Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer Sozialarbeit und Psychoanalyse
Achim Perner
Die psychoanalytische Sozialarbeit wird hier, in Abgrenzung vom klassischen analytischen Setting und von den traditionellen Formen der Sozialarbeit, als ein eigenständiges Praxisfeld der Psychoanalyse beschrieben. Der Schwerpunkt wird dabei auf den Bedeutung des institutionellen Rahmens, die flexible Gestaltung des Settings, die Handhabung der Übertragung und die Funktion der Supervision gelegt.
Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer Sozialarbeit und Psychoanalyse Achim Perner (Berlin) Zusammenfassung: Die psychoanalytische Sozialarbeit wird hier, in Abgrenzung vom klassischen analytischen Setting und von den traditionellen Formen der Sozial arbeit, als ein eigenständiges Praxisfeld der Psychoanalyse beschrieben. Der Schwerpunkt wird dabei auf den Bedeutung des institutionellen Rahmens, die fle- xible Gestaltung des Settings, die Handhabung der Übertragung und die Funktion der Supervision gelegt. Schlüsselwörter: Deutungsarbeit, psychoanalytische Sozialarbeit, Mehr perso nen setting, erweiterter Indikationsbereich Die psychoanalytische Sozialarbeit ist eine spezifische Form der Psycho analyse, die nach dem Ersten Weltkrieg von August Aichhorn begründet wurde. Sie baut auf der psychoanalytischen Theorie auf, weicht technisch aber beträchtlich von ihr ab und gehört daher in jene Entwicklung, die Anna Freud als erweiterten Indikationsbereich der Psychoanalyse beschrieben hat (Freud A. 1954a). Damit ist die allmähliche Ausweitung der psychoanalytischen Arbeit auf Patientengruppen gemeint, für die die klassische analytische Technik nicht geeignet ist, weil sie das klassische Setting nicht nutzen können. Dazu zählen z. B. Psychosen, Autismus, narzisstische Störungen, Traumatisierungen durch Misshandlung oder Missbrauch, tiefgreifende Entwicklungsstörungen, Dissozialität, und natürlich das ganze Feld der analytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das sich von Beginn an durch eine große technische Experimentierfreudigkeit ausgezeichnet hat. Die psychoanalytische Sozialarbeit hat hier ihre Wurzeln. Sie unterscheidet sich von der klassischen Situation durch erhebliche Modifikationen des Rahmens, des Settings und der Technik und begibt sich damit auf das gefährliche Glatteis jener Entwicklung, die in der Psychoanalyse unter dem Stichwort der aktiven Technik diskutiert worden ist (Freud S. 1919, Haynal 1987, Perner 2005). Gefährlich ist diese Entwicklung, wie die Beispiele von Rank, Ferenczi und Reich zeigen, weil nicht von vornherein klar ist, ob sie im Widerstand, in der Ungeduld oder dem Ehrgeiz des Analytikers wurzeln oder durch eine klare Indikationsstellung begrün det sind (Freud A. 1954b). Die klassische analytische Technik ist an den Neurosen © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. DOI 10.18754/jfp.51.5 Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 63 entwickelt worden. Ihr Rahmen und ihr Setting setzen ein selbstständiges, ver tragsfähiges und hinreichend verlässliches Ich voraus, ihre Technik zielt auf die Aufdeckung verdrängter libidinöser Regungen. Wo diese sozialen, ichstrukturellen und psychodynamischen Voraussetzungen nicht gegeben sind, bedarf es, wenn die Psychoanalyse davor nicht die Waffen strecken will, theoretisch reflektierter und klinisch begründeter Modifikationen von Rahmen, Setting und Technik. Ich möchte im folgenden ein paar grundlegende Überlegungen dazu skizzieren, die fragmentarisch bleiben müssen, weil die psychoanalytische Sozialarbeit es mit sehr heterogenen klinischen Erscheinungen zu tun hat. Die Indikation der psychoanalytischen Sozialarbeit lässt sich einfach und prägnant formulieren: Sie ist immer dann indiziert, wenn alles andere nicht mehr hilft. Der psychoanalytische Sozialarbeiter steht, so könnte man sagen, insofern von vornherein auf verlorenem Posten, und das ist der beste Platz den es gibt, denn hier gibt es nichts mehr zu verlieren, vielleicht aber doch noch etwas zu gewinnen. Der psychoanalytischer Sozialarbeiter kann gar nicht scheitern, weil alle anderen schon gescheitert sind, und natürlich kann er auch nichts versprechen. Das einzige, was er in die Waagschale werfen kann, ist seine Bereitschaft, es mit den schwierigsten Fällen aufzunehmen und dabei an dem Glauben daran festzuhalten, dass auch in diesen Fällen Entwicklungen möglich sind. Er kann und braucht keinen Erfolg zu garantieren, seine Arbeit ist, nicht immer, aber in vielen Fällen, ein letzter Versuch. Wohin dieser Versuch führen wird, ist nicht vorauszusehen. Leicht vorauszuse hen ist aber, wie es weitergehen wird, wenn dieser Versuch nicht unternommen wird oder scheitert. Das Ziel der psychoanalytischen Sozialarbeit kann darum nur negativ bestimmt werden: Sie ist der oft unmöglich und aussichtslos erscheinende Versuch, das Voraussehbare doch noch abzuwenden. Ein eher einfaches Beispiel soll das konkretisieren: «Wenn Theo», hatte eine Lehrerin in einer Besprechung gesagt, «kein Frauen mörder wird, dann weiss ich nicht, wer Frauenmörder wird.» Der neun jährige Theo lebte in der emotionalen Gefangenschaft einer kindlichen und sehr traurigen Mutter, die ihr ganzes Leben auf ihn gebaut hatte und sich hinter Sprach und Verständnisschwierigkeiten verschanzte, wenn jemand etwas daran zu ändern versuchte. Natürlich gab es dafür einen Grund, der in ihrer Lebensgeschichte wur zelte. Sie war bald nach der Geburt von Theos Vater verlassen worden und hatte sich mit der Großmutter identifiziert, der sie als Neugeborene zum Trost überlassen worden war, als der Rest der Familie aus dem Herkunftsland der Familie auswan derte. Die Großmutter war für den Rest ihres Lebens allein geblieben, nachdem in ihren jungen Jahren der Vater ihres ersten und einzigen Kindes während der Psychoanalytische Sozialarbeit 64 Achim Perner deutschen Besatzung ihres Landes ums Leben gekommen war. Theo sagte in einer Stunde mit einer traurigen Stimme zu mir: «Meine Mutter braucht einen neuen Mann, aber einen deutschen» und brachte damit eine präzise Diagnose seiner hoffnungslosen Lage zum Ausdruck, denn seine Mutter hatte aller Welt, darunter ihm und mir gegenüber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie keinen Mann mehr wollte. Ihr ganzes Leben war die demonstrative Anklage einer Frau, die als Baby von ihren Eltern und als junge Mutter von ihrem Mann verlas sen und darüber hinaus in die Fremde verschleppt worden war. Als sie sechzehn Jahre alt war, wurde sie gegen ihren Willen von ihrer Familie mit ihrer Großmutter nach Deutschland geholt, und sie sträubte sich innerlich mit Händen und Füßen dagegen, hier wirklich anzukommen. Sie lebte mit ihrem Sohn, mit dem sie das Schlafzimmer teilte, so zurückgezogen, als wären sie auf einer einsame Insel ver bannt. Die Feindseligkeit der deutschen Umwelt kam für sie in den kritischen und z.T. vorwurfsvollen Äußerungen zuerst der Erzieherin in der Kindertagesstätte (Kita) und dann der Lehrerin von Theo zum Ausdruck, die ihn als einen äußerst aggressiven Jungen beschrieben. Sie konnte das nicht glauben, denn zuhause war Theo immer «ganz lieb». Wenn doch mal etwas vorfallen würde, wäre sie traurig und Theo würde ihr dann versprechen, das nie mehr zu tun. Die Aufgabe bestand also darin, Theo aus der libidinösen Fesselung seiner Mutter zu lösen und dabei zu versuchen, sein aggressives Agieren soweit zu beruhi gen, dass er in der Schule bleiben konnte, die bereits seine zweite war. Dazu musste zunächst ein Setting entwickelt werden, dass das den Rahmen einer normalen Kindertherapie deutlich überstieg. Sein Kernbestandteil waren die beiden Termine, die Theo bei mir hatte. Seine Mutter sollte alle vierzehn Tage ein Elterngespräch nicht mit mir, sondern mit einer Kollegin führen. Damit sollte, im Sinne einer ersten Deutung, durch die Settinggestaltung die Notwendigkeit einer inneren Trennung der beiden zum Ausdruck gebracht und in die Wege gleitet werden. Theos Mutter hatte diese Deutung sehr gut verstanden und abgewiesen, d. h. sie bestand darauf, die Elterngespräch mit mir zu führen. Dass dritte Element kam dann in einer ande ren, für sie nicht kontrollierbaren Weise ins Spiel, in Form einer vierzehntägigen Einzelsupervision. Aber das war bei weitem nicht alles. Die weiteren Elemente des Settings waren: › die Tagesgruppe, in die Theo nach der Schule gehen sollte; › die Lehrerin, mit der ich mich einmal im Monat ausgetauscht habe; › der Schulleiter, der einmal in der Woche mit Theo darüber gesprochen hat, wieweit es ihm gelungen ist, sich an die elementaren Regeln der Schule zu halten; Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 65 › der zuständige Kollege von Jugendamt, der auf die Mutter einen gewissen Druck ausübte; › eine weitere Kollegin vom Jugendamt, die aus dem gleichen Land wie die Mutter stammte und auf meine Bitte hin zweimal an den Elterngesprächen teilnahm und in meiner Gegenwart deutliche Worte in ihrer Sprache sprach; › die Schwester der Mutter, die die Schwierigkeiten deutlich sah und danach regelmäßig an den Gesprächen der Mutter mit mir teilnahm – als Übersetzerin und um sie zu ermutigen und zu unterstützen; › der Vater von Theo, mit dem ich mit Zustimmung der Mutter Kontakt auf nahm und der sich bereit erklärte, einmal in der Woche einen Nachmittag mit Theo zu verbringen. Am Beispiel dieser Settinggestaltung lassen sich die leitenden Gedanken der psychoanalytischen Sozialarbeit formulieren: Wenn Kinder, Jugendliche oder ihre Eltern sich an keine bestehenden Strukturen anpassen und darum keine Regelhilfen in Anspruch nehmen oder nutzen können, müssen die Strukturen ihnen bzw. ihren Schwierigkeiten angepasst werden, was manchmal ein sehr weit gehendes Entgegenkommen erfordert. Der leitende Grundgedanke der psychoanalytischen Sozialarbeit ist, jedem Klienten regelmäßige Einzelstunden anzubieten und um diese Einzelstunden herum einen haltenden Rahmen zu konstruieren, der es ihm erlaubt, diese Stunden zu nutzen. In manchen Fällen ist dazu gar nichts, in anderen sehr viel erforderlich. Das wesentliche Arbeitsinstrument, durch das sich die psychoanalytische Sozialarbeit von der analytischen Therapie unterscheidet, sind die Einrichtung eines stabilen institutionellen Rahmens und die flexible Gestaltung und Handhabung des individuellen Settings, das oft ein Mehrpersonensetting ist, an dem also mehrere Personen in unterschiedlichen Funktionen beteiligt sind. Die Unterscheidung von Setting und Rahmen ist daher von grundlegender Bedeutung für die psychoanalytische Sozialarbeit. Die wesentlichen Elemente des Rahmens sind die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen und die besonderen formellen Bedingungen der Hilfegestaltung, die mit dem Jugendamt abgesprochen sind und die die Grundlage unserer Arbeit bilden. Sie stellen – im Sinne der symbo lischen Ordnung (Lacan) – eine Konkretisierung des Gesetzes dar, dem nicht nur unsere Klienten, sondern auch wir und die Ämter unterworfen sind. In der Arbeit mit Jugendlichen, die den anderen als willkürlich und das Gesetz als manipulierbar erleben, ist der Bezug auf das Gesetz, dem wir unterworfen sind, die Voraussetzung zum Durcharbeiten einer agierenden omnipotenten oder paranoiden Übertragung, die sich als Angriff auf den Rahmen äußert. Psychoanalytische Sozialarbeit 66 Achim Perner Die regelmäßigen Teambesprechungen und Gruppensupervisionen erfül len mehrere Funktionen. Zunächst die der gemeinsamen Verantwortung einer schwierigen, oft belastenden und manchmal riskanten Arbeit der Einzelnen, die vom ganzen Team getragen, aber da, wo es erforderlich ist, auch begrenzt wird. Das Team übernimmt für die Arbeit der einzelnen KollegInnen einerseits die haltende, schützende und grenzsetzende Funktion des anteilnehmenden, mitdenkenden und unerschütterlichen Dritten, andererseits übernimmt es die Funktion des Containings (Bion), d. h. des Durcharbeitens starker Erregungen und heftiger Affekte, deren Auftreten wegen der projektiven Identifizierungen bei oft destruktiv agierender Klienten unvermeidlich ist. Die fallorientierten Gruppensupervisionen durch externe Analytiker tragen dafür Sorge, dass nicht die sanktionierenden Reaktionen auf das manifeste Verhalten der Klienten, sondern das analytische Verständnis der Struktur und Dynamik ihrer Schwierigkeiten das professionelle Wahrnehmen und Handeln leiten. Das ist viel leichter gesagt als getan, weil viele Äußerungen, Verhaltensweisen oder Aktionen als «Angriffe auf die Wahrnehmungs, Urteils und Denkfähigkeit» erlebt werden und entsprechende «Gegenreaktionen» hervorrufen. Die Hemmung dieser Gegenreaktionen und ihre konsequente Analyse in der Supervision (analog zur Analyse der Gegenübertragung) ist ein wesentlicher Gesichtpunkt, der die psychoanalytische Sozialarbeit von anderen Formen unterscheidet. Zugespitzt könnte man formulieren: Dort, wo Sozialarbeiter reagieren, taucht in der psychoanalytischen Sozialarbeit eine Frage auf, und dort, wo Analytiker deuten, wird der psychoanalytische Sozialarbeiter meist nicht verbalisieren, sondern handeln. Zum Deuten im klassischen Sinn hat er nur selten Gelegenheit, aber man kann sein Handeln als analytisch reflek tierte Handlungsdeutungen bezeichnen. Jede mehr oder weniger erwartbare und erwartete Handlung bringt eine situative Interpretation zum Ausdruck und jede unerwartete eine Deutung, die angenommen oder zurückgewiesen werden kann. Der psychoanalytische Sozialarbeiter tritt nicht forsch, sondern forschend auf. Er macht nichts grundlegend anderes als andere Sozialarbeiter, aber er macht es auf eine grundlegend andere Weise. Auch der Analytiker macht ja nichts grund legend anderes als andere – er hört zu und sagt gelegentlich etwas –, aber macht dies auf eine grundlegend andere Weise, als sonst zugehört und gesprochen wird. Beide stützen sich dabei auf die analytische Theorie, die ihr Wahrnehmen und Denken strukturiert, beide siedeln sich nicht in einer Beziehung, sondern in der Übertragung an, und beide erlegen ihrer sprechenden und handelnden Aktivität ein hohes Maß an Zurückhaltung auf, die sie – im wahrsten Sinn des Wortes – auf das Notwendige beschränken. Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 67 Die regelmäßigen fallorientierten Einzelsupervisionen sind der Ort des indi viduellen analytischen Durcharbeitens dessen, was die Klienten agierend oder in der Übertragung «abladen», aber noch nicht durcharbeiten können. Sie sind der eigentliche Ort des Deutens, im strengen Sinn des Wortes, der eine Veränderung beim Subjekt bewirkt. Diese Deutungen zielen nicht auf das Unbewusste des Sozialarbeiters, sondern des Anderen, genauer, auf sein Wahrnehmen und Erleben des anderen, das in Gedanken verwandelt und dadurch verändert wird. Diese Veränderung seines Wahrnehmens, Erlebens und Denkens wirkt sich auf die Begegnungen mit seinen Klienten und seinen Umgang mit ihnen aus und wird dadurch in seiner Arbeit wirksam. Der psychoanalytische Sozialarbeiter befindet sich in einer ganz anderen Situation, als der klassische Analytiker. Die wichtigsten Punkte will ich hier nennen. Im Unterschied zum Analytiker von Erwachsenen hat er es nicht mit ein zelnen und unabhängigen Individuen zu tun, sondern mit abhängigen Kindern und Jugendlichen, d. h. mit familialen Konstellationen. Diese Situation, die die Arbeit nicht nur mit den Kindern und Jugendlichen, sondern auch mit ihren Eltern erforderlich macht, teilt er natürlich mit den Analytikern von Kindern und Jugendlichen, aber auf eine andere Weise. Es ist übrigens August Aichhorn, der Erfinder der psychoanalytischen Sozialarbeit, gewesen, der die Elterngespräche als Parameter in die analytische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingeführt hat, neben anderen Neuerungen, die heute zur analytischen Standardtechnik gehören wie z. B. die Supervision, die Handhabung der narzisstischen Übertragung und die aktive Technik. Aus seiner Arbeit ist auch die Entwicklung der zunächst analyti sche Familientherapie in Amerika hervorgegangen, die zur systemischen Therapie wurde, weil die Analytiker, die theoretische Strenge mit praktischem Purismus verwechselten, davon nichts hören wollten. Der psychoanalytische Sozialarbeiter lässt sich notgedrungen auf eine andere sehr viel weitergehende Weise in die fami lialen Konstellationen verwickeln, nicht nur beratend und kommentierend, wie der Kinderanalytiker, sondern – mitunter massiv – eingreifend. Diese Eingriffe sind dadurch gerechtfertigt, dass die Kinder und Jugendlichen, mit denen er es zu tun hat, an den Folgen eines oft gravierenden Umweltversagens leiden. Weil man niemandem die Haare trocknen kann, der unter einem Wasserfall steht, ist er gezwungen, entweder auf die Umwelt der Kinder und Jugendlichen einzuwir ken, um sie in eine fördernde Umwelt zu verwandeln, oder eine neue Umwelt für sie entweder zu suchen, wenn die Folgen besonders gravierend sind, in Form eines therapeutischen Milieus für sie zu schaffen. Die Terminologie, die ich hier verwende, ist dem Werk von Winnicott entnommen, das eine wichtige Grundlage Psychoanalytische Sozialarbeit 68 Achim Perner für die konzeptuelle Weiterentwicklung der psychoanalytischen Sozialarbeit über Aichhorn hinaus gewesen ist. Der psychoanalytische Sozialarbeiter lässt sich also nicht nur in die Dynamik der Übertragung verwickeln, sondern er stellt sich, und das unterscheidet ihn vom Psychoanalytiker, wie jeder Sozialarbeiter als wirkliches Objekt zur Verfügung, indem er konkret helfend, stützend und organisierend in das Alltagsleben eingreift und so zum HilfsIch der Kinder und Jugendlichen und in vielen Fällen auch ihrer Eltern wird. Im Unterscheid zu den andern Formen der Sozialarbeit verliert er dabei die Dynamik der Übertragungen nicht aus den Augen, die ihn auf das hinweist, was hinter der Oberfläche des manifesten Verhaltens wirksam ist und dessen Insistenz den anderen Formen der Sozialarbeit Grenzen setzt. Die Position des psychoanalytischen Sozialarbeiters in der Übertragung ist darum eine andere als die des Analytikers. Der Unterschied lässt sich am besten mit dem Konzept der therapeutischen IchSpaltung beschreiben, das Richard Sterba formuliert hatte und so etwas wie eine psychische Zellteilung meint. Der Analytiker nimmt sich in der Analyse als konkrete Person so weit wie möglich zurück. Er stellt sich dem Analysanden als «leere Fläche» zur Verfügung und behandelt das, was sonst Beziehungen sind, als Übertragungen, die auf ihn gerichtet sind und doch nicht ihn meinen. Er gibt damit den Assoziation und Projektionen seiner Analysanden einen unzensierten und unbegrenzten Raum. Ganz auslöschen kann er sich als Person natürlich nicht, weil er sein Aussehen nicht verbergen und seine Stimme nicht neutralisieren kann und weil er es nicht vermeiden kann, die analy tische Technik auf eine persönliche Weise zu handhaben. Aber der Analytiker stellt sich in der analytischen Situation doch so weit wie möglich in den Hintergrund. Der psychoanalytische Sozialarbeiter kann genau das nicht tun. Wenn er sich auf die unaufdringliche, passive, abwartende und rezeptive Haltung des Analytikers beschränken würde, könnte er ewig warten und hätte nichts zu tun, weil seine Klienten dann gar nicht kämen oder nach wenigen Sitzungen wegbleiben wür den. Er kann darum die Entwicklung einer positiven und tragfähigen Übertragung nicht ruhig und gelassen abwarten sondern muss aktiv für ihre Herstellung sor gen (Aichhorn 1936). Oft ist die erste Begegnung dafür von einer entscheiden den und richtungsweisenden Bedeutung. Er bietet sich seinen Klienten als sehr konkrete und (an) greifbare Person mit Haut und Haaren an, aber auch er tut dies auf der Grundlage einer therapeutischen IchSpaltung. Im Unterschied zum Analytiker steht dabei aber nicht er als konkrete Person im Hintergrund, sondern der Analytiker in ihm, der aus dem Hintergrund reflektierend lenkt und kontrolliert, wie er sich als Person seinen Klienten gegenüber ins Spiel bringt. Seine Position Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 69 ist mit der eines Schauspielers vergleichbar, der sich selbst als Rolle spielt. Die Wahrnehmung und technische Behandlung einer Beziehung als Übertragung (d. h. als etwas Wirkliches, das die Person nicht meint, auf die es gerichtet ist und das darum weder beantwortet noch abgewiesen werden muss, sondern befragt werden kann) findet wie beim Analytiker im Kopf des psychoanalytischen Sozialarbeiters statt, aber auf eine andere Weise. Der Psychoanalytiker sagt sich: Er meint mich als Person, aber ich bin es nicht; der psychoanalytische Sozialarbeiter dagegen: Ich biete Dir mich an, aber ich liefere mich nicht aus. Beiden ist diese Haltung in sehr persönlichen und dichten Beziehungen nur möglich, weil das nicht ihr wirkliches Leben, sondern ihre Arbeit ist, für die sie bezahlt werden. Diese Tatsache schützt sie davor, ihre eigenen Erwartungen oder gar Forderungen da ins Spiel zu bringen, wo es allein um das Begehren des anderen geht, jedenfalls gehen soll. Gerade der psychoanalytische Sozialarbeiter, der sich als Person in das Alltagsleben seiner Klienten verwickeln lässt, muss sich das immer wieder sagen, um nicht in die Falle der «Gegenabhängigkeit» zu geraten, die bei seiner Klientel nur Enttäuschung, Wut und Verletzungen hervorrufen kann. Die Arbeit des Psychoanalytikers findet in einem geschützten, gegenüber der Umwelt und dem Alltagsleben abgeschirmten therapeutischen Raum statt. Ein solcher Raum wird prinzipiell allen Klienten der psychoanalytischen Sozialarbeit zu fest vereinbarten Zeiten angeboten, und dieses Angebot wird über längere Zeit auch dann aufrechterhalten, wenn es nicht oder nur unzuverlässig genutzt wird. So habe ich einmal mit Wissen des zuständigen Sozialarbeiters des Jugendamtes, das die Arbeit bezahlt hat, drei Monate lang zweimal in der Woche vergebens auf einen depressiven Jugendlichen gewartet, den ich jedes Mal fünfzehn Minuten nach Beginn der Stunde mit freundlicher Stimme angerufen habe, um einen neuen Termin mit ihm zu vereinbaren. Dieser Jugendliche, der beide Eltern verloren hatte, hat mich benutzt, um mich unermüdlich und wohlwollend auf sich warten zu lassen, und das war der wesentliche Bestandteil einer sechsmonatigen letzten Endes ziemlich erfolgreichen Betreuung. Wie präsent ich für ihn war, wird an zwei Sätzen von ihm deutlich. Einmal hat er, der nach der Schule die meiste Zeit allein in seinem Zimmer verbrachte, mich gefragt, ob wir uns nicht sonntags treffen könn ten, während der Woche habe er einfach keine Zeit. Der Kollege, bei dem ich mein Warten supervidiert habe, sagte: «Der will, dass Du ihn bei Dir aufnimmst, denn sonntags arbeitest Du ja nicht.» Und bei einem anderen Anruf im zweiten Monat meines Wartens hat er mich beinahe verzweifelt gefragt, ob wir nicht mal eine Pause machen könnten. Natürlich habe ich, Freuds Ratschlägen zur Handhabung der Übertragung folgend, weder abgelehnt noch zugestimmt, sondern gesagt, dass Psychoanalytische Sozialarbeit 70 Achim Perner wir darüber sprechen können, wenn er das nächste Mal kommt. In seiner Frage ist aber deutlich geworden, wie intensiv und angespannt er zweimal in der Woche auf meinen Anruf gewartet hat, der ihm deutlich machte, dass ich einerseits für ihn da bin ihn und auf ihn warte, ihn andererseits aber nicht brauche und nicht enttäuscht oder wütend bin, wenn er nicht kommt. Nach drei Monaten konnten wir, das war für mich an seiner Stimme erkennbar, die Betreuung beenden. Zum Abschlussgespräch, das wir vereinbart hatten, ist er natürlich nicht gekommen. Aber ein paar Wochen später bin ich ihm auf der Strasse begegnet. Er ist in fröhli cher Stimmung mit einer Gruppe Jugendlicher unterwegs gewesen, und wir haben uns, wie alte Bekannte, freundlich begrüßt und ein paar Worte gewechselt. So konnte auf eine unvorhersehbare Weise doch noch ein Schlusspunkt gesetzt wer den, und zwar besser, als es in einem Abschlussgespräch möglich gewesen wäre. Natürlich fällt diese Geschichte aus dem Rahmen des Üblichen, aber gerade darum ist sie gut geeignet, die Besonderheit der psychoanalytischen Sozialarbeit zu zeigen. Denn alle Geschichten, mit denen es der psychoanalytische Sozialarbeiter zu tun bekommt, fallen, jede auf ihre Weise, aus dem Rahmen des Üblichen. Darum können sie in keinem der üblichen Rahmen adäquat behandelt werden. Literatur Aichhorn, August (1936): Die Übertragung in der Erziehungsberatung, Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, X. Jg. Heft 1, nachgedruckt in Aichhorn, August (1974): Psychoanalyse und Erziehungsberatung, Frankfurt/M., 55–120. Freud, Anna (1954a): Der wachsende Indikationsbereich der Psychoanalyse, Schriften Band V, 1349–1368. Freud, Anna (1954b): Problem der Technik in der Erwachsenenanalyse, a.a.O., 1369 –1396. Freud, Sigmund (1919): Wege der analytischen Therapie, StA EB, 239–250. Haynal, André (1989): Die Technik-Debatte in der Psychoanalyse. Freud, Ferenczi, Balint, Frankfurt/M. Perner, Achim (2005): Der Beitrag August Aichhorns zur Technik der Psychoanalyse. In: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, 36, 42–64. Journal für Psychoanalyse 51
Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer Sozialarbeit und Psychoanalyse Achim Perner (Berlin) Zusammenfassung: Die psychoanalytische Sozialarbeit wird hier, in Abgrenzung vom klassischen analytischen Setting und von den traditionellen Formen der Sozial arbeit, als ein eigenständiges Praxisfeld der Psychoanalyse beschrieben. Der Schwerpunkt wird dabei auf den Bedeutung des institutionellen Rahmens, die fle- xible Gestaltung des Settings, die Handhabung der Übertragung und die Funktion der Supervision gelegt. Schlüsselwörter: Deutungsarbeit, psychoanalytische Sozialarbeit, Mehr perso nen setting, erweiterter Indikationsbereich Die psychoanalytische Sozialarbeit ist eine spezifische Form der Psycho analyse, die nach dem Ersten Weltkrieg von August Aichhorn begründet wurde. Sie baut auf der psychoanalytischen Theorie auf, weicht technisch aber beträchtlich von ihr ab und gehört daher in jene Entwicklung, die Anna Freud als erweiterten Indikationsbereich der Psychoanalyse beschrieben hat (Freud A. 1954a). Damit ist die allmähliche Ausweitung der psychoanalytischen Arbeit auf Patientengruppen gemeint, für die die klassische analytische Technik nicht geeignet ist, weil sie das klassische Setting nicht nutzen können. Dazu zählen z. B. Psychosen, Autismus, narzisstische Störungen, Traumatisierungen durch Misshandlung oder Missbrauch, tiefgreifende Entwicklungsstörungen, Dissozialität, und natürlich das ganze Feld der analytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, das sich von Beginn an durch eine große technische Experimentierfreudigkeit ausgezeichnet hat. Die psychoanalytische Sozialarbeit hat hier ihre Wurzeln. Sie unterscheidet sich von der klassischen Situation durch erhebliche Modifikationen des Rahmens, des Settings und der Technik und begibt sich damit auf das gefährliche Glatteis jener Entwicklung, die in der Psychoanalyse unter dem Stichwort der aktiven Technik diskutiert worden ist (Freud S. 1919, Haynal 1987, Perner 2005). Gefährlich ist diese Entwicklung, wie die Beispiele von Rank, Ferenczi und Reich zeigen, weil nicht von vornherein klar ist, ob sie im Widerstand, in der Ungeduld oder dem Ehrgeiz des Analytikers wurzeln oder durch eine klare Indikationsstellung begrün det sind (Freud A. 1954b). Die klassische analytische Technik ist an den Neurosen © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. DOI 10.18754/jfp.51.5 Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 63 entwickelt worden. Ihr Rahmen und ihr Setting setzen ein selbstständiges, ver tragsfähiges und hinreichend verlässliches Ich voraus, ihre Technik zielt auf die Aufdeckung verdrängter libidinöser Regungen. Wo diese sozialen, ichstrukturellen und psychodynamischen Voraussetzungen nicht gegeben sind, bedarf es, wenn die Psychoanalyse davor nicht die Waffen strecken will, theoretisch reflektierter und klinisch begründeter Modifikationen von Rahmen, Setting und Technik. Ich möchte im folgenden ein paar grundlegende Überlegungen dazu skizzieren, die fragmentarisch bleiben müssen, weil die psychoanalytische Sozialarbeit es mit sehr heterogenen klinischen Erscheinungen zu tun hat. Die Indikation der psychoanalytischen Sozialarbeit lässt sich einfach und prägnant formulieren: Sie ist immer dann indiziert, wenn alles andere nicht mehr hilft. Der psychoanalytische Sozialarbeiter steht, so könnte man sagen, insofern von vornherein auf verlorenem Posten, und das ist der beste Platz den es gibt, denn hier gibt es nichts mehr zu verlieren, vielleicht aber doch noch etwas zu gewinnen. Der psychoanalytischer Sozialarbeiter kann gar nicht scheitern, weil alle anderen schon gescheitert sind, und natürlich kann er auch nichts versprechen. Das einzige, was er in die Waagschale werfen kann, ist seine Bereitschaft, es mit den schwierigsten Fällen aufzunehmen und dabei an dem Glauben daran festzuhalten, dass auch in diesen Fällen Entwicklungen möglich sind. Er kann und braucht keinen Erfolg zu garantieren, seine Arbeit ist, nicht immer, aber in vielen Fällen, ein letzter Versuch. Wohin dieser Versuch führen wird, ist nicht vorauszusehen. Leicht vorauszuse hen ist aber, wie es weitergehen wird, wenn dieser Versuch nicht unternommen wird oder scheitert. Das Ziel der psychoanalytischen Sozialarbeit kann darum nur negativ bestimmt werden: Sie ist der oft unmöglich und aussichtslos erscheinende Versuch, das Voraussehbare doch noch abzuwenden. Ein eher einfaches Beispiel soll das konkretisieren: «Wenn Theo», hatte eine Lehrerin in einer Besprechung gesagt, «kein Frauen mörder wird, dann weiss ich nicht, wer Frauenmörder wird.» Der neun jährige Theo lebte in der emotionalen Gefangenschaft einer kindlichen und sehr traurigen Mutter, die ihr ganzes Leben auf ihn gebaut hatte und sich hinter Sprach und Verständnisschwierigkeiten verschanzte, wenn jemand etwas daran zu ändern versuchte. Natürlich gab es dafür einen Grund, der in ihrer Lebensgeschichte wur zelte. Sie war bald nach der Geburt von Theos Vater verlassen worden und hatte sich mit der Großmutter identifiziert, der sie als Neugeborene zum Trost überlassen worden war, als der Rest der Familie aus dem Herkunftsland der Familie auswan derte. Die Großmutter war für den Rest ihres Lebens allein geblieben, nachdem in ihren jungen Jahren der Vater ihres ersten und einzigen Kindes während der Psychoanalytische Sozialarbeit 64 Achim Perner deutschen Besatzung ihres Landes ums Leben gekommen war. Theo sagte in einer Stunde mit einer traurigen Stimme zu mir: «Meine Mutter braucht einen neuen Mann, aber einen deutschen» und brachte damit eine präzise Diagnose seiner hoffnungslosen Lage zum Ausdruck, denn seine Mutter hatte aller Welt, darunter ihm und mir gegenüber sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie keinen Mann mehr wollte. Ihr ganzes Leben war die demonstrative Anklage einer Frau, die als Baby von ihren Eltern und als junge Mutter von ihrem Mann verlas sen und darüber hinaus in die Fremde verschleppt worden war. Als sie sechzehn Jahre alt war, wurde sie gegen ihren Willen von ihrer Familie mit ihrer Großmutter nach Deutschland geholt, und sie sträubte sich innerlich mit Händen und Füßen dagegen, hier wirklich anzukommen. Sie lebte mit ihrem Sohn, mit dem sie das Schlafzimmer teilte, so zurückgezogen, als wären sie auf einer einsame Insel ver bannt. Die Feindseligkeit der deutschen Umwelt kam für sie in den kritischen und z.T. vorwurfsvollen Äußerungen zuerst der Erzieherin in der Kindertagesstätte (Kita) und dann der Lehrerin von Theo zum Ausdruck, die ihn als einen äußerst aggressiven Jungen beschrieben. Sie konnte das nicht glauben, denn zuhause war Theo immer «ganz lieb». Wenn doch mal etwas vorfallen würde, wäre sie traurig und Theo würde ihr dann versprechen, das nie mehr zu tun. Die Aufgabe bestand also darin, Theo aus der libidinösen Fesselung seiner Mutter zu lösen und dabei zu versuchen, sein aggressives Agieren soweit zu beruhi gen, dass er in der Schule bleiben konnte, die bereits seine zweite war. Dazu musste zunächst ein Setting entwickelt werden, dass das den Rahmen einer normalen Kindertherapie deutlich überstieg. Sein Kernbestandteil waren die beiden Termine, die Theo bei mir hatte. Seine Mutter sollte alle vierzehn Tage ein Elterngespräch nicht mit mir, sondern mit einer Kollegin führen. Damit sollte, im Sinne einer ersten Deutung, durch die Settinggestaltung die Notwendigkeit einer inneren Trennung der beiden zum Ausdruck gebracht und in die Wege gleitet werden. Theos Mutter hatte diese Deutung sehr gut verstanden und abgewiesen, d. h. sie bestand darauf, die Elterngespräch mit mir zu führen. Dass dritte Element kam dann in einer ande ren, für sie nicht kontrollierbaren Weise ins Spiel, in Form einer vierzehntägigen Einzelsupervision. Aber das war bei weitem nicht alles. Die weiteren Elemente des Settings waren: › die Tagesgruppe, in die Theo nach der Schule gehen sollte; › die Lehrerin, mit der ich mich einmal im Monat ausgetauscht habe; › der Schulleiter, der einmal in der Woche mit Theo darüber gesprochen hat, wieweit es ihm gelungen ist, sich an die elementaren Regeln der Schule zu halten; Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 65 › der zuständige Kollege von Jugendamt, der auf die Mutter einen gewissen Druck ausübte; › eine weitere Kollegin vom Jugendamt, die aus dem gleichen Land wie die Mutter stammte und auf meine Bitte hin zweimal an den Elterngesprächen teilnahm und in meiner Gegenwart deutliche Worte in ihrer Sprache sprach; › die Schwester der Mutter, die die Schwierigkeiten deutlich sah und danach regelmäßig an den Gesprächen der Mutter mit mir teilnahm – als Übersetzerin und um sie zu ermutigen und zu unterstützen; › der Vater von Theo, mit dem ich mit Zustimmung der Mutter Kontakt auf nahm und der sich bereit erklärte, einmal in der Woche einen Nachmittag mit Theo zu verbringen. Am Beispiel dieser Settinggestaltung lassen sich die leitenden Gedanken der psychoanalytischen Sozialarbeit formulieren: Wenn Kinder, Jugendliche oder ihre Eltern sich an keine bestehenden Strukturen anpassen und darum keine Regelhilfen in Anspruch nehmen oder nutzen können, müssen die Strukturen ihnen bzw. ihren Schwierigkeiten angepasst werden, was manchmal ein sehr weit gehendes Entgegenkommen erfordert. Der leitende Grundgedanke der psychoanalytischen Sozialarbeit ist, jedem Klienten regelmäßige Einzelstunden anzubieten und um diese Einzelstunden herum einen haltenden Rahmen zu konstruieren, der es ihm erlaubt, diese Stunden zu nutzen. In manchen Fällen ist dazu gar nichts, in anderen sehr viel erforderlich. Das wesentliche Arbeitsinstrument, durch das sich die psychoanalytische Sozialarbeit von der analytischen Therapie unterscheidet, sind die Einrichtung eines stabilen institutionellen Rahmens und die flexible Gestaltung und Handhabung des individuellen Settings, das oft ein Mehrpersonensetting ist, an dem also mehrere Personen in unterschiedlichen Funktionen beteiligt sind. Die Unterscheidung von Setting und Rahmen ist daher von grundlegender Bedeutung für die psychoanalytische Sozialarbeit. Die wesentlichen Elemente des Rahmens sind die allgemeinen gesetzlichen Bestimmungen und die besonderen formellen Bedingungen der Hilfegestaltung, die mit dem Jugendamt abgesprochen sind und die die Grundlage unserer Arbeit bilden. Sie stellen – im Sinne der symbo lischen Ordnung (Lacan) – eine Konkretisierung des Gesetzes dar, dem nicht nur unsere Klienten, sondern auch wir und die Ämter unterworfen sind. In der Arbeit mit Jugendlichen, die den anderen als willkürlich und das Gesetz als manipulierbar erleben, ist der Bezug auf das Gesetz, dem wir unterworfen sind, die Voraussetzung zum Durcharbeiten einer agierenden omnipotenten oder paranoiden Übertragung, die sich als Angriff auf den Rahmen äußert. Psychoanalytische Sozialarbeit 66 Achim Perner Die regelmäßigen Teambesprechungen und Gruppensupervisionen erfül len mehrere Funktionen. Zunächst die der gemeinsamen Verantwortung einer schwierigen, oft belastenden und manchmal riskanten Arbeit der Einzelnen, die vom ganzen Team getragen, aber da, wo es erforderlich ist, auch begrenzt wird. Das Team übernimmt für die Arbeit der einzelnen KollegInnen einerseits die haltende, schützende und grenzsetzende Funktion des anteilnehmenden, mitdenkenden und unerschütterlichen Dritten, andererseits übernimmt es die Funktion des Containings (Bion), d. h. des Durcharbeitens starker Erregungen und heftiger Affekte, deren Auftreten wegen der projektiven Identifizierungen bei oft destruktiv agierender Klienten unvermeidlich ist. Die fallorientierten Gruppensupervisionen durch externe Analytiker tragen dafür Sorge, dass nicht die sanktionierenden Reaktionen auf das manifeste Verhalten der Klienten, sondern das analytische Verständnis der Struktur und Dynamik ihrer Schwierigkeiten das professionelle Wahrnehmen und Handeln leiten. Das ist viel leichter gesagt als getan, weil viele Äußerungen, Verhaltensweisen oder Aktionen als «Angriffe auf die Wahrnehmungs, Urteils und Denkfähigkeit» erlebt werden und entsprechende «Gegenreaktionen» hervorrufen. Die Hemmung dieser Gegenreaktionen und ihre konsequente Analyse in der Supervision (analog zur Analyse der Gegenübertragung) ist ein wesentlicher Gesichtpunkt, der die psychoanalytische Sozialarbeit von anderen Formen unterscheidet. Zugespitzt könnte man formulieren: Dort, wo Sozialarbeiter reagieren, taucht in der psychoanalytischen Sozialarbeit eine Frage auf, und dort, wo Analytiker deuten, wird der psychoanalytische Sozialarbeiter meist nicht verbalisieren, sondern handeln. Zum Deuten im klassischen Sinn hat er nur selten Gelegenheit, aber man kann sein Handeln als analytisch reflek tierte Handlungsdeutungen bezeichnen. Jede mehr oder weniger erwartbare und erwartete Handlung bringt eine situative Interpretation zum Ausdruck und jede unerwartete eine Deutung, die angenommen oder zurückgewiesen werden kann. Der psychoanalytische Sozialarbeiter tritt nicht forsch, sondern forschend auf. Er macht nichts grundlegend anderes als andere Sozialarbeiter, aber er macht es auf eine grundlegend andere Weise. Auch der Analytiker macht ja nichts grund legend anderes als andere – er hört zu und sagt gelegentlich etwas –, aber macht dies auf eine grundlegend andere Weise, als sonst zugehört und gesprochen wird. Beide stützen sich dabei auf die analytische Theorie, die ihr Wahrnehmen und Denken strukturiert, beide siedeln sich nicht in einer Beziehung, sondern in der Übertragung an, und beide erlegen ihrer sprechenden und handelnden Aktivität ein hohes Maß an Zurückhaltung auf, die sie – im wahrsten Sinn des Wortes – auf das Notwendige beschränken. Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 67 Die regelmäßigen fallorientierten Einzelsupervisionen sind der Ort des indi viduellen analytischen Durcharbeitens dessen, was die Klienten agierend oder in der Übertragung «abladen», aber noch nicht durcharbeiten können. Sie sind der eigentliche Ort des Deutens, im strengen Sinn des Wortes, der eine Veränderung beim Subjekt bewirkt. Diese Deutungen zielen nicht auf das Unbewusste des Sozialarbeiters, sondern des Anderen, genauer, auf sein Wahrnehmen und Erleben des anderen, das in Gedanken verwandelt und dadurch verändert wird. Diese Veränderung seines Wahrnehmens, Erlebens und Denkens wirkt sich auf die Begegnungen mit seinen Klienten und seinen Umgang mit ihnen aus und wird dadurch in seiner Arbeit wirksam. Der psychoanalytische Sozialarbeiter befindet sich in einer ganz anderen Situation, als der klassische Analytiker. Die wichtigsten Punkte will ich hier nennen. Im Unterschied zum Analytiker von Erwachsenen hat er es nicht mit ein zelnen und unabhängigen Individuen zu tun, sondern mit abhängigen Kindern und Jugendlichen, d. h. mit familialen Konstellationen. Diese Situation, die die Arbeit nicht nur mit den Kindern und Jugendlichen, sondern auch mit ihren Eltern erforderlich macht, teilt er natürlich mit den Analytikern von Kindern und Jugendlichen, aber auf eine andere Weise. Es ist übrigens August Aichhorn, der Erfinder der psychoanalytischen Sozialarbeit, gewesen, der die Elterngespräche als Parameter in die analytische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingeführt hat, neben anderen Neuerungen, die heute zur analytischen Standardtechnik gehören wie z. B. die Supervision, die Handhabung der narzisstischen Übertragung und die aktive Technik. Aus seiner Arbeit ist auch die Entwicklung der zunächst analyti sche Familientherapie in Amerika hervorgegangen, die zur systemischen Therapie wurde, weil die Analytiker, die theoretische Strenge mit praktischem Purismus verwechselten, davon nichts hören wollten. Der psychoanalytische Sozialarbeiter lässt sich notgedrungen auf eine andere sehr viel weitergehende Weise in die fami lialen Konstellationen verwickeln, nicht nur beratend und kommentierend, wie der Kinderanalytiker, sondern – mitunter massiv – eingreifend. Diese Eingriffe sind dadurch gerechtfertigt, dass die Kinder und Jugendlichen, mit denen er es zu tun hat, an den Folgen eines oft gravierenden Umweltversagens leiden. Weil man niemandem die Haare trocknen kann, der unter einem Wasserfall steht, ist er gezwungen, entweder auf die Umwelt der Kinder und Jugendlichen einzuwir ken, um sie in eine fördernde Umwelt zu verwandeln, oder eine neue Umwelt für sie entweder zu suchen, wenn die Folgen besonders gravierend sind, in Form eines therapeutischen Milieus für sie zu schaffen. Die Terminologie, die ich hier verwende, ist dem Werk von Winnicott entnommen, das eine wichtige Grundlage Psychoanalytische Sozialarbeit 68 Achim Perner für die konzeptuelle Weiterentwicklung der psychoanalytischen Sozialarbeit über Aichhorn hinaus gewesen ist. Der psychoanalytische Sozialarbeiter lässt sich also nicht nur in die Dynamik der Übertragung verwickeln, sondern er stellt sich, und das unterscheidet ihn vom Psychoanalytiker, wie jeder Sozialarbeiter als wirkliches Objekt zur Verfügung, indem er konkret helfend, stützend und organisierend in das Alltagsleben eingreift und so zum HilfsIch der Kinder und Jugendlichen und in vielen Fällen auch ihrer Eltern wird. Im Unterscheid zu den andern Formen der Sozialarbeit verliert er dabei die Dynamik der Übertragungen nicht aus den Augen, die ihn auf das hinweist, was hinter der Oberfläche des manifesten Verhaltens wirksam ist und dessen Insistenz den anderen Formen der Sozialarbeit Grenzen setzt. Die Position des psychoanalytischen Sozialarbeiters in der Übertragung ist darum eine andere als die des Analytikers. Der Unterschied lässt sich am besten mit dem Konzept der therapeutischen IchSpaltung beschreiben, das Richard Sterba formuliert hatte und so etwas wie eine psychische Zellteilung meint. Der Analytiker nimmt sich in der Analyse als konkrete Person so weit wie möglich zurück. Er stellt sich dem Analysanden als «leere Fläche» zur Verfügung und behandelt das, was sonst Beziehungen sind, als Übertragungen, die auf ihn gerichtet sind und doch nicht ihn meinen. Er gibt damit den Assoziation und Projektionen seiner Analysanden einen unzensierten und unbegrenzten Raum. Ganz auslöschen kann er sich als Person natürlich nicht, weil er sein Aussehen nicht verbergen und seine Stimme nicht neutralisieren kann und weil er es nicht vermeiden kann, die analy tische Technik auf eine persönliche Weise zu handhaben. Aber der Analytiker stellt sich in der analytischen Situation doch so weit wie möglich in den Hintergrund. Der psychoanalytische Sozialarbeiter kann genau das nicht tun. Wenn er sich auf die unaufdringliche, passive, abwartende und rezeptive Haltung des Analytikers beschränken würde, könnte er ewig warten und hätte nichts zu tun, weil seine Klienten dann gar nicht kämen oder nach wenigen Sitzungen wegbleiben wür den. Er kann darum die Entwicklung einer positiven und tragfähigen Übertragung nicht ruhig und gelassen abwarten sondern muss aktiv für ihre Herstellung sor gen (Aichhorn 1936). Oft ist die erste Begegnung dafür von einer entscheiden den und richtungsweisenden Bedeutung. Er bietet sich seinen Klienten als sehr konkrete und (an) greifbare Person mit Haut und Haaren an, aber auch er tut dies auf der Grundlage einer therapeutischen IchSpaltung. Im Unterschied zum Analytiker steht dabei aber nicht er als konkrete Person im Hintergrund, sondern der Analytiker in ihm, der aus dem Hintergrund reflektierend lenkt und kontrolliert, wie er sich als Person seinen Klienten gegenüber ins Spiel bringt. Seine Position Journal für Psychoanalyse 51 Bemerkungen über den Unterschied von psychoanalytischer … 69 ist mit der eines Schauspielers vergleichbar, der sich selbst als Rolle spielt. Die Wahrnehmung und technische Behandlung einer Beziehung als Übertragung (d. h. als etwas Wirkliches, das die Person nicht meint, auf die es gerichtet ist und das darum weder beantwortet noch abgewiesen werden muss, sondern befragt werden kann) findet wie beim Analytiker im Kopf des psychoanalytischen Sozialarbeiters statt, aber auf eine andere Weise. Der Psychoanalytiker sagt sich: Er meint mich als Person, aber ich bin es nicht; der psychoanalytische Sozialarbeiter dagegen: Ich biete Dir mich an, aber ich liefere mich nicht aus. Beiden ist diese Haltung in sehr persönlichen und dichten Beziehungen nur möglich, weil das nicht ihr wirkliches Leben, sondern ihre Arbeit ist, für die sie bezahlt werden. Diese Tatsache schützt sie davor, ihre eigenen Erwartungen oder gar Forderungen da ins Spiel zu bringen, wo es allein um das Begehren des anderen geht, jedenfalls gehen soll. Gerade der psychoanalytische Sozialarbeiter, der sich als Person in das Alltagsleben seiner Klienten verwickeln lässt, muss sich das immer wieder sagen, um nicht in die Falle der «Gegenabhängigkeit» zu geraten, die bei seiner Klientel nur Enttäuschung, Wut und Verletzungen hervorrufen kann. Die Arbeit des Psychoanalytikers findet in einem geschützten, gegenüber der Umwelt und dem Alltagsleben abgeschirmten therapeutischen Raum statt. Ein solcher Raum wird prinzipiell allen Klienten der psychoanalytischen Sozialarbeit zu fest vereinbarten Zeiten angeboten, und dieses Angebot wird über längere Zeit auch dann aufrechterhalten, wenn es nicht oder nur unzuverlässig genutzt wird. So habe ich einmal mit Wissen des zuständigen Sozialarbeiters des Jugendamtes, das die Arbeit bezahlt hat, drei Monate lang zweimal in der Woche vergebens auf einen depressiven Jugendlichen gewartet, den ich jedes Mal fünfzehn Minuten nach Beginn der Stunde mit freundlicher Stimme angerufen habe, um einen neuen Termin mit ihm zu vereinbaren. Dieser Jugendliche, der beide Eltern verloren hatte, hat mich benutzt, um mich unermüdlich und wohlwollend auf sich warten zu lassen, und das war der wesentliche Bestandteil einer sechsmonatigen letzten Endes ziemlich erfolgreichen Betreuung. Wie präsent ich für ihn war, wird an zwei Sätzen von ihm deutlich. Einmal hat er, der nach der Schule die meiste Zeit allein in seinem Zimmer verbrachte, mich gefragt, ob wir uns nicht sonntags treffen könn ten, während der Woche habe er einfach keine Zeit. Der Kollege, bei dem ich mein Warten supervidiert habe, sagte: «Der will, dass Du ihn bei Dir aufnimmst, denn sonntags arbeitest Du ja nicht.» Und bei einem anderen Anruf im zweiten Monat meines Wartens hat er mich beinahe verzweifelt gefragt, ob wir nicht mal eine Pause machen könnten. Natürlich habe ich, Freuds Ratschlägen zur Handhabung der Übertragung folgend, weder abgelehnt noch zugestimmt, sondern gesagt, dass Psychoanalytische Sozialarbeit 70 Achim Perner wir darüber sprechen können, wenn er das nächste Mal kommt. In seiner Frage ist aber deutlich geworden, wie intensiv und angespannt er zweimal in der Woche auf meinen Anruf gewartet hat, der ihm deutlich machte, dass ich einerseits für ihn da bin ihn und auf ihn warte, ihn andererseits aber nicht brauche und nicht enttäuscht oder wütend bin, wenn er nicht kommt. Nach drei Monaten konnten wir, das war für mich an seiner Stimme erkennbar, die Betreuung beenden. Zum Abschlussgespräch, das wir vereinbart hatten, ist er natürlich nicht gekommen. Aber ein paar Wochen später bin ich ihm auf der Strasse begegnet. Er ist in fröhli cher Stimmung mit einer Gruppe Jugendlicher unterwegs gewesen, und wir haben uns, wie alte Bekannte, freundlich begrüßt und ein paar Worte gewechselt. So konnte auf eine unvorhersehbare Weise doch noch ein Schlusspunkt gesetzt wer den, und zwar besser, als es in einem Abschlussgespräch möglich gewesen wäre. Natürlich fällt diese Geschichte aus dem Rahmen des Üblichen, aber gerade darum ist sie gut geeignet, die Besonderheit der psychoanalytischen Sozialarbeit zu zeigen. Denn alle Geschichten, mit denen es der psychoanalytische Sozialarbeiter zu tun bekommt, fallen, jede auf ihre Weise, aus dem Rahmen des Üblichen. Darum können sie in keinem der üblichen Rahmen adäquat behandelt werden. Literatur Aichhorn, August (1936): Die Übertragung in der Erziehungsberatung, Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik, X. Jg. Heft 1, nachgedruckt in Aichhorn, August (1974): Psychoanalyse und Erziehungsberatung, Frankfurt/M., 55–120. Freud, Anna (1954a): Der wachsende Indikationsbereich der Psychoanalyse, Schriften Band V, 1349–1368. Freud, Anna (1954b): Problem der Technik in der Erwachsenenanalyse, a.a.O., 1369 –1396. Freud, Sigmund (1919): Wege der analytischen Therapie, StA EB, 239–250. Haynal, André (1989): Die Technik-Debatte in der Psychoanalyse. Freud, Ferenczi, Balint, Frankfurt/M. Perner, Achim (2005): Der Beitrag August Aichhorns zur Technik der Psychoanalyse. In: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, 36, 42–64. Journal für Psychoanalyse 51

