im Feld», d. h. wir gehen zu den Familien nach Hause, sind auch immer wieder unterwegs mit Eltern und Kindern. Mit anderen Worten, wir beschränken uns nicht auf Gespräche in einem geschützten Raum, sondern spre chen und handeln gleichzeitig. Wir arbeiten mehrheitlich nicht in fixen Settings, die Treffen finden mit unterschiedlichen Zusammensetzungen der Familienmitglieder statt, häufig auch nicht zu fixen Zeiten. Dies gilt jedoch nicht nur für den vpsz, sondern ist ein immanenter Bestandteil von Familienbegleitung. Der vpsz unterscheidet sich in der Art der Annäherung an die Problematik, die zu einer Familienbegleitung geführt hat. Die Denkweise und die Methode beeinflussen die Herangehensweise. Die Frage, die Körner (1997) so einfach wie überzeugend gestellt hatte, lautet, was hier eigentlich los sei. Von Anfang an steht der Wunsch im Zentrum, etwas von dem zu verstehen, was sich vor unseren Augen abspielt und was uns, meist durch sehr unterschiedliche verbale Darstellungen und Ausführungen, Rätsel aufgibt. Weit entfernt von Lösungen, beginnt damit die Hauptarbeit, bei der uns wichtig ist, den Fokus nicht auf die Symptombeseitigung zu legen. Es gilt, die Dynamik innerhalb der Familie sowie zwischen einzelnen Familienmitgliedern Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 29 zu beobachten. Die Deutungsarbeit, die anders als im therapeutischen Setting, nur selten in vivo angewendet wird, findet im Nachdenken und im gemeinsamen Gespräch sowie in Supervisionen ihren Platz. «[ Wir] versuchen, uns der Erfahrung mit unseren Klienten auszusetzen, ohne das, was passiert und passieren kann, unmittelbar in ein festgesetztes Konzept einzubinden. Aber die Erfahrungen müs sen laufend reflektiert werden. Untrennbar von der Analyse der Übertragung ist das Durchdenken der Gegenübertragung» (Staigle 2005: 10). Je nach Reflexionsfähigkeit der Eltern (oder aber auch der Jugendlichen), ist es im Gespräch immer wieder möglich, entwicklungsfördernde Deutungen anzubringen. Für diese Gespräche hat Selma Fraiberg den wunderbaren Begriff der «Küchentischtherapie» (Fraiberg 1990) geprägt, womit sie zum Ausdruck bringt, dass therapeutische Wirkungen sich in ganz unterschiedlichen Settings manifestieren können. «Handlungen und Affekte der Betreuten und der Mitarbeiter wurden ebenso für ein Verstehen genutzt, wie neben Sprache und Denken auch die Handlungen, die Gestaltung der alltägli chen Umwelt als Reaktionsmöglichkeit mit Deutungsqualität verstanden wurde» (Staigle 2005: 14). Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass es Familienkonstellationen gibt, die nach einer Familienbegleitung zu zweit verlangen. Als Beispiel möchte ich Familien erwähnen mit ausgeprägten Spaltungstendenzen, also Konstellationen, in denen eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter alleine der Gefahr ausgesetzt ist, aufgerieben zu werden, und bei denen sich im Zweiersetting die Möglichkeit bie tet, diese Tendenzen zu bearbeiten und zur Aufhebung der Spaltung beizutragen. Einen wichtigen Platz in unserer Arbeit sowie in dessen Reflexion, nehmen Personen ein, die einen bedeutenden Stellenwert in der Familie besitzen. Das können einerseits Verwandte und Bekannte sein, andererseits Fachpersonen aus ganz unterschiedlichen Bereichen: LehrerInnen, HortnerInnen, TherapeutInnen, ÄrztInnen, PsychiaterInnen. Die Förderung einer guten Zusammenarbeit mit die sem Personenkreis, beschleunigt positive Entwicklungen , so dass Einsichten früher gewonnen oder bspw. auch Platzierungen schneller empfohlen werden können. 3 Der Anfang Begeistert und verwegen, ohne detaillierten Projektplan, gründeten wir im Herbst 2001 den vpsz, gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin und Caroline Pahud aus der Praxis, in der Heini Bader und ich heute noch als Psychotherapeuten arbeiten. Einig waren wir uns in den Anforderungen an allfällige Neumitglieder: Sie mussten psychoanalytische Selbsterfahrung, Kenntnisse in psychoanalytischer Psychoanalytische Sozialarbeit 30 Esther Leuthard Theorie und Berufserfahrung im Sozialbereich mitbringen. Diese Anforderungen erwiesen sich im Lauf der Zeit als die grössten Knackpunkte, die immer wieder zu heftigen Diskussionen führten. 4 Wie weiter? Zu diesem Zeitpunkt bestand unser Verein aus vier Mitgliedern und ich war vorläufig die einzige, welche das verkündete Angebot der psychoanalytischen Sozialarbeit umzusetzen versuchte. Zudem wusste noch kaum jemand von unserer Existenz. Jetzt erst begann die Aufbauarbeit: › Wir warben im Freundeskreis Mitglieder an, die mit unserer Idee sympa thisierten und kamen so zu ersten Vereinseinkünften (Mitgliederbeitrag damals Fr. 50.—). › Die Kollegin aus dem Sozialzentrum vermittelte erste Aufträge, erzählte ArbeitskollegInnen von uns (was zu weiteren Aufträgen führte) und schickte uns Kolleginnen, die interessiert waren, selbstständig als Familien beglei terinnen zu arbeiten. › Unser Projekt sprach sich in einschlägigen Kreisen herum und es meldeten sich InteressentInnen. › Wir warben Personen an, die uns geeignet schienen, als FamilienbegleiterIn zu arbeiten und/oder in unserem Projekt anderweitig mitzuarbeiten. Bald kam die erste Ernüchterung. Hoch identifiziert mit unserem Projekt, gingen wir davon aus, dass «die Neuen» für den Verein denselben Einsatz leis ten würden wie die GründerInnen und mussten erkennen, dass ein Teil der InteressentInnen lediglich auf Arbeitssuche war und auch mit Psychoanalyse letztlich wenig am Hut hatte. Es trennte sich die Spreu vom Weizen. Gegen Ende des ersten Vereinsjahres konnten wir zwei neue Familien beglei terInnen gewinnen, die unsere Begeisterung teilten (Alexander Soelch und Ursula Leuthard), zudem begann Heini Bader ebenfalls mit ersten Begleitungen. Nebst der personellen Aufstockung galt es, über Inhalte zu diskutieren und dem Verein Strukturen zu geben ohne bürokratisch auszuufern. 5 Die ersten konkreten Schritte Der Vorstand, bestehend aus drei Personen, traf sich regelmässig zu offe nen Vorstandssitzungen, in denen der Verein langsam ein Gesicht bekam. Wir waren ohne Büro und Sekretariat, brauchten jedoch eine Adresse. Die Stiftung für Psychotherapie und Psychoanalyse, unter deren Dach drei von uns arbeite Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 31 ten, ermöglichte uns, die Praxisadresse als Vereinsadresse zu verwenden. Für die Kontaktaufnahme mit dem Verein kauften wir ein Handy, das gegenwärtig weiter hin jeweils eine Person des Vereins regelmässig abhört, um Anfragen zu beantwor ten und gegebenenfalls die Gruppe zu informieren. Wir richteten zwei vpszKonten ein, eines für den Verein, eines für die KlientInnen. Das KlientInnenkonto war notwendig, da Heini Bader und ich auch Geldverwaltungen anboten (siehe Artikel von Heini Bader in diesem Journal). Die Äufnung des Vereinskontos geschah einer seits durch Mitgliederbeiträge, andererseits durch den Beschluss, für jeden neuen Auftrag ein Stundenhonorar an den Verein zu überweisen. Für die Überprüfung dieser Konten fanden wir zwei fähige Revisorinnen, welche die Arbeit für ein vom vpsz bezahltes Essen erledigten. Wir kreierten eine Broschüre zu Werbezwecken. Als Besonderheit und in Abgrenzung zu hierarchisch funktionierenden Institu tionen liegt der Broschüre je ein Curriculum von jeder als Familienbegleiterin arbeitenden Person bei, so dass entweder der Verein oder aber gezielt eine bestimmte Person angefragt werden kann. Wer in unserem Verein als FamilienbegleiterIn arbeiten wollte, musste regelmässig an Gruppensupervisionen teilnehmen. Es galt nun, sich in diesem für uns alle neuen Arbeitsfeld, Knowhow zu erwerben. Wir gründeten eine Lesegruppe und begannen uns lesend und disku tierend vertieft mit psychoanalytischer Sozialarbeit zu befassen. Wichtige Autoren für uns waren in dieser Zeit u. a. Aichhorn, Salmen, Rauchfleisch, Körner. Ständig beschäftigte uns die Frage: Was ist psychoanalytische Sozialarbeit und wo findet sie ihren Platz? Je mehr wir darüber nachdachten, desto klarer wurde uns, dass die meisten von uns in ihrer bisherigen Arbeit psychoanalytische Sozialarbeit prakti ziert hatten, ohne diesen Begriff zu kennen. Das weite Anwendungsfeld war dem Bedürfnis, den Begriff klarer zu fassen, diametral entgegengesetzt, beflügelte ande rerseits unsere Phantasie und eröffnete ungeahnte Möglichkeiten. In unseren Diskussionen beschäftigt uns auch oft die Frage, wie wir andere Berufstätige im sozialen Feld für die Psychoanalyse, resp. für die psychoanalytische Sozialarbeit gewinnen könnten. Da die systemische Ausbildung als Königsweg zu guter Sozialarbeit und sozialpädagogischem Schaffen gilt, haben wir als Zwerge die ser Entwicklung kaum etwas entgegenzusetzen. Trotzdem gelingt es uns sporadisch, gute Überzeugungsarbeit zu leisten, nicht zuletzt über unsere konkrete Arbeit. Bei unseren AuftraggeberInnen sind wir jedoch eher trotz fehlendem systemischem als dank psychoanalytischem Hintergrund gefragt. Es wäre sehr interessant genauer zu erfahren, welche Beweggründe unsere AuftraggeberInnen dazu veranlassen, uns Aufträge zu erteilen. Unsere Erfahrung zeigt, dass der vpsz vor allem für so genannt komplexe Aufträge angefragt wird, zum Beispiel für Familien mit einem Psychoanalytische Sozialarbeit 32 Esther Leuthard psychisch kranken Elternteil (Psychose, Borderline), bei Suchtproblematiken, in Familien mit stark vernachlässigten Kindern (physisch und/oder psychisch), für Aufträge, die zum Ziel haben, abzuklären, ob die Kinder fremd platziert werden müssen oder für Aufträge, die gegen den Willen der Eltern erteilt werden (zum Beispiel nach einer Gefährdungsmeldung einer Drittperson). Ganz wichtig waren von Beginn an die KollegInnen, die lediglich aus Interesse an unserem Projekt beim Aufbau mithalfen, mitdiskutierten und Aufgaben im Verein übernahmen, wie zum Beispiel Einsitznahme in den Vorstand, Mitorganisation der Kurse, Koordination der Qualitätsgruppe, Prüfung der Aufnahmegesuche neuer FamilienbegleiterInnen. Caroline Pahud, die seit vielen Jahren aufgrund ihrer Teilnahme an Tagungen zur Kinderanalyse Kontakt zum Verein für psychoanalytische Sozialarbeit in Tübingen hatte, erzählte ihren Bekannten von unserem Projekt und stiess auf reges Interesse. Wir als AnfängerInnen waren hochmotiviert, in Kontakt zu kommen mit diesen KollegInnen und luden sie zu einem Treffen nach Zürich ein. Die Tübinger Institution ist zwar vollkommen verschieden von unserem Verein, denn sie wurde 1978 als Verein für die Entwicklungsförderung von autisti schen Kinder und Jugendlichen gegründet. In langjähriger Aufbauarbeit entstan den ein Kinderheim mit angegliederter Schule (in Rottenburg), eine Wohngruppe für junge Erwachsene (ebenfalls in Rottenburg) mit externem Arbeitsbereich (in Tübingen) und eine Ambulanz (in Tübingen). Familienbegleitung ist in dieser Institution ein Angebot unter vielen. Trotzdem profitieren wir seither von der langjährigen Erfahrung der Tübinger KollegInnen, unseren «grossen Brüdern und Schwestern» und finden bei ihnen immer wieder aktive Unterstützung. Für unser Kursangebot am psychoanalytischen Seminar konnten wir mehr fach Tübinger KollegInnen gewinnen; sie arbeiteten ohne Honorar als wir noch nicht in der Lage waren, mehr als zwei gute Flaschen Wein als Dankeschön zu bieten und die Spesen zu vergüten und sporadisch buchen wir Supervisionsnachmittage bei Tübinger KollegInnen. Die jedes zweite Jahr stattfindenden Tagungen in Rottenburg sind schon fast ein Muss. Sie bieten nebst hochwertiger Weiterbildung die Möglichkeit, neue Kontakte zu knüpfen, aus denen nicht selten spannende Kurse und interessante Fachartikel entspringen (s. dieses Journal: Staigle, Feuling, Perner). Ursula Leuthard und ich durften im Frühling 2003 ein einwöchiges Praktikum in Rottenburg und Tübingen absolvieren mit einem dichten Programm, das uns Einblick in die diversen Angebote ermöglichte. Wir nahmen an zahlreichen Supervisionen teil und entdeckten, wie fruchtbar Supervision in unterschiedlichen Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 33 Gruppenzusammensetzungen und bei verschiedenen SupervisorInnen ist. Diese Einsicht trug bald darauf Früchte. Wir entschieden uns, die bisherige Supervision auszuweiten, eine zweite Person für die Supervision zu suchen und ebenfalls in unterschiedlicher Zusammensetzung Fälle zu diskutieren. Beeindruckt von der hohen Anzahl von Supervisionen in Tübingen, entschlossen wir uns, zwei wöchentlich Supervision in Anspruch zu nehmen und in den Zwischenwochen Intervisionsgruppen einzurichten. Damit hatten wir ein Instrument, um einer seits bei eigenen Fällen Unterstützung zu erhalten, andererseits durch die Falldarstellungen der KollegInnen Einblick in deren Arbeitsweise zu erhalten und damit gegenseitig voneinander zu profitieren. Bei Bedarf wird ausserdem von uns allen immer wieder Einzelsupervision in Anspruch genommen. In diesem Zusammenhang möchte ich einen leider wohl utopischen Wunsch erwähnen: Um besser zu verstehen, worum es in den einzelnen Familien geht, entstand schon bald die Idee, zusammen mit Auftraggebenden, TherapeutInnen von Familienmitgliedern u. a. zu supervidieren. Dies erweist sich aus diversen Gründen als kaum durchführbar, doch haben wir mit diversen AuftraggeberInnen und TherapeutInnen eine sehr gute Zusammenarbeit und es ist immer wieder eindrücklich, wie viele LehrerInnen, HortnerInnen etc. es gibt, die sich mit viel Engagement für die Kinder einsetzen und gut und gerne mit uns arbeiten. Unser Ziel ist es, bestehende gute Netze weiter auszubauen. Nach ca. drei Jahren realisierten wir, dass sich die offenen Vorstandssitzungen in der bestehenden Form nicht bewährten. Dies in erster Linie, weil für Vorstands mitglieder, die selber nicht Familienbegleitungen anboten, unsere ständigen Dis kus sionen um Aufträge, AuftraggeberInnen, Werbung, Positionierungen im weiten Feld der AnbieterInnen, Organisatorisches im Bereich Familienbegleitung usw. nicht interessant waren. Heini Bader schlug vor, dass sich die Personen, die Familienbegleitungen durchführen, separat treffen, um Themen zur konkreten Arbeit zu besprechen. Seither treffen wir uns ca. alle drei Monate (je nach Bedarf ) zu FamilienbegleitungsSitzungen, was eine befriedigende Lösung ist. Der Vorstand funktioniert unterdessen mit einem minimalen Aufwand von 2–3 Sitzungen pro Jahr inklusive Generalversammlung. Damit alle auf dem Laufenden bleiben, werden Vorstands und FamilienbegleitungsProtokolle an alle aus den beiden Gruppen verschickt. 6 Der Flohmarkt Kurz erwähnen möchte ich ein Projekt, das aus Liebhaberei entstan den ist. In einem grossen Estrich begannen wir, gebrauchte Sachen zu sam Psychoanalytische Sozialarbeit 34 Esther Leuthard meln für «unsere» Familien. Begehrt sind vor allem Kinderkleider, Spielsachen, Küchenartikel und Bettwäsche, doch auch Dekoartikel und Kleider für Erwachsene finden immer wieder AbnehmerInnen. Das Projekt sprach sich im Freundes und Bekanntenkreis sowie in der Nachbarschaft sehr schnell herum, so dass wir lau fend mit guten Gegenständen beliefert werden. Einmal pro Jahr machen wir einen Verkaufsflohmarkt; mit diesem Geld äufnen wir unser «Spendenkonto», von dem bei Bedarf Geld für die Familien bezogen werden kann oder auch in Notsituationen kleine Darlehen vergeben werden. 7 Veränderungen und neue Aufgaben Caroline Pahud hatte unterdessen auch begonnen, als Familienbegleiterin zu arbeiten, Alexander Soelch verliess uns leider für zwei Jahre aufgrund eines Aufenthaltes in den USA und so verblieb eine Kerngruppe von vier vereinsakti ven FamilienbegleiterInnen nebst KollegInnen, die primär an der Erwerbsarbeit interessiert waren. Es war uns inzwischen klar geworden, dass alle, die unter unserem Dach arbeiten wollten, ein zweites Standbein brauchten, da es keinerlei Garantie gab für Aufträge und wir nicht gewillt waren, Aufträge nach finanzieller Notwendigkeit zu verteilen, wenn eine Anfrage nicht an eine bestimmte Person, sondern an den Verein gerichtet war. Hatten wir am Anfang alle willkommen geheissen, die unter unserem Dach arbeiten wollten, mussten wir realisieren, dass nun eine gewisse Auslese notwendig war, was uns in Not brachte. Es war die alte Geschichte: Eine Gruppe verfolgt mit Enthusiasmus eine Idee, entwickelt sie und hat hohe Ziele. Es gibt Anforderungen bzgl. Vorbildung und Berufserfahrung sowie Mitarbeit im Verein und die Illusion, dass sich nur Leute bei uns melden, die selbstverständlich unsere Vorstellungen teilen und erfüllen. Wie geht eine Gruppe damit um, dass sich bei neuen KollegInnen zeigt, wie unterschiedlich die so eindeutig geglaubten Anforderungen interpretiert werden? Wer soll nun bei uns arbeiten können, wer nicht? Dieses Thema wird, solange wir basisdemokratisch funktionieren wohl ein Dauerbrenner bleiben, dies auch nachdem wir unsere Anforderungen etwas konkreter formuliert haben. Wir haben entschieden, dass bei neuen Anfragen von InteressentInnen für Mitarbeit als FamilienbegleiterIn in unserem Verein eine Kollegin vom Vorstand, die nicht als Familienbegleiterin arbeitet, zusammen mit jemandem aus der FamilienbegleitungsGruppe, ein Interview mit der interessierten Person macht, um allfällige Ungereimtheiten schon im Vorfeld zu erkennen. Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 35 Das basisdemokratische Prinzip aber «soll gewährleisten, dass die Verwal tung der Institution [bei uns: des Vereins] und die sozialpädagogische Arbeit sich nicht voneinander lösen und entfremden, um sich dann als zwei konfliktträch tige Handlungslogiken gegenüberzustehen» (Perner 2005: 55). Es ist keine Frage, dass Hierarchien auch entlastend sein können, ist es doch immer wieder auf wändig und manchmal belastend, sich im gemeinsamen Gespräch einigen zu müssen. Doch einerseits hegen wir den Anspruch, dass alle nicht nur ihre Arbeit machen, sondern immer auch den gesamten Verein im Auge behalten, also einen Beitrag zu seinem Fortbestehen und Florieren leisten und andererseits teilen wir Perners Überzeugung: «Im Grunde stellen formelle institutionelle Hierarchien organisierte Spaltungsprozesse dar und führen nicht selten zu eigenlogischem Gegeneinander, das in Machtkämpfen endet. Die psychoanalytische Sozialarbeit, die Spaltungsprozesse auflösen, eine lebendige und lebbare Vermittlung von Lust und Realitätsprinzip leisten will, kann darum nicht hierarchisch organisiert sein, wenn sie ihren Zielen und Intentionen nicht zuwiderhandeln will» (Perner 2005: 56). In diese Zeit der Veränderungen fiel auch der Entscheid, eine Website ein zurichten (www.vpsz.ch) und es entstand eine Gruppe, die sich mit dem Thema Qualitätssicherung befasste. Viel wichtiger als diese und zahlreiche andere Notwendigkeiten war jedoch für uns der Entschluss, im Rahmen des psychoanalytischen Seminars eigene Kurse zu psychoanalytischer Sozialarbeit anzubieten. Unser erstes Kursangebot stell ten wir für das WS 2005/2006 auf die Beine und seither, nun schon zum fünften Mal, sind wir in jedem Wintersemester präsent. Die Angebote folgen immer dem selben Muster: Wir bieten ein Seminar und einen Samstagszyklus an, Ersteres zum Thema psychoanalytische Sozialarbeit mit Fallbesprechungen aus nicht im engeren Sinn therapeutischen Settings, Zweiteren zu einem bestimmten Thema, zu dem wir mehrheitlich an 3–4 Samstagen ReferentInnen verpflichten. Im Anschluss an Referat und Diskussion wird auch hier ein Fall vorgestellt, sei es eine Familienbegleitung oder eine Falldarstellung aus einer Institution. Diese Idee wurde geboren aus dem Wunsch, psychoanalyseferne TeilnehmerInnen für die psychoanalytische Sozialarbeit zu gewinnen, weshalb wir heftig Werbung ausserhalb des psychoanalytischen Seminars machten . Leider ist der Erfolg sehr viel kleiner als wir es uns gewünscht hätten, doch wir bleiben dran. Wir sind der Meinung, dass es notwendig ist, Angebote in unserem Sinn zu fördern, damit die Psychoanalyse als Theorie und soziale Praxis ausserhalb der Analyse und Therapie ihren gebührenden Platz einnehmen können. Es ist unseres Erachtens sinnvoll, Psychoanalytische Sozialarbeit 36 Esther Leuthard psychoanalytische Ausbildung für Interessierte anzubieten, welche aufgrund der Vorbildung oder aufgrund ihrer Interessen nicht auf eine psychotherapeutische Praxis hin arbeiten. In diesem Zusammenhang möchte ich die «junge Psychoanalyse» am PSZ zitieren, die ein ähnliches Ziel verfolgt. «Es ist uns ein besonderes Anliegen, jün gere PsychologInnen, MedizinerInnen und besonders auch VertreterInnen ande rer Berufsgruppen ( WissenschaftlerInnen, SozialarbeiterInnen, PädagogInnen, etc.) weiterhin für die Psychoanalyse und das PSZ zu interessieren. … Es ist unser Anliegen, dass der Graben, der sich zwischen den VertreterInnen der PSY Berufe und denen anderer Berufsgruppen aufzutun droht, gar nicht erst entsteht oder rechtzeitig wieder überbrückt werden kann» ( Wittmann, Burgermeister und Gsell 2009: 153). 8 Der Einschnitt Vielleicht erinnern sich manche LeserInnen an den «Spanienfall», der 2006 über längere Zeit breit in den Medien verhandelt wurde und zu heftigen Angriffen auf die damalige Sozialvorsteherin der Stadt Zürich führte. Eine Time OutOrganisation in Spanien, der auch Jugendliche aus Zürich anvertraut wurden, war durch pädagogisch fragwürdige Methoden und Betrug in die Schlagzeilen gera ten. Dieses Ereignis führte schliesslich zum Entscheid, in einem ersten Schritt alle TimeOutOrganisationen zu überprüfen, was bedeutete, dass alle, die weiterhin mit KlientInnen der Stadt Zürich arbeiten wollten, sich beim Sozialdepartement bewerben mussten. Nach Abschluss dieses Verfahrens, wurde dasselbe ver langt von Organisationen, die sozialpädagogische Familienbegleitung anboten. In den ursprünglichen Anforderungen waren sowohl selbstständig arbeitende FamilienbegleiterInnen wie auch Organisationen vorgesehen. Wir vom vpsz pass ten nicht in die Vorgaben und so bewarben wir uns einerseits als Verein, anderer seits auch alle von uns, die dies wollten, als selbstständig arbeitende Personen. Wir rechneten nicht mit einer reellen Chance, obwohl wir uns selber als sehr gut qua lifiziert einstuften, standen wir doch ziemlich quer in der Landschaft. Wir wurden aber schliesslich eingeladen, geprüft und von den sechs BewerberInnen bekamen fünf den Segen des Staates. Die sechste wurde erst abgelehnt, durfte aber nach weiteren Gesprächen schliesslich doch weiterhin als Familienbegleiterin arbeiten. Dieses Bewerbungsverfahren bewegte uns stark, hätte eine Ablehnung doch bedeutet, dass AuftraggeberInnen aus der Stadt uns keine Aufträge mehr hätten erteilen dürfen. Journal für Psychoanalyse 51 Entstehung und Entwicklung eines Vereins 37 Zusätzlich wurde durch dieses Verfahren unsere Gruppe geteilt. Erstens hatten sich nicht alle beworben und zweitens konnte eine später dazugekommene Kollegin sich nicht mehr bewerben, da für den vpsz ein Aufnahmestopp verhängt worden war. Erst im Frühling 2010 werden neue Bewerbungen zugelassen. Keine Frage, dass diese Teilung Auswirkungen hatte und hat. Seit diesem Zeitpunkt gibt es Themen, die nicht mehr alle, sondern nur «die Städtischen» betreffen, was den Zusammenhalt zusätzlich strapaziert. Längst kennt man unseren Verein noch nicht in allen Sozialzentren der Stadt Zürich und den Jugendsekretariaten auf dem Land. Wir realisierten, dass es nicht weit führt, unsere Broschüre zu verschicken. Die einzig sinnvolle Werbung ist die konkrete Arbeit in guter Qualität. So erleben wir, dass von Auftraggeberinnen, die mit jemandem von uns gearbeitet haben, immer wieder Anfragen kommen. Weshalb die Weiterempfehlungen wenig Früchte tragen, bleibt uns ein Rätsel. Was wir hingegen sehr wohl zur Kenntnis nehmen, ist die Tatsache, dass sich eine Vorliebe in erster Linie in Zusammenhang mit einem konkreten Auftrag, über einen persönlichen Kontakt entwickelt. Wird dann dieselbe Person wieder angefragt, hat jedoch keine Kapazität, so wird als Alternative jemand anderer vom Verein emp fohlen und so schaffen wir es, unseren Bekanntheitsgrad als Gruppe allmählich zu vergrössern. Wechselt jedoch eine Auftraggeberin, die uns bevorzugt anfragt hatte, die Stelle, so geht oft eine wichtige Auftragsquelle verloren. Anders liegt der Fall bei den beiden grossen Anbietern in der Stadt Zürich, die als Organisationen seit Jahren bekannt und deshalb allen sozial Tätigen ein Begriff sind. Da ist es für die Zwerge (wir sind nicht die einzigen) wesentlich schwie riger, auf sich aufmerksam zu machen. Als jüngstes Projekt innerhalb des vpsz möchte ich zum Schluss die «Fadenspule» erwähnen, ein Projekt, das sich anlehnt an die «Maison Verte» in Paris (siehe Artikel in diesem Heft von MarieHélène Malandrin). Dagmar Ambass, die seit 2007 in unserem Verein als Familienbegleiterin arbeitet, suchte damals einen Ort, an dem sie mit ihren Mitdenkerinnen Antje Brüning und Helen Stierlin dieses Projekt in Angriff nehmen konnte und gelangte an uns. Seither ist das Projekt gediehen, weitere Personen wurden involviert und sowohl das MarieMeierhofer Institut wie das Kinderhaus Entlisberg unterstützen und begleiten das Projekt. Die Fadenspule ist ein niederschwelliges Angebot für Eltern und andere Betreuungspersonen mit kleinen Kindern, ein Ort an guter Passantenlage, der dazu animiert, einzutreten. Anwesend sind Fachpersonen mit psychoanalytischem Hintergrund und – ganz wichtig – möglichst breiten Sprachkenntnissen. Es soll ein Aufenthaltsort sein, an dem die Kinder spielen und die Erwachsenen mit anderen Psychoanalytische Sozialarbeit 38 Esther Leuthard BesucherInnen Kontakt aufnehmen können. Bei Bedarf stehen die Fachpersonen für Gespräche zur Verfügung. Seit April 2009 läuft eine Versuchsphase, anfänglich in einem Raum im Kinderhaus Entlisberg, seit Herbst 09 im offenen Bereich Selnau, an der Sihlamtsstrasse 18, in der Nähe des Sozialzentrums Selnau. Ich hoffe, mit diesem Querschnitt durch die Geschichte unseres achtjäh rigen Bestehens, etwas von unserer Lust und dem Tatendrang, sowie von den Enttäuschungen, Schwierigkeiten und Kämpfen vermittelt zu haben. Es besteht bei uns Hoffnung, dass es weiterhin Leute geben wird, die bei uns mittun und an der Weiterentwicklung des vpsz mitarbeiten möchten. 9 Literatur Aichhorn, August (1951): Verwahrloste Jugend. Bern: Hans Huber. Fraiberg, Selma (1990): Schatten der Vergangenheit im Kinderzimmer. In: Arbeits hefte Kinderpsychoanalyse, 11/12, Frankfurt a/M: Brandes & Apsel, 141–160. Körner, Jürgen, Christiane LudwigKörner (1997): Psychoanalytische Sozial päda gogik. Freiburg im Breisgau: Lambertus Verlag. Perner, Achim (2005): «Vielleicht wird einmal ein amerikanischer Millionär …». In: Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg, Hrsg., Entwicklungs linien Psychoanalytischer Sozialarbeit. Tübingen, edition diskord, 22–59. Rauchfleisch, Udo (1996): Menschen in psychosozialer Not. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht. Salmen, Bernhard (1995): Ohnmacht und Grandiosität. Mainz: Matthias GrünewaldVerlag. Staigle, Joachim (2005): «Entwicklungslinien Psychoanalytischer Sozialarbeit». In: Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit Rottenburg (Hrsg.) (2005): Entwicklungslinien Psychoanalytischer Sozialarbeit. Tübingen, edition diskord, 9–21. Wittmann, Lutz, Nicole Burgermeister, Monika Gsell (2009): «Junge Psychoana lyse am PSZ», in: Journal für Psychoanalyse, 50, Zürich: Seismo Verlag, 150–155. Journal für Psychoanalyse 51

