Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte: Eine Kindheit zwischen 1940 und 1948
Rosemarie Barwinski
Buchbesprechung
Ilka von Zeppelin: Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Eine Kindheit zwischen 1940 und 1948 ( Wagenbach, Berlin 2005) Rosemarie Barwinski (Zürich) Ilka von Zeppelins Buch ist ein Zeitzeugnis, Erinnerungen aus einer Per spektive geschrieben, die berührt und betroffen macht. Sie berichtet aus ihrer Kriegs und Nachkriegskindheit zwischen 1940 und 1948 in einer Sprache, die dem kognitiven Erfassungsvermögen und der Wahrnehmung des Kindes entspricht, das 1940 vier Jahre und 1948 zwölf Jahre alt ist. Dementsprechend verändert sich auch die Beschreibung der für das Kind widersprüchlichen und oft unverständ lichen Erfahrungen im Verlauf der Erzählung. Das vierjährige Kind erzählt mit unbeholfenen Worten den Strudel der Geschehnisse, die es entsprechend seiner egozentrischen und zum Teil magischen Weltsicht versteht. Zum Beispiel glaubt es, dass der Feind es überall hört und sieht und traut sich deshalb nicht, die Treppe hinunter in den sicheren Keller zu gehen, als ein Bombenangriff erwartet wird. Es ist davon überzeugt, nein, weiss, dass der Feind es entdecken könnte und «sofort eine Bombe vom Himmel herunterschicken würde», bevor es den Schutz geben den Keller erreicht hätte. Es versteht nicht, warum der Vater in Russland einge kesselt ist und englische Flieger die Stadt bombardieren, wo doch der Führer alle beschützen will? Als 10Jährige beginnt sie dagegen Widersprüche wahrzunehmen und kritisch zu hinterfragen, zum Beispiel die Rolle des bewunderten, ja ideali sierten Grossvaters, der das Naziregime verurteilt, aber gleichzeitig Besucher wie Hermann Göring und später Robert Kempner, den stellvertretenden Chefankläger der Nürnberger Prozesse, empfängt. In diesem Sinn ist ihr Buch ein sozialkritisches Werk, das mit scheinbar kindlicher Naivität Machtmissbrauch und Bigotterie aufdeckt. Die Neutralität der Schilderung, die Unvoreingenommenheit in der Beschreibung, macht den Leser betroffen, überlässt ihm jegliche Interpretation und führt ihn damit nicht nur in die Gefühlswelt des durch die Kriegsereignisse traumatisierten Kindes, sondern auch in eine Sichtweise, die eigene Werte in Frage stellt. Die Schilderungen des Alltags bleiben hautnah, weil es immer ums Überleben geht. Ilka von Zeppelin beschreibt in nüchterner Sprache, wie sie mit ihren drei Geschwistern und der Mutter aus © 2020, die Autor_innen. Dieser Artikel darf im Rahmen der „Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International“ Lizenz ( CC BY-NC-ND 4.0 ) weiter verbreitet werden. DOI 10.1875 4/jf p. 51.18 Journal für Psychoanalyse 51 Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte (Ilka von Zeppelin) 205 dem brennenden Berlin in überfüllten Zügen auf die Burg Hartenstein zu den Grosseltern in der Nähe von Nürnberg flieht, wie sie – scheinbar in Sicherheit – dort nur knapp dem Hungertod entgeht, obwohl sie von erlesenen Bildern und Teppichen umgeben ist. In der Burg herrscht Chaos, Flüchtlingstrupps werden einquartiert, die Mutter schreit jede Nacht im Schlaf, die Kinder kratzen den Kalk von den Wänden. In der Schule regiert eine Nazilehrerin. Ilka von Zeppelin stellt die vielfältigen Arten der Traumatisierung dar, subtile und offene Formen, denen die Menschen in dieser Zeit ausgesetzt waren und die sie als solche als Kind nicht erfassen konnte: dass das eigene Leben so wenig wert war und dass Menschen verschwanden, ohne dass sie verstand, warum dies geschah. Vor ihren Augen wurde ein englischer Soldat erschossen, aber ein Mord hatte keine Konsequenzen. Die Nüchternheit ihrer Schilderungen verstärkt den Eindruck der erschütternden Tatsachen. Das Buch, «Dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmte», ist ein eindrückliches, bewegendes Werk, das mitreisst und kritisch aufdeckt. Erst sechzig Jahre später, nach einem langen Forscherleben auf dem Gebiet der Traumforschung, entschloss sich Ilka von Zeppelin dazu, ihre Erinnerungen in einer Form zu beschreiben, die das Erleben und Denken der Menschen in Deutschland in dieser von Schrecken erfüllten Zeit nachzeichnet. Es ist beeindruckend gelungen. Buchbesprechungen

