Zum Hauptinhalt springen

Buchbesprechungen

Marina Hohl (Hrsg.): Hysterie heute

Stefan Erne

Buchbesprechung


Buchbesprechungen Marina Hohl (Hrsg.): Hysterie heute( Verlag Turia + Kant, Wien 2009) Stefan Erne ( Zürich) Hysterie heute – unter diesem Titel hat die Herausgeberin des vorliegen- den Buches im WS 2004/05 einen Vortragszyklus am Psychoanalytischen Seminar Zürich organisiert und die Mehrheit der Referate ist nun hier publiziert. In einer prägnanten und kurz gefassten Einleitung führt Marina Hohl in das vorgegebene Thema ein und stellt einen kurzen Abriss der psychoanalytischen Theoriediskurse zur Hysterie in den vergangenen 110 Jahren zusammen. Gut dreissig Jahre nach- dem die IPA ein Panel mit demselben Titel durchführte (1973), treibt uns schein- bar die Frage weiter um, ob und was sich denn an der Hysterie verändert haben könnte, oder wohl präziser ausgedrückt, wie und in welcher Form innerhalb der Psychoanalyse darüber diskutiert und geschrieben wird. Im vorliegenden Band nun, wird in den verschiedensten Facetten dargestellt, wie sehr die Methode der Psychoanalyse aus der «Entdeckung» und Behandlung der Hysterie abgeleitet ist und dass es heute vor allem darum gehen muss, diese Methode ins Zentrum zu stellen, um die Phänomene der Hysterie (die sich ständig wandeln, verkleiden), oder generell der «allgemeinen» Neurotizismen, verstehen und behandeln zu können. Dass die Psychoanalyse als Metapsychologie einen Denkraum und als Klinik eine Behandlungstechnik bereithält mit denen es immer wieder möglich wird, Unbekanntes, Überraschendes, noch nicht Gedachtes und Nichtgesagtes zu hören, aufzunehmen und mit bestehenden Denkmodellen zu verbinden, zu verwerfen, neu zu kreieren, wird in diesem Buch meisterhaft demonstriert und ist für mich das eigentlich Faszinierende dieser Texte. So wird den Lesern anhand von Fallgeschichten gezeigt, wie die AutorInnen die klinische Situation verstehen und reflektieren und wie sie versuchen diese theoretisch zu fassen und mit bestehenden psychoanalytischen Denkansätzen zu verbinden. © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. DOI 10.18754/jf p.51.15 Buchbesprechungen 198 Stefan Erne So stellt Peter Schneider in seinem Beitrag «Die Hysterie und das Trauma des Nebenmenschen» am konsequentesten das «Konzept der Hysterie – nicht als diag- nostisches Etikett – wohl aber als ein Modell des Psychischen überhaupt» (108) ins Zentrum seiner Ausführungen. Er greift auf Freuds und Breuers erarbeitete, erste Theorie der Hysterie zurück, nachdem dieser ein psychisches Trauma zugrunde liege, das als eine Art Fremdkörper im Psychischen weiterwirke. Diese von Freud selber nicht mehr weiter gedachte Theorie wurde in den 1980er Jahren von Jean Laplanche wieder aufgegriffen und als «allgemeine Verführungstheorie» theore- tisiert. Danach werden die rätselhaften Botschaften, denen jedes Kind ausgesetzt ist, zu eigentlichen Quell-Objekten des Triebes. Die Wirkung dieser Quell-Objekte des Triebes kann man, so Schneider, «ohne effekthascherische Übertreibung (…) als traumatisch bezeichnen» (107). Sich abstützend auf Kristevas Ausführungen zur Hysterie, die ihrerseits an der Urverführung Laplanches anknüpft, gibt uns Yvonne Schoch in «Zwischen Läh mung und Angst: Die hysterische Wahl der Qual» einen Einblick in ihr Denken und klinisches Arbeiten. Nach Kristeva sind die unassimilierbaren, rätselhaften Botschaften, insofern sie nicht in Sprache übersetzt und integriert werden kön- nen, nicht symbolisierbar sind, traumatisch und setzen die Hysterikerin einem Zuviel an Erregung aus. Ihre Reaktion, so Schoch, «kann ein Rückzug auf eine Selbstsinnlichkeit sein» (53). Meist bleibt sie aber in einer Spannung und Unver - ein barkeit zwischen Wünschen nach phallischer Sexualität und grenzenlosem, sinnlichem Begehren «eingeklemmt» (50). Von eben dieser Spannung, Unvereinbarkeit, spricht auch Christine Borer in ihrem Beitrag «Wozu bin ich gut». Sie beginnt ihre Ausführungen mit dem Diskurs über die Liebe in Tolstojs Kreutzersonate. Es wird vorgeführt, dass es eine Unvereinbarkeit gibt zwischen der geschlechtlichen Liebe und dem Wunsch, alles und die Einzige für den Andern zu sein. Ausgehend von Lacan erläutert Borer das Phantasma der Hysterikerin: Das Begehren der Hysterikerin dreht sich darum, sich in die Position zu setzen, den andern begehren zu machen. «Sie begehrt, begehrt zu werden, Ursache für das Begehren des Andern (a) zu sein» (37). Sie legt sich als Köder aus, aber sie will nicht genossen werden; wird sie mit der sexuellen Lust des Andern konfrontiert, ekelt es sie. Zwei weitere Beiträge, Juliet Mitchell: «Hysterie: Trauma und Begehren» und Barbara Klie: «Das In-Szene-Setzen der Psychoanalyse» durch die Hysterie sind in den vorliegenden Sammelband aufgenommen worden, dessen Sprache ausge- sprochen wohltuend ist. Sie ist verständlich, dynamisch und in diesem Sinn erfri- schend kreativ, aber nie glatt-ausgebügelt; die Texte fordern heraus, verlangen ein Journal für Psychoanalyse 51 Hysterie heute (Maria Hohl) 199 Mitdenken und ermöglichen immer wieder neue Überraschungen, Sichtweisen, Einsichten. Und doch: Die Sache an sich verflüchtigt sich einem ständig wieder; die geschilderten Fälle, aber auch deren theoretische Verortung entziehen sich, sie enthalten etwas Flüchtiges, Verhüllendes, die Erklärungen bekommen unvermittelt etwas Ungefähres, beinahe Beliebiges, und ich wage zu behaupten: Das ist die Hysterie – oder wie Barbara Klie es in ihrem Beitrag ausdrückt (127 ff.): Die Hysterie, die sich In-Szene-setzt. Die Hysterika, die sich aller möglicher Symptome bedient, sich jederzeit eine neue Maske anzieht, sich verhüllt, sich exhibiert, sich entzieht. Als Leser wird man denn auch in jedem neuen Text mit der Frage konfrontiert, die Borer in ihrem Beitrag stellt: «Wenn sie denn beide (alle) HysterikerInnen sind, was macht sie dazu und worin unterscheiden sie sich?» (33). Kurz: Eine verführerische Lektüre, die herausfordert, die einem mehr Fragen stellt als Antworten gibt, die den Leser zum Mitdenken hinreisst. Buchbesprechungen