Der folgende Beitrag skizziert, wie psychoanalytische Sozialarbeit in einem Verein, der in der Demokratischen Psychiatrie gründet, realisiert wird. Dazu beschreibt die Autorin das Selbstverständnis des Vereins und seine Situation im gesellschaftlichen und politischen Kontext, sie hinterfragt die Bedeutung der psychoanalytischen Sozialarbeit und berichtet von ihrer Umsetzung.
Damit Freiheit nisten kann Psychoanalytische Sozialarbeit im Verein EXIT-sozial Elisabeth Rosenmayr (Linz) Zusammenfassung: Der folgende Beitrag skizziert, wie psychoanalytische Sozialarbeit in einem Verein, der in der Demokratischen Psychiatrie gründet, realisiert wird. Dazu beschreibt die Autorin das Selbstverständnis des Vereins und seine Situation im gesellschaftlichen und politischen Kontext, sie hinterfragt die Bedeutung der psychoanalytischen Sozialarbeit und berichtet von ihrer Umsetzung. Schlüsselwörter: Demokratische Psychiatrie, Implementierung von psychoanalyti- scher Sozialarbeit, sozialpolitische Trends, Emanzipation, Raum für die Hoffnung Freiheit im Spannungsfeld von Kontrolle und Hilfe 1 Seit bald 30 Jahren arbeiten wir bei EXIT-sozial in Linz/Oberösterreich in der hoffnungsvollen Überzeugung, dass Freiheit die Therapie ist («Libertà é tera- peutica»). Dass Franco Basaglia Recht hatte mit seiner Idee einer anderen, einer demokratischen Psychiatrie und Erving Goffman mit seiner Kritik an der totalen Institution. Wir meinen wie Maude Mannoni, dass jedem Menschen ein «Recht auf Risiko»(Mannoni 1980: 10) zusteht und teilen grundsätzlich die Sichtweise von Thomas Szasz auf die Kontroll- und Sanktionsfunktion der medizinischen Psychiatrie und das Dilemma sozialer Hilfe: «Das Dilemma, das Angehörige hel- fender Berufe besonders beunruhigend finden, ist folgendes: Wenn sie auf ihre Klienten Zwang ausüben, können sie ihnen nicht wirklich helfen; um ihnen ohne Nötigung zu helfen, müssen sie deren Mitarbeit erreichen; und diese Mitarbeit können sie nicht erreichen, ohne das Eigeninteresse ihrer Klienten nach deren Definition zu respektieren und daran zu appellieren. Wenn sich der Helfer weigert, das Bild des Klienten von dessen Welt zu respektieren, oder wenn der Klient es ablehnt, mit dem Helfer zu kooperieren, dann befinden sich die beiden in einem Dilemma, das auf zweierlei Weise gelöst werden kann. Entweder muss der Helfer den Klienten in Ruhe lassen; oder der Staat muss dem Helfer die Macht verleihen, © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. D OI 10.1875 4/jf p. 51.10 Psychoanalytische Sozialarbeit 134 Elisabeth Rosenmayr ja ihm die Pflicht auferlegen, den Klienten zu zwingen, Hilfe zu akzeptieren, so wie der Staat diese Hilfe definiert.» (Szasz 1997: 11). 2 Im Leitbild von EXIT-sozial heißt es deshalb: «Wir arbeiten mit der grund- sätzlichen Überzeugung, dass Hilfe nur partielle Unterstützung zu einem möglichst eigenverantwortlichen Leben sein kann. Die Emanzipation aus Hilfesystemen soll langfristig und vor allem nachhaltig erreicht werden. Deshalb müssen Hilfen zur Selbstermächtigung vor bevormundende/beschränkende Modelle gesetzt werden. Wir sehen in der Beteiligung der Betroffenen an Entscheidungen in ihrem Umfeld einen wesentlichen Anteil zur Kontrolle einer institutionsimmanenten Missachtung von persönlichen Grund- und Freiheitsrechten. Die Transparenz von Abläufen, Entscheidungsstrukturen, Leistungsumfang und verfügbaren Ressourcen sind dafür unabdingbare Voraussetzungen. Wir setzen im Gegensatz zur Behandlung in der Betreuung auf das Aushandeln von Zielen, Inhalten und Alternativen. Wenn alle beteiligten Menschen und Ebenen ihre Bedürfnisse und Kenntnisse in den Betreuungsprozess einbringen, stehen sich alle als ProzessteilnehmerInnen gegen- über. Krankheitsbegriffe haben sich kulturell zu einer verkürzten Entgegensetzung von gesund – krank verdichtet und sind daher in keiner Weise fähig, integrierende Kräfte zu entwickeln und selbst heilende Energien anzusprechen. Psychiatrische Diagnosen beschreiben und kategorisieren psychische Ausdrucksformen mensch- lichen Leidens in einer Weise, die für die Betroffenen meist unverständlich und entfremdend ist. Dieser allgemeinen und abstrakten Methode, Probleme zu sehen und zu benennen, setzen wir deren Konkretisierung gegenüber, um sie für uns und die Betroffenen verständlich zu machen. Wir versuchen, professionelle Distanz durch professionelle Nähe zu ersetzen.» 3 Wir verstehen uns als Mit-Menschen der Menschen, die (zeitweilig) unsere Klientinnen und Klienten sind. Wir sind ihnen verbunden im Erleben von Freude und Angst, von Wut und Trauer und in der Erfahrung, dass Sicherheiten, Normen und Definitionen relativ sind. Irgendwann im Lauf meiner Ausbildung zur Sozialarbeiterin habe ich eine Aussage von August Aichhorn gelesen, die mich nachhaltig beeindruckt hat. Ich erinnere sie nicht mehr genau und weiss nicht mehr, wo ich sie gelesen habe, aber ich sehe sie vor mir: Man müsse selbst ein wenig verwahrlost sein, um mit verwahrlosten Kindern zu arbeiten, davon war Aichhorn überzeugt. Dieses existentielle Verbundensein zu erkennen und gleich- Journal für Psychoanalyse 51 Damit Freiheit nisten kann 135 zeitig Unterschiedenheit und Fremdheit anzuerkennen ohne die oder den anderen zu vereinnahmen, ist – so meine ich – eine wesentliche Voraussetzung für gute, respektvolle soziale Arbeit. 4 Freiheit und Institution, Risiko und Kontrolle, Verstehen und Verbundenheit sind im Alltag komplexe Wirklichkeiten, die als solche wahrgenommen werden und nicht zu ideologischen Formeln verkommen. Deshalb brauchen wir bei EXIT-sozial psychoanalytische Sozialarbeit als analytisch motiviertes und reflektiertes soziales Wirken. Wir sind uns dabei der Gefahr bewusst, dass damit «die Psychiatrie, die man überwinden wollte, hinterrücks doch wiederkehrt» (Hartung 2002: 30) oder wieder - kehren könnte. Diese Wiederkehr wird erleichtert durch die moderne Gestalt der Psychiatrie, die sanfter, freundlicher, therapeutischer ausschaut – Shetlandpullover und Lederhose statt weißem Mantel, Elektrokrampftherapie statt Elektroschock, Unterbringen statt Einsperren. Gleichzeitig haben sich viele SozialarbeiterInnen in den letzten Jahrzehnten zu PsychotherapeutInnen im wahrsten Sinn des Wortes fort-gebildet und wollen ihr therapeutisches Wissen und ihre Erfahrung anwenden. Damit winkt ihnen einerseits eine gesellschaftliche Aufwertung, ein Statusgewinn, denn nach wie vor ist das Berufsfeld der Sozialarbeit breit und damit relativ undefi- niert; ist die Mehrzahl der SozialarbeiterInnen weiblich; haben viele Arbeitsbereiche eine familiale Struktur und erfordern eine unscheinbare Professionalität, die der ökonomisch gering geschätzten Reproduktionsarbeit marginalisierend ähnelt. Andererseits vergrößert die weitere Qualifizierung die Distanz zu den KlientInnen, das wiederum reduziert die gesellschaftliche Abwertung durch Identifiziertwerden mit einer stigmatisierten Klientel. Nicht nur Psychiatrie und SozialarbeiterInnen haben sich gewandelt. Auch die Ansprüche vieler KlientInnen haben sich verändert. Waren die KlientInnen von EXIT-sozial vor 20 oder 30 Jahren vorwiegend langjährige PsychiatriepatientInnen, die froh waren, der Anstalt zu entkommen und eine ruhige Nische für ein unge- störtes Leben zu finden, so suchen heute zunehmend junge Frauen und Männer Hilfe, die sich entwickeln wollen, die dringend Auswege aus den Gefangenschaften in Ängsten, Traumen und (selbst)verletzenden Verhaltensweisen brauchen. 5 Tappen wir – nun ausgerüstet mit schwerwiegenden Argumenten – in die Psychiatrie- und Behandlungsfalle? Können wir ihr überhaupt entkommen? Der schon erwähnte Klaus Hartung, der mit Basaglia in Triest gearbeitet hat, beschreibt Psychoanalytische Sozialarbeit 136 Elisabeth Rosenmayr die aktuelle Situation sehr kritisch: «Der Eindruck drängt sich auf, dass Gesellschaft und Öffentlichkeit nun wieder die Kontrollfunktion und den custodialen Charakter der Psychiatrie bevorzugen. Auf der anderen Seite hat sich das therapeutische Angebot in den letzten Jahrzehnten uferlos ausgebreitet und einen ziemlich unüber sichtlichen Kosmos der Therapie geschaffen, der nichts mehr zu tun hat mit dem Horror der früheren Großkliniken. Durch die freien Trägerschaften ent- wickelte sich eine ungebremste Diversifikation von therapeutischen Institutionen und zugleich eine sich permanent verfeinernde Ausweitung von Krankheits- und Störungsbildern. Da geht es um Bedarfsdefinitionen, Therapieplätze, Kosten- übernahme. Der psychisch Kranke ist zu einem Wirtschaftsfaktor geworden und hat Anspruch auf Dienstleistungen und auf einen durchschnittlichen Lebensstandard. Das ist ohne Zweifel ein großer Fortschritt. Allerdings ist der Gedanke der Eman- zipation, der Befreiung – von Freiheit ganz zu schweigen – ziemlich verblasst. [ …] An die Stelle einer positiven Anthropologie trat ein latenter therapeutischer Pessimismus.» (Hartung 2002: 10 f.) Psychoanalytische Sozialarbeit ist kein Geschäft 1 Kürzlich hat die Pianistin Elisabeth Leonskaja in einem Interview über ihr Musizieren gesagt, es ginge nicht darum, sich in der Musik zu finden, sondern darum, die Musik in sich. So sollte es mit der Sozialarbeit von EXIT-sozial und der psycho - analytischen Sozialarbeit sein. Günstigenfalls ist es auch so. Günstigenfalls finden und realisieren wir Haltungen, Sicht- und Herangehensweisen der psychoanalyti- schen Sozialarbeit in unserer Arbeit im Krisenzentrum, im Übergangshaus Franco Basaglia-Haus, im Wohnhof Katzbach, in den betreuten Wohngemeinschaften und in der Mobilen Betreuung, in den Beschäftigungs- und Freizeiteinrichtungen. Dazu muss es den 20 MitarbeiterInnen, die die zwei Lehrgänge für psychoanalyti- sche Sozialarbeit absolviert haben, gelingen, ihre Perspektiven, Erfahrungen und Vorschläge den anderen KollegInnen zu vermitteln, dazu wurden allen Angestellten psychoanalytische Fortbildungen und Vorträge – auch von Ernst und Hilde Federn – angeboten, dazu sollten die Balintgruppen beitragen, an denen bis vor kurzem alle KollegInnen teilgenommen haben. 2 Vor knapp fünfzehn Jahren hat der Psychologe Manfred Kögler an einem neuen Konzept für den Wohnhof Katzbach gearbeitet, in dem 25 Frauen und Journal für Psychoanalyse 51 Damit Freiheit nisten kann 137 Männer mit sehr langen Psychiatriegeschichten unbefristet wohnen. Das neue Konzept sollte den Grundsätzen der demokratischen Psychiatrie entsprechen und die schwerwiegenden psychischen und sozialen Schwierigkeiten, Verstörungen und Verletztheiten der KlientInnen und die konsequenten Betreuungsnotwendigkeiten berücksichtigen. Damals interessierte sich Kögler nicht nur für das Berliner Weg- lauf haus und die Soteria-Bewegung, er begegnete auch Stephan Becker und der psychoanalytischen Sozialarbeit. «In unserer Arbeit sind immer Beziehungen und Strukturen wichtig gewe- sen. Wie und womit helfen wir den Klientinnen zu und bei einem möglichst fr\ eien Leben? Wie gehen wir mit ihnen um und wie gestalten wir das Zusammenleben und Wohnen? Welche Hilfe bieten wir, wenn wir Neuroleptika kritisieren oder ableh- nen? Im Lauf der Jahre haben einige von uns bemerkt, dass wir mehr und besser verstehen wollen, was mit uns individuell und als Team geschieht. Wie können wir die KlientInnen besser verstehen? Wie können wir uns selbst besser verstehen, wie geduldiger handeln und aushalten? Wie können wir unsere Gefühle nützen, wie die Dynamik im Team? So habe ich damals den ersten Lehrgang für psychoanalytische Sozialarbeit in Linz organisiert», erzählt Manfred Kögler, der bei EXIT-sozial nur einzelne Elemente psychoanalytischer Sozialarbeit verwirklich sieht. «Leider ist es nicht gelungen, ein verbindliches, Team übergreifendes Konzept zu etablieren. Dazu hätte es mehr Vernetzung und Kooperation zwischen den Teams gebraucht und mehr Vorgabe durch die Leitung», kritisiert er. 3 Angesichts seiner Kritik stellt sich die Frage, wie viel Dirigat die Imple men- tierung psychoanalytischer Sozialarbeit braucht, um wirksam zu werden und zu bleiben. Bei EXIT-sozial hat die Leitung psychoanalytische Sozialarbeit interessant gefunden und Aus- und Fortbildungen ermöglicht, die von MitarbeiterInnen ini- tiiert und organisiert wurden. Die Gestaltung und Umsetzung blieb und bleibt aber weitgehend dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Unter diesen Bedin- gungen findet die alltägliche Praxis statt. Und dort ist sie – wie überall – geprägt von Rahmenbedingungen, von Strukturen, von bewegten und bewegenden Bezie- hungen in den Teams, von der Atmosphäre und dem Stil der Einrichtungen, von den professionellen und persönlichen Erfahrungen, Ideen, Vorlieben, Fähigkeiten und Unfähigkeiten der MitarbeiterInnen. Psychoanalytische Sozialarbeit 138 Elisabeth Rosenmayr 4 In diesem Gemenge stellen die psychoanalytischen SozialarbeiterInnen grundsätzliche Fragen und tragen sie in den Vorstand des Vereins und in den sozi- alpolitischen Diskurs: Wie sind die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftli- chen Verhältnissen und individuellen Leidenssymptomen zu verstehen? Oder wie Klaus Horn formuliert hat: «Wenn die Disziplinierungsanforderungen im Sinn des Prozesses der Rationalisierung steigen und auf diese Lebensbedingungen kein poli - tischer Zugriff möglich ist – wohin mit den Problemen, mit dem Unbehagen? Ist nicht zu fürchten, dass viele dieser Unbehagensprobleme in den Gesundheitsbereich hinüber diffundieren und dort in einer problematischen Art und Weise behan- delt bzw. unangemessen behandelt werden, da sie nur als Symptome ganz ande- rer Konflikte auftauchen? Wir wissen ja, […] dass Krankwerden eine vorüberge- hend akzeptierte Form abweichenden Verhaltens ist» (Horn 1998: 124). Welche Funktionen erfüllen Institutionen wie EXIT-sozial dann? Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Funktionszuschreibungen für die gesellschaftliche Position des Vereins und seine Möglichkeiten? Solche Fragestellungen sind nicht zeitgemäß. Sie wirken unmodern, grüblerisch, wenig zielstrebig. Auch mit den Ergebnissen des Nachdenkens und der Erörterung lässt sich keine flotte, keine schicke und ökonomisch schlanke soziale Arbeit kreieren. 5 Hilfs-Ichs, Übergangsobjekte und Container, BetreuerInnen, die mit trau- matisierenden Übertragungen ringen und die in «dualen Räumen» (Benedetti 1976: 99) wandeln – das sind nicht die Leute, die über KundInnen verhandeln, die Leistungsmengen dealen und ihr Unternehmen lean managen. Ein Mensch, der die «Ich-Grenzen der Kranken zusammennäht – in tausend kleinen Stichen setzt er diese Ich-Grenzen dorthin, wo sie hingehören» (Federn 1991: 25), kann den Erfolg seiner Arbeit nicht mit Scorecards messen. Es wird ihm schwer fal- len, Zeit und Kosten der notwendigen Betreuung zu berechnen oder verlässliche Bedarfsmeldungen abzugeben. Kurzum: Die Trends, die sich in der Sozialpolitik niederschlagen – besser: die die Sozialpolitik niederschlagen – die Ökonomisierung der Sozialpolitik einerseits und die Ansichten und Notwendigkeiten der psycho- analytischen Sozialarbeit und der demokratischen Psychiatrie andererseits, passen nicht zusammen. Dabei ist die Entwicklung der Sozialpolitik nicht wirklich über - raschend. Schon 1981 hat der Sozialpsychologe Klaus Horn vor der Deutschen Bundesvereinigung für Seelische Gesundheit zum Thema «Gelebt werden statt leben» referiert und dabei gesagt: «Wir müssen jedenfalls davon ausgehen, dass Journal für Psychoanalyse 51 Damit Freiheit nisten kann 139 diese Strukturveränderungen der bürgerlichen Gesellschaft […] nicht etwa dazu geführt haben, was man z. B. im Rahmen des Sozialismus erwartete, nämlich zu einer größeren Demokratisierung. Dazu haben die Veränderungen nicht geführt, sondern zu einer Konzentration der Steuerungskraft sowohl bei den ökonomischen als auch in den politischen Bürokratien: Also Zentralisierung der Steuerungsformen statt Demokratisierung» (Horn 1998: 119). 6 Was Klaus Horn schon vor 30 Jahren in Deutschland konstatiert hat, ver - wirklicht nun auch – zeitversetzt – die Sozialabteilung der Oberösterreichischen Landesregierung und nimmt das Steuer in die Hand. Sie definiert verbindliche Kriterien für die Gewährung psychosozialer Hilfeleistungen, schreibt vor, wie der individuelle Hilfebedarf erhoben werden muss, entwirft Normkostenmodelle als Grundlage für die Finanzierung von Betreuungseinrichtungen und etabliert die Kategorie non compliant für die Unwilligen, Unwirschen und Ablehnenden. Unbestätigt ist das Ansinnen einiger VerwaltungsbeamtInnen, von den Leistungs- erbringern (sic!) die Verwendung des Begriffs Kunde bzw. Kundin zu verlangen. Gleichzeitig wird im sogenannten Chancengleichheitsgesetz die Einrichtung von Interessensvertretungen psychiatriebetroffener Menschen dekretiert. Die Rede von Empowerment und Selbstbestimmung, von Ressourcenorientierung und persönlicher Assistenz soll die zunehmende Beschleunigung, den Leistungs- und Erfolgs druck, die Angst vor Schwäche und Unfähigkeit, die Individualisierung des Leidens camouflieren. Die langjährige gelungene Zusammenarbeit von PolitikerInnen, Beamtinnen und psychosozialen Vereinen, das gemeinsame Inter esse an menschen würdigen Lebensräumen und Entwicklungspfaden, an der Entwicklung anstän diger, d. h. nicht demütigender Hilfsangebote sind nicht mehr Grundlage der Verhandlungen, der Leistungsverträge und Projektgenehmigungen. Kann da psychoanalytische Sozialarbeit mehr als Dekoration sein? Ein Feigenblatt, das zumindest die Trägerin oder den Träger erfreut oder die Freun- dInnen des Feigenblatts? Mehr als eine Quelle kritischer Anfragen? Die Wirklichkeit ist bescheiden aber sie existiert 1 Balintgruppen, die im Zuge einer Organisationsreform in den späten 90er-Jahren für alle verpflichtend eingerichtet worden waren, wurden später zum Angebot ad libitum und final zu einer Fortbildungsveranstaltung, die im Rahmen Psychoanalytische Sozialarbeit 140 Elisabeth Rosenmayr des individuellen zeitlichen und finanziellen Fortbildungsbudgets besucht werden konnte. Diese Veränderung – durchaus als Sparmaßnahme der Leitung deklariert – führte zum vorläufigen Ende der Balintgruppen, die von MitarbeiterInnen gelei- tet worden waren. Diese MitarbeiterInnen hatten sich jedes Jahr eine zweitägige Fortbildung und Supervision mit erfahrenen LehranalytikerInnen organisiert und sich daneben monatlich getroffen, um die Arbeit in den laufenden Gruppen zu besprechen. Einige waren bei der Studienwoche der Schweizer Balintgesellschaft in Sils oder der Jahrestagung der Deutschen Balintgesellschaft gewesen. Nachdem die Leitungen gelegentlich wechselten, absolvierten im Lauf der Jahre mindes - tens 15 KollegInnen Fortbildungen und Supervisionen und profitierten davon auch in ihrer persönlichen Betreuungsarbeit. Die Verknappung der finanziellen und zeitlichen Ressourcen ging Hand in Hand mit einer wachsenden Unlust vie- ler MitarbeiterInnen, regelmäßig über die Grenzen des eigenen Teams hinaus zu schauen, zu hören und zu reden, die Qualität der eigenen Arbeit zu hinterfragen und sich selbst als Instrument der Beziehungsarbeit einzustimmen. «Distanz und oberflächliche Kooperationsbereitschaft sind ein besserer Panzer im Kampf mit den gegenwärtig herrschenden Bedingungen als ein Verhalten, das auf Loyalität und Dienstbereitschaft beruht» (Sennett 2008 5: 29), beschreibt Richard Sennett das Verhalten flexibilisierter/flexibler Menschen in der modernen Arbeitswelt. Diese Tendenz macht auch vor der Welt sozialer Arbeit nicht Halt. In dieser Situation haben die Teams des Franco Basaglia-Hauses und des Wohnhof Katzbach als Ausweg die interne Supervision gefunden: Sie haben eine Kollegin bzw. einen Kollegen aus einem anderen Team gebeten, mit ihnen gemeinsam einmal im Monat eine psychoanalytische Fallbesprechung zu halten. Beide SupervisorInnen verfü- gen über langjährige Fach- und Feldkompetenz, sind persönlich anerkannt und psychoanalytisch gut gebildet. Als Alternative bewährt sich das Modell, ersetzt aber nach Einschätzung der Beteiligten die Balintgruppen nicht. Trotzdem versuchen wir besonders in den Wohneinrichtungen psychoana- lytische Sozialarbeit zu verwirklichen. In allen Wohnhäusern und Wohn gemein- schaften sollen die BewohnerInnen Freiheit und Fürsorge, Eigenständigkeit und Geborgenheit erleben können. Die Gegebenheiten, die dieses Erleben ermöglichen sollen, sind ebenso verschieden wie die Lebenssituationen der BewohnerInnen. 2 Im Wohnhof Katzbach ( WOK) wohnen 25 Frauen und Männer mit sehr lan- gen und/oder sehr intensiven Psychiatriegeschichten auf unbegrenzte Zeit. Manche BewohnerInnen leben seit der Eröffnung vor 18 Jahren im WOK, andere übersie- Journal für Psychoanalyse 51 Damit Freiheit nisten kann 141 deln nach einigen Jahren in Wohngemeinschaften oder eigene Wohnungen. Die Integration der unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse, Probleme, Interessen und Fähigkeiten sind eine große Herausforderung für die BewohnerInnen und die BetreuerInnen. Einer der besonders hohen Ansprüche, die das Team an sich stellt, ist es, zu verhindern, dass der WOK zum Heim verkommt. Die institutionsimma- nente Tendenz zur Erstarrung immer wieder kritisch zu reflektieren, das große Team (elf BetreuerInnen) beweglich und als Gruppe dynamisch zu halten, immer wieder Mut und Lust zum Risiko aufzubringen, Resignation richtig und konstruktiv zu deuten, sind Aufgaben, die besonders von den KollegInnen wahrgenommen werden, die einen psychoanalytischen Zugang haben. 3 Das Team der Betreuten Wohngemeinschaften ( WG) betreut 12 Wohn- gemein schaften, in denen zwei bis fünf psychiatriebetroffene Frauen und Männer leben. Die Wohnungen werden mindestens einmal pro Woche besucht und jede Bewohnerin bzw. jeder Bewohner trifft wöchentlich ihre/seine Kontaktbetreuerin oder -betreuer. Anders als in den Wohnhäusern haben im WG-Team nicht alle BetreuerInnen mit allen KlientInnen zu tun. Manche Themen stellen sich hier also nicht vorrangig – die Erfahrung des Teams als Block oder Teamspaltungen durch entsprechend agierende KlientInnen sind nicht so wichtig wie das Funktionieren des Teams als Container, als Entgiftungs- und Entschärfungszentrale für die Gefühle der mobilen BetreuerInnen. 4 Im Franco Basaglia-Haus (FBH) wohnen 14 psychiatriebetroffene Frauen und Männer, die sich in ihrem Leben neu ausrichten wollen, die über ihre weitere Lebens- und Wohnform, über Arbeitsmöglichkeiten nachdenken und entschei- den wollen und (oft) Hilfe bei der Selbstorganisation brauchen. Dazu können sie ein Jahr, nötigenfalls auch länger, im FBH wohnen. Grundsätzlich stehen sieben BetreuerInnen zur Verfügung, eine/r pflegt kontinuierlichen Kontakt und wird deshalb KontaktbetreuerIn genannt. Im Allgemeinen ist die Kontaktbetreuerin/ der Kontaktbetreuer die Hauptbezugsperson unter den Teammitgliedern. Die Zuteilung besprechen wir im Team und berücksichtigen dabei die Eindrücke, die wir in der Bewerbungsphase der Bewohnerin/des Bewohners gewonnen haben. Geschlecht und Alter und die soziale Geschichte spielen dabei eine wichtige Rolle. So hat kürzlich eine der jüngeren Sozialarbeiterinnen eine Kontaktbetreuung abge- lehnt, weil sie befürchtete, mit dem neuen gleichaltrigen Bewohner unweigerlich Psychoanalytische Sozialarbeit 142 Elisabeth Rosenmayr in einen Clinch zu geraten, der die Zusammenarbeit erschweren oder unmöglich machen würde. Der Einwand wurde vom Team berücksichtigt und eine ältere Kollegin übernahm die Kontaktbetreuung. 4.1 Damit hat die Geschichte mit Milan begonnen. Der 39-jährige Milan hat die Trennung und Scheidung von Ehefrau und zwei Töchtern nicht verwunden. Nun lebt er in der Nichtheimat, in die er vor 20 Jahren, im Sommer vor der Samtenen Revolution, gefahren ist. Er ist zutiefst gekränkt, fühlt sich entwertet und entwurzelt. Jahrelang ist er mit seinem gro- ßen Lastwagen unterwegs gewesen, quer durch Europa gefahren und hat, wie er erzählt, die Dummheit der Disponenten, die Unfreundlichkeit der Dienstgeber und die Ungeduld der Kunden ertragen. Dem tagelangen Fahren, der Einsamkeit in der Fahrerkabine, dem Zeitdruck fühlt er sich nicht mehr gewachsen. Nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in der Landesnervenklinik übersiedelt er in ein Übergangswohnheim, wo er nach einigen Wochen wieder auszieht, weil er den Regeln des Zusammenlebens nicht zustimmt. Kurzzeitig wohnt er bei einem Freund. Dann bezieht er ein Zimmer in einem anderen Wohnheim, aus dem er nach sehr kurzer Zeit ausziehen muss, weil er die Miete nicht zahlt und häufig mit anderen Bewohnerinnen aneinander gerät. Das Geld für die Miete hätte er wohl zur Verfügung gehabt, hat es aber an einem einarmigen Banditen verspielt, nachdem seine Betreuerin für drei Wochen auf Urlaub gefahren war. Bevor Milan ins Basaglia- Haus einzieht, übernachtet er wochenlang in seinem Auto. Nach dem Einzug inte - ressiert er sich für seine MitbewohnerInnen, unterhält sich gerne mit ihnen und führt lange Gespräche mit seiner Kontaktbetreuerin (KBin), in denen er ausführlich über die Aussichtslosigkeit seiner Situation, seine Antriebslosigkeit und den völ- ligen Mangel an Motivation spricht. Er erzählt von heftigen Traurigkeitsattacken und Schmerzen im Brustbereich. Wiederholt lobt er die KBin als besonders ver - ständnisvoll und gescheit. Mit den anderen BetreuerInnen kommuniziert er kaum, kritisiert aber immer wieder ihre Inkompetenz. Die Putzarbeit, die er im Haus übernommen hat, erledigt er selten und wenn, dann meldet er die Erledigung nicht. An der verpflichtenden wöchentlichen Hausversammlung nimmt er einige Male nicht teil. Nach einem heftigen Streit mit einer Mitbewohnerin werden Milan und die Frau kurzfristig zu einem Gespräch eingeladen, an dem ein männliches Teammitglied und die KB teilnehmen. Nachdem die KBin nicht seine Partei ergreift, fühlt sich Milan von ihr verraten und verweigert ab jetzt jeden Kontakt. Erstens habe sie ihn im Stich gelassen und zweitens sei sie eine Frau und mit Frauen Journal für Psychoanalyse 51 Damit Freiheit nisten kann 143 könne er überhaupt nicht, erklärt er den männlichen Betreuern und beginnt mit ihnen lange Gespräche zu führen. Im Team äußern einige Kolleginnen starkes Unbehagen über Milans Verhalten. Sie fühlen sich von ihm unhöflich, abschätzig behandelt. Er benehme sich wie ein Macho, kritisieren sie. In der Hausgruppe verbreite er eine miese Stimmung. Das Team interpretiert Milans Verhalten als Inszenierung eines Machtkampfs, in dem es nicht mitkämpfen will. Das Team beschließt, Milan ein ungewöhnliches Angebot zu machen – intern als «Extrawurst» bezeichnet: Milan wird für zwei Monate aus einigen Verpflichtungen entlassen: Er muss weder an der Hausversammlung noch an der 14-täglichen Gruppe teilneh- men. Er wird ausdrücklich eingeladen, aber die Teilnahme wird ihm frei gestellt. Die Putzaufgabe muss er erledigen aber nicht melden. Überdies wird vereinbart, die KBin in ihrer Arbeit dadurch zu unterstützen, dass ihre Zuständigkeit zwar ausdrücklich weiter bestehen bleibt, dass aber die Kollegen den Kontakt zu Milan intensivieren. Anschließend wird Milan zu einem Gespräch eingeladen, bei dem ihm die Freistellung vorgeschlagen wird und in dem die KBin ihre Verhaltensweise als geduldiges Trotzdem-in-Beziehung-bleiben interpretiert. Nachdem Milan erwach sen und Transparenz eine Grundhaltung der Betreuung ist, erscheint es ihr wichtig, Milan den Sinn ihrer Haltung und des Teams mitzuteilen. In der Folge bewährt sich das Arrangement und Milan knüpft wieder Kontakt zur KBin. Nun gerät er wiederholt in Auseinandersetzungen mit den männlichen Betreuern von denen er sich missverstanden und zu Unrecht beschuldigt fühlt. Diese wiederum verlieren langsam die Geduld mit Milan, den sie als anmaßend und besserwis- serisch, überheblich und unfreundlich empfinden. Die Frauen im Team wollen mit Milan am liebsten gar nichts mehr zu tun haben. Sein Macho-Gehabe – er sitzt mit nacktem Oberkörper in der Küche, geht im Schlafrock durchs Haus und unterhält sich mit anderen BewohnerInnen über die Brüste der BetreuerInnen, stößt sie ab und verärgert sie. Die KBin fühlt sich in ihrem Bemühen um Geduld und Wohlwollen allein gelassen. Milans Erklärung, dass er sich Frauen gegenüber abstoßend benehme, weil er sich von ihnen angezogen fühle und sich vor ihnen fürchte, versteht sie als Furcht vor seinem eigenen, kaum stillbaren Begehren. Dieses Verständnis hören die anderen Teammitglieder, können es aber nicht teilen. Milan wird immer mehr zu ihrem Klienten, der KBin geht es ähnlich wie ihm. Wie Milan fühlt sich auch die Kontaktbetreuerin zunehmend unverstanden, ärgerlich und ratlos. Die Idealisierung der Kontaktbetreuerin, die Entwertung der ande- ren BetreuerInnen und ihre heftigen Gegenübertragungen sind Themen, die das Team wieder und wieder diskutiert und durchkaut. Dabei ein Team zu bleiben, Kränkungen und Aggressionen zu spüren und auszuhalten und einen «Raum für Psychoanalytische Sozialarbeit 144 Elisabeth Rosenmayr die Hoffnung» (Bernhard-Heggelin 2000: 147) zu schaffen, sind Aufgaben, die man- chen Beteiligten die Freude an der (Zusammen-)Arbeit ziemlich vermiesen. Eines Tages bringt die Kontaktbetreuerin den «Kleinen Ratgeber zu einigen Wahrheiten unseres Daseins» der französischen Autorin Fred Vargas mit und liest einen Absatz vor: „Dass der Mann nicht anders kann, als an einen Baum zu pinkeln, hat den einfachen Grund, dass dieser Baum ihn als pinkelnden Menschen definiert. Ein Mann, der allein auf freiem Feld pinkelt, ist nichts. Ein solcher ins Leere gehende Lebensakt beraubt den Mann seines Sinnes, seines Namens, der Erkenntnis sei- ner selbst …. Genauso wie der vitale Urin seinen vollen Sinn erst durch einen Baum erhält, erkennt der Mensch seinen Sinn erst durch den Feind, durch Reibung nämlich, und also durch Kontrast. Aus dieser gebieterischen Ursache (Erkenntnis seiner selbst, das verliere nicht aus dem Auge) ist egal welcher Feind willkommen, da ist man nicht wählerisch, und nichts findet sich so leicht wie ein Feind. … Welche Lösung, fragst du mich? Ganz einfach, der Mensch muss eine andere Art der Selbstdefinition finden, siehst du, so einfach ist das und kein Grund zur Aufregung. Wie er sich aber dann erkennen soll? Durch welches andere Mittel?» ( Vargas 2009 5: 51 ff.) Auch wenn sie kein anderes Mittel zur Hand haben und die Abreibungen und Reibeversuche nicht angenehmer sind, können die BetreuerInnen nun ihre jeweils eigene Position besser reflektieren und verstehen. In vielen Gesprächen haben wir über die heftigen Gegenübertragungen gestaunt, die Milan in uns ausgelöst hat. Sie nicht auszuagieren, war immer schwie- rig und ist oft nicht gelungen. Letzten Endes wollte Milan zum vereinbarten Zeit- punkt nicht ausziehen und musste von der Polizei dazu aufgefordert werden. 5 Psychoanalytische Sozialarbeit bei EXIT-sozial ist unspektakulär und all- täglich. Sie ist analytisches Verstehen und soziales Handeln, um das Leben von Menschen – Hilfesuchenden und Hilfegebenden – erträglicher, liebevoller und freier zu machen. Psychoanalytische Sozialarbeit hilft, dass Freiheit nisten kann. Literatur Benedetti, Gaietano (1976): Der Geisteskranke als Mitmensch. Göttingen: Vanden- hoeck & Ruprecht. Bernhard-Hegglin, Alice (2000): Wege des Hoffens. In: Bernd Rachel (Hrsg.), Die Kunst des Hoffens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 87–152. Journal für Psychoanalyse 51 Damit Freiheit nisten kann 145 Federn, Ernst (1991): Die Dauer der Behandlung psychotischer Patienten. In: Stephan Becker, Hrsg., Psychose und Grenze. Tübingen: edition diskord, 16–28. Hartung, Klaus (2002): Die Aktualität der ethischen Entscheidung. In: Franco Basaglia, Die Entscheidung des Psychiater, Bonn: Psychiatrie-Verlag, 9–34. Horn, Klaus (1998): Soziopsychosomatik. Gießen: Psychosozial-Verlag. Mannoni, Maud (1980 4): Scheißerziehung. Frankfurt am Main: Syndikat. Sennett, Richard (2008 5): Der flexible Mensch. Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag. Szasz, Thomas (1997): Grausames Mitleid. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag. Vargas, Fred (2009 5): Vom Sinn des Lebens, der Liebe und dem Aufräumen von Schränken. Berlin: Aufbau-Verlag. Psychoanalytische Sozialarbeit

