(Aus dem Französischen übersetzt von Dagmar Ambass)
In meiner Präsentation der Arbeit als accueillant in der Maison Verte werde ich drei Kinder im Alter von zweieinhalb Jahren vorstellen, die in einem Punkt eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie agieren in einer transgressiven Weise, die von ihren Eltern und der Gesellschaft nur schwer ertragen wird. Es handelt sich um kleine, schwierige Begebenheiten, die wir sowohl als Eltern als auch als Professionelle im Alltag mit einem Kind antreffen: Eine Verstocktheit, einen Biss, ein wiederholtes Übergehen eines Verbots, das, was wir als Erziehende häufig als Unfug bezeichnen. Im ersten Teil des Textes hören wir die Mütter über ihre Kinder sprechen. Wir vernehmen das leise, aber insistierende Echo des sozialen Diskurses und die wohlmeinenden oder zurückweisenden Reaktionen der anderen Eltern. Im zweiten Teil des Textes kommt das Kind zu Wort. Durch seine Gebärden, sein Handeln, sein Sprechen wendet es sich an die Eltern. Aber die Frage bleibt unhörbar für den Erwachsenen. Daher zieht der accueillant die wichtigen Lebensfragen in Betracht: die Sexualität, die Geburt, den Tod – Fragen, die Familienereignisse betreffen, vor denen die Eltern das Kind schützen wollten.
Empfangen, zuhören, hören Das kleine Kind in der Maison Verte Marie-Hélène Malandrin (Aus dem Französischen übersetzt von Dagmar Ambass) Zusammenfassung: In meiner Präsentation der Arbeit als accueillant in der Maison Verte werde ich drei Kinder im Alter von zweieinhalb Jahren vorstellen, die in einem Punkt eine Gemeinsamkeit aufweisen: Sie agieren in einer transgressiven Weise, die von ihren Eltern und der Gesellschaft nur schwer ertragen wird. Es handelt sich um kleine, schwierige Begebenheiten, die wir sowohl als Eltern als auch als Professionelle im Alltag mit einem Kind antreffen: Eine Verstocktheit, einen Biss, ein wiederholtes Übergehen eines Verbots, das, was wir als Erziehende häufig als Unfug bezeichnen. Im ersten Teil des Textes hören wir die Mütter über ihre Kinder sprechen. Wir ver - nehmen das leise, aber insistierende Echo des sozialen Diskurses und die wohlmei- nenden oder zurückweisenden Reaktionen der anderen Eltern. Im zweiten Teil des Textes kommt das Kind zu Wort. Durch seine Gebärden, sein Handeln, sein Sprechen wendet es sich an die Eltern. Aber die Frage bleibt unhörbar für den Erwachsenen. Daher zieht der accueillant die wichtigen Lebensfragen in Betracht: die Sexualität, die Geburt, den Tod – Fragen, die Familienereignisse betreffen, vor denen die Eltern das Kind schützen wollten. Schlüsselwörter: Empfangen, zuhören, hören, der Tod, der Biss, die Sexualität, die Erziehung des Kleinkindes. Die Maison Verte ist ein Begegnungsort für Eltern und Kinder. Die Idee entwi ckelte eine Gruppe von sechs Personen, vier Psychoanalytiker und Analytikerinnen und zwei Erzieher und Erzieherinnen, die sich um Françoise Dolto herum gebildet hatte. Unser Wunsch war es, unser Verständnis von der frühen Kindheit zu nutzen und zu einem frühen Zeitpunkt zu intervenieren. Die Erfahrung zeigt, dass es vielleicht nicht so klug ist, zu warten, bis die Eltern eine psychologische oder päd agogische Beratungsstelle aufsuchen, oder bis möglicherweise beim Schuleintritt Schwierigkeiten auftauchen. Häufig ergeben die gegenwärtigen Schwierigkeiten des Kindes einen Sinn, wenn man die Anamnese der ersten Lebensjahre erstellt und Lebensereignisse wie einen Trauerfall, eine Scheidung, eine Hospitalisation, eine Depression der Mutter, ein Angst erregendes Familienklima oder familiäre Konflikte in Betracht zieht. Die Erwachsenen sagen, sie hätten all ihre Probleme, Sorgen und ihr Leiden von ihrem Kind ferngehalten, da sie es nicht traumatisieren wollten. © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. DOI 10.18754/jf p.51.11 Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 147 Oder es zeigt sich, dass das Kind die kleinen Kurven seiner Entwicklung schlecht genommen hat. Während sich körperliche Beschwerden im ersten Lebensjahr ein stellen, nehmen zwischen 18 Monaten und drei Jahren, im Moment des Eintritts in die Sprache, dieser wunderbaren, aber auch strapaziösen Phase, die man das «Alter des Nein» nennt, frühe Beziehungsstörungen Gestalt an. Wir hatten den Wunsch, in dieser so besonderen Zeit der psychischen Umarbeitungen des Kindes präsent zu sein. Das Projekt hat zum Ziel, das kleine Kind zwischen null und vier Jahren in Begleitung seiner Eltern zu empfangen, ihm zuzuhören und ihm soziale Erfah rungen zu ermöglichen. Wir haben zwei Jahre gebraucht, um dem Projekt seine Form zu geben und um einen Ort im Quartier, einen einfachen Laden, zu finden. Es ist ein Ort, der vor allem durch das definiert ist, was er nicht ist: «Weder eine Krippe, noch ein Hütedienst, vielmehr ein Ort der Musse, der Entspannung, der Begegnung, ein Ort des gemeinsamen Erlebens, der Offenheit gegenüber den All tags erfahrungen des Kindes und seiner Eltern» (Dolto, Malandrin und Schauder 2009: 21). Um diese Idee voranzubringen, haben wir einen neuen Rahmen mit eigenen Regeln erfunden, institutionell besonders einfach, mit einem Alltagskodex, der di\ e Kinder, die Eltern und das Team miteinander verbindet. Die sechs Gründer und Gründerinnen waren bereit, gegenüber öffentlichen Instanzen und Spezialisten die Verantwortung für die Auswirkungen dieser Übereinkunft voll und ganz zu übernehmen. Sie haben darauf verzichtet, ihre üblichen Praktiken anzuwenden: › Verzicht auf therapeutische Arbeit in der üblichen Form von Konsulta tio nen, da sich die Psychoanalytiker und Analytikerinnen zur Offenheit gegenüber dem Alltäglichen verpflichten. Dies impliziert auch den Weg fall des «Schreibtisches», der «Konsultation», des «Termins», der «Fall bespre chungen» und «Falldarstellungen». › Verzicht auf soziale und pädagogische Arbeit mit Personen, die Erzie hungs aufgaben inne haben. Dies impliziert den Wegfall von «Betreuungen», «Dos siers», «Zuständigkeiten» und «Mandaten». Denn es handelte sich bei diesem Ort nicht um einen Hütedienst, Fürsorge oder Betreuung, sondern vielmehr darum, dieser besonderen menschlichen Funktion, der Sprache, ihre ganze Bedeutung wieder zu geben. Dafür haben wir das Dispositiv des Begegnungsortes ausgehend von einem dreifachen Postulat gestaltet: 1. Anwesenheit der Eltern oder einer Bezugsperson Psychoanalytische Sozialarbeit 148 Marie-Hélène Malandrin 2. Gewährleisten der Anonymität der Besucher und Besucherinnen (die nicht allein darauf reduziert werden kann, dass der Familienname der Kinder nicht registriert wird) 3. Wahl eines Ortes, der von jeder anderen Aktivität, die das kleine Kind betrifft, unabhängig ist Aus diesem Grund haben wir auf ein grossartiges Haus mit Garten im 15. Arrondissement von Paris, das wir mit einem Kinderhütedienst hätten teilen müssen, verzichtet. Da die Maison Verte auf der Idee einer psychischen Separa tionsarbeit, bei der die physische Verbindung aufrecht erhalten bleibt, beruht, konnten wir für das Kind nicht einen solchen Widerspruch einführen: «Heute blei ben deine Eltern bei dir, es ist die Zeit deiner Anwesenheit in der Maison Verte, und morgen verlassen dich deine Eltern, denn die Maison Verte von gestern ist heute ein Kinderhütedienst geworden.» Das mag für jemanden, der das Kind als Gesprächspartner respektiert, so klein es auch ist, offensichtlich sein, aber damals war es ausserordentlich schwer verständlich für die Mitarbeitenden der Verwaltung, die diesen Ort für uns konstruiert hatten. Jedes Team ist an einem festgelegten Tag anwesend. Dies erlaubt es den Eltern, die Maison Verte gemäss ihrem Wunsch, eine bestimmte Person anzutreffen oder ihr, wenn nötig, aus dem Weg zu gehen, aufzusuchen. Das ist ein sehr wichtiges Moment für den «Lebensatem» des Ortes, sowohl für die Eltern, als auch für die accueillants 1, die dadurch vor jeder Form der Machtausübung geschützt sind. Das Samstagsteam rotiert, so dass alle Mitglieder des Teams zusammenarbeiten kön nen. Wir haben Lohngleichheit in unseren Statuten festgeschrieben. Wir machen keine Fallbesprechungen, die zum Ziel haben, Elemente einer Familiengeschichte auszutauschen, die im Verlauf einzelner Tage deponiert worden sind, ein geeignetes Erziehungsverhalten gegenüber einem Kind oder eine gemeinsame Antwort gegen über einem mütterlichen oder väterlichen Verhalten herauszuarbeiten. Bei jeder Intervention muss jeder und jede Einzelne jeden Tag die EinszuEinsBegegnung mit dem Kind und den Eltern auf sich nehmen und ein notwendiges Sagen oder Schweigen aufrecht erhalten, im Dienste eines zu suchenden Wortes. Von den Eltern wird ein finanzieller Beitrag verlangt, dessen Höhe in ihrem eigenen Ermessen liegt. Er zeugt von ihrer Verwicklung in den Sozialisationsprozess, der dem Kind angeboten wird. Schliesslich gelten für das Kind zwei Regeln, die ihm bei seiner Ankunft bekannt gegeben werden, bevor sein Vorname auf einem Blatt notiert wird: Es muss eine Schürze anlegen, wenn es mit Wasser spielen will, und die Bobby Cars müssen im vorderen Raum bleiben. Eine rote Linie auf dem Boden markiert die Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 149 Grenze. An dieser roten Linie wird sich die Frage des Möglichen und des Verbotenen abspielen, und manchmal wird das Kind im Zusammenhang mit dieser roten Linie eine Frage stellen, die ein vergangenes Ereignis betrifft. Kurz, der Empfang und das Zuhören sind eng miteinander verknüpft. Dieses Zuhören kann visuell oder auditiv sein, aber es genügt niemals nur die Beobachtung. Es beinhaltet das Wagnis, aus einer Begegnung ein Ereignis zu schaf fen. Vielleicht realisiert sich gerade hier diese alte Freudsche Idee von einer psycho analytisch geprägten Erziehung. Die Kinder hoffen immer, dass die Erwachsenen, die sie erziehen, ihnen zuhören. Aber die Maison Verte ist der einzige Ort, der so konzipiert ist, dass sie selbst ihre Frage aufrecht erhalten können – indem sie sie in dem für sie entworfenen Spielraum entfalten – ohne dass sie, wie dies bei einer Konsultation an einer Beratungsstelle, in einem Spital, einer Krippe oder Schule der Fall ist, durch einen beschützenden Erwachsenen vorgebracht werden muss. Um die Arbeit der accueillants in der Maison Verte vorzustellen, habe ich mich entschlossen, die Fragen von drei Kindern in einem Moment, wo niemand etwas hört, darzulegen, und auf diesem Weg die Tangente der zwei Funktionen dieses Ortes auf den Punkt zu bringen: Erziehen/Hören. Erziehen – das bedeutet, vom Kind einzufordern, dass es die gemeinsamen Regeln respektiert, die das Zusammenleben in der Maison Verte regulieren – das bedeutet, vermitteln im täglichen sozialen Leben der Besucher und Besu che rin nen – das bedeutet, Überschreitungen zu begleiten – das bedeutet manchmal, Triebhaftes zu absorbieren, welches das Kind zu überschwemmen droht, in dem Moment, wo es eine Schürze anziehen muss, um mit Wasser zu spielen, oder wo es akzeptieren muss, dass es mit den rollenden Objekten (Bobby Cars, Velos) die rote Linie zwischen den beiden Räumen nicht überschreiten darf. 1932 sagt Freud: «Das Kind soll Triebbeherrschung lernen. Ihm die Freiheit geben, dass es uneinge schränkt allen seinen Impulsen folgt, ist unmöglich. Es wäre ein sehr lehrreiches Experiment für Kinderpsychologen, aber die Eltern könnten dabei nicht leben und die Kinder selbst würden zu grossem Schaden kommen, wie es sich zum Teil sofort, zum anderen Teil in späteren Jahren zeigen würde. Die Erziehung muss also hemmen, verbieten, unterdrücken 2 und hat dies auch zu allen Zeiten reichlich besorgt» (Freud [1932] 1997: 577–578). Und er fährt fort: «Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens» (Freud [1932] 1997: 578). 3 Hören – das bedeutet, das Rauschen des Schweigens zu vernehmen, also eine Vorstellung aufzunehmen, indem man versucht, zu lesen: eine unvollendete Geste, einen Lapsus, einen verschleierten Blick, einen ungeklärten Sturz, eine Psychoanalytische Sozialarbeit 150 Marie-Hélène Malandrin unpas sende Handlung. Das kaum Vernehmbare in der Maison Verte mobilisiert nicht das Wissen der empfangenden Person, sondern ihre Befähigung, zu staunen. Es bedarf grosser Aufmerksamkeit, um sich von einem Lapsus überraschen zu lassen, oder um eine stille Geste oder einen stillen Blick aufzunehmen wie ein hör bares Sprechen. Es braucht ausserdem Geduld, damit das Subjekt herausarbeiten kann, was in dieser Geste, diesem Lapsus, diesem Blick enthalten war. Man muss von der Notwendigkeit, den Platz eines Zeugen einzunehmen, überzeugt sein. Damit ist das Risiko einer Begegnung verbunden. In gleicher Weise ist es einmal notwendig gewesen, dass sich jemand für unseren ersten Schrei interessiert und ihm den Status eines Appells verliehen hat, den er ursprünglich nicht gehabt hat. Sich in diese besondere Praxis einzuschreiben, das heisst, mit den Eltern und den Kindern Momente des Nichts zu teilen, unnütze Momente, und dabei zu wissen, dass dies den Lebensatem des Ortes ausmacht, den Widerspruch zwi schen Intervention und Enthaltung von jeglicher Intervention. Der Empfang, das Zuhören, die Sozialisation sind also eng miteinander verbunden: Das Vergangene muss gehört werden können, wenn es in ein Verhalten oder eine Aussage eingeht. Dabei darf jedoch das Gegenwärtige, das einhergeht mit einem Rahmen, Grenzen, sozialen Begegnungen, nicht in Vergessenheit geraten. Ich werde zunächst drei Sequenzen von Kindern im Alter von zweieinhalb Jahren vorstellen, die etwas gemeinsam haben: Ein transgressives Verhalten, das für die Eltern und die Gesellschaft schwer auszuhalten ist. In einem zweiten Schritt werden wir sehen, inwiefern es klug sein kann und sogar ökonomisch, in einem anderen pädagogischen Modus zu antworten, als demjenigen von hemmen, verbieten, unterdrücken, und dabei zu berücksich tigen, dass nicht nur die Quelle der äusseren Wahrnehmung, und damit unsere «pädagogischen» Antworten, das Erleben des Kindes regieren, sondern auch jene, die im Inneren entstehen, das heisst im psychischen Erleben eines jeden Kindes. Françoise Dolto sagt: «Der Mensch ist zweigeteilt: Einerseits ist er ein kom munikatives Wesen, Sender und Empfänger von Botschaften, die entschlüsselt wer den müssen. Andererseits ist er seit seiner Geburt ununterbrochen erfüllt von der spezifisch menschlichen Funktion des Symbolischen. Dies bewirkt, dass sich das, was er vom Inneren wahrnimmt – die funktionellen Bedürfnisse des Organismus, die Beschwichtigung anstreben, und das Begehren der Psyche, auf der Suche nach Kommunikation und Austausch mit den anderen – und die Wahrnehmungen aus der äusseren Welt, die er als Appell oder als Antwort auf sein Begehren auffasst, diese zwei Quellen der Wahrnehmung, die von ihm selbst und von den anderen kommen, sich ineinander verschlingen wie der Schuss- und der Kettfaden eines Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 151 Stoffes, welcher sein tägliches symbolisches Gewand ausmacht: Überschneidung von Nachrichten, wo das Angenehme und das Unangenehme sich vermischen wegen ihres Affektgehalts und der Verbindung zu dem im Wachstum begriffe nen Organismus und zur Psyche, wo sich Botschaften im Register der Sprache bilden (Dolto 2009: 213). Dieses psychische Erleben, wir verkennen es allzu oft, ist besonders virulent im Kleinkindalter, denn das Denken ist eingenommen von den grossen Fragen des Lebens – dem Tod, der Sexualität, der Genealogie und der Identität – und es kann für das Kind wichtig sein, zu vermeiden, dass dieses «alltägliche symbolische Gewand», das aus Botschaften gewebt ist, die sich im Register der Sprache bilden, Risse bekommt. Julie 4 Julie kommt in dieser Periode ihrer Geschichte etwa dreimal pro Woche in die Maison Verte. Ihre Mutter schätzt die Gastlichkeit des Ortes. Sie trifft hier gern andere Mütter oder eine Freundin, um einen ruhigen Nachmittag zu verbringen. Auch Julie kommt gern in die Maison Verte. Sie hat die verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung mit Leichtigkeit durchquert. Sie schläft gut, sie isst gut, sie ist, sowohl tagsüber als auch nachts, seit zwei Jahren trocken. Sie spricht auch sehr gut für ihr Alter. Sie bewegt sich gewandt unter den Erwachsenen und den Kindern. Sie ist witzig, sie kann sich verteidigen, ohne aggressiv zu werden. Sie ist harmonisch ins Leben eingebettet, ein Glücksfall für ihre Eltern, die anderen Mütter und Kinder, und die accueillants. Sie macht einen derart autonomen Eindruck, dass alle denken, sie werde im September problemlos in die Schule eintreten. Jedoch eines Nachmittags versammelt die Mutter von Julie eine Gruppe von Müttern um sich und erzählt von den bösen Streichen, die ihr Julie seit einiger Zeit spielt. Julie wacht sehr früh auf, geht ganz leise ins Badezimmer, ohne ihre Eltern zu wecken, und dreht die Wasserhähne des Lavabos und des Bidets auf. Vor her verschliesst sie noch die Abläufe mit den Stöpseln. Das Wasser läuft während ein bis zwei Stunden über. Beim ersten Mal werden die Eltern von den Feuer wehr leuten geweckt, die durch die Nachbarn von unten alarmiert worden sind, und dann ein zweites und ein drittes Mal innerhalb von etwa drei Monaten. Dieses Katastrophenszenario löst ein kollektives schallendes Gelächter unter den Müttern aus, da die Mutter von Julie humorvoll von ihren Auseinandersetzungen mit den Nachbarn, den Feuerwehrleuten, ihrer Tochter und ihrem Ehemann erzählt. Dieses freundliche kleine Mädchen schafft es mit seinen wiederholten Überschwemmungen, in der ganzen Umgebung Unfrieden zu stiften. Die Feuer Psychoanalytische Sozialarbeit 152 Marie-Hélène Malandrin wehr leute, die zu Beginn noch versöhnlich sind, stossen beim dritten Mal unver hohlene Drohungen aus: «Wenn das so weitergeht, Monsieur, Madame, werden wir den Kindesschutz alarmieren. Der wird Ihnen eine Sozialberaterin schicken! Ein Kind will beaufsichtigt sein, in der Erziehung braucht es etwas mehr Ent schie denheit. Sie wollen uns doch nicht weismachen, dass Sie ein zweieinhalb jähriges Mädchen nicht im Griff haben!» Die Nachbarn, die ihre Decke schon zum zweiten Mal reparieren lassen müssen, haben kein freundliches Wort mehr übrig. Aufgebracht und leidenschaftlich prangern sie diese jungen, modernen Eltern an, die glauben, dass man das Leben einfach verschlafen kann. Man sieht gleich, dass sie Studierte sind. Sie sind mit ihren modernen Ideen nicht einmal mehr in der Lage, auch nur die geringste Autorität auszuüben. Eins auf den Hintern, das würde dieser Göre nicht schaden. Wir befinden uns im Jahr 1984. Der Diskurs über Eltern aus der Nach68er Generation, die ihren Kindern keine Grenzen setzen, ist bereits fest im kollektiven Unbewussten verankert. Der Vater und die Mutter haben zunächst wie zwei Komplizen über das Abenteuer gelacht. Aber beim dritten Erwachen mit Pauken und Trompeten sind sie so weit, dass es zu bitter süssen Wortwechseln kommt. Die ausgedehnten Sonn tag morgen im Bett sind von Unruhe begleitet und beide Eltern finden, dass der andere seine Tochter schlecht erzogen habe. Dabei haben sie sehr wohl versucht zu reagieren, zunächst freundlich, dann nachdrücklich, und schliesslich autoritär. Nur nichts, absolut nichts kann ihnen garantieren, dass Julie sich entschliessen wird, mit ihren morgendlichen Überschwemmungen aufzuhören. Sie haben sogar das Gefühl, dass Julie mit ihren Experimenten noch nicht am Ende ist. Sie haben Angst, dass sie die Wachsamkeit der Eltern als Schwäche auslegen könnte. Ihre Mutter trifft den Nagel auf den Kopf, wenn sie sagt: «Sollen wir sie etwa am Bett festbinden?» Die Eltern haben sogar versucht, mit dem Kind zu sprechen, und der Vater hat riskiert, seiner Tochter gegenüber ihr Verhalten zu interpretieren: «Vielleicht möchtest du den Platz von Mama in Papas Bett einnehmen?» – «Vielleicht fragst du dich, was Papa und Mama im Bett machen?» – «Vielleicht möchtest du einfach, dass Papa und Mama früh aufstehen?» Aber in Anbetracht der geringen Resultate, die seine Interpretationen wie auch seine Verbote eingebracht haben, ist der Vater dazu übergegangen, zu schreien, und inzwischen brüllt er hemmungslos. Die Eltern gehen sogar so weit, dass sie sich gegenseitig die Erziehungsstile ihrer eigenen Mütter vorhalten. Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 153 Pierre 5 Eines schönen Tages in der Maison Verte sind viele Mütter anwesend, einige Väter, und viele Kinder. Überall ist etwas los, einige sind auf allen Vieren unterwegs, andere liegen auf dem Bauch, und wieder andere laufen herum. Manche Mütter sitzen gemütlich auf den Sofas, und andere sitzen auf dem Boden, in der Nähe ihrer Kinder, um sie zu beschützen. Eine Mutter steht verlassen da und blickt ihrem kleinen, zweijährigen Jungen nach. Ihr Gesicht ist angespannt. Alle zwei Sekunden geht sie dazwischen, weil er ein anderes Kind an den Haaren zieht, einem anderen Kind die Spielsachen wegnimmt, auf ein Baby klettert oder ein Mädchen, das jünger ist als er, schubst. Die Mutter ist sehr wachsam. Bei diesem Kind muss sie immer auf der Hut sein. Es hagelt in einem fort Massregelungen, allerdings in einem sehr sanften Ton, der nicht den Eindruck vermittelt, dass gemeint ist, was gesagt wird. Der Junge bewegt sich immer schneller und verwandelt sich vor meinen Augen in ein Perpetuum Mobile. Die Mutter wird immer blasser. Es scheint sie zu bedrücken, dass ihre Interventionen wirkungslos bleiben. Plötzlich nähert sich der Junge einem Baby, bückt sich und beisst zu … Die Mutter, die neben ihrem Kind sitzt, ist bestürzt, das Baby, das gebissen wurde, brüllt, das Gesicht der Mutter des kleinen Jungen gerät aus den Fugen. Die Mutter des gebissenen Kindes wendet sich heftig gegen die Mutter des Kindes, das zugebissen hat. «Können Sie ihm nicht das Beissen verbieten?» Die Mutter, die so angefahren wurde, entschuldigt sich, ihr steigen die Tränen in die Augen. «Verbieten», sagt sie, «ich tue nichts anderes als das.» «Nun, also», entgegnet die andere Mutter, «wenn Sie ihn nicht kontrollieren können, bleiben Sie besser mit ihm zuhause.» In diesem Moment ertönt die Stimme einer Mutter aus einem Sessel. Sie schlägt der Mutter der Kindes, das gebissen hat, die Lösung aller Lösungen vor: «Beissen Sie ihn …» Bruno 6 Ein kleiner dreijähriger Junge terrorisiert Tag für Tag alle Krabbelkinder, indem er mit dem Bobby Car auf sie zufährt und erst im letzten Moment anhält. Er bleibt auch vor seiner kleinen sieben Monate alten Schwester, die es sich meist mit ihrer Mutter auf dem Teppich bequem gemacht hat, abrupt stehen. Alle accueillants haben schon interveniert, an jedem Wochentag, und den Jungen aufgefordert, die rote Linie zu respektieren, die den Raum, wo man Bobby Car fahren darf, abgrenzt; offensichtlich ohne Erfolg. Ein accueillant hat ihm sogar schon gesagt, dass ihn seine Mutter, wenn er weiterhin die Regel der Maison Verte missachten würde, für einige Zeit nicht mehr mitnehmen dürfe. Diese Drohung, die ihm durch seine Psychoanalytische Sozialarbeit 154 Marie-Hélène Malandrin Mutter überbracht worden ist, ist für ihn sehr schmerzlich, insbesondere weil die Mutter die Regeln der Maison Verte ihren Kindern gegenüber mit viel Nachdruck vertritt. Wir haben hier Eltern aus verschiedenen sozialen Milieus. Sie sind alle damit konfrontiert, dass ihre Interventionen zwecklos sind. Diese Eltern haben jedoch gegensätzliche Erziehungsmethoden: › Die Eltern von Julie sprechen zu ihr. Sie versuchen zu verstehen, oder das Kind zu überzeugen. › Die Mutter von Bruno ist eine achtsame Mutter, sehr ruhig. Sie verleiht den Interventionen der accueillants der Maison Verte Nachdruck. › Die Mutter von Pierre ist eine Mutter, die von den Ereignissen überrollt wird, ohnmächtig ist, von ihrem Kind durch sein Verhalten in Angst und Schrecken versetzt wird. Alle Eltern werden in den drei beschriebenen Sequenzen im Bezug auf ihre Erziehungskompetenzen aufs Äusserste in Frage gestellt. Der soziale Diskurs schreibt Julies Eltern vor, ihrer Tochter Grenzen zu setzen, andernfalls würde eine Meldung an den Sozialdienst ergehen. Bruno und Pierre wird der Ausschluss aus der Maison Verte angedroht: Pierre durch eine Mutter und Bruno durch einen accueillant. Man kann die anderen Eltern, wenn sie sich einschalten, hören wie einen antiken Chor: verständnisvoll und begeistert für Julie, zurückweisend für Pierre. Um weiter über die Autoritätsprobleme nachzudenken, die diese Kinder stellen, werden wir bei Freud fündig. Aufgrund der Erfahrungen aus seiner psycho analytischen Praxis stellte er fest: «Wenn wir in der Behandlung eines erwachse nen Neurotikers der Determinierung seiner Symptome nachspürten, wurden wir regelmässig bis in seine frühe Kindheit zurückgeleitet. [ …] Wir erkannten, dass den ersten Kinderjahren (etwa bis fünf ) aus mehreren Gründen eine besondere Bedeutung zukommt: [ …] weil sie die Frühblüte der Sexualität enthalten, die für das Sexualleben der Reifezeit entscheidende Anregungen hinterlässt» (Freud [1932] 1997: 576). Er fährt fort: «Wenn sie (die Erziehung) das Optimum findet und ihre Aufgabe in idealer Weise löst, dann kann sie hoffen, den einen Faktor in der Ätiologie der Erkrankung, den Einfluss der akzidentellen Kindheitstraumen, auszulöschen. Den anderen, die Macht einer unbotmässigen Triebkonstitution, kann sie auf keinen Fall beseitigen» (Freud [1932] 1997:578). Sind Julie, Pierre und Bruno eingenommen von ihrer widerspenstigen Trieb kon stitution? Wir können feststellen, dass die Antworten, die aus dem Feld Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 155 der Erziehung kommen, und in den drei von Freud empfohlenen Kategorien, ver bieten, unterdrücken, hemmen, verankert sind, und die Interventionen der Nachbarn, der Schule, der Polizei, wirkungslos bleiben. Es scheint sogar, dass dies die Erregungskraft des Triebes bei den drei zunehmend unkontrollierbaren Kindern noch erhöht. Wir werden sehen, wie ein Ort wie die Maison Verte dem Kind und seinem Elternteil in diesem heiklen Moment des Erziehens in einem anderen Register als dem des Verbietens beistehen kann. Julie … oder die Frühblüte der Sexualität: Das Inzestverbot Während Julies Mutter ihre Geschichte erzählt, unterbrochen vom kompli zenhaften Gelächter der anderen Mütter, klettert diese auf eine Leiter, stellt sich aufrecht auf den obersten Tritt, und ruft in den Raum: «Will sehen, will sehen!» Ihre Stimme ist derart spitz, dass die Mutter ihre Erörterung unterbricht und diese kleine Bemerkung hinzufügt: «Sie dreht nicht nur die Wasserhähne auf, sondern steigt auch noch überall hinauf, auf Tische, Stühle, die Waschmaschine. Eines Tages wird sie aus dem Fenster fallen … Was man ihr auch sagt, es nützt alles nichts, sie gehorcht nicht. Nichts, aber auch gar nichts kann sie aufhalten. Wenn man ihr etwas verbietet, tut sie es erst recht.» Die Stimme der Mutter überschlägt sich und die anderen Mütter können ihren Verdruss nachempfinden. Inzwischen steigt Julie von der Leiter, landet auf dem Boden, geht in die Mitte des Raumes, lässt ihr Höschen herunter bis zu den Fersen und schreit: «Pipi, Pipi!» Die Mütter schauen sie an und beginnen zu lachen, jedoch in einer spitzen Tonlage, die nicht gerechtfertigt erscheint. Ich entschliesse mich, in die Szene einzutreten. Das Lachen der Erwach senen, insbesondere ein kollektives, wirkt immer destabilisierend auf das kleine Kind. Ich spreche Julie gegenüber kein Verbot aus, indem ich sage, «Zieh’ deine Hosen wieder rauf!», ich unterbreche nicht die jubilatorische Szenerie der Mütter durch eine Überlegung, ich versuche lediglich das, was Julie inszeniert, in Worte zu fassen. Was ich beobachte, veranlasst mich zu vermuten, dass Julie nicht Pipi machen möchte, sondern dass sie, indem sie ihren «Wiwimacher» zeigt, diesen Ort, wo Buben und Mädchen nicht gleich sind, in einem altersgemässen, triebhaften Dialekt spricht. Ich entschliesse mich, einige Worte über ihre stumme Frage zu verlieren, und sage: «Julie ist zweieinhalb Jahre alt, vielleicht ist sie sich gewahr geworden, dass die Papas und die Mamas nicht gleich sind. Es gibt etwas, das sie beunruhigt, sie will verstehen, was sie sieht, und etwas darüber hören, was sie nicht hat. Vielleicht klettert sie deshalb überall hinauf und spaziert vor uns mit heruntergelassenem Höschen herum.» Das Gelächter der Mütter hört sofort auf Psychoanalytische Sozialarbeit 156 Marie-Hélène Malandrin und Julie, die mir zugehört hat, zieht sogleich ihre Hosen hoch und geht in aller Ruhe ins andere Zimmer zum Spielen. Françoise Dolto sagt, «[ …] es ist wichtig, einem Kind zuzuhören. Allerdings ist es notwendig zu verstehen, was Sprechen in diesem Alter bedeutet. Dies hängt wiederum vom Körperbild ab, welches eine Sprache ist, aber erst zur Sprache im Namen des Kindes wird, wenn die vollkommene Autonomie und vor allem die Stufe der ödipalen Kastration erreicht wurde.» Die Mütter führen ihre Diskussion nach diesem Zwischenfall fort und ich entferne mich, um andere Eltern zu empfangen. Am Ende des Tages rufen sie mich, denn sie haben eine Frage. Eine von ihnen ergreift schliesslich das Wort: «Wir fragen uns», sagt sie, «ob es gut ist, wenn Väter mit ihren kleinen Töchtern baden? Was denken Sie darüber?» Ich antwortet, dass es weder gut noch schlecht sei, sondern vielleicht einfach zu viel … der Körper des Erwachsenen ist eindrücklich für ein Kind. Die Brüste und die Genitalien sind manchmal sehr rätselhaft in den Augen eines Zweieinhalbjährigen … Ich habe nie erfahren, ob diese Frage Julie betrof fen hat, und ob ihre Mutter in Anbetracht der Geschichte mit den wiederholten Überschwemmungen diesen Schluss gezogen hat. Aber ich weiss, dass Julie nie mehr die Wasserhähne aufgedreht hat, oder auf Stühle gestiegen ist und geschrien hat, «will sehen, will sehen.» Pierre … oder das verwirrende Magma der Plätze jedes Einzelnen. Das Verbot des Kannibalismus In seinem Buch «Cinq Psychanalyses» präsentiert Freud ([1954] 1973) seine analytische Arbeit mit einem Mann, den er den Rattenmann nennt. Dieser Herr erzählt eine Erinnerung, die von Freud folgendermassen wiedergegeben wird: «Als er noch sehr klein war [ …] soll er etwas Arges angestellt haben, wofür ihn der Vater prügelte. Da sei der kleine Knirps in eine schreckliche Wut geraten und habe noch unter Schlägen den Vater beschimpft. Da er aber noch keine Schimpfwörter kannte, habe er ihm alle Namen von Gegenständen gegeben, die ihm einfielen, und gesagt: ‹Du Lampe, du Handtuch, du Teller› usw. Der Vater hielt erschüttert über diesen elementaren Ausbruch im Schlagen inne und äusserte: ‹Der Kleine da wird entweder ein grosser Mann oder ein grosser Verbrecher›! Er meint», fährt Freud fort, «der Eindruck dieser Szene sei sowohl für ihn wie für den Vater ein dauernd wirksamer gewesen. Der Vater habe ihn nie wieder geprügelt; er selbst leitet aber ein Stück seiner Charakterveränderung von dem Erlebnisse ab. Aus Angst vor der Grösse seiner Wut sei er von da an feige geworden [ …]. Er hatte übrigens sein ganzes Leben über schreckliche Angst vor Schlägen und verkroch Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 157 sich vor Entsetzen und Empörung, wenn eines seiner Geschwister geprügelt wurde. Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte ausser der Bestätigung dieser Erzählung die Auskunft, dass er damals zwischen 3 und 4 Jahre alt war und dass er die Strafe verdient, weil er jemanden gebissen hatte. [ …] die von dem Kleinen beschädigte Person möge die Kinderfrau gewesen sein [ …]» (Freud [1909] 1973: 71–72; Freud [1954] 1973: 233). In einer Fussnote merkt Freud an: «Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten Ausgang so vorzeitiger Leidenschaftlichkeit, an den in Neurose, hatte der Vater nicht gedacht» (Freud [1909] 1973: 72; Freud [1954] 1973: 229–230). Es bleibt uns noch eine Frage, welche Freud vielleicht zu schnell abtut: Wodurch wird die Neurose verursacht? «Durch die (momentane) Leiden schaft lichkeit des Kindes, oder die des Vaters, in seiner Antwort auf den Biss?» «Der Vater unseres Patienten», sagt uns Freud, «war … ein ganz vortrefflicher Mann. Er war … Unteroffizier gewesen … [konnte] jäh und heftig sein …, was den Kindern, solange sie klein und schlimm waren, gelegentlich zu sehr empfindlichen Züchtigungen verhalf» (Freud [1909] 1973: 68). Françoise Dolto verdeutlicht das Verhältnis zwischen dem Verhalten des Kindes und der Antwort der Eltern folgendermassen: «Wenn die Würde des Kindes in Worten und Taten respektiert wird, wird das Kind problemlos das Verbot jeden Verhaltens, welches zum Nachteil eines anderen gereicht, integrieren. Es wird auch das Verbot, absichtlich sich selbst oder einem anderen zu schaden, integrie ren. Das Verbot von Diebstahl, Menschenraub, Aggression gegen Menschen oder Gegenstände anderer muss ihm sprachlich vermittelt werden. Das Kind versteht diese Beschränkung seiner Triebe und nimmt sie vollkommen an, wenn es sieht, dass sich auch die Erwachsenen an diese Regeln halten, und insbesondere wenn sich die Erwachsenen ihm gegenüber nicht ihrer Körperkraft bedienen und es wie ein Tier oder einen Besitz, über den sie verfügen können, behandeln. Gross werden bedeutet, sich als Einzelwesen zu akzeptieren und zu lernen, für sich selbst zu sorgen und anschliessend für andere» (Dolto 1984: 269). Kommen wir auf Pierre zurück. Wir haben diese Mutter gesehen, wie sie wortlos dem «kreiselnden Kind» folgt, dem kleinen Kind, das in seinem Kern unru hig ist, das die Lehrerinnen in der Schule nicht in Schach halten können, die heut zutage zu schnell eine medikamentöse Behandlung von Hyperaktivität in Betracht ziehen. Wir haben in unserer Momentaufnahme einerseits den Chorgesang der Aufforderungen gehört, «beissen Sie ihn, bringen Sie in raus, verbieten Sie es ihm», auf der anderen Seite eine überforderte Mutter, die einer zu grossen Nachgiebigkeit bezichtigt wird, die nur noch hervorbringt: «Verbieten, ich tue nichts anderes als Psychoanalytische Sozialarbeit 158 Marie-Hélène Malandrin das!» Diese Verbote richtet die Mutter nicht in Worten an das Kind, sondern sie folgt ihm, versucht, es zu lenken und hält es physisch mit ihren Händen auf. Und: Sie ist wie versteinert in ihrem Unvermögen, die aggressiven Ausbrüche ihres Sohnes vorherzusehen. Françoise Dolto sagt an einer Konferenz der Elternschule im Juni 1984: «Gewalt kann folgendermassen definiert werden: Gewalt ist, wenn man nichts sagt, oder nichts mehr sagt. Dann wirft man sich auf den anderen, von Körper zu Körper.» 7 Es geht also nicht darum, «den Körper des Kindes zu bezwingen», ihn zu hemmen oder zu zügeln. Es geht auch nicht darum, sich mit dem Verbieten zu begnügen, denn alle Eltern und Erziehenden, die schon einmal mit einem beissen den Kind zu tun hatten, wissen genau, dass ihr Verbot wirkungslos bleibt. Es geht darum, «zu hören», dass da ein Kinderkörper ohne Grenze ist, ohne Umrandung, ein kreiselnder Körper, der sich um sich selbst dreht, in Unkenntnis der anderen Kinderkörper. Pierre stösst sich, ohne die anderen Kinder zu sehen, und er frisst sie sogar auf, indem er sie beisst. Es geht also darum, ein Sprechen zu produzieren, das einen Schnitt macht – zwischen dem Körper der Mutter – und – dem Körper des Kindes. Ich kommentiere die beiden Interventionen der Mütter nicht. Ich richte mich an den Jungen, der mich anblickt mit einer Mischung aus Angst und Fragen, als ich auf ihn zugehe. Ich wähle einen Ton in meiner Stimme, der nichts Aggressives, Verbietendes oder auch nur Vorwurfsvolles ausdrückt. «Da stehst du nun ganz verloren, ich weiss nicht, was du dem Baby, das du gebissen hast, sagen wolltest, aber du siehst, es weint. Du hast ihm weh getan und seine Mutter ist sehr böse. Lass dich von deiner Mutter trösten. Auch du hast sicherlich einen Kummer, über den du nicht sprechen kannst.» Dann schiebe ich ihn zu seiner Mutter, die ihn in die Arme schliesst. Der Junge schmiegt sich an sie und beginnt unvermittelt zu wimmern wie ein ganz kleines Kind, dem etwas weh tut. – Gleichzeitig spricht eine Kollegin mit der Mutter des Kindes, das gebissen worden ist, und der dritte accueillant ist durch eine kleine Auseinandersetzung zwischen der Mutter, die es für nötig gehalten hat, «das Kind zu beissen», und anderen Müttern, die gegen diese Form der Reaktion protestierten, in Anspruch genommen. Anschliessend komme ich zu Pierres Mutter zurück, die dasteht, sehr ange spannt, und gleichzeitig abwesend, wie erschlagen. Ich nehme sie bei den Schultern und ermuntere sie, sich zu setzen. Der Junge folgt uns und ich sage zu ihm: «Ich weiss nicht, was zwischen dir und deiner Mama passiert, aber ich sehe, dass deine Mutter erschöpft ist. Ihr wisst beide nicht mehr, was mit euch geschieht.» Kaum Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 159 habe ich meinen Satz beendet, stösst der Junge einen Seufzer der Erleichterung aus, als ob er von einem unsichtbaren Gewicht befreit wäre, dann verlässt er uns und geht spielen. Als er sich entfernt, schickt sich die Mutter an, ihm zu folgen. Nur zögernd willigt sie ein, zwei Minuten sitzen zu bleiben, damit wir sprechen können. Sie sitzt steif auf der Kante des Sessels, ist auf der Hut und verfolgt mit starrem Blick die Bewegungen ihres Sohnes im Raum. Als das Kind im anderen Zimmer verschwindet, erbleicht sie. Um sie zu beruhigen stehe ich auf und werfe einen Blick nach nebenan. Ich berichtet ihr, dass ihr Sohn ruhig im kleinen Holzhaus spielt. Sie antwortet mir sehr ange spannt, «ja, aber wenn er beisst?» «Na, dann löse ich Sie ab und schalte mich ein.» Daraufhin frage ich: «Was ist los?» «Letzte Woche sagte man mir, dass er beisst, weil ich schwanger bin.» «Man? Eine Mutter oder ein accueillant?» «Ein accueil lant.» Sie trägt einen immensen Pullover, der ihre Schwangerschaft verbirgt, und macht auf mich den Eindruck, als ob sie etwa im vierten Monat schwanger wäre. Daher frage ich sie: «Sind Sie am Beginn der Schwangerschaft? Seit wann beisst er?» «Ganz und gar nicht», antwortet sie, «ich bin im siebeneinhalbten Monat.» Auf mein Erstaunen hin fügt sie hinzu, «weil er doch wegen meiner Schwangerschaft beisst, verstecke ich sie vor ihm!» Es wird sehr schnell offensichtlich, dass die Mutter und der Vater des Kindes vollkommen unfähig sind, für das Alltagsgeschehen, das sie mit ihrem Kind gemeinsam erleben, Worte zu finden, die sich an ein Subjekt richten. Sie sind förmlich in ihrem Denken gelähmt, und jeder erzieherische Ratschlag und jede Erklärung im Sinne einer Kausalität – «er beisst, weil Sie schwanger sind» – stürzt sie in tiefe Ratlosigkeit. Sie können ihrem Sohn nicht sagen, dass sie ein Baby erwarten, sie können ihm nicht sagen, dass er auf den Topf gehen soll, sie führen ihn immer wieder auf die Toilette, damit er es von alleine begreift. Die Blässe der Mutter im Moment, wo das Kind aus ihrem Blickfeld «verschwindet», lässt mich an den Verlust eines ersten Kindes denken, oder an eine frühzeitige Trennung in der Geschichte der Mutter. Gerade als ich mich erhebe, um andere Kinder zu empfangen, sagt mir die Mutter in einem Atemzug: «Wir sind beide von der Dass 8, wir wollen es so gut machen.» Hin und hergeworfen zwischen verschiedenen Familien, ohne Identifika tions figure n, zwei «verlorene Kinder», die für ein weiteres Kind verantwortlich sind, die mit der Realität «ihres Alltags» in der Maison Verte empfangen werden, sind im Innersten ihres Herzens getroffen worden durch diesen «Ausschluss», der Psychoanalytische Sozialarbeit 160 Marie-Hélène Malandrin das Fundament ihrer Geschichte bildet: «Bleiben Sie zu Hause, wenn Sie ihn nicht daran hindern können, zu beissen», gerade sie, die nie ein «Zuhause» hatten. Bruno … oder das traumatische Ereignis für die Psyche Wir sind an dem Punkt stehen geblieben, wo Bruno wiederholt munter die rote Linie überquert hat und fast durch einen accueillant der Maison Verte ausgeschlossen worden wäre. Eines Abends gegen 18.45 Uhr, als es Zeit ist, aufzu brechen, finde ich ihn ungewöhnlich ruhig in einer Ecke des Zimmers vor. Er hält eine Musikdose in der Form eines Herzens in Händen. Sein Blick ist verschleiert, als ob er nach innen gerichtet wäre. Um 19.00 Uhr sitzt er immer noch so da, absorbiert von einer grenzenlosen Sehnsucht, und ich denke, vielleicht hat er als Baby in seiner Wiege eine Musikdose gehabt. Ich verzichte darauf, seine Kontemplation zu unterbrechen, mache aber zu seiner Mutter beim Abschied eine Bemerkung: «Ihr Kind ist schon eine ganze Weile gefesselt von einer kleinen herzförmigen Musikdose. Hatte er eine, als er klein war?» Die Mutter weicht zurück. Ihre Augen nehmen den gleichen fahlen Ausdruck an wie die ihres Kindes. Sie macht eine Bewegung mit ihrem Körper, um ihre Mutter, die Grossmutter des Kindes, die hinter ihr steht, vor mir zu verbergen. Dann sagt sie in einem Atemzug: «Ja, nein, die kleine Schwester hatte eine … aber sie ist mit drei Tagen gestorben.» Dann legt sie einen Finger auf ihre Lippen und gebietet mir, zu schweigen. Sie kommt eine Woche später. Sie setzt sich, dann erzählt sie mit gesetzter Stimme. Zwischen ihrem Sohn und ihrer Tochter hatte sie ein kleines Mädchen, das nach drei Tagen an einer Herzerkrankung gestorben ist. Die Musikdose, die die Grossmutter für das Mädchen gekauft hatte, wurde dem Kind in den Sarg gelegt. Mit Nachdruck sagt sie: «Aber der Junge hat sie nicht gesehen. Er war nicht zuhause. Er war bei den Eltern meines Mannes.» Ich frage sie also: «Was hat er gesagt, als er zurückkam?» Sie antwortet: «Nichts, wir haben ihm einen Bobby-Car gekauft.» Sie erhebt sich. Sie macht diese Skansion und ich respektiere die Aufhebung der «Sitzung», die sich einschreibt zwischen diesem kleinen „Nichts“ … und diesem Objekt, dem Bobby Car, das Tag für Tag Subjekt der Auseinandersetzung zwischen dem Kind und den accueillants gewesen ist. Fünf Minuten später nimmt sie die Geschichte mit einer anderen accueil lante wieder auf, mit den gleichen Worten, nur diesmal ist ihre Rede von Affekten begleitet und sie beweint lange den Schmerz von gestern. Viele andere Dinge tau chen auf, die diesen Tod begleitet haben. Seit jenem Tag geht das Kind nicht mehr mit dem Bobby Car auf seine Mutter und seine kleine Schwester los und die Mutter Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 161 macht es sich auf dem Sofa bequem, anstatt auf dem Boden auf ihre kleine Tochter bezogen zu bleiben. Die Mutter spricht mich nicht mehr an, ausser um guten Tag und auf Wieder sehen zu sagen, und dies während sechs Monaten. Dann eines Tages sagt sie zu mir: «Nächste Woche ist der Geburtstag meines Sohnes. Ich würde ihn gern in der Maison Verte feiern, an dem Tag, an dem Sie da sind.» Und sie fügt hinzu: «Erinnern Sie sich, ich habe gesagt, dass Bruno nach dem Tod seiner Schwester keine Reaktion gezeigt hat. Ich weiss nicht, wie ich das zu Ihnen sagen konnte. In der letzten Zeit habe ich mich an alles erinnert. Er hat mir eine Menge Fragen gestellt.» Sie erzählt mir eine Reihe von Appellen des Kindes aus der Zeit zwischen seinem 18. Lebensmonat und seinem dritten Geburtstag, die sie registriert, aber nicht gehört hat. Ich habe diese Momentaufnahme erzählt, weil es mir notwendig erscheint, deren zeitliche Logik zu erfassen. Der psychische Apparat des Kindes ist geprägt von den Erwachsenen, die es umgeben. So zum Beispiel durch diese Mutter, die in Anwesenheit eines kleinen zweijährigen Kindes mit dem Tod eines Kindes kon frontiert ist. Es ist ganz offensichtlich, dass sie sich das Kind nicht nur ohne Reprä sentation, sondern auch ohne Wahrnehmung vorstellt. Sie sagt: «Er hat nichts gefragt.» Später fügt sie hinzu: «Ich dachte, er hätte nichts bemerkt.» Sie hält es vor allem für nötig, dem Jungen ihre Trauer nicht zu zeigen, ihn so tapfer wie möglich vor ihrem Leiden zu bewahren und sehr schnell ein anderes Kind zu erwarten, um zu vergessen. Anstelle eines Wortes, das dieses schmerzvolle Ereignis humanisieren könnte, bekommt der Junge einen Bobby Car. Dieser BobbyCar, der vielleicht nicht derselbe ist, den er in der Maison Verte vorfindet, wird das Objekt, das es ihm ermöglicht, Tag für Tag zu kommen, all unseren Interventionen zum Trotz, und eine Frage immer wieder zu stellen, indem er vor seiner Mutter und seiner acht Monate alten Schwester, die auf dem Boden sitzen, eine Vollbremsung macht. Diese Frage bleibt unhörbar für die Eltern und für alle Erwachsenen. Der kleine Junge leidet am Fehlen der Worte. Ein Bobby Car ist an den Platz eines Sprechens über die Abwesenheit des während vieler Monate erwarteten Babys gerückt. Dann ist ein anderes Baby gekommen, das sich mit der Mutter auf dem Teppich eingerichtet hat. Die Musikdose wird vom Kind nicht angeschaut, son dern gehört. Da rauscht das Schweigen der Erwachsenen, der Mutter, des Vaters, der Grosseltern im Moment des Hinscheidens des Mädchens. Die Musikdose ist darüber hinaus das Objekt des Konflikts zwischen der Mutter und ihrer Mutter, der Grossmutter des Kindes. Sie repräsentiert die Krankheit, zumal das Baby drei Tage nach seiner Geburt wegen einer Herzkrankheit verstorben ist. Aber vermut Psychoanalytische Sozialarbeit 162 Marie-Hélène Malandrin lich ist eine andere Sache schwerwiegender für den Jungen. Als er die Musikdose in Händen hält, verlässt er das Register des Austauschs auf der Ebene des Ichs (frz. moi). Deshalb verlässt der Blick das skopische Feld. Das Subjekt ist angesprochen durch das, was für es in seinen verwandtschaftlichen Bezügen durcheinander gekommen ist. Es fehlt ein Kind in seiner Rechnung. › Ist er der einzige Knabe in einer Familie mit drei Kindern, einem Knaben und zwei Mädchen, von denen eines gestorben ist? › Oder ist er der einzige Knabe in einer Familie mit zwei Kindern, einem Knaben und einem Mädchen? Es gibt einen Grund dafür, dass er diese Frage so beharrlich stellt, indem er eine rote Linie, die als Regel in der Maison Verte fungiert, überfährt. Dagegen gibt es keinen Grund dafür, sich vor die Tür setzen zu lassen, weil man die Regel nicht respektiert. Beim Überfahren der Linie geht es um ein Sprechen auf der Suche nach Wahrheit, welches das Subjekt unwillkürlich leitet. Es kann nicht umhin, dieses dringende Empfinden auf die Probe zu stellen. Literatur Dolto, Françoise (1984): L’image inconsciente du corps. Paris: Seuil. Dolto, Françoise, Marie Hélène, Schauder, Claude. (2009): Une psychanalyste dans la cité. L’aventure de la Maison Verte. Paris: Gallimard. Freud, Sigmund ([1909] 1973): Zwang, Paranoia und Perversion. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. Freud, Sigmund (1936): Nouvelles conférences sur la Psychanalyse. Paris: Gallimard. Freud, Sigmund ([1932] 1997): Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. Und Neue Folge. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag. Freud, Sigmund ([1954] 1973): Cinq psychanalyses. l’homme aux rats: Une névrose obsessionnelle. Paris: PUF. Anmerkungen 1 Anmerkung der Übersetzerin: Wörtlich übersetzt: Empfangende. Übersetzungen ins Deutsche wie Betreuende, Fachpersonen, Erziehende etc. würden eine andere Konnotation beinhalten, die der Funktion der accueillants nicht gerecht wird. Dabei würde der Aspekt des Empfangens verloren gehen. Daher wird die Originalbezeichnung auch in der Übersetzung beibehalten. 2 Hervorhebung durch die Autorin. 3 Anmerkung der Übersetzerin: Die französischen Freud Zitate wurden nicht übersetzt, sondern dem Originaltext entnommen. Journal für Psychoanalyse 51 Empfangen, zuhören, hören 163 4 Diese Sequenz stammt aus dem Jahr 1985. Ich benutze nur sehr weit in der Vergangenheit liegende Fallbeispiele. 5 Sequenz von 1984. 6 Sequenz von 1983. 7 Vollständiger Text in den Akten des Kolloquiums der Unesco, 14.–17. Januar 1999 «Françoise Dolto aujourd’hui présente», S. 331, Gallimard 2000. 8 Direction de l’Action Sanitaire et Sociale. Einrichtung für Personen, die in einer Pflegefamilie oder einem Heim aufwachsen. Psychoanalytische Sozialarbeit

