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Jahre mit Werner

Joachim Staigle
Am Beispiel der langjährigen Betreuung eines Jugendlichen mit psychotischen Ängsten, gegen die er sich mit autistischen und konfusionellen Abwehrstrukturen schützt, soll entlang des Verständnisses der Vorgeschichte, der Schilderung des Erstgespräches und der Auswertung der ersten Beziehungserfahrungen in analytischen Supervisionen eine typische Vorgehens- und Denkweise innerhalb der psychoanalytischen Sozialarbeit bei der Einrichtung eines Betreuungssettings verdeutlicht werden. Ebenso wird über ausgewählte Betreuungsaspekte der Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung in der vorwiegend durch Handlung gekennzeichneten Sozialarbeit mit an Grundstörungen leidenden Menschen beschrieben. Die hier geschilderte Betreuung fungierte als einer der Kristallisationspunkte, aus denen sich die Entwicklung eines komplexen Ambulanten Dienstes der psychoanalytischen Sozialarbeit in Tübingen ergab.
Jahre mit Werner Joachim Staigle (Tübingen) Zusamenfassung: Am Beispiel der langjährigen Betreuung eines Jugendlichen mit psychotischen Ängsten, gegen die er sich mit autistischen und konfusionellen Abwehrstrukturen schützt, soll entlang des Verständnisses der Vorgeschichte, der Schilderung des Erstgespräches und der Auswertung der ersten Beziehungserfahrun­ gen in analytischen Supervisionen eine typische Vorgehens­ und Denkweise innerhalb der psychoanalytischen Sozialarbeit bei der Einrichtung eines Betreuungssettings verdeutlicht werden. Ebenso wird über ausgewählte Betreuungsaspekte der Umgang mit Übertragung und Gegenübertragung in der vorwiegend durch Handlung gekenn­ zeichneten Sozial arbeit mit an Grundstörungen leidenden Menschen beschrieben. Die hier geschilderte Betreuung fungierte als einer der Kristallisationspunkte, aus denen sich die Entwicklung eines komplexen Ambulanten Dienstes der psychoana­ lytischen Sozialarbeit in Tübingen ergab. Schlüsselwörter: Abwehr, Autismus, Deutung, Milieutherapie, projektive Iden ti­ fizierung, psychoanalytische Sozialarbeit, psychotische Ängste, Setting, Übertra­ gung – Gegenübertragung 1 Die Vorgeschichte Ich lerne Werner kennen, als er 13 Jahre ist. Eine Jugendpsychiatrie fragt, ob die ambulanten Dienste ihm und seiner Großmutter, bei der er lebt, aus einer gefährlichen und engen Einsamkeit helfen könnten. Alle bisherigen ambulanten und schulischen Entwicklungsräume waren zusammengebrochen. Einer stationären kinder ­ oder jugendpsychiatrischen Ver­ sor gung stimmte die Großmutter nicht zu. Werner habe Impulsdurchbrüche gegen sich und die Großmutter, laufe weg, überfalle und erschrecke quälerisch kleine Kinder auf Spielplätzen. Zur Entwicklung Werners erfahre ich von einer frühkindlichen Deprivation mit wiederholten Verlusten der tragenden emotionalen Beziehungen zu mütter ­ lich­haltenden Objekten: Werner wurde als uneheliches Kind geboren, seine Mutter lebte selbst noch bei ihren Eltern. Werner sei in dieser Familie das 13. uneheliche © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 51.6 Psychoanalytische Sozialarbeit 72 Joachim Staigle Kind gewesen. Die Großmutter mütterlicherseits habe gesagt «das ziehe ich nicht auch noch auf!». Bis zum Alter von 2 1/2 Monaten lebte Werner bei seiner Mutter, die ihn angeblich von Beginn an stark ablehnte und mangelhaft versorgte. Werner wurde in dieser Zeit teilweise von der Schwester der Mutter versorgt. Er sei stark wund­ gelegen, unterernährt und rachitisch gewesen. Außerdem habe er auffallend viel geschrien. Die Großmutter väterlicherseits, die den Zustand Werners bemerkte und von der obige Informationen stammen, nahm ihn zu sich. Da sie selbst berufstätig war, wurde er von der Urgroßmutter, die wie der Vater Werners im selben Haushalt wohnte, versorgt. Eine Adoption durch die Großmutter väterlicherseits kam nicht zu Stande. Der Vater übernahm keinerlei Versorgungsleistungen, hatte nur gele­ gentlich eine Arbeit und lebte verwahrlost am Rande der Gesellschaft. Offenbar konnte sich der Vater nie aus einer starken Abhängigkeit von seiner Mutter lösen. Mit neun Monaten wurde bei Werner durch die Kinderklinik eine Muskel­ schwäche und Entwicklungsverzögerung festgestellt. Er bekam darauf regelmäßig Krankengymnastik. Als Werner 14 Monate alt war, kam das zweite uneheliche Kind von Werners Vater und Mutter zur Welt: Ein Mädchen, das anonym adoptiert wurde. Mit 16 Monaten kam Werner zwei Wochen zur Beobachtung in die Kinder­ klinik, weil er beim Sitzen zusammensackte und beim Gehen das linke Bein nach­ zog. Er sei körperlich retardiert gewesen. Als er 2,4 Jahre alt war, kam noch ein unehelicher Bruder zur Welt, der bei seiner Mutter blieb. Eine kurze Zeit wohnten die Eltern Werners zusammen. Werner blieb bei der Großmutter. Die Urgroßmutter erkrankte und Werner wurde mit eineinhalb Jahren von der Pflegerin der Urgroßmutter versorgt, die daran große Freude hatte. Als Werner zweieinhalb Jahre war, starb die Urgroßmutter und die Pflegerin kam nicht mehr in den Haushalt. Daraufhin durchlief Werner innerhalb von zwei Monaten drei verschiedene Tagespflegestellen, weil diese mit seinen Selbst­ und Fremdaggressionen überfor ­ dert waren. Die vierte Tagespflegestelle wurde positiv geschildert, aber aufgegeben, weil Werner jetzt in der Kinderklinik die Rachenmandeln entfernt wurden. Bei der Vorstellung in einer Erziehungsberatungsstelle wurden Hospitalis­ mus symptome festgestellt. Danach, im Alter von fast drei Jahren, wurde Werner für vier Monate in der Kinderpsychiatrie aufgenommen. Diagnostiziert wurden Hospitalismus, milieu­ reaktive Verhaltensstörungen und außerdem wurde eine frühkindliche hirnor ­ ganische Funktionsstörung vermutet. Im Anschluss an die stationäre Diagnostik Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 73 gab Werners Großmutter im Zusammenwirken mit dem Jugendamt und der Kin­ derpsychiatrie ihren Beruf auf. Großmutter und Werner lebten fortan vom Pflege­ geld. Dabei wurde versäumt zu klären, wie dann der Großmutter eine angemes­ sene Altersversorgung geschaffen werden könnte, wenn die Pflegschaft eines Tages enden würde. Im weiteren Verlauf von Werners Entwicklung kam es andauernd zu neuen Traumatisierungen durch Objektverluste und Pflege­ und Beziehungsversagen. Er wurde hin und her geschoben zwischen Sonderkindergarten, Kinderheim, Sonder­ schule für Lernbehinderte. Es kam zum Ausschluss mit Hausunterricht bis hin zum Befund, dass Werner nicht beschulbar sei. Mit elfeinhalb Jahren häufte sich Werners aggressives Verhalten bedrohlich, z. B. schlug er mit einem Stock ältere Frauen und er griff wehrlose kleine Kinder an, schlug, biss und kratzte diese. Mit 12 Jahren wurde Werner als untragbar aus der Tagesgruppe entlassen; eine ander ­ weitige, vollstationäre Unterbringung lehnte die Großmutter ab. Der Schulbesuch wurde auf zwei Stunden pro Tag reduziert. Zwei Monate später wurde er ganz aus der Schule ausgeschlossen, bis auf weiteres sollte seine Schulpflicht ruhen. Für ein halbes Jahr erhielt Werner noch acht Stunden Hausunterricht pro Woche. Als auch dieser letzte Außenkontakt mit den Sommerferien abbrach, verschärfte sich die Situation weiterhin. Werner litt jetzt zusätzlich unter Schlafschwierigkeiten, war nachts wach, hörte teilweise auf zu essen. In Streitigkeiten mit der Großmutter hatte er diese auch schon geschlagen und er begab sich selbst immer wieder in gefähr\ liche Situa­ tionen, indem er ohne schützende Ängste aus Fenstern kletterte und ohne zeitliche Orientierung weglief. 2 Das Erstgespräch Als mir Werner bei unserem ersten persönlichen Kontakt vorgestellt wurde, sah ich einen hübschen, lockenhaarigen, schlaksigen Jungen vor mir, der im Beisein mit mehreren Personen scheu, verunsichert und sehr brav wirkte. Er hatte etwas merkwürdige, ungeschickt fahrig wirkende Körperbewegungen. Als ihm mit­ geteilt war, wer ich sei und dass ich vielleicht in Zukunft sein Betreuer werden könnte, sofern wir uns verstünden, zogen wir uns alleine für eine halbe Stunde in ein Zimmer in der Kinder ­ und Jugendpsychiatrischen Ambulanz zurück. Die Situation änderte sich schlagartig. Zunächst war ich erstaunt, dass Werner über eine sehr differenzierte aus­ druckstarke Sprache verfügte, hatte aber kaum Zeit, mich auf ihn einzustellen. Er bombardierte mich sofort mit unablässigem Fragen:«Haben Sie schon einmal Psychoanalytische Sozialarbeit 74 Joachim Staigle geweint? Wann weinen Sie? Ich kenne sie. Wo wohnen Sie? Wie alt sind Sie? Was ist, wenn’s hupt und ich stehe vor der Tür? Ich möchte Ihren Schlüssel sehen. Haben Sie eine Uhr? War die schon mal kaputt? Was haben Sie mit der gemacht? Warum schmeißen Sie sie denn nicht weg? Haben Sie ein Auto? War das schon kaputt? Da muss ich den Motor kontrollieren. Ich bin nämlich Elektriker.» Zwischen den Sätzen machte er Bewegungen und Laute, die wie das Starten eines Motors klangen. «Das ist mein Traktor, der hat 100 000 PS, vielleicht sogar 50 oder 30. Da sitzt mein Chef hinten drin. Den Traktor und den Chef können Sie nicht sehen. Haben Sie eine Brille? Die muss ich mal quietschen lassen, da mache ich nämlich Musik draus, das ist Benzin. Dann läuft die Karre.» Neben seinem unablässigen Fragen und Reden suchte er im Zimmer herum, nahm alles an sich, was nicht niet­ und nagelfest war. Bei allem, was ihn interes­ sierte, hupte er, als hätte er eine Hupe eingebaut, «tüt­tüt». Er brachte in dem für mich unbekannten Zimmer alles in Unordnung. Ich sorgte mich auch zunehmend um die Folgen seines Tuns, denn er schuf binnen kurzem ein erhebliches Chaos. Alle Sätze, die von mir kamen, jeder Versuch, ein Spiel vorzuschlagen oder ein scheinbares Interesse von ihm aufzunehmen, schlugen fehl. Er schien die Situation voll bestimmen zu müssen. Ich schien als Person mit meinen Gedanken für ihn nicht zu existieren. Er machte mich vollständig zu einer Marionette durch die Art, wie er mich befragte und im Zimmer herumquirlte. Als ihm auch noch neurolo­ gische Untersuchungsinstrumente in die Hände fielen, sah ich mich veranlasst einzugreifen, ihn auf die Wiederherstellung der Ordnung hinzuweisen. Hierauf wandte er sich rasch mit einem spitzen Nadelrad mir zu und fuhr mir mit einer raschen Bewegung damit über die Hand. «Weinen Sie, wenn ich Ihnen weh tue?» Plötzlich wütend geworden, nahm ich ihm das Instrument kurzerhand weg, nicht ohne innerlich sehr erschrocken zu sein, Angst vor einer Verletzung gehabt zu haben. Ich sagte ihm, ich wäre stark genug, mit ihm umzugehen, ohne dass ich ver ­ letzt würde. «Das glaube ich nicht, ich bin stärker als Sie.» Als ich dem widersprach, meinte er:«Sie wollen mich bloß umbringen, aber ich schieß mich sowieso bald hin.» In diesem Moment traten Tränen in seine Augen und ich bekam ein Gefühl großer Traurigkeit. Als ich ihm sagte, er wäre wohl traurig, wurde er richtig wütend und trat nach mir. «Sie Arschloch!» Dann spielte er eine Zeit am Wasserbecken, darüber schien er sich zu beruhigen. Plötzlich wollte er noch ein Spiel mit mir spielen. Ich sollte mich schlafend stellen. Dabei nahm er meine Uhr vom Arm. Er hupte, damit ich aufwachte. Jetzt sollte ich entdecken, dass er meine Uhr geraubt hatte. Über mein gespieltes Erschrecken lachte er unbändig. Dies wiederholte er mehrere Male in Abwandlungen. Meist sollte ich jetzt ein kleines Kind sein, das Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 75 seinen Raubzügen nicht standhalten könne und sehr viel Angst vor ihm hätte. Merkwürdigerweise empfand ich dieses Spiel mit ihm, in dem er der Regisseur war und ich jeden Satz, den ich äußern durfte, vorgesprochen bekam, weitaus unangenehmer und unerträglicher als seine Attacken auf die Zimmereinrichtung, denn ich wurde regelrecht wehrlos gemacht, hatte auch Angst, er könne mir viel­ leicht wirklich etwas tun, wenn ich mich schlafend stellte. Ich war froh, als ich mit Werner wieder zu den anderen Personen zurückkehrte. Wieder wurde urplötzlich der bravste Junge aus ihm, der auf dem Rück weg fragte, ob ich ihn denn bald besuchen würde. Der Eindruck, den ich im ersten Treffen gewann, spiegelte und bestätigte meine erste emotionale Reaktion auf die Vorgeschichte des Jungen. Werners zentra­ les Problem bestand für mich darin, dass er nie in seinem Leben eine hinreichend sichere und versorgende Umwelt erfuhr. Zu früh, vor der Fähigkeit, Trennungen ertragen zu können, verlor er laufend die Verbindung zu seiner wichtigsten Bezugs­ person. Auch gab es nie eine Vaterinstanz im Sinne einer schützenden Schale, die eine Anpassung an die notwendige Versorgung ermöglicht hätte und darü­ ber hinaus als Identifikationsfigur und Schutz gegenüber einer symbiotischen Beziehung zur mütterlichen Person hätte dienen können. In der weiteren Folge seines Lebens wiederholte sich unzählige Male der Verlust seiner zentralen außer ­ familiären Bezugsperson. Dies hing eng zusammen mit den Schwierigkeiten, die aus den primitiven Abwehrprozessen gegen psychotische Ängste und drohende Desintegration seiner selbst resultierten. Als Hauptproblem zogen sich Selbst­ und Fremdaggressionen durch seine gesamte Lebensgeschichte. Sie sind sicher als eine Form der Abwehr todesstarrer, depressiver, innerer Erfahrungen zu lesen (McDougall 1985: 79). Unmittelbar war mir Werner sympathisch. Ich konnte mir eine Beglei tung über Jahre vorstellen. Und doch wohnte der Begegnung etwas Uner träg liches und Zerstörerisches inne. Durch die Begegnung wurde jedes vorgeformte Bild über das, was ich mit ihm machen könnte, zerstört. Ich war mir sicher, dass er in einer Behandlung der Tonangebende sein müsste und ich als Gegenstück nur wenig mehr als eine Puppe oder eine Marionette darstellen könnte. Ich empfand ihn als Last und Plage. Er kam mir unerträglich nahe, was sich äußerlich in seinem unauf ­ hörlichen Fragen zeigte, auf das ich kaum Antworten geben konnte. Angelpunkt der Betreuung würde vermutlich die Frage sein, ob wir beide unbeschädigt und lebendig aus unseren Begegnungen hervorgehen könnten oder ob er und ich ver ­ zehrt und zerstört einander verlieren würden. Dies fragte er ja auch als erstes: «Wann weinen Sie?» Bei dieser Frage tauchte in mir als Vorstellung die Kette der Psychoanalytische Sozialarbeit 76 Joachim Staigle verzweifelten Lehrerinnen und Erzieherinnen auf, die Werners gleichzeitig angst­ mildernden und triebhaften Angriffen, seiner Suche nach Halt und Grenze nicht standhielten. Aber in diesem Bilde tauchte für mich auch der weinende Werner auf, der durch seine Attacken die ihm wichtigsten Personen verliert und damit sich selber. Ich würde beides sein müssen: Der Doppelgänger Werners und sein väterlicher und mütterlicher Versorger. Diese Funktion wird sich auch in einem Teil des einzurichtenden Settings spiegeln. Werner muss von mir jeden Tag 30 km zwischen zu Hause und unserer Einrichtung hin und her transportiert werden, denn es gibt niemanden sonst, der dies übernehmen kann. Aber Werners Frage, «Wann weinen Sie?» war keine symbolische Frage. Er wollte von mir genau wissen, bei welchen Gelegenheiten ich weinen würde. Er musste dies wissen. Er musste untersuchen, wann und wie ich an ihm kaputtgehen könnte bzw. wann ich oder er so ängstlich und dadurch so wütend sein würden, dass eine Katastrophe drohte. In diesem Sinne versuchte ich, seine Verwüstung des Zimmers als eine Erprobung meiner Person zu sehen, die auch die äußere Umgebung umfasste. Die Handlung Werners könnte genetisch aufgefasst in sich seine frühesten Erfahrungen mit den wiederholten phantasierten Angriffen auf die versorgende Mutter symbolisieren und demnach auch eine stets vorhandene Chance zur Erfahrung von etwas Neuem, da er so in der Lage war, mich als zer ­ störbares Objekt zu entdecken, das im günstigen Falle nicht vernichtet werden würde. Meine Grenzsetzung durch die Forderung nach einer Wiederherstellung der Ordnung des Zimmers, in der schon ein erhebliches Maß an Wut auch meiner ­ seits gebunden war, schien Werner als einen unerträglichen Übergriff zu erfahren, als ein Verbot ungezügelter Triebbefriedigung, was sofort in ihm unerträgliche Angst reaktivierte, die durch eine aggressive Handlung abgewehrt wurde. Diesen Verlauf bekam ich in dem sich wie rasend entwickelnden Gefühlssturm zu spü­ ren, als Werner mich mit dem Nadelrad angriff und ich selber große Angst und Wut empfand, was sicherlich bedeutete, dass Werner entsprechende unerträgli­ che Affekte projektiv in mir unterbringen konnte, ich also über meine persönli­ chen Voraussetzungen ähnlich funktionierte wie Werner und damit als Container für seine Angst fungierte, was in meiner Gegenübertragung wesentlich über das Ausmaß meiner Wut als ihrer entsprechenden Abwehr erfahrbar war. Als ich dar ­ auf noch seine Illusion, er sei stärker als ich, angriff, kamen seine archaischen Über ­Ich­Züge deutlich zum Vorschein, als er vermutete, ich wolle ihn sicherlich umbringen. Seine Unfähigkeit, Schuld zu empfinden und Wiedergutmachung zu leisten, könnte also damit zusammenhängen, dass jedes Erkennen eines Schadens, einer Schuld, eine übermächtig vernichtende Rache eines verfolgenden Objektes Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 77 zur Folge hätte. So erscheint die projektive Identifizierung von mir als einer Person, die ihn umbringen wolle, als ein Abwehrvorgang gegen psychotische Ängste und Desintegration, als die Externalisierung einer inneren terroristischen Welt. Teile seiner selbst erschienen in mir. Meiner Äußerung, dass ich stärker sei als er, lag in mir genau dieses ungeheure Ausmaß an Wut und Angst zugrunde, dem ich müh­ sam versuchte, Form und Halt zu geben. Nachdem diese Krise überwunden war, schien es Werner zu gelingen, das­ selbe Problem in etwas distanzierterer, geschützterer Form im Spiel mit meiner Uhr und den imaginären Brillen neu zu verhandeln. Hier wurde der äußerlich als verrückt erscheinende Umgang mit den Objekten Brille, Uhr, Spiegel, Maschinen usw. als etwas konstruktiv Lebenserhaltendes, als eine Funktion deutlich, die Werner die Verbindung zu mir als realem Menschen und zu einem inneren leben­ digen Objekt sicherte. Es gibt also die Korrespondenz zwischen Zerstörung und Verschrottung der äußeren Welt und der gespielten Zerstörung dieser Objekte, die den innerpsychischen Niederschlag seiner Beziehungserfahrungen repräsentie­ ren. Der Wechsel der Atmosphäre, der rasante Stimmungsumschwung, als ich mit Werner die gegebene Zweier situation verließ, sprach für eine gewisse Fähigkeit Werners, umschriebene Zeiten in einer ambulanten Betreuung konstruktiv nützen zu können, wenngleich auch anhand des Erstkontaktverlaufs zu vermuten war, dass sich seine verzehrenden Attacken auch auf den Rahmen der einzurichtenden Behandlung als Ganzes beziehen würde. 3 Erste Verstehensversuche und Settinggestaltung Wie lassen sich Werners Auffälligkeiten auf dem Hintergrund einer psycho ­ analytischen Betrachtungsweise verstehen? Werner konnte aufgrund der mangelhaften Anpassung der primären Bezugs personen nie eine sichere innere Bindung zu einem guten inneren Objekt ent wickeln. Das heißt, er musste zu früh, vor dem Besitz der Fähigkeit, reale Tren nun gen und Versagungen ertragen zu können, als Säugling die körperliche Getrennt heit von seiner Pflegeperson wahrnehmen. Weil auf diesem Niveau der Entwicklung für Werner intrapsychisch die Vorstellungen seiner selbst und der Objekte noch nicht getrennt sind, haben Wahrnehmungen und Gefühle, die die Pflegeperson als getrennt vom eigenen Körper erkennen, die Qualität eines Verlustes des eigenen Körperteils. Es sind also mit einem solch frühen traumati­ schen Erkennen extreme Verlust­ und Vernichtungsängste verbunden. Diese Ängste und psychischen Schmerzen scheinen für Werner unerträglich zu sein und seine psychische Integrität mit Zusammenbruchserfahrungen zu bedrohen. Verkürzt Psychoanalytische Sozialarbeit 78 Joachim Staigle kann man sagen, Werner konnte keine sicheren inneren Vorstellungen von halten­ den Beziehungen bilden und ist deshalb bis heute von der Beziehung zu einem idealisierten Objekt abhängig und in illusionärer Weise darauf angewiesen, dass seine Bezugspersonen real vorhanden sind und ihm keinerlei Versagungen und Trennungen zumuten. Im täglichen Erleben bedeutet dies für Werner, dass alle Erfahrungen, die seinen unmittelbaren Triebwünschen entgegenstehen, alle Trennungserfahrungen und alle Realität, die die weniger idealen Aspekte der Personen, die er liebt, ans Tageslicht bringen, Existenzängste auslösen. Diese Ängste kann er nicht ertragen und sie daher weder bewusst spüren noch symbolisieren. Die Abwehr dieser Ängste erfolgt hauptsächlich dadurch, dass Werner seine eigene Wahrnehmungsfähigkeit einschränkt oder zerstört und über Versuche, die äußere Realität in Richtung auf die innere Realität zu verändern. Die in Zusammenhang mit realen Versagungserfahrungen wiederbelebten und in jedem Augenblick bedrohenden psychotischen Ängste muss er mit Hilfe pri­ mitiver Abwehrprozesse, die man besser als Schutzmechanismen bezeichnet, von sich weisen. In diesem Sinne sind autistische Abwehren und andere psychotisch e Prozesse zwar Ausdruck einer misslingenden psychischen Entwicklung, gleich­ zeitig aber kreative und konstruktive Aktivitäten einer vom vollkommenen Zusam menbruch bedrohten Psyche mit dem Ziel, seelisches Funktionieren aufrechtzuerhalten. In dieser Situation stellte sich die Frage, ob für Werner eine ambulante Betreu ung eingerichtet werden kann, die die eigentlich notwendige stationäre heil pä da go gische Förderung oder eine stationäre kinderpsychiatrische Behandlung ersetzen kann. Durch die wiederholten traumatisierenden Verluste der Beziehungen zu tragenden Bezugspersonen, und die Tatsachen, dass seine Großmutter für Werner die einzige kontinuierlich verfügbare und seine Existenz sichernde Person in seinem bisherigen Leben war und ebenso dass das Leben mit Werner für die Großmutter zum unverzichtbaren Lebensinhalt und zum Lebensunterhalt gewor ­ den war, war für beide eine Lösung voneinander weder erträglich noch vorstellbar. Diese Ausgangslage nahmen wir als gegeben. Ein Betreuungssetting für Werner musste in dieser Situation mehreren Aspekte Rechnung tragen. Es sollte für Werner ein hohes Maß an Sicherheit, Konstanz und Verlässlich­ keit bieten, um weitere Beziehungsabbrüche zu vermeiden. Angesichts der bevor ­ stehenden Pubertät und der vorliegenden Entwicklungsverzögerung musste an ein viele Jahre verfügbares Betreuungsangebot gedacht werden. Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 79 Werner benötigte ein therapeutisches Betreuungsangebot und schulische Förderung. Das zu konstruierende ambulante psychoanalytisch­sozialtherapeuti­ sche Betreuungssetting musste für Werner und seine Großmutter zusätzlich eine all tagsstrukturierende Funktion und eine reale tägliche Versorgungsentlastung bieten. Das ambulante Setting musste das nicht erreichbare stationäre Setting ersetzen. Die in den therapeutischen Rahmen integrierte schulische Förderung konn te die für diese Betreuung notwendigen Aufspaltungsmöglichkeiten in einem Mehr ­Personen­Rahmen darstellen. Dadurch ließen sich zunächst unvereinbare Beziehungsaspekte teilweise an die Lehrerin, teilweise an mich binden, worüber sich Werner im Laufe der Zeit über die Integration dieser unterschiedlichen Aspekte in uns, seinen Bezugspersonen, zunehmend als ganze Person erleben konnte. Um herauszufinden welche Struktur der Beziehungsangebote am sinn­ voll sten ist und um aus der Reflexion der ersten Übertragungs­ und Gegen über­ tragungsgestalten erste tragfähige Hypothesen zu Werners innerer Situation zu ent­ wickeln, wurde eine erste Phase des Kennenlernens gestaltet, bei dem Werner von mir zunächst zu Hause besucht, bald aber von dort zu gemeinsamen Spielstunden abgeholt wurde. Nachdem sich zeigte, dass Werner das Beziehungsangebot ebenso wie die Großmutter gerne annahm, wurde die regelmäßige Betreuung eingerichtet. Jeden Tag, außer an den Wochenenden, wird Werner von mir abgeholt, von wo wir etwa 30 km zu unserer Ambulanz fahren. Dort hat er mit mir eine «Spielstunde» genannte gemeinsame Zeit. Danach kommt eine kleine Pause, in der Tee getrunken und auf die Ankunft der Lehrerin gewartet wird, die Werner Einzelunterricht gibt. Werner geht zunächst begleitet, später alleine zum Bäcker, um sich Essen oder Süßigkeiten zu kaufen. Danach findet in einem eigenen Schul­ zimmer der Unterricht statt, bei dem ich in einem Nebenzimmer anwesend sein muss, um in Krisensituationen eingreifen zu können, wenn Werner z. B. seine Lehre rin angreift oder er sich vom Alleinsein mit ihr bedroht fühlt. Nach dem Unter­ richt wird er wieder von mir nach Hause gefahren. Es gab anfangs eine Übergabe­ situation mit der Großmutter. Einmal pro Woche gingen wir ins öffentliche Schwimmbad und ins Café, um trotz aller dort auftretender Schwierigkeiten, öffentliche und Gruppensituationen zu erleben. Ebenfalls wöchentlich fand im Hause der Großmutter mit mir ein Beratungs­ gespräch statt, in dem der gemeinsame Austausch und die Organisation der fami­ liären Lebensumstände ebenso Platz finden musste, wie die partiell psychothe­ rapeutisch orientierte Beratung der Großmutter. Mitunter nahm Werner daran Psychoanalytische Sozialarbeit 80 Joachim Staigle teil, konnte die Dreiersituation in der Regel aber nur kurze Zeit aushalten. Sein Gefühl «ausgeschlossen zu sein», wenn er in einer Beziehung teilen musste oder fürchtete, er verliere die Zugewandtheit, zeigte sich nicht selten darin, dass er diese Gespräche dazu nützte, wegzulaufen. Ein weiterer zentraler Bestandteil des Settings war die wöchentliche psycho­ analytische Einzelfallsupervision, an der die Lehrerin (Elfriede Kraft) und ein in der Behandlung psychotischer und autistischer Menschen erfahrener Psychoana lyti ker teilnahmen. Die Betreuung konnte außerdem nach Bedarf in größeren Abständen in der Gruppensupervision aller AmbulanzkollegInnen vorgestellt werden. In Urlaubszeiten von mir wurde Werner von meinem Kollegen Martin Feuling betreut. Diese Urlaubszeiten waren so gelegt und gestaltet, dass die Ein­ zel stunden ausfielen, aber der Einzelunterricht weitergeführt wurde. In den ers­ ten Jahren musste für Werner stets eine eng vertraute Bezugsperson verfügbar sein. In den Ferienzeiten seiner Lehrerin Frau Kraft nützten Werner und ich die zusätzlichen freien Zeiten zu Ausflügen und Unternehmungen, die ihn vermehrt mit öffentlichen Räumen und überschaubaren Gruppensituationen in Kontakt brachten. Als Werner etwas älter war, begannen wir, in den Schulferien gemeinsam zu arbeiten. 4 Werners Sprachgebrauch: Konkretistische Identifizierungen und symbolische Gleichsetzungen In seinem Sprachgebrauch zeigt Werner noch andere Merkwürdigkeiten, als die im Erstgespräch geschilderten. Wenn ich z. B. zu ihm sage, dass wir in die Räume unserer Ambulanz gehen, so fragt er, ob da Lanzen von der Decke hängen. Seiner Überzeugung nach wohnen im Dorf Wurmlingen, durch das wir täglich fahren, Würmer. Werner scheint Sprache in gewissen Momenten so zu handhaben, dass das, was eigentlich über Sprache anerkannt wird, über deren eigenlogische Verwendung wieder verwirrt, verschleiert und zerstört wird. Wenn Sprache kurz gefasst die gedankenbildende Anerkennung der Diffe­ renz zwischen dem Selbst und den Objekten ist, so scheint Werner mit Hilfe seines Sprachgebrauchs verhindern zu wollen, dass sich der Gedanke «das gute Objekt ist nicht da» klar herausbilden kann. Indem Werner zu mir ins Auto steigt, eröffnet sich zwischen uns beiden ein Begegnungsraum, innerhalb dessen jeder von uns neue und bekannte Erfahrungen machen könnte, gerade weil wir voneinander getrennt und verschieden sind. Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 81 Werner scheint den relativ strukturierten offenen Raum zwischen uns kaum ertragen zu können. Er füllt ihn sofort mit einem ritualisierten Sprechen, in dessen Inhalt zwar die Erfahrung räumlicher und körperlicher Trennung erscheint, das aber über die Form der gleichbleibenden Wiederholung und infolge der gedanken­ raubenden Schnelligkeit und Intensität kein Wahrnehmen, Denken oder wirkliches Gespräch zulässt. Weil diese drang­ und druckvolle Art zu sprechen mein eigenes Fühlen und Denken angreift, habe auch ich kaum mehr Möglichkeiten, mein Handeln zu bedenken, werde von Werner dahingehend manipuliert, «passende», durch ihn vorstrukturierte Antworten zu geben. Werner scheint sich über diesen «konfusionellen» Redegebrauch die Illusion erhalten zu können, ich würde das denken, wollen und sagen, was auch er denkt, die Illusion, er habe die Kontrolle über mein Tun. Werners dauernde Fragereien beeinträchtigten mich so, dass ich kaum mehr fähig war, in seiner Anwesenheit eigene Gedanken und Empfindungen aufzuneh­ men. Es war notwendig, diesem Druck innerlich etwas entgegenzusetzen, um mich psychisch nicht auslöschen zu lassen. Dies aber war kraftraubend und entleerend. Unter dem Abwehraspekt meiner eigenen Gegenübertragung – hauptsäch­ lich heftigsten Angst­, Wut­ und Hassgefühlen – betrachtet, empfand ich die in mir aufkeimenden Gefühle von Hilflosigkeit, von ohnmächtiger Abhängigkeit in einer Art und Weise, als sei ich als unabhängige Person zerstört, in meinem eigen­ ständigen Denken und Fühlen angegriffen und mit Werner, der wie hautlos war, verbunden. Diese Empfindungen und Wahrnehmungen wehrte ich dann selber mit extremen Wut­ und Hassgefühlen, die ich mitunter unter pädagogisch­thera­ peutischem Deckmantel rationalisiert agierte, ab. Da ich nicht in der Lage war, meine eigenen Empfindungen als abgewehrte Form von etwas via projektiver Identifikation von Werner in mich Verlagertes auf­ zufassen, zwang ich Werner über mein Agieren vorschnell dazu, mich von ihm als absolut getrennt und verschieden wahrzunehmen. (Ein solches Agieren hatte verschiedene Gestalten. Es konnte beispielsweise sein, dass ich ihn über eine Art Deutung dessen, was er meiner Ansicht nach mit seiner Fragen wissen oder erreichen wollte, den Dauerzwang, mich antwortend mit einer Art Bedrohung beschäftigen zu müssen, unterbrechen und beenden wollte. Das hatte selbst­ verständlich keinerlei Effekt, ich wies es ja ab, mich der gestellten Frage wirklich zu stellen. In der Folge entwickelte und spürte ich eine Wut, die sich vielleicht nicht offen ausdrückte, aber im Tonfall meiner Stimme oder spätestens in einer abrupten Forderung an Werner, er solle selbst nachdenken oder sich erinnern, ich Psychoanalytische Sozialarbeit 82 Joachim Staigle hätte ihm schon Antwort ergeben. Es ereignete sich mitunter auch, dass sich im Rahmen bestimmter Spielsituationen in mir eine irrationale Angst entwickelte, Werner würde mich im nächsten Augenblick angreifen und mir die Augen ausste­ chen. Diese Angst hielt ich nicht aus, brachte selbst eine Grenzsetzung ins Spiel, brach die Handlungssequenz in einer Art ab, die das «als­ob­Spiel» selbst schon als Übergriff bewertete und impulsiv beendete. Ich wurde mir erst im nachhinein darüber bewusst, dass ich damit Werner erst zu einem wirklichen körperlichen Angriff auf mich provozierte auf den ich dann «endlich» auch handelnd reagieren konnte. Das Handeln, Zupacken, Festhalten, Schlagen oder Geschlagenwerden war um vieles erträglicher, als sich wirklich mit dem Erleben einer Angst um die Existenz zu befassen.) Dies führte dann zu realen körperlichen Attacken auf mich, bei denen Werner in gewisser Hinsicht versuchte, mich zu vernichten, die aber andererseits wie de r um einen Zustand zwischen uns anstrebten, der körperliche Vereinigung zum Ziel hatte. So krallte sich Werner fest mit seinen Fingernägeln in meine Haut und beschmierte mich mit Rotz und Spucke. Dies kann im Sinne Tustins als ein konfusioneller Objektgebrauch aufgefasst werden, bei dem «Ich» und «Nicht­Ich» vermengt und verknäuelt werden, im Beispiel Werners durch Beschmieren mei­ nes Körpers mit seinen Sekreten. Diesem konkretistischen, von Empfindungen beherrschten Objektgebrauch entspricht als psychischer Abwehrvorgang die pro­ jektive Identifikation. In bestimmten Zusammenhängen fasst Werner Wörter auf, als wären sie die Dinge selber und nicht Symbole, die lediglich Repräsentationen eines ursprüngli­ chen Objektes sind. Für ihn sind hier Wörter und Namen symbolische Gleichungen, bei denen der Name und das Wort als das Objekt selber empfunden werden oder bestenfalls als Ersatz. Insofern kann Werner nicht darüber sprechen, was er empfindet, wenn er vom Ortsnamen Wurmlingen an Würmer erinnert wird, sondern der Ortsname zeigt ihm an, dass hier Würmer wohnen. Werners Festhalten an der Identität von Wort und Objekt gründet auf dem Umstand, dass Werner im Innersten gezwungen ist, die potentielle Abwesenheit eines Objektes zu leugnen. Wenn ich mit Werner auf der Straße gehe und es wird mit Passanten eng, dann beginnt Werner laut zu hupen und macht entsprechende Handbewegungen, als säße er in einem LKW bzw. als sei er der LKW selber. Stehen wir an einer Fußgän­ ger ampel und springt die Anlage auf Grün, so macht Werner das Geräusch eines Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 83 startenden Autos, wackelt am Körper wie ein anlaufender Motor und «fährt» dann los, wie er selbst sagt. 5 Spielstunden mit Werner Zur weiteren Verdeutlichung der von Werner in Beziehungen gebrauchten Schutzmechanismen und zur Beschreibung der sich zwischen uns entwickelnden Beziehungsstruktur will ich typische Aspekte des Verlaufs unserer gemeinsamen Spielstunden beschreiben, wie sie sich während der ersten vier bis fünf Jahre der Betreuung in variierender Form zeigten. Werner konnte kaum den von mir festgelegten Zeitpunkt des Stunden­ beginns abwarten. Zu Beginn der Stunde ging er stets zur Wand, drückte auf einen imaginären Knopf, um die Spielmaschine zu starten, wie er sagte. Er habe wieder eine Kassette dabei, auf der das heutige Spiel aufgenommen sei. In dieser Situation scheint Werner sich mit einem Kassettenrecorder identi­ fiziert zu haben und mit den damit vorstrukturierten Möglichkeiten, sich selber und die angstbesetzte soziale Begegnungssituation steuern zu können. Er scheint sich in bestimmten Bereichen seiner Person nicht mit Menschen, sondern mit weitaus berechenbareren Objekten wie Autos oder Elektrogeräten identifiziert zu haben. Nachdem Werner nun das Spiel auf seine eigene Weise «eingeschaltet» hatte, war er derjenige, der mir bis auf wenige Ausnahmen genau vorschrieb, was ich zu tun und zu sagen hatte, der keinesfalls zulassen wollte, dass ich mich als eine eigenständig handelnde, empfindende und denkende Person zeigte. Er spielte mit mir Phantasien durch, bei denen es ihm darum zu gehen schien, dass es eben keine Phantasien sind, sondern dass das, was wir spielen, eine gemeinsame Wirklichkeit ist. Bei diesen Spielen musste ich mich selber oder Personen meiner persönlichen Umgebung, aber auch andere Brillenkinder usw. spielen. Werner spielte nicht in symbolischem Sinne. Für ihn waren die Situationen, die er inszenierte, real. Er war dann ein Werner, der mich auf unterschiedlichste Weise terrorisierte, mich quälte, mich in Situationen der Hoffnung und der unausweichlichen Enttäuschung die­ ser Hoffnungen brachte. So spielte er mit mir, dass er mit einem Bagger in meine Wohnung einbreche, mein Kind entführe, das Kind und meine Frau vor meinen Augen quäle oder erschieße. Dabei sagte er: «Guck mal, wie Du dann guckst!» Meine Tochter war, wie er wusste, kurz zuvor zur Welt gekommen. In diesem Spiel überfuhr er sie dann mit seinem Bagger vor meinen Augen immer wieder, hielt sie aus dem Fenster oder entführte sie, um daheim mit Tausenden von Brillenkindern selber Kinder zu haben. Nun begann er mit dem Spiel, mir selber näher zu kommen. Ich sei ein kleines Brillenkind, könne mich nicht wehren. Er leckte blitzschnell mit Psychoanalytische Sozialarbeit 84 Joachim Staigle der Zunge über mein Gesicht, wollte mich küssen, mit mir schmusen, mich auch beißen und drücken. In solchen Momenten führte die kleinste Bewegung eines Widerstandes von mir oder ein meine Körpergrenzen sicherndes Verbot zu einem Ausbruch heftigster Wut und zu Angriffen auf mich, bei denen Werner versuchte, mich zu beißen, zu kratzen, vor allem aber zu bespucken und mit Rotze von sich zu beschmieren. Er schlug mir dann ins Gesicht und versuchte, mir Hautfetzen von den Händen zu kratzen und bespuckte und beschmierte mich mit Speichel. Hielt ich ihn zu meinem und seinem Schutz fest, so schrie er weinend und verzweifelt: «Ich lebe sowieso nicht mehr lange, ich schließe mich an Strom an. Ich hasse Dich. Du liebst mich nicht. Du hasst mich, Du bist froh, wenn ich tot bin.» Versuchte ich, weil er mich sonst weiter verletzte, ihn zu beruhigen oder zu trösten, indem ich ihn körperlich festhielt, so fragte er, ob ich weine, wenn er tot ist, äußerte aber sofort hasserfüllt und resigniert: «Du weinst bloß auf einem Auge.» Erst über die Vorstellung und das reale Erleben, ich und nicht er sei traurig, schien er sich beruhigen zu können. Über lange Zeit war mir diese Form der Spielstunde beinahe unerträg­ lich, und ich konnte mich ihr nur aussetzen, weil ich wusste, dass sie nach festge­ legter Zeit wieder vorbei war. Während des Spiels entwickelte sich in mir immer wieder eine mörderische Wut auf Werner, ein ungeheures Bedürfnis, mich nicht mehr bestimmen und terrorisieren zu lassen. Der Grad an Hilflosigkeit und Aus­ geliefertsein seinen Attacken gegenüber schien mir unerträglich und brachte mich häufig in Situationen, in denen ich meinerseits zu agieren begann. Innerhalb des Spieles war es auch bei mir dazu gekommen, dass ich kaum mehr zwischen Spiel und Wirklichkeit unterscheiden konnte. Ich fühlte mich wirklich bedroht und in der Identifikation mit der Opferposition auch Hass­ und Angstgefühlen ausgeliefert. In manchen Augenblicken entwickelte ich eine extreme Angst vor Werner und hatte vor allem die Befürchtung, er werde mir im nächsten Augenblick die Augen ausstechen, wenn ich nicht sofort etwas täte. Wenn ich mich aber in einem sol­ chen Moment, in dem Werner vielleicht mit einem Schraubenzieher in der Hand drohend vor mir stand, auch nur bewegte, so begann er sofort, mich anzugreifen, so als wäre er von mir bedroht. In solchen Momenten schien auch weitgehend meine Fähigkeit zu denken verlorenzugehen, so dass kaum mehr eine innere Distanzierungsmöglichkeit bestand. Auf eine ähnliche Weise schien Werner das von mir gesetzte Ende der Spielstunde zu empfinden. Wenn er mich nicht unmittelbar in heftiger Wut angriff, so äußerte er, die Spielmaschine sei explodiert, sie werde «nie wieder tun». Dabei Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 85 machte er das Geräusch einer Explosion. Häufig schützte er sich dann vor einer körperlichen Konfrontation mit mir, aber auch vor dem Erleben einer Versagung, indem er auf das Klo oder ins Bad ging, wo er mit einem Spiegel schmuste, der dort an der Wand hing. In mir blieb stets das Gefühl zurück, nichts tun zu können, nichts zu verstehen, hilflos, traurig und wütend zugleich zu sein. Werner umging in solchen Augenblicken das Gewahrwerden eigener negativer Gefühle, schien sie projektiv in mir unterzubringen, wobei meine Gefühle sicherlich selber schon eine Abwehrfunktion gegenüber den ursprünglich von Werner projizierten und von mir introjizierten Affekten haben. Auf verzerrte Weise ließ er mich so etwas von seinem inneren Erleben spüren. Das Nachdenken, Verstehen, das Spiel mit den Bedeutungsmöglichkeiten, das Durchdenken, Versprachlichen und Integrieren affektiven Erlebens, die Deu­ tung von Form, Inhalt, Abwehr, Abgewehrtem als Be­Deutung der sich einstellen­ den und der erlebten Betreuungsbeziehung erfolgt zumindest in der Arbeit mit schwer beziehungsgestörten Menschen in wesentlichen Aspekten zunächst im Rahmen von Einzel ­ und Gruppensupervisionen. Erste Integrationen und Gedan­ kenbildungen erfolgen in der sich mit dem fragmentierten psychischen Material beschäftigenden Supervisionsgruppe und im psychoanalytischen Sozialarbeiter, bevor es zu Integrationen in der Beziehung zwischen Betreuer und Betreutem und in der Psyche des Betreuten kommt. Die eigentliche psychoanalytische Arbeit und Deutungsarbeit findet also zunächst in der psychoanalytischen Einzel­ und Gruppensupervision statt. Die ersten und vielleicht wesentlichsten Deutungen für Betreuer und Betreute bestehen in Handlungsdeutungen, indem ein spezifisches Setting entwickelt und angeboten wird, das eine erste Antwort auf das sich dar ­ stellende und in der Supervision hypothetisch ausformulierte Problem darstellt (siehe: Verein für psychoanalytische Sozialarbeit (1994)). 6 Arbeiten Werner war aus allen institutionellen Bildungsangeboten und Gruppen­ bezügen herausgefallen. Das tägliche Angebot einer Stunde Einzelunterricht sollte ihm nicht nur weiteren Zugang zu den Kulturtechniken vermitteln, sondern ihm ebenso als Perspektive Mehrpersonenbeziehungen ermöglichen und auf die spä­ tere Integration in tagesstrukturierende Arbeitszusammenhänge hinarbeiten. Nach sechs Jahren der so auf ihn zugeschnittenen Betreuung und Beschu­ lung hatte Werner mit 18 Jahren so viel Beziehungssicherheit erreicht, dass es vor stell bar war, erste Versuche der Arbeitsintegration zu unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Werner über gewisse Zeiten gemeinsamen Unterricht mit einem Psychoanalytische Sozialarbeit 86 Joachim Staigle anderen Schüler ausgehalten. In den Ferienzeiten wurden Arbeitsprojekte durch­ geführt. Nun ging Werner als Praktikant in die Werkstatt für Behinderte ( WfB), wo er zusätzlich zu der weiterlaufenden Betreuung und dem Unterricht ein halbes Jahr lang Erfahrungen mit der Werkstatt und die Werkstatt mit ihm machen konnte. Die Eingliederungsschritte verliefen über Krisen, Agieren und große Ängste hinweg ebenso ermutigend, wie langsam und schließlich erfolgreich. Es traten vergleich­ bare Schwierigkeiten auf, wie in unserem bisherigen Betreuungssetting, doch hatte sich Werners und unser Verständnis der Bedeutung dieser Schwierigkeiten so ver ­ bessert, dass sie ausgehalten und überwunden werden konnten. Selbstverständlich musste Werner anfangs noch in die WfB begleitet und dort wieder abgeholt werden und auch die Werkstattmeister mussten beraten, das Agieren Werners gemein ­ sam besprochen werden. Und er musste auch von den Werkstattmitarbeitern als Persönlichkeit mit äußerst skurrilen Selbstschutzmechanismen und ungewohnten Kommunikationsformen akzeptiert und verstanden werden. Hier lernte Werner im Verlauf von etwa zwei Jahren unterschiedliche Tätig­ keitsbereiche kennen und meisterte den Übergang in den Produktionsbereich der WfB, wo die Beschäftigten sich weitgehend selbstständig organisieren müssen und kaum mehr individuell betreut werden können. Seinen Platz fand Werner nach mehreren Umwegen in der Gemüse vor­ bereitung der Großküche dieser Einrichtung. Er fand dort eine von ihm selbst miterfundene Zuständigkeit: Er wartet die Maschinen und knüpft an seinen Wunsch an, Elektriker zu sein, wie sein Vater, und er kontrolliert und repariert «kaputte» Maschinen. Diese Tätigkeit übt er bis heute aus. Er gehört zur Gruppe der dort Tätigen und hat dennoch eine Sonderposition, in der er ohne allzu große Abhängigkeit von der Gruppe arbeitet. In den Jahren der Arbeitsintegration wurde Werner weiter betreut. Mit offi­ zieller Aufnahme in die WfB im Alter von etwa 19 Jahren wurde der Schulunterricht beendet. Eine Zeit schwieriger und konstruktiver Trennungen und Verarbeitung dieser Trennungen hatte damit begonnen. Die Betreuung durch mich wurde noch drei Jahre weitergeführt. In den ersten Monaten der Arbeitsintegration holte ich Werner täglich von der Werkstatt ab und er hatte dann seine Einzelstunden. Als der Schulunterricht beendet war, ging Werner inhaltlich von Spielstunden zu Gesprächs­ und Schreib stun den über. Er «arbeitete» nun oft getrennt von mir an einem eigenen Schreibtisch in einem anderen Raum. Ich schrieb, er schrieb, ich arbeitete für mich, er für sich. Diese zunehmende innere Unabhängigkeit und Trennungsfähigkeit nützen wir auch in der Settinggestaltung zur Arbeit an der Trennung und Ablösung. Journal für Psychoanalyse 51 Jahre mit Werner 87 In Schritten wurde über Jahre verteilt die Frequenz der Betreuung reduziert. Zum Schluss wurde Werner nur noch ein Mal pro Woche von mir abgeholt und anschlie­ ßend an unser Treffen wieder nach Hause gebracht. Das Heimbringen diente immer auch als Kontaktbrücke zur Großmutter. 7 Wohnen Werner lebte während der gesamten Betreuungszeit weiter bei seiner Groß­ mutter. Mit dieser fand wöchentlich ein gemeinsames Gespräch statt, das ebenso dem Verständnis und dem Management der häufigen Krisensituationen diente, wie der Übergabe der täglichen Ereignisse. Diese Gespräche unterstützten auch Um stellungsmöglichkeiten im Zusammenleben von Werner und Großmutter, ins ­ besondere Werners deutliche Trennungs­ und Individuationsbedürfnisse. Es gelang nicht, eine Ablösung Werners von seiner Großmutter im Sinne einer konkreten Trennung, eines Auszugs in eine betreute Wohngemeinschaft mit Gleichaltri gen zu erreichen. Zu sehr bestand eine psychische und materielle gegenseitige Abhängigkeit. Werner reagierte darauf, indem er sich innerhalb des Wohnhauses, das er sich nur mit der Großmutter teilte, einen völlig unabhängigen eigenen Bereich schuf, sich dort eine konkrete Autarkie vom Versorgungsbereich der Großmutter einrichtete: Eine kleine eigene Küche, eigener Kühlschrank, eigenes Essen. Im Garten bastelte er sich aus Sperrmüll ein Häuschen mit mehreren Räumen, wo er kochen, schlafen, arbeiten konnte. Es war «meine Ranch» mit einem «Café» (Kaffeemaschine für ersehnte Besucher), einer «Werkstatt» (hunderte gefundener oder kaputter, geschenkter Geräte), einer «Casinokneipe» (Glücksspielautomat, den ihm der Vater schenkte). Ihm fehlten nur die Kunden. Doch nach der Arbeit und an Wochenenden, hatte er hier zu tun. Hier war seine von der Großmutter getrennte Heimat. Immer wieder hatte er auch Freunde und Freundinnen, meist so skurril wie er selbst. Und immer gab es verständnisvolle erwachsene Bekannte, die Kontakt zu ihm hielten oder seinen Kontakt zu ihnen aushielten. 8 Literatur McDougall, Joyce (1985): Plädoyer für eine gewisse Anormalität, Frankfurt. Tustin, Frances (1972): Autism and childhood psychosis, London: Hogarth Press. Tustin, Frances (1981): Autistic states in children, London: Routledge. Tustin, Frances (1989): Autistische Zustände bei Kindern, Stuttgart: Klett­Cotta. Verein für Psychoanalytische Sozialarbeit, (1994): Supervision in der psychoanaly­ tischen Sozialarbeit, Tübingen: Edition Diskord. Psychoanalytische Sozialarbeit